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Wir saßen in diesem Raum neben der Intensivstation
und warteten. Ja worauf warteten wir eigentlich. So wie ich
Laura verstanden hatte, die kurz nach draußen gekommen
war um auf dem Balkon eine Zigarette zu rauchen, würde
Daniel wohl noch mehrere Tage in diesem Dämmerzustand
gehalten werden, damit sein Körper die nötige Ruhe
fand und sich von den Traumata erholen konnte.
Sie hatte jeden von uns noch einmal herzlich begrüßt,
in den Arm genommen und fast konnte man den Eindruck haben,
sie wolle uns trösten, dabei war ihr überdeutlich
anzusehen wie sehr Daniels Zustand ihr an die Nieren ging.
„Ihr könnt ruhig nach Hause fahren! Es ist zwar
lieb von euch, aber ihr könnt hier nichts ausrichten“
hatte sie noch gesagt, bevor sie wieder zu ihrem Sohn zurückging.
„Ich bleibe“ stellte Lukas fest und sie nickte
ihm zu.
Am Eingang der Intensivstation war ich durch ein unmissverständliches
Schild aufgefordert worden, mein Handy auszuschalten, was
ich auch tat aber im Moment war mir diese Tatsache völlig
entfallen.
Nervös blickte ich auf meine Armbanduhr und stellte mir
immer wieder die Frage, warum Vadim mich nicht zurückrief.
Ich stand auf lief hin und her und wurde dabei von zwei Augenpaaren
verfolgt.
„Laura hat recht“ machte sich Lukas nach einer
Weile bemerkbar. „Ihr könnt beruhigt nach Hause
fahren. Es reicht wenn einer hier bleibt und auf sie wartet!“
Timo stimmte, wenn auch spürbar widerstrebend, zu.
Ich äußerte mich nicht, sah abwechselnd auf die
Armbanduhr, aus dem Fenster und in die Gesichter der beiden
Jungs.
Lukas legte die Zeitschrift, die er unbeachtet auf den Knien
liegen hatte, weil er irgendwann versucht hatte sich durch
Lesen abzulenken und dann doch nicht die Konzentration aufbrachte,
zur Seite. Er erhob sich aus seinem Sessel und ging wortlos
nach draußen.
Timo sah mich an und ich spürte, er brannte vor Ungeduld
zu erfahren, weshalb die Stimmung zwischen Lukas und mir so
angespannt zu sein schien.
Es war keine Neugier, dass wusste ich, es war die Sorge um
seine Freunde, denn trotz der kurzen Zeit die sie sich erst
kannten, schienen Lukas und er sich doch mehr als gut zu verstehen.
Mag sein, dass die außergewöhnliche Situation sie
zusammenschweißte oder aber sie sich auch in jeder anderen
Situation Sympathien entgegen gebracht hätten, fest stand,
Timo betrachtete Lukas als Teil unseres Freundeskreises und
er ließ ihn und auch mich das spüren.
Ich konnte seinem Blick nicht lange standhalten und lief weiter
nervös auf und ab.
„Sollte ich irgendetwas wissen?“, begann er zaghaft.
Ich blieb stehen, den Rücken ihm zugewandt. Hinter meinen
geschlossenen Augenlidern spielte sich das reinste Feuerwerk
ab. Ich hatte das Gefühl als würden grell-orangefarbene
Blitze auf meiner Netzhaut explodieren und in tausend Funken
zerstäuben.
Ich wankte einen kurzen Moment, suchte mit dem ausgestreckten
Arm Halt am Türrahmen.
Mein Herz pochte wild und so laut, dass ich glaubte es hören
zu können. Schweiß trat mir auf die Stirn, den
ich mit der freien Hand versuchte wegzuwischen. Den nassen
Handrücken rieb ich zum Trocknen an den Seiten meiner
Jeans ab.
Timo war eilig hinter mich getreten und griff mit beiden Händen
meine Schultern. Verwirrt und erschreckt schüttelte ich
ihn ab und drehte meinen Kopf in seine Richtung.
„Könnt ihr mich alle mal in Ruhe lassen!“
Ich hatte das ganz leise gesagt, fast nur geflüstert
doch Timo sah mich an als hätte ich ihm einen Fausthieb
verpasst.
Ich ging los, erst langsam dann beschleunigten sich meine
Schritte, an der Stationstür musste ich anhalten, den
Öffner betätigen. Lukas kam gerade aus der Toilettentür,
einen kurzen Moment trafen sich unsere Blicke. Ich wandte
mich ab und lief los, den hell erleuchteten Gang entlang,
vorbei an den Aufzügen, riss die Tür zum Treppenhaus
auf und stürmte immer zwei Stufen auf einmal nehmend
nach unten. In der Halle zügelte ich meinen Schritt,
strebte dem Freien zu und als die große Schiebtür
sich vor mir auseinander schob, rannte ich los, den Fußweg
entlang zum Fluss hinunter und immer weiter an der Uferpromenade
entlang.
Keuchend, nach Luft schnappend hetzte ich die Böschung
zum Universitätsgarten hoch, stolperte und fiel in das
dichte weiche Gras der Liegewiese unterhalb des großen
Parkplatzes.
Ich blieb liegen nach Atem ringend, mein Puls raste und mein
Magen rumorte.
Jede Faser meines Körpers schien zu vibrieren. Es dauerte
eine Weile bis ich wieder irgendetwas um mich herum wirklich
wahrnahm.
Das Erste war der Blutgeschmack in meinem Mund. Ich hatte
mir beim Fallen auf die Lippe gebissen und leckte nun an der
innen liegenden Wunde die, wie eine kleine Beule sich anfühlend,
bei jeder Berührung mit der Zunge schmerzte.
Das kühle Gras an meiner Wange fühlte sich gut an.
Mit der linke Hand rupfte ich ein Büschel aus und sog
den würzig frischen Duft, den der austretende Pflanzensaft
verströmte, tief in mich ein.
Für einige Minuten war mein Kopf vollständig leer
gewesen. Kein komplizierter Gedanke hatte sich hierhin verirrt.
Ich drehte mich auf den Rücken und starrte hinauf in
den dunstigen, graublau schimmernden Himmel. Mein Blick folgte
der einsamen Flugbahn eines Vogels bis er auf das Gewirr eines
Blätterdaches traf und mit diesem zu einer dunklen unentwirrbaren
Masse verschmolz.
Mit dem Zeigefinger der linken Hand ertastete ich die Schwellung
an meiner Lippe. Der salzige Schweiß auf meinen Händen
rief, bei Berührung der Wunde, einleichtes Brennen hervor.
Der Speichel den ich mit meiner Zunge in den Riss spülte
ließ dieses Brennen schnell abklingen.
Ich verschränkte die Arme hinter meinem Kopf, zog die
Beine an meinen Körper heran und setzte die Füße
flach auf den Rasen.
Langsam kehrten die Geräusche der Umgebung in meine Wahrnehmung
zurück. Es war als würde sich eine Nebelwand langsam
auflösen und gäbe, Geräusch für Geräusch
frei.
Der Zauber dieser stillen Momente verflog und die Gedanken
kehrten zurück, nicht vorsichtig und allmählich
sondern mit unbarmherziger Konsequenz.
„Vadim“ schoss es mir durch den Kopf.
Ich drückte meinen Oberkörper vom Boden hab, stütze
mich auf die Ellenbogen und setzte mich im nächsten Schritt
aufrecht hin.
In meiner Hosentasche spürte ich die harte rechteckige
Form meines Handys. Ich griff hinein und mit etwas mühe,
ich saß noch immer, zog ich das Telefon heraus.
Abgeschaltet!
Die Warntafel am Eingang der Intensivstation tauchte vor meinem
inneren Auge auf.
Ich stieß einen kurzen Fluch aus und beeilte mich wieder
auf die Beine zu kommen.
Etwas unbeholfen versuchte ich das Gleichgewicht zu halten,
während ich das Telefon mit einem Druck auf eine seitlich
angebrachte Vertiefung einschaltete. Es dauerte bis sich am
Display die Zahlenkombination meines Pins eingeben ließ.
Wieder einige Sekunden vergingen bis das Display farbig aufleuchtete
und in den Bereitschaftsmodus wechselte. Ich starrte auf die
Anzeige.
5 Sekunden, 10 Sekunden, dann ein leichtes Vibrieren und der
kurze Ton der mir den Erhalt einer Kurznachricht in Abwesenheit
signalisierte.
Ich las Vadims Namen.
Mit zittrigen Fingern betätigte ich nervös die Abruftaste.
„gib mir zeit ich melde mich gruss v“ las ich
mir selber, laut die Nachricht vor.
Wenigstens hatte er sich gemeldet, wenn auch seine Nachricht
mich kam beruhigen konnte.
Ich las noch einmal und dann ein weiteres mal, betätigte
die Scroll-Taste in der naiven Hoffnung es käme da noch
etwas, doch es blieb bei diesen wenigen Worten.
Einige Sekunden spielte ich mit dem Gedanken ihn anzurufen,
doch die Nachricht war eindeutig. Er würde den Zeitpunkt
bestimmen. Ich konnte nur abwarten.
Ein weiteres Mal meldete sich das SMS Signal.
„Sie hatten drei Anrufe in Abwesenheit“
Alle drei Anrufe waren von Timo in den letzten zehn Minuten
abgesetzt worden.
16
Ich drehte meinen Radiowecker so, dass ich die Ziffern
auf dem übergroßen grün schimmernden Display
erkennen konnte. 4:12 konnte ich verschwommen erkennen.
Meine Brille hatte ich am Abend im Bad liegen lassen und
ich war zu träge gewesen noch einmal aus dem Bett zu
klettern um sie zu holen.
Das Schlafzimmerfenster stand weit auf und ein kalter Lufthauch
streifte meine nackte Brust. Ich drehte den Wecker so, dass
die hellen Ziffern ihr Licht gegen die Wand warfen und nicht
den ganzen Raum in ein diffuses grünes Licht tauchten.
Ich lauschte ins Halbdunkel.
Ganz still war es nie wenn man das Fenster geöffnet
hatte. In einiger Entfernung schlängelte sich die Autobahn
ein Stück weit am Fluss entlang bevor sie über
einen steilen Anstieg auf die Höhe des Gebirgszuges
kletterte. Der stetige nächtliche Verkehr dort und
die Bahnlinie am gegenüberliegenden Ufer mit ihren
im Halbstundentakt vorbeirauschenden Zügen bildeten
einen leisen aber immer präsenten Geräuschteppich.
Nach einigen Wochen hatte ich mich daran gewöhnt und
es nicht mehr wahrgenommen.
Vor zwei Nächten hatte ich dieses Bett mit Vadim geteilt,
nun lag ich hier alleine, um Schlaf ringend, der sich nicht
einstellen wollte.
Auf der Strasse war ein Wagen vorgefahren, der Motor wurde
abgestellt, Türen geöffnet, wieder geräuschvoll
geschlossen. Schritte entfernten sich, wurden eins mit den
anderen nicht mehr zu entziffernden Geräuschen der
Nacht.
In nicht einmal zwei Stunden sollte ich dieses Bett wieder
verlassen, duschen, frühstücken, den Rucksack
packen, zur Bushaltestelle eilen, eine halbe Stunde quer
durch die Stadt ruckeln, zusammen mit vielen anderen müden
und auch weniger müden Menschen. Ich würde meinen
Arbeitsplan erhalten und versuchen alle mir übertragenen
Aufgaben zu erfüllen. Mein Denken würde zielgerichtet
sein und keinen Spielraum lassen für Abschweifungen.
Nach acht Stunden wartete der gleiche Weg auf mich den ich
am Morgen genommen hatte und die Selben müden und weniger
müden Menschen, die mich zur Arbeit begleitet hatten
wären auch die Begleiter auf dem Nachhauseweg.
Ich drehte mich auf die andere Seite. Der Bezug des Kopfkissens
war vom Schwitzen feucht. Ich drehte das Kissen auf die
Trockene Seite, drückte es zurecht und versuchte eine
bequeme Haltung zu finden.
Timo hatte ein viertes Mal die Nummer meines Handys gewählt
und schien erleichtert, als ich die Verbindung annahm.
„Sorry ich hatte das Handy aus, hab’s eben erst
wieder eingeschaltet“ entschuldigte ich mich.
„Bist du Ok?“ kam er ohne Umschweife zu dem
Punkt der ihn am meisten interessierte.
„Ja. Mach dir keinen Kopf“ versuchte ich ihn
zu beruhigen.
„Wo bist du?“
Ich antwortete nicht sofort.
„Bist du noch dran?“ die Besorgnis in seiner
Stimme war zurück.
„Ja.“ Es trat erneut eine Pause ein.
„Timo, warte nicht auf mich. Es kann spät werden“,
hatte ich das Gespräch beendet und aufgelegt.
Die nächsten Stunden hatte ich mich scheinbar ziellos
durch die Stadt gehetzt.
Irgendwann stand ich vor dem Studentenwohnheim, in dem Vadim
sein Zimmer hatte.
Die meisten Fenster des mehrstöckigen Gebäudes
waren hell erleuchtet.
Ich schaute an der Fassade hoch, schlenderte dann am Eingang
vorbei, blieb bei den Briefkästen stehen und suchte
nach Vadims Türklingel. Der Umstand ihn hinter einem
dieser Fenster zu wissen löste ein tiefes Verlangen
in mir aus. Ein Verlangen nach seiner Nähe. Ich wollte
ihn berühren, mit meinen Händen, Lippen, umschlingen
mit meinen Armen, ihn halten, ihn nicht mehr loslassen.
Ich rief mir sein Gesicht in Erinnerung, das sanfte Lächeln,
das so urplötzlich zu einem mitreißenden Lachen
werden konnte. Diese dunklen tiefbraunen, fast schwarzen
Augen, in denen ich mich verlieren konnte. Die langen dunklen
Wimpern und die kleine Narbe oberhalb der Nasenwurzel, Erinnerung
an ein gemeinsames Abenteuer, dass für ihn beinahe
mit dem Verlust des Augenlichts endete.
Eine Weile trieb ich mich unschlüssig vor dem Eingang
herum. Der Wunsch ihn zu sehen war groß aber dann
verzog ich mich in Richtung Bahnhof. Er hatte sich Zeit
erbeten und was bildete ich mir ein, seinen Wunsch nicht
respektieren zu wollen. In diesem Moment erschien mir schon
die Tatsache, hier vor seiner Wohnung erschienen zu sein,
als ein unverzeihlicher Vertrauensbruch.
Die Stadt wurde lauter und lebendiger. Ein fahl graues
Licht kündigte den Morgen an und ich drehte erneut
den Radiowecker um die Uhrzeit sehen zu können. 5:03
Uhr.
In einer halben Stunde würde ein erst leises dann immer
lauter werdendes pulsierendes Pfeifen meinen Schlaf beenden
wollen, der mir versagt geblieben war.
Meine Gedanken waren von Vadim zu Daniel gewandert und zurück,
dann hatte Timo sich darin Platz verschafft und auch Lukas
fand seinen Weg hinein. Ich lag wieder am See in der Eifel,
stand auf dem Balkon des Schullandheimes mit Vadim, erbrach
mich in der mächtigen Kulisse der Konstantinbasilika
und lag mit Vadim und Timo auf der Wiese des Palastgartens.
Ich zog mit meinen Freunden durch die Kneipen, wir feierten,
lachten. Und dann war ich wieder zurück in meinem Bett
allein, das Kopfkissen wie einen Geliebten umschlungen,
das Gesicht in den Falten der Decke vergraben. Einen Moment
Ruhe und die Gedanken sausten wieder los. Das blutig zerschundene
Gesicht Daniels hinter der dicken, alle Geräusche schluckenden
Glasscheibe, ein schmutziger übel riechender Müllcontainer,
die von Entsetzen geweiteten Augen Timos als er von Vadim
die Nachricht vom Anschlag auf Daniel erfahren hatte.
Bild für Bild blätterte ich in meinen Gedanken,
keiner Chronologie folgend, immer der nächsten Intention
nachgebend.
Es war kein Weg den ich beschritt, vielmehr hetzte ich von
einer Ecke meiner Erinnerungen in die nächste, drehte
mich auf dem Absatz, stolperte durch ein Gewirr von Erlebnissen
und fiel in ein Meer aus Gefühlen, tauchte unter und
fand mich wieder im Bett, kopfkissenküssend.
Wer war ich in dieser Geschichte?
Johannes sah mich tadelnd an.
„In letzter Zeit siehst du morgens immer Scheiße
aus!“ brachte er seinen Eindruck auf den Punkt.
Ich ersparte ihm und mir eine Antwort, verstaute meinen
Rucksack im Spind und brachte das Vorhängeschloss an.
Der kleine Aufenthaltsraum neben der Werkstatt roch unangenehm
nach altem Schweiß, kalter Asche und frisch aufgebrühtem
Kaffee.
Ich schnappte mir meine Tasse, spülte sie kurz unter
dem Wasserhahn der Spüle ab und goss mir einen kräftigen
Schluck des heißen braunen Gebräus ein.
Matze und Erich, die beiden anderen Gesellen, saßen
am Tisch, hatten jeder eine Tasse vor sich, blätterten
in alten abgegriffenen Zeitschriften und grinsten. Offensichtlich
waren sie der gleichen Meinung wie Johannes, nahmen es aber
etwas gelassener als dieser.
Ich zog mir einen Stuhl an den Tisch und setzte mich zu
den Beiden.
„Scheint ja ein hartes Wochenende gewesen zu sein“,
zwinkerte Matze mir zu.
„Wenn du wüsstest“, dachte ich und gab
dann nur mit einem Kopfnicken zu verstehen, das seine Einschätzung
richtig war.
„Sex drugs and Rock’n Roll“ kicherte er
und stieß dabei seinen Ellbogen in Erichs Seite.
„Das mit dem Sex sollten wir wohl Babsi fragen“
sprudelte Erich hervor und war, noch bevor er den Satz geendet
hatte in ein meckerndes Lachen ausgebrochen.
Ich warf Johannes einen wütenden Blick zu.
Er hatte den Mund nicht halten können, sich wahrscheinlich
mit den beiden göttlich amüsiert während
er vom Samstag erzählt hatte.
„Erst wurds eng im Bus und dann eng in der Hose“,
frotzelte Matze anzüglich.
„Was dir ja nicht passieren könnte!“ Barbara
stand in der Tür, hatte wohl den letzten Satz noch
mitbekommen und konterte die Unverschämtheit Matzes
und funkelte mich dabei böse an. Sie schien zu vermuten
ich habe ihre Annäherungsversuche von Samstag als Anekdote
zum Besten gegeben.
„Idioten“, warf sie in die Runde und füllte
sich ihren Becher mit dem Rest an Kaffee der sich noch in
der Kanne befand.
Die drei grinsten und Barbara konnte ein kleines Lächeln
nicht unterdrücken. Allein mir schien die Situation
unangenehm zu sein.
Ich nippte an meinem Kaffee und versuchte das Thema zu umschiffen.
„Was steht heute an?“ warf ich in die Runde
und erntete schallendes Gelächter. Ein Schwall Blut
schoss mir in den Kopf.
„Haha, ihr seid ja so einfach zu befriedigen.“
Warum konnte ich nicht einfach Schweigen. Jedes meiner Worte
würde umgedeutet werden, warum also ihnen unnötig
Munition für ihre Späße liefern.
Ich ließ sie Lachen und schwieg.

Der Tag war quälend langsam vergangen. Völlig übermüdet,
hatte ich einen Fehler nach dem Anderen produziert und schaffte
es, sogar Erich gegen mich aufzubringen.
Johannes ließ seinem Unmut freien Lauf und erteilte
mir einen Rüffel nach dem Anderen, nur wenn der Meister
in der Nähe war hielt er sich zurück um dann wieder
zuzuschlagen wenn dieser sich in sein Büro verzogen hatte.
Das Aufräumen der Werkstatt durfte ich am Abend dann
alleine besorgen.
Als die Anderen gegangen waren, kam Barbara aus dem Aufenthaltsraum
schnappte sich einen Besen und half wortlos die Reste des
Arbeitstages in eine blaue Mülltüte zu packen.
Wir sprachen kein Wort, ich lächelte sie nur dankbar
an.
Gemeinsam schleppten wir den Sack zum Müllcontainer.
Ich stand vor diesem Container und einen Moment lang erstarrte
ich.
Ein unangenehmes Gefühl beschlich mich als Barbara mir
half den Sack über die Kate zu heben und im inneren der
riesigen Plastiktonne zu versenken.
Barbara hatte meine Reaktion bemerkt und nickte, als wüsste
sie, was in mir vorging.
„Was“ sah ich sie unsicher aber doch herausfordernd
an.
„Tut mir leid, mit eurem Freund!“ Ihre Stimme
klang warm und mitfühlend.
Der Schreck fuhr mir in die Glieder. Was wusste sie?
Ich starrte sie entgeistert an.
„Woher…? Ach deine Schwester… Das darf die
doch gar nicht….Schweigepflicht.“ Die Wortfetzen
brachen unkontrolliert aus mir heraus.
Barbara sah mich einen Augenblick verwirrt an, dann Begriff
sie, worauf ich hinaus wollte.
„Nein nein, Veronika hat nichts erzählt. Ich weis
es von Timo.“
Jetzt war meine Verwirrung komplett.
„Von Timo? Wie?“ Ich schüttelte ungläubig
den Kopf.
„Ach er hat es dir nicht erzählt?“
„Woher…?“ Ich konnte meine Frage nicht zu
Ende bringen.
Sie wartete einen Augenblick, dann sah sie mich noch einmal
mitfühlend an und klärte mich auf.
Barbara und ihre Schwester hatten den Nachmittag zusammen
im Schwimmbad verbracht und waren gegen Abend dann auf die
Idee gekommen, ihrer Vorliebe für griechisches Essen
nachzugeben. Veronika erinnerte sich an die Empfehlung eines
Patienten und so waren sie, wie sich herausstellte, zu Timos
Lieblingsgriechen gekommen.
Timo war auf dem Nachhauseweg dort vorbei um eine Kleinigkeit
zu sich zu nehmen.
Als er die beiden Frauen entdeckte hatte er gegrüßt
und sie hatten eine Unterhaltung begonnen. Kontaktfreudig,
wie Timo nun mal war, saßen sie schließlich gemeinsam
am Tisch und hatten den Abend zusammen verbracht, wobei natürlich
auch die Sprache auf mich kam, da Timo ja von mir wusste,
dass Barbara meine Arbeitskollegin war.
Barbaras Schwester hatte, wie sich herausstellte, ihre Schweigepflicht
in keiner Weise verletzt.
Und scheinbar hatte Timo auch nur das erzählt was jeder
auch wissen konnte, der die Zeitung gelesen hatte.
Ich entspannte mich.
Der Deckel der Tonne klappte geräuschvoll nach unten.
Wir trotteten über den Hof und betraten den Aufenthaltsraum.
„Wollen wir noch irgendwo eine Tasse Kaffee trinken?“
„In dem Aufzug“, deutete ich auf unsere Arbeitskleidung.
„Hast recht“, lächelte sie. Ich öffnete
meinen Spind und entnahm meinen Rucksack.
Barbara räusperte sich.
„Ja?“
„Du wie ist der Timo eigentlich so?“ wollte sie
wissen.
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