| 19. Die Planschmiede
Ja, und dann begann ich zu erzählen. Von den ersten
gehörten Stücken im Radio, über die CD’s,
den Konzertbesuchen und unserer ersten Begegnung. Drei Dinge
ließ ich in weiser Voraussicht erst einmal weg: Die
Worte Schwul, Liebe und Sex. Klar, alle drei sind für
eine Homo-Beziehung meistens von elementarer Bedeutung, aber
an der Stelle hatten sie erst Mal keinen Platz. Ich hatte
viel damit zu tun, Angelos Mutter zu beobachten. Gestik, Mimik,
Blicke an sich. Sie sah mir in die Augen während ich
erzählte und das fand ich nicht unbedingt prickelnd.
Sie ist ein Mensch der zuhören kann; der nicht ständig
mit Fragen unterbricht oder sich nebenher mit der Maniküre
seiner Fingernägel beschäftigt. Einmal läutete
während meiner Darlegungen sogar das Telefon, aber Paul
ließ sich gar nicht erst blicken. Dass das Gespräch
für ihn sein konnte hielt ich für ziemlich unmöglich,
dafür um so mehr, dass man hier Wert auf ungestörte
Unterhaltung legte. Über was und mit wem auch immer.
Dann war ich am Ende angelangt. Bis zu der Stelle, an der
ich nun saß. Meinem Gefühl nach musste sie sich
einfach den Rest zusammenreimen können, denn dass mir
Angelo gefiel, das hatte ich an mehreren Stellen durchblicken
lassen.
Sie holte Luft und räkelte sich auf ihrem Stuhl. Das
war eigentlich der Moment, wo ich am meisten angespannt war,
wo ich mich fast nicht traute zu atmen. Aber ich sah ihr weiterhin
in die Augen. Sollte ein Zeichen von mir sein, dass ich unangenehmen
Fragen nicht ausweichen wollte. Ich war nun auf alles gefasst.
»Wenn ich Sie richtig verstehe«, begann sie dann,
»mögt ihr beide euch. Also so würde ich das
jetzt sehen wollen. Interessant übrigens die Musikrichtung..
für einen jungen Mann wie Sie.«
Ich nickte und trank von dem Wasser, der ausgetrockneten
Kehle wegen. »Ich denke, das haben wir auf jeden Fall
gemeinsam.« Was da noch war, musste sie nicht wissen.
»Hm.. ich weiß nicht ob das Wort.. enge Freundschaft
noch ausreicht. Oder ob da mehr ist?«
»Es ist mehr«, antwortete ich. Von da an ging's
mir Kreislaufmäßig besser, das Gespräch schien
sich jenem kritischen Punkt zu nähern. Ich weiß
nicht mehr ob ich in der Position Offensiv oder Defensiv stand.
„Antworte ihr nur, sag nichts was gegen dich verwendet
werden kann,“ Okay, wollte ich machen.
Frau Kassini lehnte sich zurück und blickte in den immer
noch blauen Himmel, der durch das Blätterdach der Pergola
schimmerte. »Damit wollen Sie sicher sagen, dass Angelo
und Sie – sich mehr oder weniger lieben?«
Wie nah sie kam. Ich nickte.
Nun blies sie die Luft aus und schüttelte kaum merklich
den Kopf. »Komisch dass er uns das nie gesagt hat.«
Gut, alles was jetzt kam, diente der Schadensbegrenzung,
denn sie hatte verstanden. Ich wusste dass ich mich viel zu
weit aus dem Fenster lehnte, aber ich wollte in der kommenden
Nacht einigermaßen ruhig schlafen können. Es waren
noch etliche Hürden in Sicht, aber ich fühlte mich
stark genug, um über sie hinwegzusetzen.
»Frau Kassini, Angelo leidet sehr darunter dass er
mit Ihnen oder seinem Vater nicht darüber reden kann.
Er weiß nicht wie Sie reagieren und ich weiß nicht
ob es richtig ist dass ich hier sitze, ohne ihn. Aber wir
haben einen Punkt erreicht wo wir nicht mehr weiterkommen.
Meine Eltern wissen über mich Bescheid, aber das nutzt
Angelo nichts.«
»Hat er gesagt, warum er sich vor der.. Wahrheit uns
gegenüber fürchtet?«
Es war nun doch viel problematischer als ich dachte. Alles
was ich hier zum Besten gab waren Dinge, die Angelo selbst
hätte klären müssen. Aber ich saß nun
einmal hier, hatte die Katze aus dem Sack gelassen. Zum Großteil
würde es an mir liegen wie die Sache ausgeht. »Es
wird keine Nachkommen geben. Nichts tut ihm mehr leid als
diese Tatsache.«
Sie zupfte nachdenklich an der Tischdecke. »Ja, nun,
das liegt allerdings in der Natur der Sache.«
Kam da nicht doch noch irgendwas? Ich lauerte wie ein Luchs.
»Hm, was soll ich da sagen. Natürlich ist es..
nicht einfach jetzt, aber nicht zu ändern«, seufzte
sie.
»Und was werden Sie.. und Ihr Mann jetzt machen?«
Sie stand auf und ging ins Wohnzimmer. »Entschuldigen
Sie einen Augenblick.«
Ich nickte und sah ihr kurz nach. Was hatte sie vor? Einen
Revolver? Zu verdenken war es ihr nicht. Aber Unsinn, sowas
gab's nur in Romanen.
Nach einigen Minuten kam sie zurück – ohne Waffe
in der Hand. Dafür irgend ne Flasche, keine Ahnung mit
was drin und zwei Gläser. »Ich brauch jetzt was
Kräftiges. Sie auch?«
Ich nickte. Meine Aufregung begann sich allmählich zu
legen. Sie schenkte ein und das nicht zu knapp.
»Es wird eine Weile dauern bis.. ich mich daran gewöhnt
habe. Vor allem aber, er hätte es uns sagen können.«
Ich nahm einen Schluck von dem scharfen Zeug und musste husten.
»Bitte, Frau Kassini, machen Sie Angelo keinen Vorwurf.
Zudem, er ist mit so vielen Dingen beschäftigt, durch
diesen blöden Unfall..«
»Ja, ich weiß. Aber wir können unser Gespräch
nicht vor ihm geheim halten, das ist auch klar.«
»Was wird.. Ihr Mann dazu sagen?«
Sie zog die Schultern hoch. »Das weiß ich nicht.
Allerdings, er ist ziemlich offen in vielen Dingen. Ich kann
nicht behaupten dass er so konservativ ist. Ich meine, wir
leben in Zeiten wo sich die Größen auf der Medienbühne,
sei es Showgeschäft oder in der Politik, hinstellen und
ganz klar ihre Neigung publik machen. Davor kann man die Augen
nicht verschließen, so.. schwer es einem auch fällt.
Es ist halt, man fühlt sich von diesen Dingen ja nicht
betroffen.« Dann holte sie noch einmal Luft. »War,
besser gesagt.«
»Werden Sie mit ihm reden?«
Sie horchte plötzlich. »Er kommt, glaub ich.«
Damit stand sie mit einer neuerlichen Entschuldigung auf und
lief ins Haus.
Nun ging's halt wieder los, die Aufregung begann aufs neue.
Wenn Angelos Vater wirklich so tolerant war, dann wären
die am meisten von mir gefürchteten Hürden genommen.
Aber noch war es verschwommen und undeutlich. Wenn Angelo
gewusst hätte..
Es dauerte lange, sehr lange bis Angelos Eltern auf die Terrasse
kamen. Ich stand auf reichte dem Mann meine Hand, zum zweiten
Mal an diesem Tag. Beim ersten Mal hätte ich jede Wette
verloren, dass ich am selben Abend hier stehen würde.
Aber das war nun so, nicht mehr zu ändern. Ich hatte
den Stein ins rollen gebracht und es war weiß Gott kein
Steinchen. Angelo, alles was jetzt noch zählte war, dass
er mir diesen Schritt verzeihen würde. Er musste es.
Aber viel hing davon ab, wie seine Eltern nun damit umgingen.
Wir setzen uns und Frau Kassini brachte es dann einfach auf
den Punkt.
»Ich habe mit meinem Mann gesprochen.«
Mein Blick fiel auf Andreas Kassini. Die helle Freude stand
nicht in seinem Gesicht geschrieben, aber das hatte ich auch
nicht erwartet. Nur, sollte ich jetzt etwas dazu sagen? Ich
war froh, das mir seine Frau das abgenommen hatte. Abwarten?
„Abwarten!“. Okay.
»Tja, das sind ja allerhand Neuigkeiten«, begann
Herr Kassini dann auch. »Eigentlich.. haben meine Frau
und ich erwartet, dass er uns das selber sagen würde.
Ich meine, wir hatten ja keine Ahnung, aber unter den gegeben
Umständen.. war es vielleicht ganz gut so.«
Ich nickte, mehr verhalten als eifrig. Es war immerhin ein
ernstes Thema und der Himmel über dieser Sache noch stark
bewölkt. Aber ich durfte ein kleines bisschen auf Sonne
hoffen, denn Zorn, Wut oder grenzenlose Enttäuschung
konnte ich nicht ausmachen.
Na ja, Angelos Vater wollte dann eben doch noch einiges von
mir wissen. Aber es lief nicht wie ein Verhör oder so.
Ein Gespräch halt, ganz allgemein. Nur an einer Stelle
musste ich erst Mal schlucken.
»Wie nahe.. steht ihr beide euch denn?«
Konnte man das als „habt ihr schon Sex miteinander
gehabt?“ auslegen? Genau, Auslegungssache. »Ziemlich..
also, es ist da schon mehr als nur Freundschaft.«
So. Das musste an dieser Stelle reichen und so wie Herr Kassini
nickte, hatte er es auch genauso verstanden.
Die fünfte Zigarette.. ich hatte gar nicht gemerkt wie
ich die verpafft hatte. Aber es war mir egal. Sie wussten
dass Angelo rauchte, auch ohne mich. Irgendeine Schuld konnten
sie mir nicht in die Schuhe schieben, denn auch der Unfall
wäre ohne mich passiert. Wahrscheinlich. Obwohl, nein,
eher nicht. Hätte er mich nicht zu Hause abgeholt.. Aber
dann wäre er später gefahren und trotzdem hätte
es geschehen können. Spekulationen dieser Art waren fehl
am Platz. Und dass Angelo schwul ist - ohne Zweifel auch nicht
mein Einfluss.
»Was ist eigentlich.. mit Margie?«, musste ich
dann wissen.
»Die hab ich heute Mittag abgeholt«, antwortete
mir Frau Kassini.
Nun gut, wenigstens ein Lichtblick in dem ganzen Durcheinander.
Ja, das war es, ohne Zweifel. Richtig gemessen kannten Angelo
und ich uns grade ein paar Stunden, und schon lag das blanke
Chaos vor uns.
Ich begann zu grübeln. Angelo musste keine Repressalien
fürchten, keinen Rausschmiss oder sonstige Sanktionen.
Nur, er wusste davon nichts und ob die Idee, ihm von dieser
Unterredung zu erzählen, zu diesem Zeitpunkt günstig
war, wagte ich zu bezweifeln. Aber das hatte ich ja so quasi
schon angedeutet.
Trotzdem, ich musste den letzten Stein wegräumen. »Was
machen wir jetzt.. ich mein, mit Angelo? Ich kann mir denken
dass er böse auf mich ist, weil ich hier so dreist bei
Ihnen..«
Herr Kassini hob beschwichtigend die Hand. »Langsam.
Ich denke, wir sollten nichts überstürzen. Hingehen
und sagen, Angelo, wir wissen jetzt dass du.. schwul bist..
nein, das kann man in der Tat so nicht machen.«
Hm, er tat sich mit dem Wort schwul doch noch etwas schwer.
Aber unter Umständen musste er es ja nie verwenden. Gut,
eine andere Sache.
Auf einmal hatte ich so das Gefühl, dass wir drei Verbündete
waren. Und Angelo.. der lag da in seinem Bett oder auch nicht
und hatte nicht die leiseste Ahnung. Dergleichen hätte
ich mir im Traum nicht einfallen lassen, aber nun war es wirklich
so. Dabei hatte ich gerade in dem Augenblick das Bedürfnis,
ihn anzurufen, ihm zu sagen dass er sich über seine Eltern
keine Sorgen mehr machen müsste. Dass wir frei waren.
Ja, frei. Ein Glücksgefühl kam auf in mir und ich
stabilisierte es mit einem weiteren Schluck aus dem Glas.
Hätte mich zu der Zeit jemand gefragt ob ich glücklich
bin, ich hätte laut „ja“ hinausgeschrieen.
Auch wenn Angelo noch völlig Ahnungslos war, mit Gefühl
und Taktik würde ich ihn einweihen. Und dann stand uns
nichts und niemand mehr im Weg.
Dummerweise hatte ich von der Art dieser Einweihung nicht
den leisteten Schimmer. Ich setzte einen fragenden Blick auf
und der wurde auch sofort verstanden.
»Also gut. Es hilft ja alles nichts, wir müssen
uns etwas einfallen lassen«, redete Herr Kassini eher
leise vor sich hin. »Angelo muss geschont werden. Wir
haben einen Termin in Frankfurt ausgemacht, in einer Woche.
Der Arzt in der Klinik meinte, Angelo mache sich sehr gut
und eine Entlassung wäre unter der momentanen Prognose
durchaus möglich. Er soll vorspielen, auch mit Gips kein
Problem.«

»Es wird ihn freuen, wenn er das hört.
Oder weiß er es schon?«, fragte ich.
»Nein, ich habe noch nichts zu ihm gesagt. Er soll
sich ein paar Tage ausruhen. Wenn er weiß dass Frankfurt
schon so nah ist, wird er womöglich kein Auge zumachen.«
Herr Kassini konnte man wirklich getrost als Mitfühlend
oder sogar Treusorgend bezeichnen. Angelo würde auch
in Zukunft auf seine Eltern zählen können, da war
ich mir sicher.
»Also ich fände es gut wenn er es bis dahin wüsste,
also ich mein dieses Gespräch hier. Etwas, was dann keinen
Platz mehr im Kopf beansprucht.«
Da hatte die gute Frau recht. Es galt also, Angelo innerhalb
der kommenden Woche einzuweihen. Allerdings.. »Man müsste
ihn irgendwie dazu bringen, sich zu verraten. Ohne dass er
es bewusst merkt«, stellte ich dann so in den Raum.
Andreas Kassini lachte. »Ups, das klingt mir nun aber
doch sehr abenteuerlich.«
»Wohl, aber haben Sie.. eine andere Idee?«
Die beiden Eheleute sahen sich an. Konnte es sein, dass diese
nun im Raum schwebende Frage wichtiger war als die Tatsache,
dass ihr Filius ein schwuler, aber nichtsdestotrotz ein ganz
lieber Junge war? Mir kam es jedenfalls so vor.
»Da hätte ich zwei Fragen: Erstens, mich würde
interessieren wo Sie die Zeitschriften hingetan haben als
sie Angelo besuchten und was Sie dachten, als Sie uns von
seinem Zimmer aus beobachteten.« So, die hatte ich nämlich
in der ganzen Aufregung vergessen.
»Zeitschriften?« Die beiden sahen sich wieder
an. »Wir haben nichts mitgenommen. Nur Neues gebracht.«
Aha, das war höchstinteressant.
»Ja, wir haben wohl gesehen dass.. ihr euch an den
Händen hattet, aber für uns sah das nach Trost aus.
Mut zusprechen. Oder, Andreas?«
Der Mann nickte eifrig. »Ja, deshalb war ich auch nicht
ganz so ärgerlich, dass er nicht auf seinem Zimmer geblieben
war. Aber das hat sich ja nun.. erledigt.«
»Also keine Zeitschriften?«, hakte ich vorsichtshalber
nach.
»Nein«, bestätigte mir Angelos Vater nochmals.

Na gut, sie mussten schließlich wissen,
ob sie was mitgenommen hatten oder nicht. Auf jeden Fall stand
jetzt die Frage im Mittelpunkt, wie man Angelo an diese Sache
heranführen wollte. Vor allem wer und am wichtigsten,
wie.
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