| Parkgeflüster
»Ich komme morgen früh, dann reden wir, okay?«
»Ja.. machen wir.. bis Morgen.. «
»Ich hab dich lieb«, fügte ich an und wartete
auf seine Antwort.
»Ich dich auch.«
Ein Fels, so groß wie ein Steinbruch, fiel mir vom
Herzen. Er hatte es nicht direkt gesagt, aber das genügte
mir. Jedenfalls war erst mal Wasser angesagt, von oben, und
das lange. Sehr lange und nur kurzzeitig dachte ich dabei
an die Wasserrechung. Meine Eltern schickten mir eine SMS,
dass sie gegen Nachmittag anderntags eintreffen würden,
was mir ziemlich gut in den Kram passte.
Diese Nacht schlief ich wie ein Toter, trotz der vielen Gedanken
die ich mir beim einschlafen machte. Es würde eine Lösung
geben, geben müssen. Wie auch immer, ich versuchte mich
in Zuversicht.
Duschen, anziehen, eine Tasse Kaffee im Stehen, Utensilien
schnappen, raus aus dem Haus. Das war mein Start in den anderen
Tag. Schon etwas blöd wenn man kein Auto hat, man vergeudet
echt viel Zeit mit der Bahn.
Na ja, ich wollte eh diesen Sommer mit dem Führerschein
anfangen. Hoffentlich hatte der Unfall keine Einfluss darauf,
Eltern können ja manchmal.. aber Unsinn. Solche Gedanken
hatten erst Mal nichts zu suchen in meinem Kopf.
Über eine Stunde war ich doch schon unterwegs und mit
jedem Kilometer wurde ich wieder nervöser.
Angelo war nicht auf seinem Zimmer, aber sein Nachbar, ein
älterer Herr, den es beim Sturz von einer Leiter die
Hüftknochen zersplittert hatte, wusste wo er steckte.
Ich fand ihn im Park, in einem Rollstuhl. Ein paar andere
Patienten standen um ihn herum und so wie mir schien, ging
es meinem Schnuckel gar nicht so übel. Aber diese Tatsache
war mitnichten eine schlechte.
Ich stellte mich dazu, von hinten, er hatte mich nicht kommen
sehen. Sie redeten irgendwie über Fußball und dergleichen
Sachen, etwas, wovon ich nicht den leisteten Schimmer habe.
Ob das nun Anzüglich wirkte oder nicht war mir in dem
Augenblick auch egal, ich hielt ihm einfach die Augen zu.
Angelo zuckte kurz zusammen, dann rätselte er einige
Sekunden.
„Ralf, das gilt nicht«, lachte er und nahm meine
Hände.
Endlich eine Berührung, eine, auf die ich so lange gewartet
hatte. Ich ging um den Rollstuhl herum, hatte mich allerdings
auf dem Weg hierher schon mal auf den Verband und die blauen
Flecken gefasst gemacht. Allerdings, er sah schon bedeutend
besser aus, auch wenn ihm so einiges von seiner Schönheit
natürlich noch abhanden war.
»Hallo Angelo.«
Er hielt meine Hände immer noch, was mich etwas verlegen
machte, wegen den anderen, die das beobachteten. Dennoch,
ich ließ ebenfalls nicht los.
»Ich hab mit dem jungen Mann ein Wörtchen zu reden«,
sagte ich dann nur und rollte Angelo aus dem Kreis.
Ich musste mit ihm allein sein, und diese Gelegenheit war
günstig. Niemand konnte uns im Zimmer stören oder
gar zuhören. Ich schob ihn an die angrenzende Wiese,
in deren Mitte ein Teich angelegt war. Allerdings gab’s
auch da keine Abkühlung vor der Hitze, die dieser Tag
wohl wieder bringen würde.
Ich setzte mich auf eine Bank dort, direkt meinem Schnuckel
gegenüber. Endlich allein mit ihm, endlich ansehen, reden,
anfassen.
»Wie geht es dir?«
»Ganz gut. Eigentlich darf ich gar nicht hier sein,
aber ich halt das da oben nicht aus.«
»Und.. hast du was erfahren.. wegen deinen Eltern?«
»Nein. Sie haben heute Morgen schon angerufen, aber
sie klangen ganz normal. Also ich glaub nicht dass die das
gelesen haben. War übrigens ne richtig schlaue Idee von
dir.. «
Aber er lachte dabei.
»Danke, trotzdem.«
»Hab ich doch gern gemacht. Und deswegen.. kam mir
die Idee gar nicht, dass das jemand anderes lesen könnte.
Also können wir wohl davon ausgehen, dass sie nichts
mitbekommen haben.«
»Ja, ich denk wir sollten das vergessen.«
»Aber, es ist damit ja nicht aus der Welt«, gab
ich zu bedenken.
»Irgendwann kommt der Tag.. Und ich hab ne scheiß
Angst davor.«
»Ralf, ich auch. Nur, wir sollen und dürfen nichts
überstürzen.«
»Meine Eltern kommen heute aus dem Urlaub zurück.
Die werden auch ne Menge Fragen haben.«
»Was wirst du ihnen sagen.. wer ich bin?«
»Das überlege ich schon die ganze Zeit. Ich denke,
ich sage ihnen die Wahrheit. Wenn du nichts dagegen hast.«
#
Angelo grinste.
»Was soll ich dagegen haben?«
»Weiß nicht, vielleicht ist dir das ja nicht
recht.. ich mein, es geht ja nicht bloß um Kaffee trinken.«
»Nee, lass mal. Es reicht völlig wenn wir ein
Problem am Hals haben.«
»Angelo, darf ich dich was.. fragen?«
Er neigte den Kopf.
»Klar, immer.«
»Liebst du mich?«
Ja, Rosamunde Pilcher ließ grüßen. Aber
ich musste dieses Wort von ihm hören.
Er spielte mit seinen Fingern, was mich ziemlich nervös
machte.
»Ja, klar. Warum fragst du?«
»Ich weiß nicht.. so ein blödes Gefühl
die ganze Zeit. Irgendwie, kann ich’s nicht greifen.«
»Was, nicht greifen?«
»Ich mein, warum das alles so furchtbar kompliziert?
Warum kann man nicht hingehen und sagen, das ist mein Freund,
und kein Mensch schert sich darum? Ach, komm, lass es. Wichtig
ist ja erst Mal dass du wieder gesund wirst.«
Ich drückte seine Hände wieder, die ich einfach
wieder gegriffen hatte.
Doch plötzlich verkrampften sich Angelos Hände
und sein Blick ging nach oben, dorthin wo sein Zimmerfenster
war. Ich drehte mich um und sah ebenfalls da hoch. Zwei Köpfe,
zwei Gesichter.
Und die sahen ganz genau, was da mit uns grad passierte. Schnell
nahm Angelo seine Hände weg, aber ich wusste sofort dass
es zu spät war. Seine Eltern hatten das beobachtet, zweifellos,
und nun sackte mein Kreislauf wieder zusammen.
Dachten wir eben noch, mit einem blauen Auge davongekommen
zu sein, so gab es jetzt keinerlei Ausflüchte mehr. Unsere
Köpfe waren wenige Handbreit voneinander weg, die Hände
fest umschlungen.. dafür gab es nur eine Antwort.
Falls überhaupt noch Fragen auftauchten. Entsetzt sahen
wir uns an.
»So, jetzt haben wir es endgültig vermasselt«,
stammelte Angelo leise.
Und ich konnte nur nicken. Aus, vorbei. Sie konnten so blind
nicht sein. Ein erneuter Blick, die beiden waren nicht mehr
zu sehen.
»Meinst du..?«
Angelo zog nur die Schultern hoch. Es konnte nur noch wenige
Minuten dauern, dann waren sie hier.
»Was sagen wir ihnen? Dass ich.. sehr besorgt um dich
bin? Ich mein, wir haben uns ja nicht geküsst oder so..«
»Ralf, warte bis sie hier sind.«
Ich spürte seine Nervosität, für irgendwelche
Ausflüchte hatten wir auch keine Zeit.
Und dann kamen sie, Arm in Arm, eher langsam als schnell
und auf die Entfernung konnte zumindest ich nichts in ihren
Gesichtern erkennen. Zum Glück waren wir alleine hier,
falls es zur Aussprache kommen sollte musste man wenigstens
nicht fürchten, die halbe Klinik hört dabei zu.
Ich stand auf, als sie bei uns angelangt waren. Vermutlich
machte ich den Eindruck eines Erstklässlers, der gleich
ein Donnerwetter zu hören bekam. Angst in dem Sinne hatte
ich nicht, aber mir war nun mal nicht sehr wohl. Angelo, soweit
ich das beurteilen konnte, auch nicht.
Ich streckte die Hand zu Angelos Mutter aus.
»Tach.«
Sie gab mir die Hand und nickte. Dabei musterte sie mich,
sehr genau.
»Hallo. Herr.. Bach? Richtig?«
Ich nickte.
»Andreas, das ist Herr Bach. Ein.. Freund von Angelo.«
Nun wagte ich einen ersten vagen Blick in das Gesicht von
Angelos Vater. Ja, jetzt stimmte das Puzzle. Jene Teile, die
Angelo nicht von seiner Mutter hatte, besaß er. Einen
Moment dachte ich, die Eltern sind hübsch, wie immer
man das auch auslegen wollte und beide hatten ihre Teile Angelo
mitgegeben. Darum ist er so vollkommen geworden; für
mich jedenfalls. Nun streckte ich dem Mann ebenfalls die Hand
hin.
»Angenehm. Kassini.«
So standen wir einige Sekunden und ich spürte, oder
ahnte zumindest, dass etwas in der schwülen Luft lag.
Aber was? Und wie? Mein Mund trocknete aus, eine sehr unangenehme
Begleiterscheinung wenn ich hypernervös werde. Darum
schluckte ich so mehr oder weniger auffällig. Wer machte
den Anfang? Gab es überhaupt einen oder war jetzt, in
dieser Minute, schon alles vorbei?
Angelos Ängste und Bedenken fielen mir ein. „..keinen
Stammbaum mehr.. derer von Kassini.. sterben aus.. wegen mir..“
Den Wortlaut wusste ich nicht mehr genau, aber was spielte
das für eine Rolle? Fest schien zu stehen, dass man sich
über den Unfall an sich nicht mehr unterhalten musste.
Das würde Angelo am Vorabend getan haben.
Jetzt konnte es nur noch um mich gehen. Um uns, genauer betrachtet.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte mich
Angelos Mutter.
Ihr Tonfalls ließ zunächst nichts Unangenehmes
befürchten.
»Danke, ab und zu noch Kopfschmerzen, aber sonst..
Danke, ganz gut.«
Nun setzten sich die beiden neben mich auf die Bank. Frau
Kassini zupfte ihr modisches Kleid etwas zu Recht, während
ihr Mann direkt neben mir seine Arme über der Lehne der
Bank ausbreitete.
Immer noch hielt ich fast den Atem an, traute mich nicht auch
nur einen Mucks zu machen. Ich sah nur Angelo an, der uns
gegenüber in seinem Rollstuhl saß und ziemlich
verkniffen dreinschaute.
»Angelo, du sagst gar nichts.«
»Mir geht’s.. na ja, Schmerzen halt noch, von
der OP.«
»Man muss sich ernsthaft fragen, was du hier draußen
machst. Wenn ich mich recht erinnere, solltest du Bettruhe
einhalten.«
Ein bisschen vorwurfsvoll klang Herr Kassini schon. Vielleicht
gab man mir ja gleich die Schuld, dass er hier unten war und
nicht in seinem Bett lag. Nun, wenn das alles gewesen wäre,
die hätte ich gern auf mich genommen.
Aber ich spürte, zumindest glaubte ich, das zu spüren,
da musste noch was kommen. Es war einfach nicht das Gespräch,
wie man das im Allgemeinen gewohnt war. Bei einem Krankenbesuch
mein ich

»War haben dir oben zu lesen und ein paar
Naschereien hingelegt. Vater muss heute Abend noch nach Stuttgart«,
hörte ich Frau Kassini sagen. Offenbar wollte sie damit
ausdrücken, dass sie nicht viel Zeit hatten.
Ich wusste in dem Augenblick nicht ob das gut oder schlecht
sein sollte. Irgendwie war ich aufgeladen, wäre bereit
gewesen über Angelo und mich zu reden. Er hätte
gar nichts dazu sagen müssen.
Ich hätte ihnen gesagt dass wir uns sehr gern haben,
dass wir einfach zusammengehören. Ja, ich wollte reinen
Tisch machen. Wenn sie auch nur ein Wort verlauten ließen,
ein einziges.
Aber dieses Schweigen kostete mich die letzten Nerven.
Oder sollte ich einfach anfangen, völlig egal ob sie
schon einen Verdacht hatten oder nicht?
Aus Angelos Gesicht – zumindest dem, was der Verband
hergab – konnte ich nichts entnehmen. Er würde
auf keinen Fall zuerst den Mund aufmachen und das war überhaupt
kein Problem für mich.
Nun drehte ich zu den beiden hin und setzte ein sehr fragendes
Gesicht auf, vielleicht merkten sie ja dass da eine Spannung
aufgestaut war. Die musste weg. Wie viele Nächte wollte
ich mir denn noch um die Ohren schlagen?
Aber ich war mir der Gefahr bewusst, in die wir, Angelo und
ich, uns begaben. Standen sie dann auf, mit dem Hinweis, er
bräuchte nicht mehr heimkommen? Oder mir den Umgang mit
ihm für alle Zeit verbieten?
War es allein meine Aufgabe, diesen möglichen Zwist heraufzubeschwören?
Nun spielte ich mit meinen Fingern und immer wieder fiel mein
Blick zu Angelo. Aber der wich mir aus.
„Hol mal tief Luft und raus damit.
Ihr macht euch ja noch kränker als ihr eh schon seid.“
Raus damit.. wie einfach das klingt. Aber meine Stimme machte
mir zum ersten Mal Mut.
Ich richtete mich auf und schluckte. Ein Räuspern, dann
eine kurze Formulierung zusammenbasteln.. Es würde schon
gehen.
»Also, ich denk, ich muss etwas loswerden,« fing
ich mit zitternder Stimme an.
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