| Jetzt hatte er uns
auch noch alle zum Essen eingeladen. Das wird ein Spaß.
Kapitel 9
Mittlerweile war ich richtig nervös was das Abendessen
betraf. Wir waren in einem Mietwagen auf dem Weg zu Mark.
Ich hatte Charlie nicht viel über ihn erzählt, im
Grunde gab es, mal abgesehen von der Tatsache, dass er in
meinen Gedanken weilte, wann immer ich atmete, nicht viel
zu berichten.
Das Bestattungsunternehmen hatte sich mit mir in Verbindung
gesetzt und ich hatte eine kleine Zeremonie für Samstag
Abend angeordnet. Es würden außer mir und Charlie,und
natürlich Lucas, glaube ich, nicht viele Menschen kommen.
Wir fuhren die Einfahrt zu einem kleinen Haus hoch, es blühte
der gesamte Garten. Unter den Reifen quietschte der Kies.
Wir waren da. Ich schnallte Lucas ab und trug ihn. Charlie
holte das Gastgeschenk, der teuerste Wein, den ich finden
konnte (irgendwie war ich dem Irrtum verfallen, dass teuer
gut bedeutet. Später sollte ich das bereuen). Wir betraten
die Veranda und schon öffnete sich die Tür. Ein
kleiner Junge, etwa vier oder fünf Jahre alt, stand darin
und schaute durch das Fliegengitter.
„Hallo. Ich bin Daniel. Ist Mark da?“, fragte
ich ihn.
„Ja, ich soll euch rein holen. Mark wartet in der Küche.
Kommt.“, er ging voran und wir hinterher. Ich fragte
mich einen kurzen Moment, warum Der Junge seinen Vater nicht
auch so nannte. Dann fiel mir ein, dass Mark sagte, er hätte
eine ähnliche Geschichte wie ich erlebt. Ich hatte nicht
erwartet, dass die Geschichte so ähnlich ist.
Wir betraten das Haus, es war nett eingerichtet, nichts besonderes.
Einfach ein typisches Haus in einer typischen Gegend von L.A.
„Ich bin im Garten.“, wir folgten der Stimme,
der Junge war längst außer Sicht, und traten in
den Garten. Hier blühte es noch mehr. Jetzt merkte ich,
wie sehr ich L.A. vermisste. Blumen, wohin das Auge reichte.
Immer Sommer, kaum Regen. Im Augenblick war ich in Erinnerungen
gefangen und konnte mir nicht vorstellen, was mich dazu bewegt
hatte, nach New York zu gehen. Ich wünschte in diesem
Moment, dass ich geblieben wäre. Blumen, Anfang Dezember.
Das war bei uns zu hause undenkbar. Central Park hatte vor
Wochen die letzten Blätter verloren und im Winter war
New York nicht schön. Nur kalt und grau.
„Da seid ihr ja. Hallo, ich bin Mark.“, stellte
er sich Charlie vor. Er empfing uns herzlichst.
„Wir haben dir etwas mitgebracht.“, Charlie übergab
den Wein, Mark bedankte sich.
„Das war doch nicht nötig.“
Wir verbrachten einen wundervollen Abend und redeten bis
spät in die Nacht.
„Ich habe das Gästezimmer für euch vorbereitet.“
„Mark, das können wir nicht annehmen. Wir haben
ein Hotel.“, winkte Charlie ab.
„Nein, ich bestehe darauf. Lucas kann entweder bei
Logan schlafen oder bei euch. Aber bitte, seid meine Gäste.“
Ich wechselte einen Blick mit Charlie. Nichts würde
ich lieber tun, als bei Mark zu bleiben. Er nickte.
„Wundervoll. Dann holt einmal eure Sachen, ich bringe
Logan ins Bett.“
„Kann Lucas bei ihm schlafen?“, fragte ich.
„Aber sicher. Komm mit, ich zeig dir wo.“, Mark
stand auf. Ich nahm Lucas aus seinem Kindersitz, er schlief
tief und fest, und machte mich auf den Weg nach oben.
„Er kann in Logans altem Bett schlafen. Der junge Mann
hier, hat nämlich kürzlich erst ein Auto-Bett bekommen.“
„Ja, Feuerwehr.“, Logan war müde, keine
Frage. Mark gab ihm einen Kuss und wünschte ihm eine
gute Nacht. Er schaltete das Babyfone ein und gab mir das
Gegenstück.
„Damit ihr euch keine Sorgen macht.“, ich dankte
ihm und wir verließen das Zimmer.
Charlie hatte mittlerweile die Koffer ins Haus getragen.
Mark zeigte uns unseren Raum und wir dankten ihm noch einmal.
„Ich geh dann mal wieder nach unten. Wir sehen uns
später oder morgen.“, er winkte und schloss die
Türe hinter uns.
Es brannte gerade kein Licht und als ich Charlies Hände
an mir fühlte durchzuckte mich ein kleiner Schreck. Ich
schloss die Augen und wünschte er würde mich fester
halten.
„Dan, komm ins Bett. Ich bin so müde.“,
er löste sich von mir und zog sie aus, legte sich unter
die Decke. Ich weiß nicht warum, aber ich war absolut
nicht müde. Doch kam ich zu ihm und kuschele mich an
seine nackte Haut. Er war so warm. Charlie schlief schnell
ein. Murmelte noch irgendetwas von „Mark ist wirklich
nett.“, und war dann im Land der Träume angekommen.
Ich lag da, hörte seinen Atem, fühlte, wie sich
seine Brost hob und senkte, doch ich fand keinen Schlaf.
Mein einziger Gedanke war der, dass Mark kaum ein paar Schritte
weiter saß und Fern sah. Ich hörte das Gerät,
versuchte aber mich auf Charlie zu konzentrieren. Ich starrte
in das Dunkel und fühlte mich so fehl am Platz. Ich wünschte
mir nichts sehnlicher, als von Charlie weg zu gehen und mit
Mark den Film anzusehen. Gleichzeitig war da dieser unglaubliche
Hass auf mich selbst, dass mir ein solcher Gedanke überhaupt
kommen konnte. Ich liebte Charlie. Ich hatte daran keinen
Zweifel, alles würde ich geben, um ihn glücklich
zu machen. Aber in diesem Moment hasste ich mich so sehr,
dass noch weniger an Schlaf zu denken war. Ich hasste mich,
weil ich daran dachte bei Mark zu sein, anstatt Charlies Nähe
zu genießen. Ich hasste mich, weil ich wusste, genau
wusste, was ich tat. Ich sehnte mich in der mehr oder weniger
besten Zeit meines Lebens nach jemand anderem.
Zum Glück schlief ich irgendwann endlich ein.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war Charlie schon
aufgestanden. Ich hörte ihm in kleinen Badezimmer, das
an das Gästezimmer grenzte unter der Dusche. Ich schlich
mich hinein, streifte meine restlichen Klamotten ab und öffnete
den Duschvorhang. Dafür, dass das Bad recht klein war,
war es doch erstaunlich, dass nebst Toilette und Waschbecken
eine Badewanne darin eingebaut war und keine Dusche. Charlie
hörte mich wohl nicht kommen, so zuckte er zurück,
als ich ihn mit meinen kalten Fingern berührte. Shampoo
war in seinen Haaren und lief in einem kleinen weißen
Rinnsal seinen Rücken hinab. Er drehte sich zu mir um
und ich hielt mich an ihm fest.
„Wir müssen reden.“, flüsterte ich
in sein Ohr.
„Ja, das müssen wir. Aber erst duschen.“
Wir duschten, wuschen den anderen, küssen und berührten
uns. Ich bekam ein so schlechtes Gewissen, am liebsten hätte
ich mich selbst gegeißelt. Meine Schuld brannte in meinem
Bauch, aber mit jeder Berührung unserer Körper konnte
ich sie für einen kurzen Moment vergessen. Ich stöhnte
in Charlie Ohr, er leckte daran und seifte mich ein.
Fast eine dreiviertel Stunde später saßen wir
auf dem Bett. Ich hatte es gemacht und außerdem ein
Fenster geöffnet. Der Wecker zeigte kurz nach acht Uhr
an. Draußen war es noch fast dunkel. Wir schwiegen.
Doch irgendwann müsste einer von uns die Stille brechen
und weil ich es nicht länger aushielt, gab ich mir einen
Ruck und sagte leise: „Charlie, ich weiß gar nicht
wie ich dir das sagen soll. Du hast einmal gesagt, ich kann
zu dir kommen, was immer mich bedrückt.“
„Und ich hätte immer ein offenes Ohr und Verständnis
für das, was du mir sagst. Das meine ich noch immer.“,
er schaute mich an. Ich rückte näher zu ihm, küsste
ihn auf seine Lippen, nur einen kurze Berührung, nichts
intimes, auch wenn dieser Moment so intim war, wie noch kein
zweiter davor. So jedenfalls kam es mir vor. Ich hatte ja
schon einige Male meine Seele vor Charlie bloß gelegt,
aber in diesem Moment vor dem was ich sagen musste, fühlte
ich mich verletzlich, wie ein angebundenes Häschen vor
einer Horde wilder Wölfe. Doch ich wusste, Charlie ist
kein Wolf, der mich zerfleischen würde bei der nächsten
falschen Bewegung. Ich redete mir zu, dass er das verstehen
würde. Ich redete mir ein, dass nichts passiert war und
so auch nichts passieren würde, wenn ich es sage.
„Charlie. Ich muss dir etwas sagen.“, ich versuchte
irgendwie Zeit zu gewinnen, „Ich, also zuerst liebe
ich dich und nur dich. Ich liebe dich so sehr, dass mein Herz
schmerzt, wenn ich an das denke, was ich dir sagen muss. Ja,
ich muss es dir sagen, denn alles andere wäre Betrug.
Betrug an allem, was wir haben. An allem was wir noch haben
werden, aber vor allem Betrug an dir. Charlie,“, ich
atmete tief ein, „ich weiß dafür gibt es
nicht die richtigen Worte. Darum sage ich es einfach so heraus.
Ich ... also ich und Mark. Wir, als ich, ich denke ich finde
ihn, nein, ich weiß ich finde ihn anziehend. Das ist
so neu für mich. Ich meine, du bist der erste, der einzige
für mich. Aber ich, ich kann nicht mit der schlafen,
solange das so geht. Ich kann das nicht. Charlie, ich will
dir nicht weh tun, aber ich kann nicht mit der schlafen, wenn
ich immer an jemand andern denken muss.“, er schaute
mich an und ein Lächeln kam über seine Lippen. Er
küsste mich, nahm meinen Kopf zwischen seine Hände
und küsste mich wieder. Ich saß da, die Hände
an meinen Seiten, wusste nicht wohin damit. Ich starrte ihn
an, konnte nicht glauben, was passierte.
„Dan, ich liebe dich. Ich verstehe dich. Ich wusste,
dass irgendwas passiert sein musste. Aber im Grunde ist nichts
passiert, oder?“, ich schüttelte den Kopf, „Siehst
du. Du hast niemanden betrogen. Du bist ehrlich. So ehrlich.“,
er drehte sich weg, ließ meinen Kopf frei.
„Du bist so viel ehrlicher als ich.“, flüsterte
er und senkte seinen Kopf.
„Wie meinst du das?“, fragte ich ihn und drehte
ihn an der Schulter, dass er mir wieder ins Gesicht sah.
„Ich habe die einiges nicht erzählt. Du weißt,
dass mich mein Vater raus geworfen hat. Du weißt, dass
ich seit damals keinen Kontakt zu meiner Familie habe, zur
Hölle, ich wusste nicht einmal, ob sie noch leben. Ich
habe nie nachgeforscht, alle Informationen, die du hast sind
Jahre alt. Ich wusste nicht, ob mein Vater noch in der Politik
ist, ob meine Mutter sich noch immer für irgend so einen
Idioten den Arsch aufreißt. Ich wusste es nicht. Aber,
ich habe etwas.“, er stieg aus dem Bett, ließ
meine Berührung enden. Ich sah ihm zu, wie er aus seinem
Kulturbeutel einen braunen Umschlag zog. Es war ein unförmiger
Umschlag, ohne Schrift darauf, mit einem undefinierbarem Inhalt.
Er legte ihn auf das Bett.
„Darin ist ein Brief meiner Mutter, ein Handy und Geld.
Viel Geld. Ich habe es nie benutzt, ich habe den Umschlag
noch nie irgendwem gezeigt oder ihn irgendwo erwähnt.
Ich hätte dir das vor Monaten sagen sollen. Dan, ich
habe das Handy am Sonntag eingeschaltet. Im Telefonbuch gibt
es eine Nummer. Es steht kein Name dabei, aber ich weiß,
dass sie von Mum ist. Ich wollte die Nummer wählen, habe
das Telefon aber dann wieder aus gemacht. Es schien mir nicht
richtig. Seit dem habe ich es jeden Tag eingeschaltet. Für
nur wenige Minuten, immer mit dem Hintergedanken meine Mum
anzurufen.“, er schaute mich an, „Aber ich konnte
es nicht. Ich wusste jedes Mal aufs neue, dass ich das nicht
alleine würde machen wollen. Dass ich das nicht alleine
würde schaffen können.“, Charlie schaute weg,
rutschte zur Bettkante. Ich rutschte zu ihm hinüber,
sagte nichts, schmiegte mich nur an ihn. Meine Wange lang
auf seinem Rücken, meine Hände um seine Brust geschlungen.
„Charlie, ich liebe dich.“, wir schwiegen, hielten
uns nur gegenseitig fest. Eine lange Zeit sagte niemand ein
Wort.
„Warum wolltest du sie anrufen, Charlie?“, murmelte
ich nach vielen stillen Minuten.
„Ich wollte ihr auf den Brief antworten. Lies ihn.“,
forderte er mich auf.
„Darf ich?“, er nickte.
Ich ließ von ihm, nahm den Umschlag und schüttete
den Inhalt auf das Bett. Das Handy fiel zuerst heraus, da
es zu oberst lag. Dann das Geld. Es war viel Geld, vor allem
waren es Zehner und Fünfziger. Es war sauber glatt gestapelt
und in mehreren Stapeln mit Gummibändern zusammen gebunden.
Dann, zuletzt ein blauer Umschlag, klein, abgegriffen. Ich
nahm ihn zur Hand. Darauf stand Charlies Name.
„Charleston“, nichts weiter.
Langsam öffnete ich den Umschlag und nahm den Brief
heraus. Er war im Gegensatz zum Umschlag in guter Verfassung.
Die Farbe war nicht verblasst, er war kaum zerknickt. Ich
faltete ihn langsam auf und bestaunte die filligrane Handschrift
einer Frau. Ich begann laut zu lesen:
„Mein lieber Sohn,
wenn du diesen Brief liest, dann hat es dein Vater heraus
gefunden. Sei ihm nicht zu böse, er ist ein konservativer
Mann ohne einen Sinn für die heutige Zeit. Er liebt dich,
auch wenn er dich im Augenblick hasst und es dir auch so gesagt
hat. Du warst und bist der Stolz dieses Mannes. Ich habe nie
verstanden, wie er dich so viel mehr lieben konnte, als mich,
doch so war und ist es. Es gibt so vieles, das ich dir sagen
möchte, aber ich habe nicht die Kraft dazu. Ich schreibe
dir diesen Brief in der Hoffnung, du liest ihn eines Tages.
Ich weiß seit vielen Wochen, dass du Martha nicht heiraten
wirst, ich habe es geahnt, seit ihr euch verlobt habt. Ich
habe es gewusst, seit diesem Morgen, als ich dich mit James
in deinem Zimmer erwischte und du etwas davon stammeltest,
dass er am Abend eingeschlafen war und er bei dir übernachtet
hätte. Ich hatte gesehen, dass er nackt dort lag, kein
Mensch schläft aus Versehen nackt ein. Mir ist es egal,
wen du liebst, Hauptsache du wirst glücklich. Ich möchte,
dass du dein Glück findest, dass du jemanden liebst,
der dich nicht nur wegen eines Fehlers in der Vergangenheit
heiratet. Weißt du, dein Vater ist nur dein Vater, weil
er seine Finger nicht von mir lassen konnte. Wir waren nicht
zusammen, wir hatten nur Spaß. Nur ein einziges Mal.
Aber dein Vater war zu sehr Gentleman, um mich nicht zu heiraten.
Mit den Jahren lernten wir uns lieben. Doch ich möchte,
dass du jemanden liebst, nicht weil du dazu verpflichtet bist,
sondern weil es dich glücklich macht.
Ich habe ein Handy gekauft. Darin findest du eine Nummer,
ruf sie an, wenn du so glücklich bist, dass nichts in
der Welt dieses Glück zerstören kann. Der PIN-Code
ist 1212, dein Geburtstag.
In Liebe,
deine Mum“
Ich schwieg. Das alles hatte ich nicht erwartet.
„Und nun bist du so glücklich, dass du die Nummer
anrufen möchtest?“, fragte ich.
„Ja und nein.“, antwortete Charlie nach eine
Weile. Ich rutschte wieder hinter ihn und schmiegte meinen
Kopf an seinen Rücken.
„Ich bin so glücklich, wie meine Mutter es sich
für mich gewünscht hat. Ich habe dich gefunden,
den Menschen, den ich so sehr liebe, dass es schmerzt. Aber
ich habe dich vor Monaten gefunden, der Grund, dass ich überlegt
habe meine Mutter anzurufen ist, dass du mich gefragt hast,
ob ich dich heirate. Dann Lucas. Dein Lucas, der meine Welt
so perfekt macht. Unsere Welt so perfekt macht. Du bist der
ehrlichste Mensch, den ich kenne. Ich wusste am Sonntag, als
ich auf Martha wartete und Lucas im Kindersitz beobachtete,
dass es so weit wahr. Ich hatte den Umschlag schon zuvor heraus
genommen und öffnete ihn dann. Als ich den Brief aber
noch einmal las und die Nummer im Telefonbuch fand, wusste
ich, dass ich es nicht konnte.“
„Warum?“
„Weil ich dir nicht davon erzählt hatte. Ich wollte,
dass du dabei bist.“, sagte er so leise, ich hörte
es kaum.
„Charlie, weißt du was?“
„Hmm?“
„Du hast gerade das schönste gesagt, das du mir
jemals hättest sagen können. So viel mehr, als die
Worte „Ich liebe dich“ sagen können. So viel
mehr.“, ich zog mich so nah an ihn heran, ich wollte
eins mit ihm werden.
Wir saßen da, schwiegen, hielten uns fest. Draußen
ging die Sonne auf und beleuchtete den Raum mehr und mehr.
Unten in der Küche hörten wir, wie jemand Frühstück
zubereitete. Doch in diesem Augenblick war es egal, dass Kindergeschrei
von unten herauf getragen wurde. Lucas und Logan schienen
sich gut zu verstehen, denn dem Geräuch zu urteilen,
spielte der ältere Junge mit ihm.
Ich genoss Charlies wärme, seine nackte Haut an meiner,
seinen Geruch, das Geräusch seines Atmens.
„Was machst du jetzt?“, fragte ich leise.
„Ich werde meine Mum anrufen. Vielleicht nicht jetzt
sofort, sondern wenn all unsere Sorgen vorüber sind.
Wenn ich an nichts anderes denken muss, als an dich.“
Ich nickte, „Was machen wir wegen Mark?“
Charlie drehte sich zu mir um. Ich schaute ihn an, dann lehnte
er sich vor zu mir und küsste mich, es war keiner dieser
leichten Küsse, die wir am Morgen in der Dusche geteilt
hatten, oder hier auf dem Bett, es war der innigste Kuss seit
Tagen. Ich fühlte mich ihm so nah, zog ihn zu mir heran.
„Es tut mir leid, Charlie. Es tut mir so leid.“,
hauchte ich in unseren Kuss.
„Das braucht es nicht. Es war nur eine Frage der Zeit,
bis zu dich in jemanden anderen verliebst.“
Ich stieß ihn von mir: „Ich liebe Mark nicht.“
Er lächelte: „Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte
du bist verliebt, das ist nicht liebe. Das ist eine intensive
Schwärmerei, aber nicht Liebe.“
Er zog mich wieder zu sich heran, „Dan, ich habe damit
kein Problem.“
Ich senkte den Blick, schaute auf meine Hände.
„Aber ich habe damit ein Problem. Ich will nicht an
ihn denken. Ich will nur an dich denken.“
Dann tat Charlie etwas, das ich nie von ihm erwartet hätte.
Heute läuft es mir noch immer kalt den Rücken hinunter,
wenn ich daran denke. Es kam so unerwartet, so aus dem Blauen
gegriffen, ich selbst verstand erst gar nicht war er damit
meinte. Heute ist es mir klar, er erklärte mir wieder
seine Liebe.
„Daniel, hör mir zu, schau mich an.“, ich
blickte auf, „Ich weiß, dass niemand das zerstören
kann, was wir haben. Aber wenn du noch andere Erfahrungen
sammeln willst, sammeln musst, dann möchte ich dich nicht
davon abhalten.“
Ich starrte ihn schweigend an. Ich hatte nichts als eine
meiner Ängste vor ihm ausgebreitet und er gab mir die
Absolution mit anderen zu schlafen. Ich verstand den Satz
in diesem einen Moment so falsch, wie ich ihn nur hätte
verstehen können.
„Soll das heißen, dass du mit anderen Männern
schläfst? Oder Frauen oder was weiß ich?“,
ich stand auf, ging von ihm weg. Ich war enttäuscht,
sauer, verwirrt. Ja, verwirrt in erster Linie.
Charlies Gesichtsausdruck verfinsterte sich und er sah mich
böse an. Er stand auf, ging auf mich zu, ich wich vor
ihm zurück, stand aber sehr bald mit dem Rücken
zur Wand. Ich konnte nicht weiter. Die Türe stand auf
der anderen Seite des Raumes.
„Komm mir nicht zu nah.“, warnte ich ihn, wohl
wissend, dass meine Chancen gering waren. Unten saß
ein Polizist in der Küche und hier wurde ich von jemandem
bedroht, der so viel stärker war.
„Daniel, beruhige dich.“, er blieb stehen, hielt
die Hände hoch, zeigte mir seine Handflächen. Er
war genauso nackt wie ich, eine Boxer und sonst nur nackte
Haut.
„Beruhigen? Ich? Wieso sollte ich. Du schläfst
doch mit anderen und nicht ich.“
Ich rutschte an der Wand entlang, langsam, nur wenige Zentimeter.
„Dan, bitte höre mir zu. Ich habe nie jemand anderen
angefasst, seit wir zusammen sind! Und davor hatte ich Monate
keinen Sex. Daniel, ich liebe dich, wie kann ich dich nur
betrügen?“, fragte er leise und niedergeschlagen.
„Was lässt dich vermuten, dass ich dich weniger
liebe und du mir Fremdgehen gestatten musst? Ich habe dir
gesagt, dass ich mich zu Mark hingezogen fühle und du
sagst: Dann schlaf doch mit ihm! Weißt du was, ich hasse
dich gerade ziemlich!“, keifte ich ihn an, die Zimmertüre
ging auf. Mark!
„Ist hier etwas los?“, fragte er. Er überblickte
die Situation schnell, sah, wie ich mich an die Wand drückte
und wie Charlie auf mich zu kam. Mich offensichtlich einschüchterte.
Hatte er gehört, was ich gesagt hatte? Wahrscheinlich.
„Nein, Mark. Bitte verschwinde.“, sagte Charlie
und blickte ihn an.
Er schaute mich an. Ich rührte mich nicht: „Ich
glaube nicht. Was ist hier los, Daniel?“
„Schön, dann verschwinde ich eben.“, Charlie
schnappte sich seine Jeans und das Shirt vom Vortag und die
Schuhe, die vor dem Bett standen und verschwand rasend schnell
aus dem Zimmer. Ich hörte, wie die Tür zugeworfen
wurde und Sekunden später unser Mietwagen die Auffahrt
hinunter fuhr. Ich stand noch immer gegen die Wand gelehnt,
konnte mich nicht rühren.
Das war alles so schief gelaufen, so schief. Ich wollte das
alles nicht, so ein schöner Moment und wer macht ihn
wieder kaputt? Ich. Wie konnte ich nur so egoistisch sein?
Ich sank zu Boden; Mark stand noch immer in der Türe.
Warum ging er nicht einfach weg? Ich wollte jetzt echt keine
Gesellschaft.
„Mark, Lucas hat sich den Kopf gestoßen!“,
rief Logan die Treppe hinauf. Ich sah auf, hörte aber
kein Geschrei. Ich sprang in Sorge auf, rannte hinunter
und sah, dass Lucas auf dem Spielteppich saß und sich
den Kopf hielt. Er weinte nicht, saß da und hielt
sich die Stirn. Ich nahm ihn auf den Arm, er weinte noch
immer nicht.
Mark reichte mir einen nassen Lappen: „Hier, leg
das darauf.“, ich nahm ihn und setzte mich mit Lucas
auf einen Stuhl. Lucas schaute mich an, ich betrachtete
seine Beule.
„Logan, wie ist das passiert?“, fragte ich
das Kind, das sich an Marks Hose fest hielt, offensichtlich
in Angst jetzt Ärger zu bekommen.
„Er hat versucht sich hinzustellen. Dann ist er umgefallen.
Mit dem Kopf an das Tischchen.“, sagte der Junge leise.
„Nicht so schlimm. Du hast keine Schuld.“,
sagte ich ihm.
„Geh wieder spielen, Schatz.“, forderte Mark
ihn auf.
Logan ging in den Garten, ich schaute mir die Beule noch
einmal an.
„Daniel, weißt du, dass du ein erstaunliches
Kind hast? Logan konnte erst mit fast anderthalb Jahren
stehen.“
„Wirklich? Lucas macht das schon seit er bei mir
ist. Zunächst hat er überall gesessen, dann hat
er sich an den Möbeln hochgezogen und daran fest gehalten.
Ich dachte, das sei normal.“, ich schaute ihn an.
„Das ist es auch, aber nicht für ein neun Monate
altes Baby. Kann er noch etwas?“
„Ich weiß nicht. Er weiß, wer ich bin.
Er weiß, wer er ist und wer Charlie ist.“
„Und er redet viel. Das habe ich schon bemerkt. Erstaunlich,
ehrlich. Du hast einen wirklich lieben Sohn.“, er
lächelte mich an.
Lucas kuschelte sich in dem Moment an mich.
„Was war da oben los, wenn ich fragen darf?“,
fragte Mark nach einer Weile.
„Ich weiß nicht so recht. Ich glaube wir hatten
unseren ersten Streit. Er, ich ..“, mir versagte die
Stimme.
„Er kommt zurück, ganz sicher.“, beruhigte
mich Mark, „Rührei?“, ich nickte und wir
aßen gemeinsam. Lucas probierte auch und war hell
auf begeistert.
„Wann ist Testamenteröffnung?“, fragte
ich Mark.
„Um ein Uhr. Aber wir müssen eine ganze Weile
fahren, bis wir da sind. Wir sollten also nicht zu lange
warten.“
Also fuhren wir um halb zwölf, ohne Charlie, los.
Er war noch immer nicht zurück gekommen. Mark fuhr
mich und Lucas zum Anwalt am anderen Ende der Stadt. Es
stellte sich heraus, dass Lucas nun das Haus gehörte,
in dem Jamie gewohnt hatte. Ein nettes, nicht all zu kleinen
Haus. In etwa so groß, wie das von Mark. Mit viel
Garten. Ich unterschrieb, dass ich, bis Lucas alt genug
war, alles verwahren und in Stand halten würde. Wie
ich das machen sollte, wo ich doch in New York lebte und
das Haus in L.A. stand, wusste ich nicht. Aber dafür
würde sich sicher eine Lösung finden lassen.
Wir fuhren noch zu dem kleinen Beerdigungsunternehmen und
sprachen alles wichtige ab. Ich weinte nicht einen Moment,
auch wenn ich das erwartet hatte.
Am Abend kehrten wir zurück, was mir sofort auffiel
war, dass noch immer unser Mietwagen nicht auf der Auffahrt
stand. Charlie war also doch wütender gewesen, als
ich es gehofft hatte. Meine gute Laune sank tief und ich
brachte den schlafenden Lucas ins Bett. Logan war bei einem
Nachbarsmädchen geblieben, das ihn schon ins Bett gebracht
hatte.
Es war dunkel, als Mark und ich im Wohnzimmer saßen.
Wir redeten nicht, schauten fern. Sport. Also konnte ich
meine Gedanken fliegen lassen.
Wo Charlie nur war? Ich hatte meine Mailbox ein paar Mal
abgehört, aber nichts. Mein Handy war den ganzen Tag
stumm geblieben. Ich machte mir mittlerweile echt sorgen.
Ich rief sogar in dem Hotel an, dass wir gebucht und bezahlt
hatten. Auch dort war er nicht, das Zimmer war unbenutzt.
Ich sagte, dass sie mich bitte sofort anrufen sollten, falls
Charlie doch noch auftauchen würde. Der Concierge fragte,
ob er das Zimmer weiter vermitteln könne, natürlich
würden wir unser Geld zurück bekommen. Ich sagte
ja.
Ich stand vom Sofa auf und hörte noch einmal meine
Mailbox ab, noch immer nichts. Ich war schwer versucht Martha
in New York anzurufen, zu fragen, ob sie etwas von ihm gehört
hatte. Aber dort war es mitten in der Nacht.
„Noch immer nichts von ihm?“, fragte Mark.
Ich schüttelte den Kopf.
„Vielleicht sollten wir einmal bei meinen Kollegen
anrufen. Ich weiß nicht, nur um Sicher zu gehen.“,
mittlerweile war mir alles recht. Hauptsache ich würde
Charlie zurück bekommen. Hauptsache, ich könnte
mich bei ihm entschuldigen. Ich nickte also und Mark verschwand
in sein Arbeitszimmer. Ich starrte auf den Fernseher und
sah doch nichts. Bewegte Bilder, aber kein Ton. Ich umschlang
meine Beine und hielt mich an mir selbst fest.
Nach einer Ewigkeit, die mir als solche aber gar nicht
bewusst wurde, kam Mark zurück.

„Daniel, ich möchte nicht, dass du dich aufregst,
aber wir haben drei unbekannte Männer heute aufgenommen.
Einer davon passt auf die Beschreibung Charlies.“, ich
sprang auf, „Er liegt im Krankenhaus. Wir sollten da
schnell hinfahren.“
Er hatte noch gar nicht ausgeredet, da war ich schon bei
der Haustüre.
„Warte, ich rufe eben Laura an, ob sie noch einmal
rüber kommen könnte, um auf die Kinder zu achten.“
Zwanzig Minuten später fuhren wir endlich los.
Ich hatte die ganze Zeit nicht ein Wort gesagt. Was, wenn
Charlie .. ich konnte es noch nicht einmal denken. Mark fuhr
so schnell es erlaubt war, doch mir ging das bei weitem zu
langsam.
Endlich erreichten wir das Krankenhaus.
Schreiben
oder lesen Sie feedback zu dieser geschichte
Autoren möchten gerne Feedback haben! Bitte stimmen
Sie ab und schicken Sie dem Autor eine Nachricht
und schreiben Sie was Ihnen an der Geschichte
(nicht) gefallen hat..
|