| 26. Vorhang
auf, Bühne frei
Werner kam zum Wagen zurück und stieg ein. »Mensch,
wenn wir uns mal so nen Pinguin leisten können, ham wir’s
geschafft, was Ralf?«
Ich lächelte gequält. Nun, irgendwo hatte er ja
recht, nur, wir würden diesen Status nie erreichen. Dabei
fiel mir wieder ein, wie ich an Angelos Seite die Welt erobern
wollte. Egal wie auch immer, dieser Traum war einer der schönsten
in meinem bisherigen Leben. Wie alt würde ich werden,
bis ich nicht mehr an den Roten Teppich denken musste? Nun
aber stand erst Mal die Sache an sich im Vordergrund.
Wir fuhren um das Gebäude herum und ich beobachtete
jeden Meter des Geländes; aber alles lag still und friedlich.
Gut, es ware gerade mal Neun Uhr, also noch nicht unbedingt
die Tageszeit, in der Angelo - so er überhaupt noch hier
weilte - schon fit war.
Werner parkte den Wagen direkt in dem fast leeren Schuppen,
das hatte Paul wohl so vorgeschlagen. Dann würde sich
unser Kombi nicht so schrecklich aufheizen.
Wir luden einige Werkzeuge aus, danach legte ich die Leiter
an und stieg als erster auf das Dach. Erst mal die Lage da
oben peilen. Ein altes Schieferdach, an etlichen Stellen löchrig
und spröde. Man musste aufpassen wohin man trat; das
Dach war zwar nur drei Meter über dem Erdboden, aber
trotzdem war Vorsicht angesagt, denn, um sich viele Knochen
oder gar das Genick zu brechen reichte die Höhe aus.
Kaum stand ich oben auf einer sicheren Stelle, lenkte ich
meinen Blick zur Terrasse. Tja, in einem Theater musste man
Höchstpreise für einen solch genialen Ausblick bezahlen..
Und auf dieser Bühne da unten tat sich etwas, ohne Zweifel.
Während Werner unsere Utensilien richtete, beobachtete
ich Paul, wie er den Frühstückstisch deckte. Ich
war nahe genug dran um zu erkennen, dass es sich um zwei Gedecke
handelte. Damit ergaben sich folgende Konstellationen: Mutter
und Vater, Mutter und Sohn oder Vater und Sohn. Welche ich
nun bevorzugen würde, das vermochte ich so nicht zu sagen.
Richtig gern gesehen würde ich am Ende von keinem der
Dreien.
»Träumst du?«, rief Werner zu mir hoch und
erinnerte mich an den Ursprung unseres Aufenthalts.
»Ich komme.«
Hemd aus, dick eincremen. LF 40. Der Sonnenbrand war abgeklungen,
aber auf einen neuen hatte ich echt keinen Bock. Dann Material
und Werkzeuge hoch schaffen. Das war hier echt kein Problem
und unter anderen Umständen hätte mir die Arbeit
da sicherlich viel mehr Spaß gemacht.
Wir machten uns ans abdecken der alten Schindeln, aber immer
mal wieder schielte ich zur Terrasse. Das tat ich so, dass
Werner es nicht bemerkte.
Aha, der Kaffee wurde gebracht. Lange konnten die entscheidenden
Personen nicht mehr auf sich warten lassen. Unschlüssig
war mein Vorgehen, sollte Angelo tatsächlich da unten
erscheinen.
Einige Minuten war mit Spionage nichts zu machen, ich musste
Werner zur Hand. Als ich mich nach einigen Minuten so halb
umdrehte und runtersah, ja, da war dann meine Arbeitsmoral
und Schaffenskraft in ernsthafter Gefahr. Vorhang auf. Mutter
saß schon da und dann kam auch schon er, der Hauptdarsteller
in dem Stück da unten. Auf zwei Krücken gestützt
betrat er die Bühne. Was genau da nun gespielt wurde,
na ja, zu dieser Aufführung gab es kein Begleitheft.
Das Stück hatte schlicht keinen Namen.
Schlagartig änderte sich wieder meine Pulsfrequenz und
schnell bückte ich mich zu Werner hin. Frau Kassini saß
halbschräg, sie hatte also auch keinen direkten Blick
zu uns. Möglicherweise war das Absicht. Man wollte sich
ja vielleicht nicht von ein paar lausigen Handwerkern ablenken
lassen.
»Hast du was? Ist dir nicht gut? Du sollst doch eine
Kopfbedeckung tragen. Ein Sonnenstich ist nicht zu unterschätzen.«
Ich nickte, weil Werner unbedingt recht hatte. »Ich
geh sie mal eben holen«, gab ich zurück und stieg
die Leiter hinunter. Da konnte ich wegen der Hecken nicht
gesehen werden und atmete erst mal kräftig durch. „Keine
Panik jetzt. Er sitzt mit dem Rücken zu dir, falls er
so setzt wie Paul gedeckt hat. Zumindest so lange die da am
essen sind gibt's nichts zu befürchten.“ Na ja,
wir würden über kurz oder lang eh Lärm machen
und ob er sich nicht dann doch näher mit uns beschäftigte..
Ich setzte meine Kappe auf, mit dem Schild nach hinten wie
üblich, und ging zu meinem Arbeitsplatz zurück.
Es gelang mir dann tatsächlich, mich sozusagen in die
Arbeit zu stürzen. Klar, ein verstohlener Blick ab und
an, dagegen konnte ich aber praktisch gar nichts machen. Das
war wie so ein innerer Zwang.
So bekam ich dann mit, dass Angelo Zeitung las, leise dudelte
Musik aus einem Radio herüber.
»Mann, was sticht der Planet heut wieder.«
»Werner!« Wenigstens einmal am Tag musste ich
ihn bei so einem Wetter dran erinnern, dass die Sonne kein
Planet ist.
Er winkte ab.»Ach du immer. Ich weiß ja, es ist
ein Stern.. Aber das hindert uns nicht, Frühstück
zu machen«
Ich hatte überhaupt nicht mitbekommen, wie schnell die
Zeit vergangen war. Wir stiegen vom Dach und begaben uns in
den Schuppen. Dort war es um einige Grade kühler und
auf ein paar alten Kisten gab's auch Sitzmöglichkeiten.
Kaum hatten wir unsere Brötchen ausgepackt, tauchte Paul
auf. In der Hand ein Tablett, darauf eine Glaskaraffe mit
was drin und zwei Gläser. Er stellte es auf einer der
Kisten ab.
»Mit besten Empfehlungen des Hauses – sehr kühler,
schwarzer Tee. Lassen Sie es sich schmecken.«
Er nickte kurz mit dem Kopf und verschwand, wie ich es schon
kannte, so schnell wie er gekommen war.
Mit stieg sämtliches Blut in den Kopf, denn Paul hatte
mir ziemlich tief in die Augen gesehen, wenn auch nur für
einen kurzen Moment. Und klar war mir auch, dass er ganz genau
wusste wen er da vor sich hatte. Allerdings, ich dachte nicht,
dass er nun zu Angelo rennen und dem die Neuigkeit erzählen
würde.
Werner sah mich etwas entgeistert an. »Huch. Hätte
ich hier gar nicht erwartet.«
Nun, wie dem auch sei, von der Sache her passte das schon
ins Bild. Mein Bild, bevor mir Angelo den Rausschmiss offenbarte.
Ab da hatte ich ja ein anderes.
»Aber.. «, Werner hielt eine Hand neben seinen
Mund, »wer will denn schon Tee?« Er zwinkerte
und im selben Augenblick kappte er eine Flasche Bier. Standardgetränk.,
bei jedem Wetter und zu jeder Uhrzeit. Ich hielt mich als
Azubi da ziemlich zurück, zudem hätte ich bei der
Hitze da oben nach drei Zügen einen Affen gehabt.
Drum griff ich zu der Karaffe und goss mir den eiskalten Tee
ein, wobei das Glas sofort beschlug. Komisch, dachte ich noch,
in der kurzen Zeit.. das war wohl schon von vorneherein so
geplant.
Werner und ich, wir quatschten eigentlich nicht sonderlich
viel. Mal über Fußball, Politik, die üblichen
Schimpfereien über die Preise und auch den Job. Ich mochte
das, bei anderen waren nämlich immer wieder die Frauen
ein Leitthema. Für mich eher ein Leidthema und es war
oft gar nicht einfach sich da rauszuhalten. Die wollten dann
schon wissen wie sich meine Freundin ficken ließ und
noch ganz andere, ziemlich wüste Dinge. Keiner kann mir
nachfühlen wie es mir dabei ging. Schon aus dem Grund
war mir Werner der liebste, obwohl er schon fast Fünfzig
war. Familienvater, zwei fast erwachsene Kinder und Frauen
in dem Sinn gab es für ihn nicht, nur seine eigene Frau.
Über die wusste ich natürlich ziemlich viel. Werner
akzeptierte aber auch, wenn ich ihm sagte dass ich zur Zeit
keine Freundin hätte.
»Hast recht, leb erst mal dein Leben, dann ist immer
noch Zeit.«
Klar, dabei dachte ich schon manchmal dran, ihn einzuweihen.
Er hatte sich nie irgendwie abfällig über die Schwulen
geäußert, ich dachte, wenn, dann war er es der
das verstehen würde. Aber ich hielt immer die Klappe,
denn was nicht unbedingt sein musste..
Werner vertiefte sich dann in seine Zeitung und ich, ich
sinnierte so vor mich hin während ich mein Brötchen
verzehrte.
Und dann hörte das kauen von ganz alleine auf. Ich musste
nicht rätseln wer oder woher oder was. Binnen einer Sekunde
war ich zurück in jener Nacht da oben im Zimmer. Als
ich Klänge hörte und ihnen gefolgt war, bis hinunter
in den Keller.
Nun waren sie wieder da, ich wusste sofort, das war das gleiche
Musikstück. Es klang etwas anders. Schöner, voller.
Ich schloss die Augen. Werner schien es nicht zu hören
oder war zu abgelenkt vom lesen. Als wäre es ein paar
Stunden her, sah ich Angelo vor meinem Geistigen Auge da unten
sitzen, auf dem Barhocker. Weggetreten in diese seine Welt.
Eine Welt, an der ich teilhaben wollte, um jeden Preis. Und
was war nun? Ich hörte die Melodie, aber sie hämmerte
mehr wie ein Bass in meinem Kopf. Verschaffte sich gewaltsam
Zutritt in eine Region, die ich gelöscht hatte. Zumindest
dachte ich das. Aber mitnichten, sie war noch da, die Erinnerung.
Fast jedes Wort, das wir zusammen gewechselt hatten, formte
sich zu einem durchaus realen und fast erschreckend lebhaften
Bild. Nichts war gelöscht, nichts war vergessen.
Eine unheimliche Sehnsucht erfüllte mich, begann mich
einzuweben wie die Spinne ihr Opfer.
Angelo war plötzlich wieder greifbar. Ich konnte ihn
fühlen, schmecken und riechen. Und seine Stimme hören.
Das war fast Abnormal was da mit mir passierte.
Werner kaute, nahm einen Schluck, dann ging's weiter mit seiner
Lektüre. Bildete ich mir das alles ein? Spielte da gar
keine Geige? Ich lauschte genauer. Doch, natürlich. Und
zum ersten Mal hörte ich sie. Sie musste es sein, seine
Geige – Margie. War es ein Hirngespinst oder gab es
tatsächlich Unterschiede zu jenem Instrument, auf dem
er damals im Keller gespielt hatte? Ja, das hier klang wirklich
schöner. Und irgendwie kam es mir vor, als wäre
ich tatsächlich im Konzert. Nur, der Solist spielte im
Hintergrund.
Ich rief mich zur Vernunft und biss erneut in mein Brötchen.
Ich begann mich mit der Frage zu beschäftigen, welche
Rolle Margie bei Angelo tatsächlich spielte. Stand sie
über allem, absolut? War er nur so angepisst weil sie..
außer Betrieb war? Aber am Ende kann man eine Geige
vielleicht küssen, aber sie gab das nicht zurück.
Ins Bett gehen konnte man auch mit ihr, ja, sie konnte sogar
neben einen schlafen. Nur mit ihr schlafen, das würde
echt Probleme aufwerfen.
Währenddessen spielte Angelo weiter. Wehmut, Traurigkeit,
Sehnsucht, Freude Wut und Hass.. all diese Dinge schien er
aus Margie hervorzuzaubern. Ja, er konnte spielen, dazu musste
man nicht mal Könner oder Kenner sein. Kein Wunder dass
man ihm hinterher rannte. Sammy Willard war somit auch wieder
da, ganz plötzlich, nebst diesem Dorfler. Nein, das passte
wirklich nicht. Angelo konnte das niemals ernst gemeint haben.

»Bist noch ein bisschen in Urlaub?«,
fragte Werner plötzlich. Er hatte mich scheinbar schon
eine Weile beobachtet. »Und dann, hörst du diesen
Katzenjammer? Meine Güte bin ich froh, dass wir keine
solche Nachbarn haben. Stell dir vor, die quälen tagaus
tagein so ein Instrument..«
Ich nickte und lächelte. Er verstand halt nichts von
Musik, gar nichts, sonst hätte er es herausgehört.
Diese sanften Töne, die manchmal auch forsch kamen. „Du
bist geblendet. Angelo macht keine bessere Musik als andere.
Du siehst ihn, nicht das was er tut.“ Blabla. Ich war
kein Spezialist, aber ich bildete mir zumindest ein, dass
man einen Besseren als Angelo erst mal suchen musste.
Ich konnte Margie an dem Vormittag noch lange hören.
Dabei gab's nicht immer das gleiche Musikangebot. Angelo hatte
eine große Palette parat und die spielte er durch. Ich
konnte mich ja täuschen, aber es kam mir vor, als würde
er nicht nur so aus Jux und Dollerei spielen. Übte er
für Frankfurt? War er noch gar nicht dort zum Vorspielen?
Alles denkbar.
Dumm eben nur, dass es damit natürlich ein aussichtsloses
Unterfangen war, an dem Tag nicht an ihn zu denken.
Zur Mittagspause fuhren Werner und ich in den Ort, es gab
beim Metzger Ludewig ein Schlachtfest. Das durfte man sich
als Handwerker auf keinen Fall entgehen lassen und für
mich war's dann auch so ne Art Pause. Wie in langen Konzerten.
Ich würde lügen wenn ich behaupte, nicht öfter
als einmal in der Minute an Angelo gedacht zu haben. Er war
da, so präsent wie vor ein paar Tagen. Mich scherten
alle meine Vorsätze, ihn ein für alle Mal aus dem
Kopf zu streichen, nicht mehr. Es war schlichtweg nicht einzuhalten.
Während ich mich später mit Werner und ner ganzen
Horde Mannsbilder über gekochte Schweinsfüße,
Sauerkraut und Kartoffelbrei hermachte, saß Angelo mit
an dem Brauereitisch im Hinterhof der Metzgerei. Er lachte,
grinste, zog nachdenklich eine Augenbraue hoch oder spielte
mit seinen Fingern. Einmal, da war er sogar nackt. Splitternackt.
Alle Bilder sah ich, nur die letzten nicht. Der Tag dort im
Krankenhaus, an dem unsere Freundschaft endete, der war plötzlich
gelöscht. Nichts davon war mehr übrig. „Du
willst sie nicht sehen, weil du ihn liebst. Du wirst das immer,
Freundchen, und es wird allmählich Zeit dass du das kapierst.“
„Ja, ganz toll. Und was soll ich mit ihm machen? Mit
nem Lasso einfangen, entführen, verschleppen? Unter Drogen
setzen dass er bei mir bleibt? Vergiss nicht, dass er Schluss
gemacht hat. Er will mich nicht mehr sehen, nicht umgekehrt.
Und dass er seine Meinung ändert, das glaub ich nicht.“
So hin- und hergerissen fuhren wir nach dem üppigen
Mittagsmahl wieder zurück an jenen Ort. Ich wünschte
mir jetzt fast, dass er mich sehen würde. Auge in Auge.
Er hatte Zeit gehabt über alles nachzudenken, vielleicht
sah er ja sogar ein, dass es auf Dauer keine andere Lösung
als die meine gegeben hatte. Kurzum, ich wollte Angelo zurückhaben.
Schon einmal war ich mir sicher, ohne ihn nicht überlebensfähig
zu sein. Von diesem baren Unfug wollte ich nichts mehr wissen,
gleich nach der Trennung. Nun aber war dieser Unsinn zurück,
stärker als je zuvor. Bloß, war es wirklich so
abwegig? „Denk an die mögliche Macht, warum du
hier bist. Ausgerechnet.“
Ja, das genau wurde zu meinem Problem. Die Möglichkeit
einräumen zu müssen, dass es eben doch keine Zufälle
gab. Und so wie die Dinge vor mir lagen, war es erneut meine
Sache, Licht in das Dunkel und Ruhe in den Aufruhr meiner
Seele zu bringen. Ich musste mit ihm reden. Vernünftig,
Emotionslos, von Mann zu Mann und nicht von Memme zu Tucke.
Hand und Fuß, nichts glitschiges was einem wie ein Aal
aus den Fingern glitt. Aber eines überließ ich
dann doch dieser vermeintlichen Macht: Angelo sollte mich
hier sehen, zufällig von mir aus. Denn, bereits aus einer
dabei entsehenden Reaktion konnte ich ablesen, ob überhaupt
eine Chance bestand.
Zu der Hitze kam dann die Schwüle. Es war wirklich kein
Zuckerschlecken, obwohl wir gut vorankamen mit dem Dach.
»Wenn wir Glück haben, schlägt das Wetter
um wenn wir fertig sind«, orakelte Werner denn auch.
Ich hörte nur mit einem Ohr hin, verständlicherweise,
denn seit der Mittagspause schwieg Margie, beharrlich. Weder
von Angelo noch sonst jemanden eine Spur. Waren sie gar nicht
da? Am Auto konnte man es nicht sehen, das stand ja immer
in der Garage und Paul hatte eh die Aufgabe, unsichtbar zu
sein.
»Komm, wir machen Schluss für heut. Wenn es dir
nichts ausmacht, fangen wir morgen früher an, dann ist
es noch nicht so heiß.«
Ich stimmte sofort zu, das war allemal besser und zudem konnte
ich dann länger am Baggersee bleiben, denn diesen Plan
hatte ich zumindest für den nächsten Tag eh schon
ins Auge gefasst.
Auch während wir unser Werkzeug im Wagen verstauten
und grob aufräumten, tat sich am Haus nichts. Und auch
Margie war mit keinem Ohr zu vernehmen. Nun gut, der nächste
war auch noch ein Tag und wenn es diese fremde Macht gab,
würde sie schon dafür sorgen dass da etwas passiert.
„Und wenn nicht?“ Dann gibt’s solche Mächte
halt nicht und ich konnte getrost zu dem Urteil kommen, dass
Zufälle nichts weiter als Zufälle waren.
Am ersten Arbeitstag war ich so futsch, dass schwimmen gehen
überhaupt kein Thema war. Nach der Dusche und einer kleinen
Zwischenmahlzeit legte ich mich auf mein Bett. Nicht das geringste
tun. Abwarten bis es abkühlte, ein bisschen wenigstens
und dann würde man weitersehen.
Mein Handy klingelte. »Hallo Felix.«
»Hi Ralf. Was machst’n?«
»Stell dir vor: Nichts, gar nichts. Wobei Nichts im
Vergleich zu meiner Auffassung noch eine ganze Menge Holz
ist.«
»Aha. In der Tat, das ist ja schon Vakuum würd
ich sagen.«
»Eben. Wolltest du was besonderes?«
»Nö. Ich dachte, wir könnten an den Felle
fahren.. am Baggersee treten sie einem ja in die Nasenlöcher.«
Im selben Augenblick saß ich senkrecht auf meinem Bett.
Was hatte Felix gerade vorgeschlagen? Hatte ich wirklich..
Felle.. verstanden? Nein, sicher nicht. Angelo waberte ja
immer noch in meinem Schädel und bestimmt..
»An den Felle?« Ich musste es wissen, ganz genau.
Und ich wusste gleichzeitig, was Felix dort wollte. Zu der
Umgebungshitze kam dann die innere Wallung. Ich saß
eher in als auf einem Hochofen. „NEIN. DU GEHST DA NICHT
HIN!!“ Und wieso nicht? Angelo hin oder her, noch ist
nichts entschieden.
»Von mir aus.« „Du bist ein Arschloch.“
Danke, ich werde mich gelegentlich dafür revanchieren.
Eine halbe Stunde später trafen wir uns am Pfad. Aus
unerfindlichen Gründen jedoch dachte ich keine Sekunde
an eine Wiederholung. Erstens glaubte ich nicht, dass Felix
plötzlich schwul geworden war und zweitens fehlte mir
irgendwie die Lust. Kein Bock auf Sex wenn man so will. Kommt
schließlich vor, besonders an so anstrengenden Tagen
wie diesem. Ob es eine innere Abwehr war, das vermochte ich
nicht zu deuten. Nüchtern betrachtet war es bestimmt
so. Immerhin hatte der Felle auch ohne Sex seinen Reiz und
die Füße in den kühlen Bach zu stellen.. da
gab es weitaus schlimmere Dinge.
Und so kam’s. Wir zogen die Sandalen aus und hängten
unsere Füße in das klare Wasser. Feix hatte sich
nicht, wie ich anfänglich befürchtet hatte, sonderlich
herausgeputzt. Nein, nach kurzer Zeit war mir klar dass er
nichts von mir wollte. Abhängen, nichts tun. Das geht
auch zu zweit, besonders wir beide hatten nie ein Problem
damit. Zeit totschlagen, das gab's oft. Nur, solche Meuchelmorde
begangen wir selten mit Worttiraden.
Wie es geht, was anliegt, mehr nicht.
Trotz allem was dieser Tag und der nächste auf Lager
hatte, ich fühlte mich wohl. Da an dieser Stelle, neben
Felix. Den besten Freund, den ich nun hatte. Zumindest bis
zu diesem Tag. Und ich musste es ihm sagen.
Wir lagen wieder nebeneinander, nur ganz dicht am Wasser,
so dass unsere Beine bis zu den Knien im Bach hängen
konnten. Ich kitzelte Felix mit einem Grashalm an der Nase.
Er blinzelte richtig süß und lachte. »Wenn
das ein Annäherungsversuch ist.. ich hab.. irgendwie
keine Lust.«
Welch Erkenntnis. Felix hatte nicht gesagt, dass er das nie
wieder tun wollte. Nur, dass er heut keine Böcke hatte.
Irgendwie kam mir das dann schon wieder zu einfach vor. Aber
warum eigentlich ständiges Wenn und Aber? So wie es war,
so war es gut.
»Ha, du auch nicht? Nein, das war nicht der Grund. Ich
wollt dir einfach mal sagen wie froh ich bin dass wir uns
kennen. Dass ich dich kenne. Und dass du mein Freund geblieben
bist.«
»Hey, Alter. Das ist doch keine Frage.«
»Meinst du? Ich denk grad an Jo und Alex.«
Felix stützte seinen Kopf wieder auf den Arm. »Du
vergisst, dass das Ärsche sind.«

Jep. Und Felix war eben kein Arsch. „Und
zu was zählst du Angelo?“ Au, eine klasse Frage.
Eine Million für die richtige Antwort. Trotz allem was
dieser Tag zu offenbaren versuchte, ich musste ehrlich zu
mir selbst bleiben. Und demnach stand Angelo nun mal auf der
gleichen Ebene wie Jo und Alex.
Bloß, ob ich damit die Million gewonnen hatte, das sagte
mir niemand.
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