+++ Der Lover meiner Schwester 114 +++

By : Ballermann © - Source : SahneSpender ®


„Deutschland den Deutschen“ stand in großen roten Buchstaben an einem Haus geschrieben, das auf der anderen Straßenseite stand. „Scheiße, ihr Idioten lernt auch niemals dazu“ schoss es mir durch den Kopf, denn ich münzte diesen Spruch irgendwie auch auf mich. Auch ich war wegen meines Schwulseins Außenseiter wie viele Ausländer auch. Hat mich je ein Mensch gefragt ob ich es mir freiwillig ausgesucht hatte ein Homo zu sein? Natürlich nicht, dazu war ich zu unwichtig. Meine Seele geriet geradezu in Schieflage und ich konnte mir nicht erklären, was mich plötzlich so tief in den Abgrund zog. War es die Einsamkeit, die mir auf Schritt und Tritt folgte oder war es die Intoleranz, mit der ich und andere Randgruppen klar kommen mussten. Ich hasste mich in diesem Moment abgrundtief und fing an zu weinen. „Hey, mach mal Platz, ich will ins Haus“ hörte ich eine ältere Dame keifen. Ich senkte meinen Kopf und stand auf, so dass sie ohne Probleme die Tür aufschließen konnte. Kaum war sie wieder verschwunden nahm ich erneut auf den Stufen Platz. „Gott, wenn es dich gibt beantwortete mir nur eine Frage“ jagte ich eine Botschaft gen Himmel. „Wieso musste ausgerechnet ich schwul werden. Hättest du dir nicht Levin, Sergej oder irgendeinen anderen Jungen dafür aussuchen können. Wieso ausgerechnet mich, der eh nicht stabil genug für das Leben war“. Obwohl ich wartete und wartete bekam ich keine Antwort zurück. „Ich hasse dich, damit du es weißt. Und wenn ich später dafür in die Hölle komme ist es mir auch egal“.
Mein Leben glitt mir in diesem Augenblick durch die Finger und ich bekam einen depressiven Schub. Ich stürzte regelrecht vom Berg des Lebens in das tiefe Tal der Traurigkeit. Dort warteten schon viele Seelen auf mich, denen es nicht gelang ihr kurzes Leben zu meistern. „Würde ich auch mit einem Strick um den Hals enden oder mir eine Kugel durch den Kopf jagen“ fragte ich mich und wagte mir doch keine Antwort darauf zu geben. „Glück ist relativ, denn wenn man es hat, weiß man es häufig nicht zu schätzen. Doch wenn man es vermisst oder verzweifelt sucht und nicht findet, dann kann man daran auch zu Grunde gehen“ erschwerte ich mein Herz zusätzlich und bemitleidete mich selbst am meisten. Es schien, als sei alles Unglück dieser Erde auf mich fokussiert. Diese Last zu tragen schien mir unmöglich. Als ich auf der anderen Straßenseite ein junges Pärchen Arm in Arm gehen sah bestätigte es nur meine Niedergeschlagenheit.

Die Tränen liefen und der Regen fiel auf den Boden. Eine Frage beschäftigte mich unentwegt: „Wieso gibt es Homosexuelle, die mit ihrem Leben klar kamen. Wieso konnten sie ihr Schwulsein offen zeigen“. Ich fand keine Antwort darauf und redete mir ein, dass es an meinem jungen Alter lag. Auf einmal klingelte erneut mein Handy und sofort erkannte ich Oktays Stimme. „Ey Alter, alles klar bei dir. Mir und Jan-Hendrik geht es tierisch gut. Wir haben viel Spaß und das gewisse Etwas kommen auch nicht zu kurz, wenn du verstehst“. „Freut mich“ war mein schlichter Kommentar. „Ey Micha, was ist denn mit dir los, du hörst dich so merkwürdig an“ dröhnte es in meiner Ohrmuschel. „Nichts, alles in Ordnung“ entgegnete ich und fing leise an zu weinen. „Ey, hör auf zu lügen, ich weiß genau, das du irgendetwas hast. Also red keine Kacke“ schimpfte Oktay. Ich musste tatsächlich kurz lachen. „Ach, uns was willst du mit mir machen. Sexentzug oder Arschversohlen“ gab ich hämisch zurück. Jan-Hendrik, ich muss mal eben allein sein“ hörte ich ihn sagen und wenig später fuhr Oktay fort: „Micha, wenn dich etwas bedrückt sag es mir bitte. Wir sind Freunde hast du das etwa vergessen. Wenn du möchtest komme ich noch heute nach Hause, also verkaufe mich jetzt nicht für doof. Ich kenne dich, also raus mit der Sprache“. Es wurde ein langes Gespräch und immer wieder versuchte mir Oktay dabei begreiflich zu machen, das ich nur in einem kleinen Loch war und schon bald wieder der Alte sein würde. „Du hast gut reden, immerhin hast du Jan-Hendrik, der dich liebt und dir aus der Hand futtert“. Natürlich ließ Oktay das nicht auf sich sitzen: „Ey, nun übertreib mal nicht. Auch wieder streiten uns manchmal und glaub mir, Jan-Hendrik gibt selten klein bei. Manchmal frage ich mich wer von uns beiden die Hosen anhat. Doch da ich Türke bin stellt sich die Frage nicht wirklich. Ich muss ihn nur noch ein bisschen formen, dann passt es schon“. Wir lachten beide um die Wette, denn das glaubte er nicht wirklich. „Träum weiter mein Süßer“ verhöhnte ich ihn und wünschte ihn gleichzeitig in meiner Nähe. Oktay war ein Mensch, der wie ich tickte. In vielen Dingen fühlten wir gleich und noch immer begriff ich nicht, wieso ich damals nicht um seine Liebe gekämpft hatte. Man sagt vielen Türken nach, dass sie oberflächlich sind. Mag alles sein, nur mein Freund war es nicht. „So, nun muntere mich mal auf, erzähle ein bisschen von eurem Sex“ schob ich nach, doch das einzige, was er darauf entgegnete war „Sau“. Nach einigen Sekunden brach er sein Schweigen und meinte: „Glaub bloß nicht, das Urlaub gleich Urlaub vom Sex heißt. Im Gegenteil, wir sind ganz wild aufeinander. Und noch immer bin ich eher seine kleine Türkenstute als sein bockgeiler Hengst. Jan-Hendrik versteht es immer wieder mich willenlos zu machen. Ey Alter, er ist so, so, so, ich kann ihn gar nicht richtig beschreiben. Egal, ich liebe ihn über alles, weil er mich so nimmt wie ich bin. Okay, er besteht auf gewisse Dinge, aber auch Türken lernen bekanntlich dazu. Und damit du es weißt: „Auch wenn ich mit Jan-Hendrik zusammen bin wirst du immer mein Freund bleiben. Ich werde immer für dich da sein, vergiss das nie“. Es tat gut, das zu hören, auch wenn es damit nur mein Hirn, nicht aber meine Seele erreichte.

Sarkasmus ist, wenn man jemandem beiläufig erzählt: „Wenn du wiederkommst, liege ich vielleicht schon eingebuddelt in der Erde. Genau, das erzählte ich Oktay. Ein Zornausbruch ist, wenn man antwortete: „Glaub mir, ich buddele dich dann wieder aus und dann bekommst du Schläge, bis du zu Staub verfällst“. Das trommelte mein Freund durch den Hörer. „Ach, ich bin schon wieder halbwegs normal“ versuchte ich die Lage zu entspannen und hörte: „Aber nur halbwegs“. Unser Gespräch wurde entspannter, denn mir war längst klar, das Oktay die Sache nicht kalt ließ. Er sollte einen schönen Urlaub verbringen. Ich musste einfach lernen mich zusammen zu reißen, auch wenn das gar nicht so einfach war. Erst nach einer satten Stunde beendeten wir das Gespräch und Oktay bestand darauf mich gleich am nächsten Tag wieder anzurufen. „Ich würde dich am liebsten auf der Stelle…, ach lassen wir das, dafür hast du ja Jan-Hendrik“ gab ich am Schluss zum Besten. „Ja, das ist wieder mein alter Micha, so hab ich dich gern“. Ich denke jeden Tag an dich und werde nie vergessen, dass du mich vor meinen Eltern gedeckt hast. Jan-Hendrik sieht das auch so und er meint, das du etwas Besonderes bist“. Im Nachsatz spottete er dann noch: „Vielleicht macht er dich dafür ja in der nächsten Saison zum Kapitän“. Als wir auflegten klarte sich das Wetter auf. Meine Laune war nur bedingt besser geworden, aber immerhin hatte ich Oktays und Martins Stimme hören können. „Eine Welt ohne meine Freunde ist wie ein Brot ohne Käse, ein Auto ohne Benzin und ein Kino ohne Film“ befand ich und schwang mich auf meinen Drahtesel. Kaum saß ich auf dem Sattel als es schon wieder klingelte. „Hey, hier ist Levin“ hörte ich und antwortete: Wer sonst“. Er wollte von mir wissen, ob wir noch etwas unternehmen wollten, doch ich sagte, dass es mir nicht gut ginge. Ohne das Thema näher auszuführen akzeptierte er meine Absage. Das Gespräch war überraschend kurz, aber ich dachte mir nichts dabei. Zuhause angekommen ging ich erst einmal duschen, ehe ich den Kühlschrank nach Essbarem durchsuchte. Mama ließ mich tatsächlich in Ruhe, nachdem ich sie darum bat. Manchmal geschehen eben doch Wunder. Ich wollte einfach nur allein sein und von niemandem in meiner Traurigkeit gestört werden. Dieser Plan hielt genau 62 Minuten, ehe es an meiner Tür klopfte. „Mama, bitte, lass mich in Ruhe, du nervst“. Als die Tür aufging erkannte ich sofort, dass es nicht das Gesicht meiner Mutter war. „Was, wass machst du denn hier“ nuschelte ich, während Levin ins Zimmer kam. Er schloss die Tür und setzte sich zu mir aufs Bett. „Glaubst du echt, dass es mir egal ist, wenn es dir nicht gut geht. Wir sind Freunde, also bin ich hier“. Ich konnte ihn nur noch anstarren und er riss mich erst aus dem Nebel, als fortfuhr: „Hey aufwachen, ich bins, der Levin“. Dabei stupste er mich an. „Ähhh, ja Hi, schön, dass du gekommen bist“ stotterte ich zurück. „Nee, gekommen bin ich heute zwar nicht, aber ich wollte schon wissen, wie es dir geht“ verhöhnte er mich und grinste dabei so unverschämt frech, wie nur er es konnte. „Ich habe uns `nen Sechserträger mitgebracht. Warte, ich hole ihn aus den Rucksack raus“. Ich staunte immer mehr und war immer noch etwas baff. „Übrigens, du hast ein schönes Zimmer. Ist dir klar, das wir uns noch nie besucht haben“ fuhr er fort und öffnete zwei Bierflaschen mit `nem Feuerzeug. Wir prosteten uns zu und sahen uns immer wieder an. „Weiß du Micha, das Leben ist doch irgendwie verrückt. Seit etlichen Tagen will ich dir etwas beichten, aber entweder verliere ich den Mut oder es ist nicht der richtige Moment. Echt irre, was“. Zwar verstand ich nicht wirklich, was er mir damit sagen wollte, aber sicherheitshalber nickte ich trotzdem und sagte: „Ey, ich weiß doch, das du auf mich stehst. Du würdest in meiner Sammlung echt noch fehlen. Aber wenn wir erst einmal zusammen sind, musst du akzeptieren, dass wir nur an geraden Tagen Sex haben können. Ich bin nämlich abergläubig, musste wissen“. Levin sah mich an, wie ein Frosch vor dem Kühlregal. Trotzdem antwortete er trocken: „Träum weiter“.

Es wurde ein recht lockerer Abend und Levin verstand es tatsächlich mich wieder aufzumuntern. Allein seine Anwesenheit machte mich glücklich. Auch wenn ich es nur im Scherz gemeint hatte mit dem Zusammengehen, so war doch ein Funken Wahrheit dabei. Levin war der Inbegriff eines schönen Mannes und vielleicht fand ich ihn auch deshalb so sexy, weil er ein Hetero war. Nur Gott weiß, was ich wirklich für ihn empfand. Leider hatten wir die sechs Bierchen ziemlich schnell ausgetrunken, doch das tat der Stimmung überhaupt keinen Abbruch. Die Zeit schritt voran und es war schon 23.20 Uhr. „Stört es dich, wenn ich heute Nacht hier penne“ wollte Levin wissen und sofort hüpfte mein Herz. „Nö, aber dann werden wir wohl beide keinen Schlaf finden“. Levin stand auf und bevor er ins Bad ging trommelte er zurück: „Du hast echt nur Sex im Kopf, du Träumer“. Als er wieder kam zog er sich bis auf die Boxershorts komplett aus. „Ey, das ist unfair, wieso ziehst du sie nicht auch aus“ nölte ich ihn mit gespielter Empörung voll, doch er konterte sofort: „Das könnte dir so passen. Nee mein Lieber, er muss sich ausruhen, schließlich besucht mich Mia morgen wieder. Du verstehst“. Und ob ich verstand. Obwohl Mia wirklich gut aussah überlegte ich für einen Moment, wie ich sie beseitigen konnte. Noch besser wäre es sie an ein Bordell zu verkaufen, denn sie war jung und sah echt sexy aus. Das ich meine Gedanken nicht laut vortrug versteht sich von selber, trotzdem musste ich etwas auf Levins Frechheit erwidern: „Gib zu, du bringst es nicht wirklich. Was will Mia mit solch einer Null im Bett“. Für eine Sekunde guckte mich Levin böse an, doch dann legte er sich zu mir ins Bett. „Sorry, war eben ein schlechter Scherz“ entschuldigte ich mich sofort. „Ey, kein Problem. Glaub mir sie ist verdammt scharf auf Sex. Wir sind zwar kein Liebespaar, aber ficken tun wir wie die Weltmeister. Alter, die Sau kann blasen wie kaum eine andere. Wir haben uns zwar erst dreimal getroffen, aber da ging jeweils richtig die Post ab“. Immer wieder neckten wir uns, aber so langsam setzte die Müdigkeit außer Gefecht. „Las uns schlafen, ich bin total erschlagen“ sagte ich zu Levin, der zustimmend nickte. „Ich gab ihm wie selbstverständlich einen Kuss auf die Wange, ehe ich das Licht löschte. „Darf ich mich an dich rankuscheln, ich brauche etwas Wärme“ fragte ich ihn. Er lachte kurz auf und entgegnete: „Klaro, ist zwar etwas ungewohnt, denn meistens wollen das die Mädels, aber bei dir mache ich mal eine Ausnahme“. „Wie großherzig von dir“ war das Letzte, was ich noch zu ihm sagen konnte, ehe ich mit dem Kopf an seiner Brust langsam einschlief.

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