| 14. Verbindungen
»Also, der Kopf ist okay. Eine Gehirnerschütterung,
sonst hast du großes Glück gehabt.«
Ja, das dachte ich schon als ich den Schrotthaufen gesehen
hatte. Das röntgen war schnell gegangen, man machte da
an der Uniklinik nicht viel Aufhebens.
Der selbe Arzt, der mir versprochen hatte sich nach Angelo
zu erkundigen, brachte mir die eigentlich frohe Botschaft
ans Bett, in das mich anschließend hatte fallen lassen.
Leicht schlecht war mir, aber das sei normal, hieß es.
»Ich habe in Ludwigshafen angerufen.«
In dem Moment dachte ich, die müssen mir einen Herzschrittmacher
einsetzen.
»Zum Glück, ich kenn dort ein paar wichtige Persönlichkeiten.
Ansonsten wäre das nicht so einfach gewesen.«
Mir war im Augenblick egal ob das einfach gewesen wäre
oder nicht. »Und?«
»Nun, so wie es aussieht hat er einen glatten Bruch
des Wadenbeins.«
»Und? Was noch?« Die schlimmere Nachricht kam
in solchen Fällen ja immer am Ende.
»Eine Quetschung der Milz und ein Nasenbeinbruch.«
Mir fiel das Blut ein, das ich auf meinem Shirt gehabt hatte.
»Und wieso dann Hubschrauber?« Da musste noch
was kommen.
»Man konnte am Unfallort nicht feststellen, ob die
Wirbelsäule was abgekriegt hat. In solchen Fällen
ist der Helikopter die bessere Wahl.«
»Hat... die Wirbelsäule..?
Er lächelte besänftigend. »Nein, nichts.
Das heißt, er wird ein oder zwei Wochen in der Klink
bleiben, dann halt mit Gips.. und das war's schon. Ihr habt
wirklich verdammtes Glück gehabt.«
Ja, aus der Sicht betrachtet waren wir eigentlich mit ein
paar unbedeutenden Schrammen davon gekommen. Obwohl ich immer
noch das Gefühl hatte, der Doc wäre da was am verschweigen,
begann sich mein Puls zu normalisieren. Ich legte mich wieder
hin, die Kopfschmerzen waren immer noch sehr dominierend.
»Kann ich irgendwie mit ihm reden?«, versuchte
ich es dann doch noch einmal.
»Das wird schwierig. Ich denke da solltest du ein paar
Tage warten.«
Ein paar Tage.. wie stellte der sich das vor? »Seine
Eltern, hat man die benachrichtigt?« Dass er das wissen
konnte, davon ging ich nicht aus, aber ein Versuch war auch
das wert.
»Nun, er ist ja bei Bewusstsein, von daher nehm ich
an dass sie Bescheid wissen. So, und nun ist Ruhe angesagt.
Ich hab übrigens vorhin einen Polizisten weggeschickt,
mir scheint die haben sehr viele Fragen. Er wird auf jeden
Fall Morgen wieder kommen.«
»Und wie lang darf ich hier herumhängen?«
Er lächelte wieder. »Zwei Tage. Übrigens,
man hat dein Handy nicht gefunden.«
»Das gib es nicht. Ich hab es immer dabei, ganz sicher.«
Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Auf jeden Fall
haben sie den Wagen in die KTU gebracht. Wenn es im Auto ist,
dann werden sie es spätestens dort finden. So, und nun
Klappe halten und Augen zu.«
Kriminaltechnische Untersuchungsstelle. Mir kam es vor, als
hätten wir .. »Was ist eigentlich dem Fahrer des
anderen Autos passiert?« Komisch, dass mir diese Frage
nicht viel früher gekommen war. Aber irgendwie war mir
Angelo eben wichtiger, zumal der Fahrer dieses Wagens Schuld
an allem hatte.
Ich hab's ihm dann angesehen. Er brauchte nichts zu sagen,
ich hab's in seinem Gesicht gelesen und auch in den Augen.
»Ich darf darüber keine Auskunft geben.«
Ich legte mich endlich hin und machte die Augen zu. Musste
ich wissen, wie viel Personen in dem anderen Wagen saßen,
musste ich wissen dass der Fahrer oder noch andere.. ums Leben
gekommen waren? Nein. Immer wieder hämmerte ich mir ein,
dass wir keine Schuld hatten. Bis vors höchste Gericht
der Welt würde ich gehen, um das zu bezeugen. Angelo..
Mitten in der Nacht wachte ich auf und kotzte erst mal auf
den Boden vorm Bett. Das ging so schnell dass ich gar keine
Reaktionsmöglichkeit hatte. Aber zum Glück, genau
davor hatte man mich gewarnt. Irgendwie war ich froh, ein
braver Patient zu sein der nicht auf der Stelle nach Hause
wollte. Ich klingelte und registrierte dann auch so einen
ganz niedlichen Zivi, der meine Kotze ohne Murren aufwischte.
Zu einer Unterhaltung kam es erst nicht, ich war immer noch
völlig gerädert. Und dass der Hase etwas wusste
war...
»Danke. Tut mir leid.. ich..«
Der Junge stand auf und nun vor meinem Bett. Hoppla, der
bediente so ziemlich alle Klischees eines schwulen Krankenhauszivis,
der es mit armen, schwachen Jungen wie mir im Krankenzimmer
trieb. Jep, spätestens als er mich anlächelte war
das Klischee perfekt. »Macht nichts. War ja nicht viel.«
»Ich heiße Ralf«, schlug ich dann in die
Kerbe. So begannen doch viele Schwulengeschichten, um dann
in hemmungslosem Sex zu enden. Deswegen musste ich leicht
grinsen.
»Peter«, bekam ich als Gegenleistung und einen
Handschlag. Dabei wollte ich von dem Süßen nichts.
Das heißt, schon.
»Wie lange bist du denn schon hier?«, begann
ich das Pferd von hinten aufzuzäumen.
»Ein Jahr fast.«
»Und du bist Zivi, oder?«
Er nickte. »Ja, aber nicht mehr lange..«
Okay, lange genug war er hier. »Sag mal, ich hatte
mit einem Freund einen Unfall. Ich bin hier gelandet und er
in Ludwigshafen. Ich weiß einfach nicht wie es ihm geht
und.. niemand kann mir was sagen«, log ich.
»Hm, tja, mit denen dort haben wir ab und an zu tun.
Wie heißt denn der Freund?«
Ich leierte meine Sätze herunter und prompt meinte Peter,
er würde mal sehen. Ein Freund von ihm nämlich hätte
seine Zivistelle dort und man könnte vielleicht mal versuchen
und so weiter.
Ich hätte ihn küssen können. Was ich unbedingt
musste war, mit Angelo zu sprechen. Weiß gar nicht mehr
was ich Peter alles erzählt habe warum das so unendlich
wichtig wäre. Über die anderen Leute bei unserem
Unfall konnte er mir nichts sagen, aber das sah ich dann ein.
Zumal das sehr ehrlich klang.
Jedenfalls, als er mich allein ließ im Zimmer war mir
schon wesentlich wohler. Richtig gut ging's mir nicht, klar,
aber nun konnte ich mich an irgend etwas klammern.
Das Frühstück fiel ziemlich mager aus, nachdem
im Bericht stand dass ich in der Nacht gereihert hatte. Aber
hungrig war ich eh nicht. Peter hatte Nachtdienst, ich musste
den Tag also irgendwie rumkriegen.
Das geschah schon am Vormittag, als jener Polizist auftauchte.
Und wie wahr, der hatte ne Menge Fragen. Um die nicht irgendwie
in Bedrängnis zu bringen war meine Amnesie wie weggeflogen
und ich schilderte ihm alles so, wie es passiert war. Der
Grüne nickte nur, so, als hätte er das alles schon
mal gehört. Nach dem Protokoll wollte ich von ihm wissen,
ob er etwas über den anderen Fahrer wüsste, aber
er schüttelte nur den Kopf. Ein weiteres Indiz für
mich, dass da etwas furchtbares passiert sein musste.
Von meinem Handy wusste man nichts, beinahe überlegte
ich, ob es nicht doch zu Hause lag. In Luft konnte es sich
nicht aufgelöst haben.
Paul ging mir durch den Kopf, der musste auf uns gewartet
haben. Ja, eine Lösung. Der hatte bestimmt bei Angelo
zu Hause angerufen um zu fragen was da los sei, er wusste
ja wie wichtig Margie war.. Oha. Kein Frankfurt, kein Solo,
nichts. Vorerst nicht. Freude? Ja und nein. Insgeheim malte
ich mir schon aus, wie ich Angelo gesund pflegen würde.
Hm, ja, seine Eltern, da gab's noch eine große Hürde.
Meine Eltern.. keine Ahnung hatten die, lagen irgendwo in
der Sonne und wähnten ihren Sohn im trauten Heim.
Langsam wurde der Tag dann doch zur Blindschleiche. Ich lag
allein in dem Zimmer, was wahrscheinlich kein Nachteil war.
Aber im TV der übliche Mist, für Radio hatte ich
keinen Nerv.
Endlich, einundzwanzig Uhr, Peters Schicht begann. Ich setzte
mich schon mal aufs Bett, denn wenn er Neuigkeiten hatte würde
er auch ohne anderen Grund ins Zimmer kommen.
Und fünf nach Neun war er da.
»Hallo. Und, hast was rausgefunden?«
Er kam richtig beschwingt ins Zimmer und an mein Bett. »Jep,
hab ich.«
Und damit hielt er mir eine Telefonnummer unter die Nase.
»Das ist die.. von Angelo?«
Er nickte zufrieden und wieder entging er nur einem Kuss,
weil ich schon einen Freund hatte. Ohne weitere Worte wählte
ich die Nummer, nach dem zweiten Freizeichen hörte ich
eine Stimme. Nur ein Wort, ein einziges. Steinbrüche
fielen mir vom Herzen, mein Kreislauf hüpfte rauf und
runter, machte Freudensprünge.
»Kassini?«
Diese Stimme. Sie klang ganz normal, wie immer eigentlich.
»Ralf hier.«
Stille. Kein Laut, ich hörte ihn nur atmen.
»Ralf? Gott sein Dank, wo bist du denn, wie geht es
dir?«
»Langsam, mein Lieber. Mir geht’s gut und ich
liege in Heidelberg. Was ist mit dir? Sag schon.«
»Beinbruch, Milz hat was abgekriegt und meine Nase..
na ja, die werden die schon wieder geradebiegen.«
Ja, jetzt fiel mir auf dass er ganz leicht näselte.
Aber das war kein Grund zur Besorgnis. Er war am Leben, er
war am Telefon. Ab jetzt würde alles wieder gut.
»Hast du deine Eltern erreicht?«, wollte ich
wissen.
»Ja, die Polizisten haben die Papiere und meinen Notfallausweis
im Auot gefunden. Meine Eltern waren schon hier, mich besuchen.
Und was ist mit deinen?«
»Hm, Problem. Ich hab die Nummer vom Urlaubsort im
Handy und das ist wie vom Erdboden verschwunden.«
»Das ist hier, bei mir.«
Im Moment verschlug es mir die Sprache. »Was? Wie kommt
es denn..«
»..sie haben sie gefunden, meins und deins. Irgendwie
wussten die nicht welches wem gehört und jetzt hab ich
halt beide hier. Ich hab bei dir zu Hause angerufen, aber
klar, da ging niemand dran. Und bei den beiden Nummern deiner
Eltern geht niemand dran. Nicht erreichbar heißt's da.«

Das war Mist. Ich hatte noch darauf bestanden
dass sie wenigstens ein Handy immer anlassen sollten. Auf
der anderen Seite, wer weiß wo sie grade waren und es
dort keine Sender gab. »Hast du es ein paar mal probiert?«
»Ähm, zwei mal. Dann hab ich sein lassen.«
»Angelo, versuch es bitte noch mal. Vielleicht haben
sie einen Ausflug gemacht und waren in einem Funkloch. Im
Hotel geht es, sie haben mich von dort angerufen.«
»Ja, mach ich. Und was soll ich ihnen sagen?«
Oh weh, das war natürlich erst mal nicht in der Planung.
Sie würden wissen wollen war Angelo war und warum ich
mit ihm einen Unfall hatte. Gut, das wollte ich Angelo nicht
zumuten. »Gib mir bitte mal beide Handynummern«,
bat ich ihn, denn die hatte ich keinesfalls im Kopf. Würd
zwar ein teurer Spaß, aber den mussten zum Glück
oder auch nicht meine Eltern bezahlen.
Angelo gab mir beide Nummern, dann hörte ich Stimmen
bei ihm im Hintergrund. »Wer ist bei dir?«, wollte
ich einfach wissen.
»Ralf ich muss Schluss machen. Ruf mich morgen wieder
an, okay?«
Ich kam gar nicht zum verabschieden, so schnell hatte er
dann aufgelegt. Nun gut, ihm ging's immerhin schlechter als
mir, wahrscheinlich waren da Schwestern zugange oder wie auch
immer.
Rasch wählte ich die Nummer meiner Mutter. Warum sie,
keine Ahnung, aber am Ende war es auch egal. Aber ich hatte
nicht mehr Glück als Angelo, die Nummer wäre nicht
zu erreichen. Wieso hatten sie die Mailbox nicht an? Nächster
Versuch, mein Vater war an der Reihe. Und da endlich ein Freizeichen.
»Bach?«
»Papa? Hier ist Ralf.«
»Ralf? Wieso.. rufst du nicht mit dem Handy? Das ist
doch viel zu teuer und..«
»Papa, ich hatte einen Unfall und liege im Krankenhaus.«
Funkstille, sozusagen. Ein paar Augenblicke wenigstens.
»Was? Um Himmels Willen, was ist passiert? Ist es schlimm?
Sollen wir kommen? Nun sag doch was.«
Na ja, dazu musste er mich erst Mal zu Wort kommen lassen.
»Nein, nichts Schlimmes. Gehirnerschütterung, sonst
nichts. Ihr müsst nicht kommen, ich werde morgen entlassen
und..«
»Was machst du denn für Sachen?«
»Bin in einem Auto mitgefahren und uns hat ein Wagen
geschnitten..«
Meine Eltern kannten sämtliche Pappenheimer,
mit denen ich so herumhing. Keiner von denen hatte einen Führerschein.
Das würde Fragen aufwerfen.. ich konnte alles auf die
teure Anrufkosten schieben. »Macht euch erst mal keine
Gedanken. Ich melde mich wieder wenn ich zu Hause bin.«
Ein bisschen drumherum reden musste ich dann doch, aber in
die Tiefe ging ich nicht. Erst als ich auflegte spürte
ich, wie mich das angestrengt hatte. Dabei war jetzt wirklich
Zeit zum Luftholen. Angelo ging's gut, soweit wenigstens,
meine und seine Eltern wussten Bescheid.
Ich zwang mich dann zur Ruhe. Dabei hatte ich gar nicht bemerkt,
dass Peter aus dem Zimmer gegangen war. Blumen konnte man
so jemanden ja nicht gut schenken, aber ich würde mir
was einfallen lassen. Außer einem Kuss, den hatte ich
bereits im Doppelpack für jemand ganz anderen geplant.
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