| Am nächsten
Morgen wachte ich spät auf. Die Sonnenstrahlen drangen
durch die Ritzen der Jalousien in mein Schlafzimmer, und es
sollte noch einmal ein richtig warmer Tag werden. Ich duschte
und zog mich an. Die Uhr zeigte kurz vor elf, so daß
mein Frühstück und Mittagessen ineinander übergingen.
Kein Wunder, war es schließlich gestern zwei Uhr geworden,
bis ich endlich in mein Bett gesunken war. Ach ja, gestern.
Jetzt fiel mir alles wieder ein. Der Junge. Der Überfall
der Skin*heads. Mein heldenhaftes Einschreiten. Und dann …
Warum war er auf einmal so aggressiv geworden, als ich ihm
helfen wollte? Warum war er einfach davongelaufen? »Du
kannst mir nicht helfen«, die Worte klangen mir im Ohr.
Nachdem ich etwas gegessen hatte, setzte mich ich an meinen
Computer. Ich wollte ein bißchen im Internet surfen,
aber meine Gedanken schweiften immer ab. Roland hieß
er also. Und er war schwul – mehr wußte ich nicht
über ihn. War es nur Neugierde, oder empfand ich mehr
für ihn?
Am Nachmittag fuhr ich zu meinen Eltern. Mein Vater feierte
seinen Geburtstag, der schon einige Tage vorher gewesen war,
und meine Großeltern, Tanten und Onkel waren eingeladen.
Ich muß sagen, ich bin nicht gerade ein Fan von solchen
Familienfeiern, aber sie sind wohl unausweichlich. Am frühen
Abend gingen unsere Verwandten nach Hause. Meine Eltern fragten,
ob ich noch etwas bleiben wollte, aber ich sagte, daß
ich heute noch lernen müßte, und fuhr ebenfalls.
In meinen vier Wänden angekommen, stellte ich eine CD
an und legte mich auf mein Bett. Mir gingen die Bilder des
vergangenen Abends nicht aus dem Sinn. Als er gestern dort
neben mir gelegen hatte, seinen Kopf in meinem Schoß,
da hatte ich zum ersten Mal etwas gespürt, etwas, das
ich nicht beschreiben konnte. Immer wieder sah ich sein Gesicht
vor mir. Wer war er wohl? Was machte er gerade?
Ich saß noch eine ganze Weile so da. Irgendwann hielt
ich es nicht mehr aus. Ich verließ das Haus und ging
durch die Stadt. Automatisch schlug ich bald den Weg ein,
der an den Fluß führte, zu der Stelle, an der ich
gestern Abend auf die Skinheads gestoßen war. Es war
noch hell, als ich die Brücke erreichte. Auf der wenig
befahrenen Straße davor spielten Kinder. Ich ging den
kleinen Weg am Ufer entlang, kam an das Gebüsch, hinter
dem ich mich versteckt hatte. Bei Tageslicht sah die Bucht
ganz anders aus. Ich weiß nicht, was ich dort eigentlich
suchte. Ich ging weiter zu der Stelle, wo wir gesessen hatten.
In dem feinen Kies war noch eine Kuhle zu erkennen. Ein paar
Meter weiter lag eine Bierflasche. Einer der Skinheads mußte
sie wohl weggeworfen haben. Ich blickte mich um. Niemand war
in der Nähe. Naja, wen hatte ich denn erwartet? Hatte
ich geglaubt, Roland hier zu sehen?
Ja, das war es wohl, gestand ich mir ein. Ich hatte gehofft,
ihn wiederzusehen, auch wenn es völlig naiv war. Ich
wollte wissen, wer er war. Weshalb er einfach weggelaufen
war … Was war das, was ich fühlte? Ich hatte noch
nie solche Gefühle für einen Menschen verspürt.
Ich ging den Weg zurück. Es war ein warmer, angenehmer
Sommerabend, der langsam in die Nacht überging. Die Sonne
war fast ganz hinter den Wohnblocks verschwunden, sie warfen
lange Schatten auf die Straßen. Zwischen den Gebäuden
spielten noch einige Kinder, die Erwachsenen saßen auf
den Balkons, ich hörte Gelächter. Der Geruch von
Gegrilltem drang mir in die Nase. Ich streifte durch das Viertel.
Die Wohnungen waren von der billigen Sorte, viele Häuser
warteten schon sein Jahren auf eine Sanierung. Die Arbeitslosenquote
in solchen Gebieten lag über 40 Prozent. Eine besonders
sichere Gegend war es nicht, in ein paar Stunden würden
die Straßen dunkel und menschenleer sein – von
einigen lichtscheuen Gestalten abgesehen. Ob er hier wohnte?
Am Ende der Siedlung traf ich auf eine verlassene Tankstelle.
Von den Zapfsäulen war nichts mehr zu sehen, nur noch
das Dach und eine Baracke standen da und wuchsen langsam zu.
Solche verfallenen Ruinen fand man hier hier überall.
Ich drehte mich um und ging den gleichen Weg noch einmal zurück.
Die Sonne war nun ganz verschwunden, am wolkenlosen Himmel
kam schon schwach der Mond hervor. Irgendwo weinte ein Kind,
ein Hund bellte. Glaubte ich, ihn hier zu finden?
Als ich um die Ecke eines Gebäudes bog, sah ich auf der
anderen Straßenseite eine Gruppe junger Männer.
Sie waren ähnlich gekleidet wie die Skinheads gestern
Abend. Ich erkannte jedoch niemanden von ihnen. Sie schienen
schon stark betrunken zu sein und grölten laut, Rufe
wie »Sieg Heil!« waren zu hören. Ich hielt
mich im Schatten des Wohnhauses, und sie gingen vorbei. Aus
einem Fenster beschwerte sich eine Frau laut über die
Ruhestörung. Dann waren sie wieder verschwunden. Ich
sah mich um. Auf einmal war es still geworden in dem Viertel.
Nur von einem entfernten Balkon schallte gedämpft Gelächter
herüber. Ich sah auf die Uhr. Gleich halb elf.
Eigentlich müßte ich langsam zurückgehen.
Der Rückweg würde mich wohl mindestens eine halbe
Stunde kosten. Ich war wieder am anderen Ende der Siedlung,
nach links ging die Straße zur Brücke. Ich atmete
tief die warme Nachtluft ein. Der Mond war nun vollständig
aufgegangen, die Sterne strahlten hell.
Jetzt stand ich wieder unter der flackernden Laterne. Obwohl
es das Vernünftigste wäre, den Rückweg anzutreten,
zog mich irgendetwas noch einmal auf den kleinen Weg am Ufer
entlang. Im fahlen Mondlicht ging ich langsam voran. Ich mußte
aufpassen, nicht über eine Wurzel zu stolpern. Einige
Meter weiter rauschte der schwarze Fluß neben mir her.
Im Gebüsch vor mir raschelte es, ich konnte aber nichts
erkennen. Als ich weiterging, hörte ich weiter vorne
ein Platschen. Es war, als ob ein kleiner Stein ins Wasser
geworfen wird. Ich blieb stehen und lauschte. Kurz darauf
hörte ich es noch ein zweites Mal, dann war es wieder
still. Ich wartete noch etwas, dann ging ich weiter. Als ich
mich der Bucht näherte, hörte ich wieder etwas.
Es klang nach einem Menschen. Jemand weinte. Hinter den Bäumen
sah ich eine Gestalt am Wasser sitzen. In der Hand glimmte
eine Zigarette. Als ich näher kam, konnte ich im hellen
Mondschein das Gesicht erkennen. Es war das Gesicht, das mir
seit gestern nicht mehr aus dem Kopf ging.
Leise trat ich aus dem Gebüsch heraus und stand noch
etwa drei Meter von ihm entfernt. Er hatte mich noch nicht
bemerkt.
»Hey«, sagte ich leise. Erschrocken fuhr er herum.
Ich ging auf ihn zu und setzte mich neben ihn auf den Kies.
Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und blickte
mich an. »Was machst du hier?«
»Ich habe dich gesucht«, antwortete ich
»Mich? Warum?«
»Du bist einfach weggelaufen gestern.«
»Du kannst mir eh nicht helfen. Keiner kann mir helfen
… Laß mich in Ruhe«, sagte er und wandte
sich ab.
»Was hast du denn, warum hast du geweint?« Ich
bekam keine Antwort. Er zog an seiner Zigarette und sah aufs
Wasser, seine Augen waren wieder feucht.
»Du bist schwul?«, fragte ich vorsichtig. Er nickte,
ohne mich anzusehen.
»Ich auch.« Ich sagte das einfach so, ohne dabei
Hemmungen zu haben. Dabei war es das erste Mal, daß
ich es jemandem anvertraute. Roland sah mich überrascht
an.
»Ja?«
»Hmm.«
»Tut mir leid für dich. Wir Schwule haben es nicht
leicht auf dieser beschissenen Welt. Hast du ja gesehen. Sie
werden uns immer verfolgen, überall.«
Ich schwieg. Dann fragte ich: »Woher wissen die, daß
du schwul bist?«
»Ach, das ist 'ne lange Geschichte …«, sagte
er.
»Es interessiert mich, ehrlich.«
Er nahm noch einen Zug von seiner Zigarette und warf den Stummel
ins Wasser. Dann streckte er seine Beine aus und begann, zu
erzählen.
»Ach, das ist schon fast 'n Jahr her, als ich noch zur
Schule ging. Einer von denen gestern, Kevin heißt er,
war damals in meiner Klasse. Ich hatte da irgendwie schon
immer den Ruf gehabt, daß ich schwul war … Lag
wohl daran, daß ich immer 'n ziemlicher Außenseiter
war und keine Freundin hatte. Und dann einmal, als wir nach
dem Sport geduscht haben, hab' ich 'nen Steifen gehabt. Du
weißt ja, wie das ist, wenn man mit allen anderen zusammen
duscht … Ich hab' natürlich versucht, das zu verstecken,
aber sie haben's natürlich gesehen und die ganze Zeit
gerufen, daß ich schwul bin und so. Naja, war natürlich
total peinlich. Ich hab' mich noch nie so blamiert gefühlt
wie dann. Und so sind dann die ganzen Gerüchte entstanden.
Und dann irgendwann hatten wir nachmittags noch Sport, und
ich hatte mir gerade vorher eins von diesen Schwulenheften
gekauft. Normalerweise war ich immer vorsichtig und hätte
das nie mitgenommen, aber an dem Tag ging's nicht anders,
und ich habe's in meiner Tasche versteckt. Tja, und dann hatten
wir Sport, und als ich hinterher zu Hause in die Tasche guckte,
war das Heft weg. Klar, das muß mir auch immer passieren.
Ein paar Tage später kam Kevin nach der Schule auf mich
zu, ob ich nicht was vermissen würde und so. War natürlich
klar, wie er da drangekommen war. Und dann hat's nicht mehr
lange gedauert, bis es alle wußten. Manche haben mich
ganz offen auf dem Schulhof angemacht, bei anderen habe ich's
auch so gemerkt. Haben plötzlich nicht mehr mit mir geredet,
oder wollten sich nicht mehr neben mich setzen. Auf unserer
Abschlußfahrt wollte keiner mehr mit mir auf ein Zimmer.
Das war echt eine Scheiß Zeit … Ich hab' die Schule
gehaßt, kannst du mir glauben. Gott sei Dank ist das
jetzt vorbei.» Er machte eine Pause. «Naja, und
seit Kevin bei den Skins ist, sind die halt hinter mir her.»
Er hob einen kleinen Stein auf und warf ihn ins Wasser.

»Aber am meisten habe ich noch Angst davor,
daß mein Vater war erfährt. Der ist ein echter
Schwulenhasser. Er haßt mich sowieso, das weiß
ich. Den ganzen Tag säuft er, und dann brüllt er
rum und schlägt um sich …« Er schniefte.
Diesmal hatte ich ein Taschentuch dabei und streckte es ihm
hin.
»Schlägt er dich?«, fragte ich.
»Was denkst du denn? Früher hat er mich öfter
geschlagen. Jetzt nicht mehr soviel, meistens droht er nur
noch damit. Aber meine Mutter schlägt er dauernd. Ich
weiß, wenn er rauskriegt, daß ich schwul bin,
schlägt er mich tot. Aber soweit wird es nicht kommen.
Ich werde ihm zuvorkommen.«
»Was meinst du damit? Du willst dich umbringen?«,
fragte ich entsetzt.
Er zuckte mit den Schultern. »Was soll ich sonst machen?
Ich kann sowieso kein normales Leben führen. Wenn mich
nicht mein Vater umbringt, dann die Skins. Sie werden die
Schwulen immer verfolgen.«
»Du kannst doch von hier wegziehen.«
»Du hast doch keine Ahnung!«, erwiderte er. »Die
finden einen überall. Und wo soll ich denn hin? Arbeit
finde ich nirgendwo, nur mit Hauptschulabschluß, und
von meinen Eltern kriege ich keinen Pfennig. Aus dieser Scheiß
Stadt komme ich nie raus.« Ich schwieg. Was sollte ich
sagen? Ich wollte ihn davon abbringen, auch wenn ich nicht
sicher war, ob er das wirklich ernst meinte. Aber was er sagte,
stimmte ein bißchen.
Er zog eine Schachtel Zigaretten aus seiner Tasche, steckte
sich eine in den Mund und zündete sie an. Er hielt mir
die Packung hin, aber ich lehnte ab.
Er deutete mit der Zigarette auf die Brücke. »Ich
steig' über's Geländer und springe runter, und dann
mach' ich einfach gar nichts mehr. Nicht bewegen, nicht atmen,
nichts. Und das war's.« Er machte eine Pause. »Aber
was soll's, ich weiß gar nicht, warum ich dir das alles
erzähle. Interessiert dich doch eh nicht …«
Wir schwiegen wieder. Das Rauschen des Wassers kam mir jetzt
viel lauter vor als bei Tage. Ich blickte auf den schwarzen
Fluß. Die Mondsichel spiegelte sich im Wasser wider.
Es war angenehm, ihm zuzuhören. Er hatte eine sanfte,
ruhige Stimme. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie er sich
fühlte. Er hatte Recht, mit arbeitslosen Eltern und ohne
Job war es nicht leicht, von hier wegzukommen. Aber war das
das einzige, was ihn so traurig machte?
»Hast du einen Freund?«, fragte ich vorsichtig.
Er schüttelte den Kopf. »Du?«
»Nein.«
Er hielt mir seine Zigarette hin. »Willst du wirklich
nicht?« Ich nahm einen kurzen Zug und gab sie ihm zurück.
Gleich darauf mußte ich husten. Oft hatte ich noch nicht
geraucht.
»Wie viele Leute wissen, daß du schwul bist?«,
fragte er
»Du.«
»Sonst keiner?«
»Nein.«
»Wie heißt du eigentlich?«
»Andy.«
»Ich muß dir noch Danke sagen, Andy. Für
gestern … Das war sehr mutig.«
»Naja, ich hatte schon ziemliche Angst … Wie geht's
dir denn?«
»Ist schon OK.«
»Du wolltest nicht zum Arzt, damit dein Vater nichts
erfährt, stimmt's?«
Er nickte. Dann sahen wir wieder eine Weile auf den Fluß.
Die Reflexionen der Sterne tanzten wie kleine Lichter auf
den Wellen. Nahe am Ufer, wenige Meter vor unseren Füßen,
plätscherte das Wasser gleichmäßig. Wir waren
völlig allein. Roland rückte näher an mich
heran und legte seinen Arm um meine Schultern.
»Hattest du schon mal einen Freund?«, fragte er
mich leise.
»Nein.«

»Es tut mir leid, daß ich gestern
so unhöflich war. Ich wollte das nicht … Ich habe
den ganzen Tag an dich gedacht …« Er sah mich
an. Er hatte wunderschöne braune Augen. Ich konnte seinen
Atem im Gesicht spüren. »Als ich hier eben gesessen
habe, hab' ich an dich gedacht. Ich habe gehofft, daß
du hier vorbeikommen würdest. Es war völlig unsinnig,
ich weiß nicht, warum ich sowas gedacht habe. Und dann
standst du plötzlich da …«, sagte er und
machte eine Pause.
»Ich glaube ich liebe dich, Andy«, flüsterte
er.
Er zog mich an sich, ich schloß die Augen, und wir gaben
uns einen innigen Kuß. Ich hielt ihn umschlungen und
wollte ihn nie mehr loslassen. Die ganze Zeit hatte ich mich
nach nichts anderem gesehnt. Ich spürte die Wärme
seines Körpers und roch seinen Duft.
»Ich dich auch.« Ich griff in seinen Nacken und
kraulte durch seine Haare. Er legte seinen Kopf in meinen
Schoß. Ich spürte seinen gleichmäßigen
Atem auf meiner Brust. Schweigend lagen wir da und genossen
die Nähe des anderen. Es gibt keinen Platz auf der Welt,
an dem ich in diesem Moment lieber gewesen wäre als hier
in dieser kleinen Bucht.
Irgendwann merkte ich, daß Roland eingeschlafen war.
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Einer sagte mal zu mir:
Wenn du jemanden kennenlernst und der dir immer hilft
egal was es ist Schätze ihn und behandel ihn wie Gold.
Doch geht er, verlierst du alles im Leben was dir Lieb ist.
Entscheide dich was du machst und Denk gut nach bevor du den
Größten Fehler deines Lebens machst.
Ich hab den Rat befolgt und viele Menschen kennengelernt und
Sie sind in meinem Herzen, doch als einer ging nahm er mein
Lachen mit.
Und keiner schafft es mir dieses Zauberhafte Lachen wieder
zu geben!!!!
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