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By : blowboy © - Source : Beulenforum.com ®

15

Wir saßen in diesem Raum neben der Intensivstation und warteten. Ja worauf warteten wir eigentlich. So wie ich Laura verstanden hatte, die kurz nach draußen gekommen war um auf dem Balkon eine Zigarette zu rauchen, würde Daniel wohl noch mehrere Tage in diesem Dämmerzustand gehalten werden, damit sein Körper die nötige Ruhe fand und sich von den Traumata erholen konnte.
Sie hatte jeden von uns noch einmal herzlich begrüßt, in den Arm genommen und fast konnte man den Eindruck haben, sie wolle uns trösten, dabei war ihr überdeutlich anzusehen wie sehr Daniels Zustand ihr an die Nieren ging.
„Ihr könnt ruhig nach Hause fahren! Es ist zwar lieb von euch, aber ihr könnt hier nichts ausrichten“ hatte sie noch gesagt, bevor sie wieder zu ihrem Sohn zurückging.
„Ich bleibe“ stellte Lukas fest und sie nickte ihm zu.
Am Eingang der Intensivstation war ich durch ein unmissverständliches Schild aufgefordert worden, mein Handy auszuschalten, was ich auch tat aber im Moment war mir diese Tatsache völlig entfallen.
Nervös blickte ich auf meine Armbanduhr und stellte mir immer wieder die Frage, warum Vadim mich nicht zurückrief. Ich stand auf lief hin und her und wurde dabei von zwei Augenpaaren verfolgt.
„Laura hat recht“ machte sich Lukas nach einer Weile bemerkbar. „Ihr könnt beruhigt nach Hause fahren. Es reicht wenn einer hier bleibt und auf sie wartet!“
Timo stimmte, wenn auch spürbar widerstrebend, zu.
Ich äußerte mich nicht, sah abwechselnd auf die Armbanduhr, aus dem Fenster und in die Gesichter der beiden Jungs.
Lukas legte die Zeitschrift, die er unbeachtet auf den Knien liegen hatte, weil er irgendwann versucht hatte sich durch Lesen abzulenken und dann doch nicht die Konzentration aufbrachte, zur Seite. Er erhob sich aus seinem Sessel und ging wortlos nach draußen.
Timo sah mich an und ich spürte, er brannte vor Ungeduld zu erfahren, weshalb die Stimmung zwischen Lukas und mir so angespannt zu sein schien.
Es war keine Neugier, dass wusste ich, es war die Sorge um seine Freunde, denn trotz der kurzen Zeit die sie sich erst kannten, schienen Lukas und er sich doch mehr als gut zu verstehen. Mag sein, dass die außergewöhnliche Situation sie zusammenschweißte oder aber sie sich auch in jeder anderen Situation Sympathien entgegen gebracht hätten, fest stand, Timo betrachtete Lukas als Teil unseres Freundeskreises und er ließ ihn und auch mich das spüren.
Ich konnte seinem Blick nicht lange standhalten und lief weiter nervös auf und ab.
„Sollte ich irgendetwas wissen?“, begann er zaghaft.
Ich blieb stehen, den Rücken ihm zugewandt. Hinter meinen geschlossenen Augenlidern spielte sich das reinste Feuerwerk ab. Ich hatte das Gefühl als würden grell-orangefarbene Blitze auf meiner Netzhaut explodieren und in tausend Funken zerstäuben.
Ich wankte einen kurzen Moment, suchte mit dem ausgestreckten Arm Halt am Türrahmen.
Mein Herz pochte wild und so laut, dass ich glaubte es hören zu können. Schweiß trat mir auf die Stirn, den ich mit der freien Hand versuchte wegzuwischen. Den nassen Handrücken rieb ich zum Trocknen an den Seiten meiner Jeans ab.
Timo war eilig hinter mich getreten und griff mit beiden Händen meine Schultern. Verwirrt und erschreckt schüttelte ich ihn ab und drehte meinen Kopf in seine Richtung.
„Könnt ihr mich alle mal in Ruhe lassen!“ Ich hatte das ganz leise gesagt, fast nur geflüstert doch Timo sah mich an als hätte ich ihm einen Fausthieb verpasst.
Ich ging los, erst langsam dann beschleunigten sich meine Schritte, an der Stationstür musste ich anhalten, den Öffner betätigen. Lukas kam gerade aus der Toilettentür, einen kurzen Moment trafen sich unsere Blicke. Ich wandte mich ab und lief los, den hell erleuchteten Gang entlang, vorbei an den Aufzügen, riss die Tür zum Treppenhaus auf und stürmte immer zwei Stufen auf einmal nehmend nach unten. In der Halle zügelte ich meinen Schritt, strebte dem Freien zu und als die große Schiebtür sich vor mir auseinander schob, rannte ich los, den Fußweg entlang zum Fluss hinunter und immer weiter an der Uferpromenade entlang.
Keuchend, nach Luft schnappend hetzte ich die Böschung zum Universitätsgarten hoch, stolperte und fiel in das dichte weiche Gras der Liegewiese unterhalb des großen Parkplatzes.
Ich blieb liegen nach Atem ringend, mein Puls raste und mein Magen rumorte.
Jede Faser meines Körpers schien zu vibrieren. Es dauerte eine Weile bis ich wieder irgendetwas um mich herum wirklich wahrnahm.
Das Erste war der Blutgeschmack in meinem Mund. Ich hatte mir beim Fallen auf die Lippe gebissen und leckte nun an der innen liegenden Wunde die, wie eine kleine Beule sich anfühlend, bei jeder Berührung mit der Zunge schmerzte.
Das kühle Gras an meiner Wange fühlte sich gut an. Mit der linke Hand rupfte ich ein Büschel aus und sog den würzig frischen Duft, den der austretende Pflanzensaft verströmte, tief in mich ein.
Für einige Minuten war mein Kopf vollständig leer gewesen. Kein komplizierter Gedanke hatte sich hierhin verirrt. Ich drehte mich auf den Rücken und starrte hinauf in den dunstigen, graublau schimmernden Himmel. Mein Blick folgte der einsamen Flugbahn eines Vogels bis er auf das Gewirr eines Blätterdaches traf und mit diesem zu einer dunklen unentwirrbaren Masse verschmolz.
Mit dem Zeigefinger der linken Hand ertastete ich die Schwellung an meiner Lippe. Der salzige Schweiß auf meinen Händen rief, bei Berührung der Wunde, einleichtes Brennen hervor. Der Speichel den ich mit meiner Zunge in den Riss spülte ließ dieses Brennen schnell abklingen.
Ich verschränkte die Arme hinter meinem Kopf, zog die Beine an meinen Körper heran und setzte die Füße flach auf den Rasen.
Langsam kehrten die Geräusche der Umgebung in meine Wahrnehmung zurück. Es war als würde sich eine Nebelwand langsam auflösen und gäbe, Geräusch für Geräusch frei.
Der Zauber dieser stillen Momente verflog und die Gedanken kehrten zurück, nicht vorsichtig und allmählich sondern mit unbarmherziger Konsequenz.
„Vadim“ schoss es mir durch den Kopf.
Ich drückte meinen Oberkörper vom Boden hab, stütze mich auf die Ellenbogen und setzte mich im nächsten Schritt aufrecht hin.
In meiner Hosentasche spürte ich die harte rechteckige Form meines Handys. Ich griff hinein und mit etwas mühe, ich saß noch immer, zog ich das Telefon heraus.
Abgeschaltet!
Die Warntafel am Eingang der Intensivstation tauchte vor meinem inneren Auge auf.
Ich stieß einen kurzen Fluch aus und beeilte mich wieder auf die Beine zu kommen.
Etwas unbeholfen versuchte ich das Gleichgewicht zu halten, während ich das Telefon mit einem Druck auf eine seitlich angebrachte Vertiefung einschaltete. Es dauerte bis sich am Display die Zahlenkombination meines Pins eingeben ließ.
Wieder einige Sekunden vergingen bis das Display farbig aufleuchtete und in den Bereitschaftsmodus wechselte. Ich starrte auf die Anzeige.
5 Sekunden, 10 Sekunden, dann ein leichtes Vibrieren und der kurze Ton der mir den Erhalt einer Kurznachricht in Abwesenheit signalisierte.
Ich las Vadims Namen.
Mit zittrigen Fingern betätigte ich nervös die Abruftaste.
„gib mir zeit ich melde mich gruss v“ las ich mir selber, laut die Nachricht vor.
Wenigstens hatte er sich gemeldet, wenn auch seine Nachricht mich kam beruhigen konnte.
Ich las noch einmal und dann ein weiteres mal, betätigte die Scroll-Taste in der naiven Hoffnung es käme da noch etwas, doch es blieb bei diesen wenigen Worten.
Einige Sekunden spielte ich mit dem Gedanken ihn anzurufen, doch die Nachricht war eindeutig. Er würde den Zeitpunkt bestimmen. Ich konnte nur abwarten.
Ein weiteres Mal meldete sich das SMS Signal.
„Sie hatten drei Anrufe in Abwesenheit“
Alle drei Anrufe waren von Timo in den letzten zehn Minuten abgesetzt worden.

16

Ich drehte meinen Radiowecker so, dass ich die Ziffern auf dem übergroßen grün schimmernden Display erkennen konnte. 4:12 konnte ich verschwommen erkennen. Meine Brille hatte ich am Abend im Bad liegen lassen und ich war zu träge gewesen noch einmal aus dem Bett zu klettern um sie zu holen.
Das Schlafzimmerfenster stand weit auf und ein kalter Lufthauch streifte meine nackte Brust. Ich drehte den Wecker so, dass die hellen Ziffern ihr Licht gegen die Wand warfen und nicht den ganzen Raum in ein diffuses grünes Licht tauchten.
Ich lauschte ins Halbdunkel.
Ganz still war es nie wenn man das Fenster geöffnet hatte. In einiger Entfernung schlängelte sich die Autobahn ein Stück weit am Fluss entlang bevor sie über einen steilen Anstieg auf die Höhe des Gebirgszuges kletterte. Der stetige nächtliche Verkehr dort und die Bahnlinie am gegenüberliegenden Ufer mit ihren im Halbstundentakt vorbeirauschenden Zügen bildeten einen leisen aber immer präsenten Geräuschteppich. Nach einigen Wochen hatte ich mich daran gewöhnt und es nicht mehr wahrgenommen.
Vor zwei Nächten hatte ich dieses Bett mit Vadim geteilt, nun lag ich hier alleine, um Schlaf ringend, der sich nicht einstellen wollte.
Auf der Strasse war ein Wagen vorgefahren, der Motor wurde abgestellt, Türen geöffnet, wieder geräuschvoll geschlossen. Schritte entfernten sich, wurden eins mit den anderen nicht mehr zu entziffernden Geräuschen der Nacht.
In nicht einmal zwei Stunden sollte ich dieses Bett wieder verlassen, duschen, frühstücken, den Rucksack packen, zur Bushaltestelle eilen, eine halbe Stunde quer durch die Stadt ruckeln, zusammen mit vielen anderen müden und auch weniger müden Menschen. Ich würde meinen Arbeitsplan erhalten und versuchen alle mir übertragenen Aufgaben zu erfüllen. Mein Denken würde zielgerichtet sein und keinen Spielraum lassen für Abschweifungen. Nach acht Stunden wartete der gleiche Weg auf mich den ich am Morgen genommen hatte und die Selben müden und weniger müden Menschen, die mich zur Arbeit begleitet hatten wären auch die Begleiter auf dem Nachhauseweg.
Ich drehte mich auf die andere Seite. Der Bezug des Kopfkissens war vom Schwitzen feucht. Ich drehte das Kissen auf die Trockene Seite, drückte es zurecht und versuchte eine bequeme Haltung zu finden.

Timo hatte ein viertes Mal die Nummer meines Handys gewählt und schien erleichtert, als ich die Verbindung annahm.
„Sorry ich hatte das Handy aus, hab’s eben erst wieder eingeschaltet“ entschuldigte ich mich.
„Bist du Ok?“ kam er ohne Umschweife zu dem Punkt der ihn am meisten interessierte.
„Ja. Mach dir keinen Kopf“ versuchte ich ihn zu beruhigen.
„Wo bist du?“
Ich antwortete nicht sofort.
„Bist du noch dran?“ die Besorgnis in seiner Stimme war zurück.
„Ja.“ Es trat erneut eine Pause ein.
„Timo, warte nicht auf mich. Es kann spät werden“, hatte ich das Gespräch beendet und aufgelegt.
Die nächsten Stunden hatte ich mich scheinbar ziellos durch die Stadt gehetzt.
Irgendwann stand ich vor dem Studentenwohnheim, in dem Vadim sein Zimmer hatte.
Die meisten Fenster des mehrstöckigen Gebäudes waren hell erleuchtet.
Ich schaute an der Fassade hoch, schlenderte dann am Eingang vorbei, blieb bei den Briefkästen stehen und suchte nach Vadims Türklingel. Der Umstand ihn hinter einem dieser Fenster zu wissen löste ein tiefes Verlangen in mir aus. Ein Verlangen nach seiner Nähe. Ich wollte ihn berühren, mit meinen Händen, Lippen, umschlingen mit meinen Armen, ihn halten, ihn nicht mehr loslassen. Ich rief mir sein Gesicht in Erinnerung, das sanfte Lächeln, das so urplötzlich zu einem mitreißenden Lachen werden konnte. Diese dunklen tiefbraunen, fast schwarzen Augen, in denen ich mich verlieren konnte. Die langen dunklen Wimpern und die kleine Narbe oberhalb der Nasenwurzel, Erinnerung an ein gemeinsames Abenteuer, dass für ihn beinahe mit dem Verlust des Augenlichts endete.
Eine Weile trieb ich mich unschlüssig vor dem Eingang herum. Der Wunsch ihn zu sehen war groß aber dann verzog ich mich in Richtung Bahnhof. Er hatte sich Zeit erbeten und was bildete ich mir ein, seinen Wunsch nicht respektieren zu wollen. In diesem Moment erschien mir schon die Tatsache, hier vor seiner Wohnung erschienen zu sein, als ein unverzeihlicher Vertrauensbruch.

Die Stadt wurde lauter und lebendiger. Ein fahl graues Licht kündigte den Morgen an und ich drehte erneut den Radiowecker um die Uhrzeit sehen zu können. 5:03 Uhr.
In einer halben Stunde würde ein erst leises dann immer lauter werdendes pulsierendes Pfeifen meinen Schlaf beenden wollen, der mir versagt geblieben war.
Meine Gedanken waren von Vadim zu Daniel gewandert und zurück, dann hatte Timo sich darin Platz verschafft und auch Lukas fand seinen Weg hinein. Ich lag wieder am See in der Eifel, stand auf dem Balkon des Schullandheimes mit Vadim, erbrach mich in der mächtigen Kulisse der Konstantinbasilika und lag mit Vadim und Timo auf der Wiese des Palastgartens. Ich zog mit meinen Freunden durch die Kneipen, wir feierten, lachten. Und dann war ich wieder zurück in meinem Bett allein, das Kopfkissen wie einen Geliebten umschlungen, das Gesicht in den Falten der Decke vergraben. Einen Moment Ruhe und die Gedanken sausten wieder los. Das blutig zerschundene Gesicht Daniels hinter der dicken, alle Geräusche schluckenden Glasscheibe, ein schmutziger übel riechender Müllcontainer, die von Entsetzen geweiteten Augen Timos als er von Vadim die Nachricht vom Anschlag auf Daniel erfahren hatte.
Bild für Bild blätterte ich in meinen Gedanken, keiner Chronologie folgend, immer der nächsten Intention nachgebend.
Es war kein Weg den ich beschritt, vielmehr hetzte ich von einer Ecke meiner Erinnerungen in die nächste, drehte mich auf dem Absatz, stolperte durch ein Gewirr von Erlebnissen und fiel in ein Meer aus Gefühlen, tauchte unter und fand mich wieder im Bett, kopfkissenküssend.
Wer war ich in dieser Geschichte?

Johannes sah mich tadelnd an.
„In letzter Zeit siehst du morgens immer Scheiße aus!“ brachte er seinen Eindruck auf den Punkt.
Ich ersparte ihm und mir eine Antwort, verstaute meinen Rucksack im Spind und brachte das Vorhängeschloss an.
Der kleine Aufenthaltsraum neben der Werkstatt roch unangenehm nach altem Schweiß, kalter Asche und frisch aufgebrühtem Kaffee.
Ich schnappte mir meine Tasse, spülte sie kurz unter dem Wasserhahn der Spüle ab und goss mir einen kräftigen Schluck des heißen braunen Gebräus ein.
Matze und Erich, die beiden anderen Gesellen, saßen am Tisch, hatten jeder eine Tasse vor sich, blätterten in alten abgegriffenen Zeitschriften und grinsten. Offensichtlich waren sie der gleichen Meinung wie Johannes, nahmen es aber etwas gelassener als dieser.
Ich zog mir einen Stuhl an den Tisch und setzte mich zu den Beiden.
„Scheint ja ein hartes Wochenende gewesen zu sein“, zwinkerte Matze mir zu.
„Wenn du wüsstest“, dachte ich und gab dann nur mit einem Kopfnicken zu verstehen, das seine Einschätzung richtig war.
„Sex drugs and Rock’n Roll“ kicherte er und stieß dabei seinen Ellbogen in Erichs Seite.
„Das mit dem Sex sollten wir wohl Babsi fragen“ sprudelte Erich hervor und war, noch bevor er den Satz geendet hatte in ein meckerndes Lachen ausgebrochen.
Ich warf Johannes einen wütenden Blick zu.
Er hatte den Mund nicht halten können, sich wahrscheinlich mit den beiden göttlich amüsiert während er vom Samstag erzählt hatte.
„Erst wurds eng im Bus und dann eng in der Hose“, frotzelte Matze anzüglich.
„Was dir ja nicht passieren könnte!“ Barbara stand in der Tür, hatte wohl den letzten Satz noch mitbekommen und konterte die Unverschämtheit Matzes und funkelte mich dabei böse an. Sie schien zu vermuten ich habe ihre Annäherungsversuche von Samstag als Anekdote zum Besten gegeben.
„Idioten“, warf sie in die Runde und füllte sich ihren Becher mit dem Rest an Kaffee der sich noch in der Kanne befand.
Die drei grinsten und Barbara konnte ein kleines Lächeln nicht unterdrücken. Allein mir schien die Situation unangenehm zu sein.
Ich nippte an meinem Kaffee und versuchte das Thema zu umschiffen.
„Was steht heute an?“ warf ich in die Runde und erntete schallendes Gelächter. Ein Schwall Blut schoss mir in den Kopf.
„Haha, ihr seid ja so einfach zu befriedigen.“ Warum konnte ich nicht einfach Schweigen. Jedes meiner Worte würde umgedeutet werden, warum also ihnen unnötig Munition für ihre Späße liefern.
Ich ließ sie Lachen und schwieg.

Der Tag war quälend langsam vergangen. Völlig übermüdet, hatte ich einen Fehler nach dem Anderen produziert und schaffte es, sogar Erich gegen mich aufzubringen.
Johannes ließ seinem Unmut freien Lauf und erteilte mir einen Rüffel nach dem Anderen, nur wenn der Meister in der Nähe war hielt er sich zurück um dann wieder zuzuschlagen wenn dieser sich in sein Büro verzogen hatte.
Das Aufräumen der Werkstatt durfte ich am Abend dann alleine besorgen.
Als die Anderen gegangen waren, kam Barbara aus dem Aufenthaltsraum schnappte sich einen Besen und half wortlos die Reste des Arbeitstages in eine blaue Mülltüte zu packen.
Wir sprachen kein Wort, ich lächelte sie nur dankbar an.
Gemeinsam schleppten wir den Sack zum Müllcontainer.
Ich stand vor diesem Container und einen Moment lang erstarrte ich.
Ein unangenehmes Gefühl beschlich mich als Barbara mir half den Sack über die Kate zu heben und im inneren der riesigen Plastiktonne zu versenken.
Barbara hatte meine Reaktion bemerkt und nickte, als wüsste sie, was in mir vorging.
„Was“ sah ich sie unsicher aber doch herausfordernd an.
„Tut mir leid, mit eurem Freund!“ Ihre Stimme klang warm und mitfühlend.
Der Schreck fuhr mir in die Glieder. Was wusste sie?
Ich starrte sie entgeistert an.
„Woher…? Ach deine Schwester… Das darf die doch gar nicht….Schweigepflicht.“ Die Wortfetzen brachen unkontrolliert aus mir heraus.
Barbara sah mich einen Augenblick verwirrt an, dann Begriff sie, worauf ich hinaus wollte.
„Nein nein, Veronika hat nichts erzählt. Ich weis es von Timo.“
Jetzt war meine Verwirrung komplett.
„Von Timo? Wie?“ Ich schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ach er hat es dir nicht erzählt?“
„Woher…?“ Ich konnte meine Frage nicht zu Ende bringen.
Sie wartete einen Augenblick, dann sah sie mich noch einmal mitfühlend an und klärte mich auf.
Barbara und ihre Schwester hatten den Nachmittag zusammen im Schwimmbad verbracht und waren gegen Abend dann auf die Idee gekommen, ihrer Vorliebe für griechisches Essen nachzugeben. Veronika erinnerte sich an die Empfehlung eines Patienten und so waren sie, wie sich herausstellte, zu Timos Lieblingsgriechen gekommen.
Timo war auf dem Nachhauseweg dort vorbei um eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen.
Als er die beiden Frauen entdeckte hatte er gegrüßt und sie hatten eine Unterhaltung begonnen. Kontaktfreudig, wie Timo nun mal war, saßen sie schließlich gemeinsam am Tisch und hatten den Abend zusammen verbracht, wobei natürlich auch die Sprache auf mich kam, da Timo ja von mir wusste, dass Barbara meine Arbeitskollegin war.
Barbaras Schwester hatte, wie sich herausstellte, ihre Schweigepflicht in keiner Weise verletzt.
Und scheinbar hatte Timo auch nur das erzählt was jeder auch wissen konnte, der die Zeitung gelesen hatte.
Ich entspannte mich.
Der Deckel der Tonne klappte geräuschvoll nach unten.
Wir trotteten über den Hof und betraten den Aufenthaltsraum.
„Wollen wir noch irgendwo eine Tasse Kaffee trinken?“
„In dem Aufzug“, deutete ich auf unsere Arbeitskleidung.
„Hast recht“, lächelte sie. Ich öffnete meinen Spind und entnahm meinen Rucksack.
Barbara räusperte sich.
„Ja?“
„Du wie ist der Timo eigentlich so?“ wollte sie wissen.

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