| „Deutschland
den Deutschen“ stand in großen roten Buchstaben
an einem Haus geschrieben, das auf der anderen Straßenseite
stand. „Scheiße, ihr Idioten lernt auch niemals
dazu“ schoss es mir durch den Kopf, denn ich münzte
diesen Spruch irgendwie auch auf mich. Auch ich war wegen
meines Schwulseins Außenseiter wie viele Ausländer
auch. Hat mich je ein Mensch gefragt ob ich es mir freiwillig
ausgesucht hatte ein Homo zu sein? Natürlich nicht, dazu
war ich zu unwichtig. Meine Seele geriet geradezu in Schieflage
und ich konnte mir nicht erklären, was mich plötzlich
so tief in den Abgrund zog. War es die Einsamkeit, die mir
auf Schritt und Tritt folgte oder war es die Intoleranz, mit
der ich und andere Randgruppen klar kommen mussten. Ich hasste
mich in diesem Moment abgrundtief und fing an zu weinen. „Hey,
mach mal Platz, ich will ins Haus“ hörte ich eine
ältere Dame keifen. Ich senkte meinen Kopf und stand
auf, so dass sie ohne Probleme die Tür aufschließen
konnte. Kaum war sie wieder verschwunden nahm ich erneut auf
den Stufen Platz. „Gott, wenn es dich gibt beantwortete
mir nur eine Frage“ jagte ich eine Botschaft gen Himmel.
„Wieso musste ausgerechnet ich schwul werden. Hättest
du dir nicht Levin, Sergej oder irgendeinen anderen Jungen
dafür aussuchen können. Wieso ausgerechnet mich,
der eh nicht stabil genug für das Leben war“. Obwohl
ich wartete und wartete bekam ich keine Antwort zurück.
„Ich hasse dich, damit du es weißt. Und wenn ich
später dafür in die Hölle komme ist es mir
auch egal“.
Mein Leben glitt mir in diesem Augenblick durch die Finger
und ich bekam einen depressiven Schub. Ich stürzte regelrecht
vom Berg des Lebens in das tiefe Tal der Traurigkeit. Dort
warteten schon viele Seelen auf mich, denen es nicht gelang
ihr kurzes Leben zu meistern. „Würde ich auch mit
einem Strick um den Hals enden oder mir eine Kugel durch den
Kopf jagen“ fragte ich mich und wagte mir doch keine
Antwort darauf zu geben. „Glück ist relativ, denn
wenn man es hat, weiß man es häufig nicht zu schätzen.
Doch wenn man es vermisst oder verzweifelt sucht und nicht
findet, dann kann man daran auch zu Grunde gehen“ erschwerte
ich mein Herz zusätzlich und bemitleidete mich selbst
am meisten. Es schien, als sei alles Unglück dieser Erde
auf mich fokussiert. Diese Last zu tragen schien mir unmöglich.
Als ich auf der anderen Straßenseite ein junges Pärchen
Arm in Arm gehen sah bestätigte es nur meine Niedergeschlagenheit.
Die Tränen liefen und der Regen fiel auf den Boden.
Eine Frage beschäftigte mich unentwegt: „Wieso
gibt es Homosexuelle, die mit ihrem Leben klar kamen. Wieso
konnten sie ihr Schwulsein offen zeigen“. Ich fand keine
Antwort darauf und redete mir ein, dass es an meinem jungen
Alter lag. Auf einmal klingelte erneut mein Handy und sofort
erkannte ich Oktays Stimme. „Ey Alter, alles klar bei
dir. Mir und Jan-Hendrik geht es tierisch gut. Wir haben viel
Spaß und das gewisse Etwas kommen auch nicht zu kurz,
wenn du verstehst“. „Freut mich“ war mein
schlichter Kommentar. „Ey Micha, was ist denn mit dir
los, du hörst dich so merkwürdig an“ dröhnte
es in meiner Ohrmuschel. „Nichts, alles in Ordnung“
entgegnete ich und fing leise an zu weinen. „Ey, hör
auf zu lügen, ich weiß genau, das du irgendetwas
hast. Also red keine Kacke“ schimpfte Oktay. Ich musste
tatsächlich kurz lachen. „Ach, uns was willst du
mit mir machen. Sexentzug oder Arschversohlen“ gab ich
hämisch zurück. Jan-Hendrik, ich muss mal eben allein
sein“ hörte ich ihn sagen und wenig später
fuhr Oktay fort: „Micha, wenn dich etwas bedrückt
sag es mir bitte. Wir sind Freunde hast du das etwa vergessen.
Wenn du möchtest komme ich noch heute nach Hause, also
verkaufe mich jetzt nicht für doof. Ich kenne dich, also
raus mit der Sprache“. Es wurde ein langes Gespräch
und immer wieder versuchte mir Oktay dabei begreiflich zu
machen, das ich nur in einem kleinen Loch war und schon bald
wieder der Alte sein würde. „Du hast gut reden,
immerhin hast du Jan-Hendrik, der dich liebt und dir aus der
Hand futtert“. Natürlich ließ Oktay das nicht
auf sich sitzen: „Ey, nun übertreib mal nicht.
Auch wieder streiten uns manchmal und glaub mir, Jan-Hendrik
gibt selten klein bei. Manchmal frage ich mich wer von uns
beiden die Hosen anhat. Doch da ich Türke bin stellt
sich die Frage nicht wirklich. Ich muss ihn nur noch ein bisschen
formen, dann passt es schon“. Wir lachten beide um die
Wette, denn das glaubte er nicht wirklich. „Träum
weiter mein Süßer“ verhöhnte ich ihn
und wünschte ihn gleichzeitig in meiner Nähe. Oktay
war ein Mensch, der wie ich tickte. In vielen Dingen fühlten
wir gleich und noch immer begriff ich nicht, wieso ich damals
nicht um seine Liebe gekämpft hatte. Man sagt vielen
Türken nach, dass sie oberflächlich sind. Mag alles
sein, nur mein Freund war es nicht. „So, nun muntere
mich mal auf, erzähle ein bisschen von eurem Sex“
schob ich nach, doch das einzige, was er darauf entgegnete
war „Sau“. Nach einigen Sekunden brach er sein
Schweigen und meinte: „Glaub bloß nicht, das Urlaub
gleich Urlaub vom Sex heißt. Im Gegenteil, wir sind
ganz wild aufeinander. Und noch immer bin ich eher seine kleine
Türkenstute als sein bockgeiler Hengst. Jan-Hendrik versteht
es immer wieder mich willenlos zu machen. Ey Alter, er ist
so, so, so, ich kann ihn gar nicht richtig beschreiben. Egal,
ich liebe ihn über alles, weil er mich so nimmt wie ich
bin. Okay, er besteht auf gewisse Dinge, aber auch Türken
lernen bekanntlich dazu. Und damit du es weißt: „Auch
wenn ich mit Jan-Hendrik zusammen bin wirst du immer mein
Freund bleiben. Ich werde immer für dich da sein, vergiss
das nie“. Es tat gut, das zu hören, auch wenn es
damit nur mein Hirn, nicht aber meine Seele erreichte.

Sarkasmus ist, wenn man jemandem beiläufig
erzählt: „Wenn du wiederkommst, liege ich vielleicht
schon eingebuddelt in der Erde. Genau, das erzählte ich
Oktay. Ein Zornausbruch ist, wenn man antwortete: „Glaub
mir, ich buddele dich dann wieder aus und dann bekommst du
Schläge, bis du zu Staub verfällst“. Das trommelte
mein Freund durch den Hörer. „Ach, ich bin schon
wieder halbwegs normal“ versuchte ich die Lage zu entspannen
und hörte: „Aber nur halbwegs“. Unser Gespräch
wurde entspannter, denn mir war längst klar, das Oktay
die Sache nicht kalt ließ. Er sollte einen schönen
Urlaub verbringen. Ich musste einfach lernen mich zusammen
zu reißen, auch wenn das gar nicht so einfach war. Erst
nach einer satten Stunde beendeten wir das Gespräch und
Oktay bestand darauf mich gleich am nächsten Tag wieder
anzurufen. „Ich würde dich am liebsten auf der
Stelle…, ach lassen wir das, dafür hast du ja Jan-Hendrik“
gab ich am Schluss zum Besten. „Ja, das ist wieder mein
alter Micha, so hab ich dich gern“. Ich denke jeden
Tag an dich und werde nie vergessen, dass du mich vor meinen
Eltern gedeckt hast. Jan-Hendrik sieht das auch so und er
meint, das du etwas Besonderes bist“. Im Nachsatz spottete
er dann noch: „Vielleicht macht er dich dafür ja
in der nächsten Saison zum Kapitän“. Als wir
auflegten klarte sich das Wetter auf. Meine Laune war nur
bedingt besser geworden, aber immerhin hatte ich Oktays und
Martins Stimme hören können. „Eine Welt ohne
meine Freunde ist wie ein Brot ohne Käse, ein Auto ohne
Benzin und ein Kino ohne Film“ befand ich und schwang
mich auf meinen Drahtesel. Kaum saß ich auf dem Sattel
als es schon wieder klingelte. „Hey, hier ist Levin“
hörte ich und antwortete: Wer sonst“. Er wollte
von mir wissen, ob wir noch etwas unternehmen wollten, doch
ich sagte, dass es mir nicht gut ginge. Ohne das Thema näher
auszuführen akzeptierte er meine Absage. Das Gespräch
war überraschend kurz, aber ich dachte mir nichts dabei.
Zuhause angekommen ging ich erst einmal duschen, ehe ich den
Kühlschrank nach Essbarem durchsuchte. Mama ließ
mich tatsächlich in Ruhe, nachdem ich sie darum bat.
Manchmal geschehen eben doch Wunder. Ich wollte einfach nur
allein sein und von niemandem in meiner Traurigkeit gestört
werden. Dieser Plan hielt genau 62 Minuten, ehe es an meiner
Tür klopfte. „Mama, bitte, lass mich in Ruhe, du
nervst“. Als die Tür aufging erkannte ich sofort,
dass es nicht das Gesicht meiner Mutter war. „Was, wass
machst du denn hier“ nuschelte ich, während Levin
ins Zimmer kam. Er schloss die Tür und setzte sich zu
mir aufs Bett. „Glaubst du echt, dass es mir egal ist,
wenn es dir nicht gut geht. Wir sind Freunde, also bin ich
hier“. Ich konnte ihn nur noch anstarren und er riss
mich erst aus dem Nebel, als fortfuhr: „Hey aufwachen,
ich bins, der Levin“. Dabei stupste er mich an. „Ähhh,
ja Hi, schön, dass du gekommen bist“ stotterte
ich zurück. „Nee, gekommen bin ich heute zwar nicht,
aber ich wollte schon wissen, wie es dir geht“ verhöhnte
er mich und grinste dabei so unverschämt frech, wie nur
er es konnte. „Ich habe uns `nen Sechserträger
mitgebracht. Warte, ich hole ihn aus den Rucksack raus“.
Ich staunte immer mehr und war immer noch etwas baff. „Übrigens,
du hast ein schönes Zimmer. Ist dir klar, das wir uns
noch nie besucht haben“ fuhr er fort und öffnete
zwei Bierflaschen mit `nem Feuerzeug. Wir prosteten uns zu
und sahen uns immer wieder an. „Weiß du Micha,
das Leben ist doch irgendwie verrückt. Seit etlichen
Tagen will ich dir etwas beichten, aber entweder verliere
ich den Mut oder es ist nicht der richtige Moment. Echt irre,
was“. Zwar verstand ich nicht wirklich, was er mir damit
sagen wollte, aber sicherheitshalber nickte ich trotzdem und
sagte: „Ey, ich weiß doch, das du auf mich stehst.
Du würdest in meiner Sammlung echt noch fehlen. Aber
wenn wir erst einmal zusammen sind, musst du akzeptieren,
dass wir nur an geraden Tagen Sex haben können. Ich bin
nämlich abergläubig, musste wissen“. Levin
sah mich an, wie ein Frosch vor dem Kühlregal. Trotzdem
antwortete er trocken: „Träum weiter“.

Es wurde ein recht lockerer Abend und Levin
verstand es tatsächlich mich wieder aufzumuntern. Allein
seine Anwesenheit machte mich glücklich. Auch wenn ich
es nur im Scherz gemeint hatte mit dem Zusammengehen, so war
doch ein Funken Wahrheit dabei. Levin war der Inbegriff eines
schönen Mannes und vielleicht fand ich ihn auch deshalb
so sexy, weil er ein Hetero war. Nur Gott weiß, was
ich wirklich für ihn empfand. Leider hatten wir die sechs
Bierchen ziemlich schnell ausgetrunken, doch das tat der Stimmung
überhaupt keinen Abbruch. Die Zeit schritt voran und
es war schon 23.20 Uhr. „Stört es dich, wenn ich
heute Nacht hier penne“ wollte Levin wissen und sofort
hüpfte mein Herz. „Nö, aber dann werden wir
wohl beide keinen Schlaf finden“. Levin stand auf und
bevor er ins Bad ging trommelte er zurück: „Du
hast echt nur Sex im Kopf, du Träumer“. Als er
wieder kam zog er sich bis auf die Boxershorts komplett aus.
„Ey, das ist unfair, wieso ziehst du sie nicht auch
aus“ nölte ich ihn mit gespielter Empörung
voll, doch er konterte sofort: „Das könnte dir
so passen. Nee mein Lieber, er muss sich ausruhen, schließlich
besucht mich Mia morgen wieder. Du verstehst“. Und ob
ich verstand. Obwohl Mia wirklich gut aussah überlegte
ich für einen Moment, wie ich sie beseitigen konnte.
Noch besser wäre es sie an ein Bordell zu verkaufen,
denn sie war jung und sah echt sexy aus. Das ich meine Gedanken
nicht laut vortrug versteht sich von selber, trotzdem musste
ich etwas auf Levins Frechheit erwidern: „Gib zu, du
bringst es nicht wirklich. Was will Mia mit solch einer Null
im Bett“. Für eine Sekunde guckte mich Levin böse
an, doch dann legte er sich zu mir ins Bett. „Sorry,
war eben ein schlechter Scherz“ entschuldigte ich mich
sofort. „Ey, kein Problem. Glaub mir sie ist verdammt
scharf auf Sex. Wir sind zwar kein Liebespaar, aber ficken
tun wir wie die Weltmeister. Alter, die Sau kann blasen wie
kaum eine andere. Wir haben uns zwar erst dreimal getroffen,
aber da ging jeweils richtig die Post ab“. Immer wieder
neckten wir uns, aber so langsam setzte die Müdigkeit
außer Gefecht. „Las uns schlafen, ich bin total
erschlagen“ sagte ich zu Levin, der zustimmend nickte.
„Ich gab ihm wie selbstverständlich einen Kuss
auf die Wange, ehe ich das Licht löschte. „Darf
ich mich an dich rankuscheln, ich brauche etwas Wärme“
fragte ich ihn. Er lachte kurz auf und entgegnete: „Klaro,
ist zwar etwas ungewohnt, denn meistens wollen das die Mädels,
aber bei dir mache ich mal eine Ausnahme“. „Wie
großherzig von dir“ war das Letzte, was ich noch
zu ihm sagen konnte, ehe ich mit dem Kopf an seiner Brust
langsam einschlief.
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