| Es dauert nicht
lange, bis sich herausstellt, wem oder was Ricks Aufmerksamkeit
gilt.
Schon wenige Minuten später ändert sich schlagartig
das Leben im Camp und die Ereignisse überschlagen sich.
Rick setzte sich hin und fuhr mit seiner Zunge um seine Schnauze.
Abwechselnd blickte er die beiden Männer an, dann wieder
hinüber zum Wald.
»Kommt mir vor, als wüsste er nicht was er machen
soll«, stellte Nico fest. »Ich denk, ich geh mir
das mal ansehen.« Damit stand er auf und durchquerte
den kleinen Rasenplatz für Frühsport. Hinter dem
kleinen Gemüsegarten befand sich jener Pfad, auf dem
sich Nico und Stefan damals zur alten Lagerstätte davongestohlen
hatten.
Wider Erwarten stand Rick zwar auf, folgte Nico jedoch nicht.
»Was ist, wist du mir nicht zeigen was da los ist?«
Rick bellte, laut und eindringlich, rührte sich aber
nicht von der Stelle.
»Nico, ich glaub fast der will nicht dass du da hin
gehst.«
»Felix, was soll denn passieren?«
»Weiß nicht. So hat er sich noch nie benommen.«
Auch Nico musste zugeben, dass das Verhalten des Rüden
nicht normal war. Er blieb stehen und sah eindringlich zum
Wald.
Plötzlich stürzte Rainer Bode aus der Küche
heraus. Er sah fast leichenblass aus. »Der Wald brennt!«,
rief er, wobei sich seine Stimme fast überschlug. »Hubert
hat angerufen, Leute aus dem Dorf haben Alarm geschlagen.«
Obwohl es dazu eigentlich keine Fragen gab, traute Nico seinen
Ohren zunächst nicht. »Wo?«, wollte er wissen,
sein Herzschlag hatte sich in einigen Sekunden verdoppelt.
Ohne groß nachdenken zu müssen war allen klar,
was das bedeuten konnte. Der Wald war knochentrocken, schon
ein Funke die Katastrophe schlechthin. Was insgeheim jeder
seit Wochen befürchtete, jetzt war es eingetreten –
ein Alptraum, zu dessen Ausgang man sich besser keine Gedanken
machte.
»Einmal drüben bei den Bruchwiesen und dann gleich
am Ortsausgang unten. Die Feuerwehren der ganzen Umgebung
sind alarmiert.«
Nicos Gehirn arbeitete auf Hochtouren. »Bruchwiesen..
An zwei Stellen gleichzeitig? Das ist doch kein Zufall.«
»Das hat Hubert auch gesagt, er sprach gleich von Brandstiftung.
Das Feuer bewegt sich bergauf, Richtung Steinbruch.«
»Also erst mal keine Gefahr für uns hier?«
In dem Moment nahm Nico leichten Rauchgeruch wahr und auch
Gröbner sog die Luft durch die Nase.
»Rauch.. verdammt..«
Nicos Blick ging zu Rick, der wie angewurzelt dasaß.
Sein Verhalten hatte sich damit auf der Stelle erklärt.
»Rainer, was sollen wir machen?«
»Nico, Ruhe bewahren, wir können nichts tun. Die
Jungs sind alle hier und das bleiben sie auch. Außerdem
evakuieren Leo und Irwin grade Camp zwei. Sie kommen hierher.«
Untätig herumzustehen war keinem der drei recht, aber
es war tatsächlich das Beste, die Dinge abzuwarten. Nico
streichelte dem Rüden über den Rücken. »Das
hat Rick gemerkt, deswegen war er so komisch.«
Bode zog sein klingelndes Handy aus der Tasche. »Ja?«
Er nickte, murmelte etwas in das Telefon und legte auf. »Das
war Thomas Prauner. Er ist mit seinem Vater in einem Motorsegler
unterwegs und hat aus dem Flugzeug die Rauchwolke gesehen.
Sie fliegen die Strecke ab und unterrichten uns, wo das Feuer
hinwandert.«
Nico blies die Luft aus. »Was ein Glück.«
»Ja. Die Feuerwehren sind aber noch nicht da.«
»Bis die kommen..«
»Also ich denke jetzt mal pragmatisch«, mischte
sich Gröbner ein. »Egal wie es ausgeht, aber hier
gibt es bestimmt einiges was - im nicht erhofften Ernstfall
- den Flammen nicht zum Opfer fallen darf.«
Rainer Bode nickte. »Stimmt. Wir sollten nachsehen
was in Sicherheit gebracht werden muss. Nico, du gehst mit
den Jungs ins Camp, sie sollen alle privaten Sachen zusammensuchen.
Aber nur wirklich wichtige Sachen.«
Nico rannte sofort los, unter Umständen zählte
jede Minute. Er stürmte gleichsam in den Speiseraum,
wo ihn daraufhin ungläubige Blicke trafen. Die Jungs
waren noch ahnungslos..
Er versuchte ruhig zu bleiben und vor allem zu wirken. Eine
Panik nutzte niemand. »Jungs, hört mal zu. Der
Wald hat.. angefangen zu brennen.«
Sofort wirbelten Stimmen durcheinander, Simon und Roko sprangen
von ihren Stühlen auf.
Nico beschwichtigte sie sofort. »Hey Jungs, kein Grund
zur Aufregung. Das Feuer wird beobachtet und für uns
hier droht im Augenblick keine unmittelbare Gefahr. Trotzdem
solltet ihr vorsichtshalber wichtige Dinge aus den Hütten
holen. Und damit meine ich wirklich Sachen, die wichtig sind.
Wir haben vielleicht keine Zeit, den Platz komplett zu räumen.
Wir gehen zusammen los; niemand sprintet davon und keiner
bleibt zurück. Mit anderen Worten, zusammenbleiben verstanden?«
Nico wunderte sich über den Ton, mit dem er das sagte.
»Ja nun, worauf warten wir noch?«, rief Patrick
und sah Nico fragend an.
»Gut, auf geht’s.«
In einem Dauerlauf verließen sie das Gebäude und
inzwischen war der Himmel nicht mehr so blau; ein feiner,
grauer Schleier hatte sich über dem Areal ausgebreitet
und neben dem Geruch nach verbranntem Holz begannen nach wenigen
Metern die Augen der Jungen zu brennen.
»So weit kann das aber nicht mehr weg sein«,
rief Marco Nico zu, der neben ihm herlief.
Nico musste ihm zustimmen, so gern er auch vom Gegenteil
überzeugt gewesen wäre. »Ich denke, so ein
Rauch geht über etliche Kilometer«, versuchte er
es dann doch.
»Hoffentlich«, gab Marco zur Antwort und dabei
rannten sie bereits auf den Pfad in den Wald hinein. Immer
wieder sah Nico nach oben, denn dunkler werdende Rauchwolken
würden nichts Gutes bedeuten.
Rick sprintete der Gruppe voraus und erreichte als erster
die Hütten. Rasch suchten die Jungen ihre Unterkünfte
auf, alles geschah überlegt und ohne wirkliche Panik.
Nico blieb an dem Baumstamm auf der Lichtung stehen und atmete
schwer. Noch bereitete das Atmen keine Probleme, noch verdichteten
sich keine Rauchwolken über ihnen. Aber es war ein sehr
merkwürdiges Gefühl, das Besitz von ihm ergriff.
Nico deutete es als Bedrohung, etwas, das plötzlich und
unberechenbar über sie hereinfallen konnte. Zu dieser
unterschwelligen Angst kam so etwas wie eine Ohnmacht –
den Dingen keinen Einhalt bieten zu können. Hier half
nur die Flucht, sonst nichts.
Er zog sein Handy heraus und wählte Bodes Nummer. »Was
sagt Thomas?«
»Noch nichts. Ich geb dir schnell seine Nummer, für
alle Fälle.«
Nico kritzelte sich in der Eile die Nummer auf seine Handfläche,
legte auf und rief Thomas Prauner an.
»Hallo Thomas, hier ist Nico.. danke dass du uns informieren
möchtest.«
Erstaunlich leise war im Hintergrund die Maschine des Motorseglers
zu hören. Es klang eher wie ein leises, angenehmes Surren.
»Hey Nico, schön dich zu hören.. und ihr habt
ja noch einiges Gut bei mir. Also die Feuerwehr seh ich noch
nicht.. aber ich.. grad.. drüben im Erlholz steigt auch
Rauch auf.. es sind dann drei Stellen.«
»Thomas, das.. ist doch kein Zufall, oder?«
»Nein, das glaube ich auch nicht. Hoffentlich ist niemand
mehr zwischen Bruchwiesen und dem Erlholz.«
Nico spürte, wie sich sein Körper zusammenzog.
»Thomas, wieso?«
»N ja, nach Süden hin kann jetzt niemand mehr
ausweichen, im Westen lodert es am Ortsausgang, im Osten die
Bruchwiesen und im Norden ist der Steinbruch.«
»Thomas.. ich fürchte da ist tatsächlich
jemand im Wald.«
»Was? Wer?
»Eine Gruppe Pfadfinder, auf dem Weg nach Bad Eilsen.
Wir haben sie getroffen, am Steinbruch und sie wollten zu
einem Bildstock, in den Bruchwiesen.«
»Okay, wir holen uns eine Genehmigung von der Flugsicherung
und gehen dann tiefer, vielleicht sehen wir sie ja.«
»Das wär Klasse, Thomas. Melde dich wenn es etwas
Neues gibt.«
Da hatte der Pilot bereits aufgelegt. Nico schnaufte. Die
Pfadfinder.. dieser Pröll hatte gesagt, sie würden
nach Karte und Kompass laufen. Damit schein sicher zu sein,
dass sie sich nicht auskannten. Der einzige Weg war so schnell
wie möglich zurück zum Steinbruch, bevor ihnen der
Weg dorthin auch noch abgeschnitten wurde. Nico rief sich
die Gesichter der Jungen in sein Gedächtnis. Das waren
noch halbe Kinder..
»Verdammt«, sagte er laut.
»Was ist?«
»Roman.. ach nichts, ich hab nur laut gedacht.«
Marco stellte sich zu den beiden und Nico spürte, dass
er den Druck nicht alleine aushalten konnte. »Die Pfadfinder..
sie laufen wahrscheinlich in genau die falsche Richtung.«
Die Jungen sahen sich an.
»Wieso das denn? Die werden doch merken dass da was
nicht stimmt.«
»Schon, aber wenn sie nicht sofort umkehren.. wer weiß
wo das Feuer noch überall ausbricht.«
»Du meinst, die.. und jetzt?«
Nico zog die Schultern hoch. »Thomas und sein Vater
sind da oben in der Luft und versuchen sie zu finden. Bloß..
ich weiß nicht wie sie denen am Boden klarmachen wollen,
was da auf sie zukommt.«
»Ruf die Polizei, Nico, sag allen was da läuft.«
Marco hatte recht, es zählte wirklich jede Minute. Nico
nahm sein Handy und berichtete Bode von seiner Vermutung.
Mehr war es bis dahin nicht, vielleicht waren sie wirklich
schon längst umgekehrt.
»Okay Nico, ich versuche alles Mögliche«,
sagte Bode nur und legte wieder auf.
»Und jetzt?«, fragte Marco fast ängstlich.
Inzwischen hatten sich die Jungen an dem Baumstamm eingefunden,
jeder trug seinen Rucksack und scheinbar hatten sie doch alle
Habseligkeiten zusammengepackt. Nachdem es aber kein echter
Notfall war, sagte Nico nichts dazu. »Ich weiß
es nicht«, antwortete er Marco und versuchte, dessen
Blick auszuweichen.
»Sollten wir.. ihnen nicht folgen?«, fragte Simon
plötzlich, »ich mein’, wir können ja
nicht bloß hier herumstehen.«
Nico äußerte nicht, dass er schon länger
mit diesem Gedanken spielte, aber diesmal war es einfach viel
zu gefährlich. Sie konnten selbst in Schwierigkeiten
kommen und das galt es zu vermeiden. Thomas und seinen Vater
ständig anzurufen machte auch keinen Sinn, die würden
sich von alleine melden wenn sie etwas entdeckt hatten.
Dennoch war das Warten fast lähmend. Sein Handy klingelte,
hastig zog er es aus der Tasche. »Ja, Thomas?«
»Hi Nico, wir dürfen auf 150 Meter runter, tiefer
nicht. Aber das würde reichen die Gruppe zu sehen. Kennst
du den genauen Weg, den sie genommen haben?«
»Nein, eben nicht. Ich fürchte, die gehen Querfeldein.
Viele Wege gibt's ja auch nicht.«
Thomas schien nachzudenken. »Ah, die Feuerwehr.. wir
können das Blaulicht sehen. Sie sind am Ortsausgang und
drüben am Erlholz.«
»Wie weit ist das Feuer vom Camp weg? Könnt ihr
das sehen?«
»Schätzungsweise fünf oder sechs Kilometer,
es frisst sich aber sehr schnell voran. Alles brennt.. wie
Zunder.«
Nico konnte sich das Bild von da oben leicht vorstellen.
»Also wird es.. auch bis hierher kommen?«
Wieder eine scheinbar nachdenkliche Pause. »Nico, ich
melde mich wieder. Leg auf.«
Welchen Einfall Thomas auch immer hatte, Nico hoffte, es
war ein guter. Er wandte sich wieder den Jungen zu. »Kommt,
wir müssen zurück. Das Feuer ist unterwegs.«
»Und die Pfadfinder?« Simon ließ nicht
locker.
»Wir können überhaupt nichts machen.«
»Aber zwischen hier und dem Steinbruch, da brennt es
doch nicht.«
»Eben, was soll es nützen wenn wir da hoch gehen?
Die Gruppe ist auf der anderen Seite. Und wir haben keine
Ahnung, wo.«
»Ich finde auch, wir sollten was unternehmen«,
mischte sich Roman ein. »Wir haben doch Thomas, der
kann uns sagen wo die Flammen sind.«
Wenige Augenblicke versuchte sich Nico die Situation im Kopf
abzubilden. Roman hatte zwar recht, aber die Gefahr war zu
groß. Am Ende gab es tatsächlich nur der Weg über
den Steinbruch, alle anderen Möglichkeiten schienen im
Moment ausgeschlossen. Erneut klingelte sein Handy.
»Nico, die Heeresfliegerstaffel der Bundeswehr aus
Bückeburg stellt zwei Löschhubschrauber. Die Bereitschaft
macht sie soeben startklar.«
»Puh, klasse Nachricht, Thomas. Aber wo kriegen die
Wasser her?«
»Bei den niedrigen Wasserständen ringsum können
sie nur zur Weser um die Löschbehälter zu füllen,
eine andere Möglichkeit sehe ich nicht.«
»Thomas, das ist doch viel zu weit wenn ich mich erinnere.«
»Ja, aber ich wüsste sonst nicht.. aber das ist
auch nicht unser Problem, die kennen sich da besser aus.«
»Und von den Pfadfindern? Habt ihr sie gesehen?«
»Keine Spur, aber wir suchen uns die Augen aus dem
Kopf. Sobald wir was wissen, sagen wir Bescheid.«
Kaum hatte Nico das Gespräch beendet, meldete sich Rainer
Bode. »Hallo Nico. Leo und Irwin fahren die Jungs aus
Camp zwei runter zum Dorf, es macht keinen Sinn sie erst noch
hierher zu bringen. Wie sieht es aus?«
Rasch schilderte Nico von Thomas’ Beobachtungen.
»Die Bundeswehrhubschrauber werden ebenfalls nach ihnen
suchen«, sagte Bode, »da mach dir mal keine Sorgen.
Aber ich denke, ihr solltet jetzt rüberkommen, es ist
besser wenn wir hier verschwinden.«
Auch Nico sah keine andere Möglichkeit, hier konnten
sie nichts ausrichten. »Gut, wir kommen.«
Nico wandte sich den Jungen zu. »Wir räumen das
Feld, es gibt für uns hier nichts mehr zu tun.«
»Nico, die Hütten..« Marco deutete dorthin.
»Ich weiß, aber wie sollen wir die schützen?
Wir haben ja nicht mal Wasser.«
»Da ist doch der Bach. Wir könnten es doch wenigstens
versuchen«, warf Roko ein.
»Jungs, ich weiß, was euch die Hütten und
das alles hier etwas bedeutet, mir tut es ja auch leid. Aber
seht es mal realistisch. Gegen so ein Flammenmeer können
wir überhaupt nichts ausrichten.«
Tatsächlich fand Nico, dass jede Überlegung unnütz
war, denn nichts konnten sie dieser Naturgewalt entgegensetzen.
Ihm machten die Pfadfinden viel mehr Sorgen. Er lauschte angestrengt,
aber noch waren die Hubschrauber nicht zu hören. Jeden
Meter, den die Jungs aus der Pfadfindergruppe in die falsche
Richtung liefen, konnte einer zuviel sein. In dem Alter war
zudem viel schneller Panik angesagt als wenn es sich um ältere
und erfahrene Personen handeln würde. Das war zwar sein
eher subjektiver Eindruck, aber nicht ganz von der Hand zu
weisen. Die Katastrophe würde perfekt, wenn sie kopflos
handeln würden.
»Wo ist eigentlich Simon?«
Nico sah sich nach Patricks Frage um. Er war tatsächlich
nicht am Platz und erst jetzt fiel auf, dass auch Rick nicht
mehr unter ihnen war.
»Simon!?«
Die Jungen riefen nun durcheinander seinen Namen, aber der
Junge gab keine Antwort.
»Rick!?« Nico schrie fast, urplötzlich beschlich
ihn ein unangenehmes Gefühl.
»Simon, Rick!? Hat die jemand weggehen sehen?«,
fragte Nico die Gruppe, aber keiner hatte das verschwinden
der beiden bemerkt.
»Verdammt, wo sind denn die?«
»Vielleicht schon vorgegangen«, vermutete Roman.
»Aber ich habe Simons Handynummer.«
Nicos Gesicht hellte sich auf. »Gott sein Dank.«
Rasch wählte Roman die Nummer aus einem Telefonbuch,
aber wenige Sekunden später hörten sie eine Melodie
aus der Hütte, die sich er und Simon teilten.
»Hm, war wohl nichts. Es liegt dort drin.«
»Klasse. Das hat gerade noch gefehlt. Aber es hilft
alles nichts, die werden schon wieder auftauchen. Los jetzt,
wir gehen.«
Mit eiligen Schritten verließen sie das Camp, wobei
jeder der Jungs immer wieder zurücksah. Keiner wollte
sich damit abfinden, dass die neuen Hütten vielleicht
bald nicht mehr stehen würden.
Dennoch zögerten sie nicht, betraten den Pfad hinein
in den Wald. Noch war der Himmel nicht von Rauchwolken gezeichnet,
noch immer die Hubschrauber nicht zu hören. Nico rechnete
sich aus, wie lange sie vom Stützpunkt bis zur Weser
und dann bis hierher brauchen könnten. Eine Stunde wenigstens,
dabei war nicht einmal sicher, ob sie überhaupt schon
gestartet waren.
Trotz des nicht langen Weges kam die Gruppe völlig verschwitzt
am Falkenhorst an. Unter der Tür standen Rainer Bode,
Michel Korn und Felix Gröbner, anscheinend hatten sie
auf die Jungen gewartet.
»Ist Simon hier, und Rick?«, wollte Nico zuerst
wissen.
Die Betreuer sahen sich an. »Nein, hier sind sie nicht«,
antwortete Bode und sein Gesicht wurde ernst.
»Sie waren plötzlich nicht mehr da.«
»Rick? Das.. kann ja eigentlich gar nicht sein.«
»Nein, Rainer, das wundert mich ja auch. Der weicht
mir doch nie von der Seite.«
»Und ihr habt alles abgesucht?«
Roman nickte. »Alles, jedenfalls laut genug gerufen.«
Nico fiel ein, wie Simon von den Pfadfindern gesprochen hatte.
Davon, dass es zwischen dem Camp und dem Steinbruch nicht
brennen würde. Aber er allein.. und Rick? Nicos dummes
Gefühl wurde heftiger.
»Rainer, ich fürchte fast.. die beiden sind los.«
»Was? Sind die verrückt? Und wieso Rick?«
»Die beiden haben ne ziemlich dicke Freundschaft geschlossen«,
bemerkte Roko, »das ist jedem von uns aufgefallen.«
Bode zündete sich nervös eine Zigarette an. »Nico,
kann es sein dass Rick Simon gefolgt ist?«
»Wer weiß. Ich meine, wir haben alle keine Acht
auf die beiden gehabt. Jedenfalls muss man damit rechnen.«
Die Betreuer sahen sich ratlos an, wobei auch sie genau wussten,
wie sehr es jetzt auf jede Minute ankam.
Bode nahm sein Handy. »Thomas? Wir fürchten, einer
aus der Gruppe hier ist mit Rick auf dem Weg, die Pfadfinder
zu suchen. Habt bitte ein Auge drauf.« Bode schaltete
den Lautsprecher seines Handys an.
»Was ist los? Das ist Wahnsinn, das Feuer rast wie
der Teufel. Aber okay, wir fliegen sowieso gerade Richtung
Steinbruch.«
»Danke.« Bode legte auf. Aus der Luft konnte
man sie ja vielleicht ausmachen, aber helfen konnte Thomas
von dort nicht.
»Wir müssen sie suchen«, entschied Rainer
Bode dann auch, obwohl ihm diese Entscheidung sichtlich schwer
gefallen war.
Sofort kam Bewegung in die Gruppe.
»Ja dann, los.« Roko rieb sich die Hände
und erntete heftiges Kopfnicken der anderen Jungs.
»Nicht alle, vier Mann sollten genügen. Nico, du
bleibst hier, Michael Roman und Patrick auch. Felix, Roko,
Marco und ich gehen los. Wir nehmen den Wagen und bleiben
in ständiger Verbindung.«
»Und was machen wir hier so lange?«, fragte Korn.
»Warten, mehr ist eh nicht drin. Wenn es sein muss,
fahrt weg, versucht keine Helden zu spielen.«
Bodes Worte waren eindeutig und damit liefen sie zu Bodes
Auto.
Marco zögerte einen Augenblick, in dem er zu Nico herübersah.
Sicher wäre er gern hier geblieben, das konnte Nico an
seinen Augen ablesen. Aber in diesem Moment gab es nur Entscheidungen,
es war kein Platz für Wünsche. Ungefährlich
war dieser Einsatz keineswegs und Nico wäre über
eine andere Einteilung ebenfalls froh gewesen. Aber es war
nicht die Zeit für Diskussionen, Rainer hatte entschieden
und daran gab es nun mal keine Zweifel anzumelden. Nico schlug
die Augen nieder, was mehr sagte als jedes Wort zwischen ihm
und Marco.

Kaum war der Suchtrupp im Wald verschwunden,
meldete sich Thomas.
»Nico, wir haben jetzt den Steinbruch erreicht, aber
sehen können wir niemanden, zudem wird der Rauch immer
dichter.«
Nico schilderte kurz von der Suchaktion. »Was ist mit
den Hubschraubern?«
»Noch nichts, aber wir haben keine große Sichtweite
mehr. Wenn die auftauchen werden wir sowieso von hier verschwinden.
Zumindest müssen wir rauf, raus aus ihrem Einsatzbereich.«
Diese logische Maßnahme war alles andere als eine gute
Nachricht. Je höher Thomas und sein Vater flogen, desto
geringer wurden die Chancen, die Vermissten ausfindig zu machen.
.
»Aber wir bleiben in der Nähe. Wir können
den Motor öfter abstellen, die Hitze erzeugt eine Menge
Aufwind. Tanken brauchen wir vorerst nicht, nur dem Rauch
müssen wir ausweichen. Bis später.«
Nico spürte Unruhe in sich aufkommen. Hier zu sitzen
und nichts zu tun war weitaus schlimmer als alles andere.
Allerdings schien er damit nicht alleine zu sein.
»Wo holen die Wasser? In der Weser? Das ist doch viel
zu weit.«
»Ja, Michael, das hab ich auch gesagt.«
Erneut klingelte Nicos Handy, Thomas meldete sich wieder.
»Die ganzen Feuerwehren aus dem Umland sind unterwegs,
auch die Bundeswehr ist im Anmarsch. Sie fliegen Pioniere
ein, ich hab's grade über Funk gehört.«
Wenigstens eine gute Nachricht. »Okay, vielleicht können
sie ja das Camp schützen.«
»Die haben ihre Pläne, ich denke die werden die
Ortschaften vorziehen. Leider.«
Auch das war natürlich logisch, hier war niemand in
unmittelbarer Gefahr. Nico beendete das Gespräch.
»Hilfe kommt jetzt aus allen Richtungen.«, sagte
er.
»Und wie weiter?«, wollte Patrick wissen.
Korn schien ebenfalls ziemlich ratlos. »Wir müssen
warten, mehr kann man nicht tun.«
»Diese Hitze aber auch«, stöhnte Roman und
fuhr sich mit einem Taschentuch über das schweißnasse
Gesicht. Tatsächlich schien man bereits die Nähe
der Flammen zu spüren, aber noch bestand keine Gefahr.
»Das geht schnell«, sagte Korn. »Ich hab
das mal erlebt, damals als die Heide brannte. Ich hatte bis
dahin niemals geglaubt, wie schnell sich Feuer ausbreiten
kann. Hundert Meter und mehr in wenigen Sekunden sind da möglich.«
Nico hörte nur halb zu. Ständig musste er an Simon,
Rick und die Pfadfinder denken. Hundert Meter in Sekunden
– welche Fluchtmöglichkeit hatte man denn da noch?
Ein Wagen brauste auf das Gelände und bremste scharf
vor der Gruppe.
»Alles okay mit euch?«, fragte Hubert Angelmann
noch beim aussteigen. Hasso, sein Griffonrüde, sprang
heraus und begrüßte jeden der Gruppe mit abschnuppern.
Nico war froh, den Förster zu sehen. »Hallo. Nein,
eigentlich nicht.«
Er schilderte dem Förster die momentane Situation. »Und
jetzt stehen wir hier und.. keine Ahnung was man da machen
soll.«
»Na ja, wenigstens ist noch nichts verloren, im Gegensatz
zu meiner Hütte. Ich fürchte, die ist dran. Hab
das Wichtigste schon mal aufgeladen, man kann nicht wissen.«
Angelmanns Stimme war anzuhören, dass ihm das nicht Gleichgültig
war. Wenn man es genau nahm, war das ja sein Zuhause.
Der Förster kramte dann im Handschuhfach eine Karte heraus
und breitete sie auf der Motorhaube seines Rovers aus. Eine
Generalstabskarte, in der jeder noch so kleine Weg eingezeichnet
war.
»Nach Thomas’ letzten Meldungen ist das Feuer
wohl hier.. « Mit einem Bleistift zeichnete er große
Ovale auf die Karte, »hier und hier. Damit ist das Camp
zwar nicht in unmittelbarer Gefahr, aber die Flammen kommen
schnell voran. Jedenfalls, bis zum Steinbruch kommt man ja
scheinbar ohne weiteres durch. Nur, dahinter, da sieht es
nicht gut aus.«
Und genau da waren vermutlich die jungen Pfadfinder unterwegs.
Um den Suchtrupp machte sich Nico keine Sorgen, Bode war erfahren
und vorsichtig genug. Eher würde er umkehren lassen,
als sich und die Jungs aus dem Camp in Gefahr zu bringen.
Ihm jetzt dauernd hinterher zu telefonieren war nicht besonders
sinnvoll, er würde sich melden. »Ich werde dann
mal meine Sachen zusammenpacken«, sagte Nico und ging
zum Hauptgebäude.
Irgendwie fiel es ihm schwer zu glauben, wie es in einigen
Stunden hier aussehen konnte. Bedächtig sah er sich um.
Alles aus Holz, mehr als Schutt und Asche würde von all
dem nicht übrig bleiben. Wieso ausgerechnet hier? Das
Waldgebiet war riesig und niemand hier dachte mehr an einen
Zufall, allzu deutlich standen die Zeichen auf Brandstiftung.
Nur, wer hatte Interesse an so etwas und vor allem, warum?
Das schlimmste daran war, dass der oder die Täter vielleicht
niemals gefasst würden. Zufälle waren es meist wenn
man sie doch erwischte, aber am Ende war es egal.
Er lehnte sich aus seinem Fenster und über ihm begann
sich jetzt der Himmel grau zu verfärben. Rauchgeruch
lag nun immer dichter über dem Wald, allzu lange dauerte
es wohl nicht mehr.
Rasch räumte er seine Sachen zusammen, packte alles wild
durcheinander in seine Taschen. Er hasste solche Momente,
in denen er allein sein musste. Wo es niemand um ihn gab,
mit dem er seine Ängste und Sorgen teilen könnte.
Nach und nach leerte sich sein Zimmer, die Taschen lagen auf
dem Bett und gaben ein chaotisches Bild ab. Sollte so sein
Praktikum enden? Wahrscheinlich war dem so und eine Wiederholung,
vor allem hier, würde es kaum geben. Er fluchte einige
Male, dann ging er in die Duschräume um sein Rasierzeug
zu holen. In dem Augenblick, wo er vor einem der Waschbecken
stand und auf die Wasserhähne starrte, kam ihm eine Idee.
Sie war vielleicht eher Abenteuerlich, aber ein Versuch auf
jeden Fall wert. Er stürmte hinaus vor das Gebäude,
die Jungen hatten damit begonnen, ihre Sachen auf die Ladefläche
von Angelmanns Rover zu bringen. Platz war noch genug auf
dem Wagen.
»Ich fahre uns raus, weg von hier«, sagte der
Förster zu ihm, dabei klang seine Stimme ziemlich belegt.
Verständlich, sein Wald stand in Flammen und er war,
wie die anderen hier auch, völlig machtlos.
»Herr Angelmann, ich hab da so eine Idee.«
»Dann raus damit.«
Nico ging zu dem Rover, wo noch immer die Karte auf der Motorhaube
lag. Er orientierte sich kurz darauf und zeigte auf eine Stelle
auf der Karte. »Hier sind wir, beziehungsweise der Falkenhorst,
richtig?«
Der Förster nickte.
Dann tippte er mit dem Finger auf einen Punkt. »Und
hier oben ist die Zisterne, wenn ich mich nicht täusche.«
»Ja, so ist das wohl.«
»Wenn man den Deckel dort aufmacht.. ich meine, der
Durchmesser müsste für die Löschbehälter
doch ausreichen, oder?«
Angelmann rieb sich seinen grauen Bart, sein Blick war skeptisch.
Trotzdem schloss er diese Möglichkeit nicht völlig
aus. »Es könnte funktionieren..«
»Lassen Sie uns rauffahren, wir messen es aus und geben
den Hubschrauberbesatzungen Bescheid.«
Nicos Stimme zitterte. Es war eine minimale Chance, aber näher
konnten die Hubschrauber nirgendwo Wasser aufnehmen als dort.
Angelmann nickte schließlich. »Gut, wir sollten
es versuchen.«
Nico nahm sein Handy. »Thomas, wir haben vielleicht
eine Möglichkeit gefunden, wie die Maschinen schneller
Wasser fassen können. Oben auf dem Berg liegt eine Zisterne,
durch dessen Öffnung könnten die Löschbehälter
passen. Wir fahren hoch und messen das aus, gib du bitte der
Bundeswehr Bescheid.«
»Okay, ich gebe es weiter. Wir haben übrigens
ein Fahrzeug ausmachen können, es steht oben am Steinbruch.«
»Könnt ihr.. Personen erkennen?«
»Ja, es sind vier.«
Bode war also mit den Jungen dort oben angekommen, aber dennoch
machte sich Enttäuschung in ihm breit. Das würde
bedeuten, dass sie Simon und Rick noch nicht gefunden hatten.
»Der Hund ist auch nicht zu sehen?«
»Nein, kein Hund.«
»Okay..« Nico beendete das Gespräch. Es
half nichts, dort konnten sie nichts tun, ihre Arbeit war
eine andere. »Können wir fahren?«, fragte
Nico und Angelmann nickte.
»Ich habe ein Metermaß im Wagen, wir sollten
jetzt los.«
»Patrick, komm bitte mit«, entschied Nico spontan
und schon sprang der Junge ins Auto, gefolgt von Hasso.
»Es ist eine gute Idee, hoffentlich passen die Behälter.
Dafür muss aber genügend Platz sein, sonst werden
die sich am Rand verfangen«, gab der Förster zu
bedenken.
Nur aus Filmen kannte Nico den meist unruhigen Schwebeflug
eines Hubschraubers. Viel pendeln durfte seine Last nicht,
das konnte fatale Folgen haben. Notfalls würde die Besatzung
das Seil kappen müssen und dann war nichts gewonnen.
Sie mussten sich auf die Piloten verlassen, vor allem würden
die kein unnötiges Risiko eingehen.
»Wir bleiben hier«, sagte Michael Korn und nahm
Roman am Arm. »Man kann ja nicht wissen.«
»Okay. Bis dann.« Heimlich drückte Nico
seine beiden Daumen, während der Förster mit gewohnt
schneller Fahrt den Weg zur Zisterne hinauffuhr.
Patrick lehnte sich nach vorne und blickte in die Baumkronen.
»Rauch.. da ist er..«
Nico wagte keinen Blick nach oben, er wollte es gar nicht
wissen. Stattdessen nahm er sein Handy.
»Thomas, wir sind auf dem Weg zur Zisterne. Wie weit
ist das Feuer von dort weg?«
»Keine Gefahr, Nico. Wir sind eben über den Berg
geflogen, die Hubschrauber sind informiert und in etwa einer
halben Stunde dürfte der erste da sein. Beeilt euch.«
Damit legte er auf.
»Wir sollten jetzt vielleicht ein bisschen beten«,
sagte Nico zu seinen beiden Begleitern. »Wie weit ist
es noch?« Zwar war Nico die Strecke mit Rainer Bode
damals abgefahren, aber nun war ihm das Gefühl für
Zeit und Entfernungen abhanden gekommen.
»Zehn Minuten, etwa.« Angelmanns Worte erstarben.
Gleichzeitig sahen die beiden Jungen auch, warum.
»Scheiße«, fluchte der Förster nur
fünf Minuten später und dieses Wort fand nirgends
so eine genaue Bezeichnung wie für das, was sich in etwa
zwanzig Metern Entfernung vor ihnen darbot.
»Wie ist.. das möglich?«, stammelte Nico
angesichts des mächtigen Baumes, der quer über der
Fahrbahn lag.
Angelmann bremste direkt davor und hielt an. »Ich hab
nur eine Vermutung. Das ist eine uralte Eiche, sie sollte
im Herbst eh gefällt werden weil sie morsch ist und zudem
haben die Borkenkäfer bei der Hitze ganze Arbeit geleistet.
Aber dass der gerade jetzt umstürzen musste.. Das sieht
schon bald wie ein Fluch aus.«
Kurzzeitig dachte Nico an Sabotage, aber niemand konnte von
seiner Idee wissen. Zufall oder nicht, jetzt gerieten sie
in arge Bedrängnis. Hastig zog er sein Handy aus der
Tasche. »Thomas, kann ein Hubschrauber da oben landen
und die Besatzung nach der Luke sehen? Wir stecken fest.«
»Nein, Nico, nicht die Sikorsky CH-53, die ist zu groß
und wahrscheinlich auch zu schwer. Man weiß ja nicht
wie dick die Kuppel über der Zisterne ist. Was ist denn
los?«
»Ein Baumstamm, quer über den Weg. Da kommen wir
nicht vorbei.«
»Mist. Wie weit ist es denn noch?«
»Zu Fuß.. ne Viertel Stunde vielleicht.«
Nico sah Angelmann dabei fragend an und der nickte. »Wenn
wir uns beeilen.«
»Gut, ich sag den Besatzungen sie sollen zur Weser
fliegen, es macht ja keinen Sinn, wir verlieren zuviel Zeit.«
Ohne Worte sprang Nico aus dem Wagen. »Auch wir sollten
uns jetzt beeilen.«
»Warte«, rief der Förster, stieg ebenfalls
aus und kramte sein Metermaß aus der Werkzeugtasche
auf der Ladefläche.
Danach kletterten die drei über den Baumstamm, was durch
die Äste gar nicht so einfach war. Nur für Hasso
gab es damit keine Probleme, elegant witschte er durch das
Geäst und dann sprinteten sie los. Nico hatte auch nicht
geahnt, wie trainiert der Förster war und ohne Mühe
mithalten konnte.
Nachdem sie das Hindernis hinter sich gelassen hatten, hielt
Angelmann nach einigen Minuten an.
»Hier rein, das ist eine Abkürzung«, sagte
er und deutete auf einen eher unscheinbaren Pfad, der steil
durch einen jungen Tannenwald nach oben führte. Es gab
darüber keine Diskussionen, dem Förster konnte man
hier blind vertrauen. »Ist zwar etwas steiler, aber
schneller.«
Es war kein Weg in dem Sinne, hier nahm sich das Wasser seinen
Weg ins Tal wenn es heftig regnete. Dadurch war der Boden
uneben und nur unter Vorsicht schwierig zu begehen.
»Wenn hier jetzt Wasser runterkäme.. «,
stöhnte Nico, da die Wasserrinne nach kurzer Zeit begann,
noch steiler zu werden.
»Ja, aber dann würde es gar nicht brennen können.
Wenn hier mal ein Sturzbach runterkommt, dann ist da schon
ein Unwetter zugange«, seufzte der Förster.
Sie konnten nur hintereinander den schmalen Steig begehen,
der Boden war ausgewaschen und teilweise lagen größere,
blanke Steine im Weg, die das Wasser aus dem Boden gewaschen
hatte. Auch die Büsche rechts und links wirkten als natürliche
Bremsen, immer wieder schlugen den dreien die Äste um
die Ohren, wie Peitschen fast.
Trotz dem Rauschen in den Ohren, was bei der Anstrengung
normal war, vernahmen sie wenig später gleichzeitig ein
Motorgeräusch und im selben Augenblick überquerte
der Motorsegler den Wald. Er flog fast beängstigend tief
worauf sich schließen ließ, dass der Gipfel des
Bergs nicht mehr weit sein konnte.
Angelmann bestätigte das dann auch. »Wir haben
es gleich geschafft.«
Patrick hatte inzwischen sein Shirt ausgezogen und um seine
Hüfte gebunden. Er störte sich nicht an den Kratzern,
die ihm die Äste zufügten. Die Luft war drückend
heiß und es schien, als würde man sie kaum atmen
können. »Zieht das Feuer vielleicht die Luft weg?
Man kriegt ja kaum noch welche«, seufzte er.
»Ich denk schon dass es etwas damit zu tun hat, aber
wir kommen auch immer höher, Flachländer spüren
da schon den Unterschied.«
Damit mochte der Förster recht haben, aber es half nichts.
Nico streifte ebenfalls sein T-Shirt aus und aus irgendeinem
Grund vermisste er jetzt Rick an seiner Seite. Erstaunlich,
welche Sicherheit ihm der Rüde doch gab.
»Wir sind gleich da«, schnaufte Angelmann und
verlangsamte sein Tempo. »Bin halt doch nicht mehr der
jüngste.«
Dann lichtete sich der Wald, sie kamen fast direkt an dem
flachen Sandsteingebäude heraus. Sofort erklomm Nico
die kleine Anhöhe und sah sich um. Von hier aus hatte
man nur nach Osten gute Sicht und dort verdunkelten nun auch
schwarze Rauchwolken den Himmel. Gelegentlich stiegen auch
weiße Rauchfahnen auf, ein Zeichen, dass dort bereits
gelöscht wurde. Obwohl man die Hubschrauber nicht sehen
konnte, da sie offenbar unten im Tal zugange waren –
das tiefe Brummen der Maschinen war nun nicht mehr zu überhören.
Der Förster und Patrick kamen nun auch zu ihm hoch.
In diesem Augenblick wurde aus einem leichten Brummen ein
immer lauteres Dröhnen. Vor ihren Augen tauchte schließlich
ein riesiger Hubschrauber wie aus dem Boden kommend über
dem Berg auf. Nico durchfuhr eine Gänsehaut, das Bild
erinnerte ihn an eine riesige, dröhnende Libelle. Deutlich
waren die weißen Helme der Piloten zu erkennen und dann
wehte ein starker Wind, der durch die Rotorblätter entstand.
Grashalme und kleine Äste wirbelten den dreien entgegen,
während der Transporthubschrauber höher stieg und
nun auch der Wasserbehälter sichtbar wurde.
Nico stemmte sich gegen den starken Wind. »Los, wir
müssen den Deckel aufmachen«, schrie er gegen den
fast ohrenbetäubenden Lärm, den die beiden Turbinen
und die Rotorblätter erzeugten.
Ein Mann beugte sich aus einer Luke an der Seite des Hubschraubers
heraus. Auch er trug einen Helm und schien Anweisungen zu
geben, man konnte erkennen, dass er sprach. Jetzt winkte der
Mann und schien die drei zur Eile anzutreiben.
Beherzt folgten Angelmann und Patrick dem Winken und kamen
Nico zu Hilfe, der bereits die Verriegelung der Winde geöffnet
hatte. Zusammen mit Patrick leierte er an der Kurbel und langsam
klappte der Deckel der Zisterne auf.
Währenddessen war der Hubschrauber höher gestiegen
und nun schwebte der Wasserbehälter fast über ihnen.
Ein rascher Größenvergleich ließ Nico hoffen,
dass der Behälter genug Platz hatte, um in den Schacht
abgelassen werden zu können. Wahrscheinlich sah das der
Soldat an der Luke besser von oben, aber Zeit, erst noch auszumessen,
würde ihnen sowieso nicht bleiben.
Der Deckel war nun offen, weiter als etwa 80 Grad ließ
er sich nicht nach hinten klappen. Aber das genügte,
um nicht zu stören und er konnte nicht vom Abwind der
Rotorblätter zugeschlagen werden.
Nico arretierte die Winde und so war auch letzte Sicherheit
gegeben.
Jetzt winkte sie der Soldat aus Luke beiseite, mehr konnten
sie an dieser Stelle sowieso nicht tun; rasch rannten die
drei zurück und sprangen von der irdenen Kuppel vor den
Eingang der Zisterne.
Schnell suchte Nico an seinem Schlüsselbund, dann öffnete
er die Tür. »Wir müssen sehen, dass genug
Wasser drin ist.«
Das war das Letzte, was sie nun hätten brauchen können,
aber notfalls konnten sie die Pumpe von Hand in Betrieb setzen
und Wasser nachpumpen lassen.
Nico knipste das Licht in dem Pumpenraum an und sein erster
Blick fiel auf den Wasserstandsanzeiger. »Zehn Meter..
ich denke wir sollten die Zisterne bis zum Rand füllen,
die werden eine Menge Wasser brauchen.«
Angelmann nickte nur. Zwar war ihm das alles nicht ganz so
fremd, ein paar Mal war er mit Stein hier drin gewesen, aber
da ging es nur um reine Besichtigungen. Wie man mit der Technik
umging, wusste er nicht.
Aber Nico spürte, dass ihm der Förster vertraute.
Er ging zu dem Sockel auf dem die Pumpe stand und öffnete
den Schaltkasten. Ohne lange zu zögern drückte er
den grünen Knopf, woraufhin die Pumpe leise surrend anlief.
»Was ein Glück dass du dich auskennst«,
sagte Angelmann staunend.
»Zufall«, murmelte Nico nur und beobachtete das
Manometer an der Wand. Mit 6 Bar Druck förderte die Pumpe
und auch der Pegelmesser begann sich leicht zu bewegen.
»Okay, die lassen wir einfach laufen. Was zuviel wird
läuft über, aber das können wir uns glaub ich
echt leisten«, sagte Nico und ging hinaus aus dem Raum.
Er lief ein Stück vom Gebäude weg und sah nach oben.
Unglaublich, dass dieser riesige Hubschrauber wie angenagelt
in der Luft stehen konnte. Das Seil führte hinunter und
so wie es von dieser Stelle aussah, passte der Löschbehälter
durch die Luke. Nico nahm sein Handy.
»Rainer? Was ist los? Habt ihr Simon und Rick gefunden?«
»Nein, weder sie noch die Pfadfinder. Aber im und über
dem Wald ist so eine Aufruhr, die müssen wissen was los
ist. Wir gehen jetzt um den Steinbruch herum, sie müssen
hier irgendwo sein. Wo seid ihr? Die Hubschrauber.. sie sind
da, oder?«
Nico erklärte kurz, was sich bei ihnen dort oben abspielte.
Das sprechen fiel ihm schwer, allmählich begann er sich
ernsthafte Sorgen zu machen. Warum war der Junge losgelaufen
und wieso war ihm Rick so ohne weiteres gefolgt?
»Mensch, das war ne klasse Idee mit der Zisterne, darauf
wäre ich nicht gekommen. Okay, wir suchen erst mal weiter
und melden uns«, sagte Bode und legte auf.
Kurz darauf meldete sich auch Thomas wieder. »Nico,
wir haben abdrehen müssen, weil wir sonst den Hubschraubern
im Weg sind. Aber so wie ich von weitem sehe, klappt das mit
der Zisterne, der Behälter unter dem Hubschrauber ist
im Moment nicht zu sehen. Außerdem sind die Pioniere
abgesetzt worden, sie bekämpfen den Brand am Erlenholz.«
»Gut.. das ist gut«, sagte Nico mit erlöster
Stimme. Egal was jetzt passieren würde, sie hatten ihr
möglichstes getan. »Wie sieht es sonst aus?«
»Die Feuerwehren sind überall. Das größte
Problem ist die Ostseite, da kommen die nur schwer ran.«
Im Moment klang das beruhigend, denn der Falkenhorst lag
zur Südseite. Nur Camp zwei, das nun Langensteiner Mühle
hieß, lag am Osthang des Berges. »Was ist mir
dem Camp zwei?«, wollte Nico deshalb wissen.
»Sehen wir von hier aus nicht, aber ich glaube dort
ist das Feuer noch nicht angekommen.«
In diesem Augenblick sah Nico, wie der Mann an der Luke des
Hubschraubers mit den Armen winkte. Das galt jedoch nicht
ihnen, sondern offenbar dem Piloten. Der konnte das zwar nicht
sehen, aber scheinbar unterstrich der Soldat hiermit seine
Anweisungen. Langsam begann der Helikopter senkrecht zu steigen
und wenig später kam der Löschbehälter zum
Vorschein. Wasser rieselte an ihm herunter und damit war sicher,
dass die Operation geglückt war. Kaum befand sich der
Behälter einige Meter über dem Schacht, drehte der
Hubschrauber mit seiner Fracht ab und verschwand hinter den
Baumkronen.
Nico rannte wieder zurück in den Pumpenraum. Elf Meter
Wassersäule zeigte der Pegelstand, damit war auch sicher,
dass das Wasser nicht knapp werden würde.
Er setzte sich auf den Vorsprung an der Wand, wo er schon
mit Rainer Bode gesessen hatte. Erst jetzt spürte er,
dass sein ganzer Körper zitterte und wie erschöpft
er war. Ausruhen, ein paar Minuten wenigstens. Angelmann und
Patrick setzten sich ebenfalls zu ihm.
»Mensch Nico.. auf so eine Idee muss man erst mal kommen.«
Nico winkte ab und zündete sich mit zitternden Fingern
eine Zigarette an. »Das ist mir wirklich spontan eingefallen.
Wäre ich nicht in den Waschraum gegangen, wäre mir
das auch nie eingefallen.«
Patrick und der Förster nahmen sich ebenfalls Zigaretten
aus der Schachtel, die Nico ihnen hingehalten hatte.
»Wenn man nur wüsste.. Simon und Rick.. Und dann:
Das hat doch jemand angezettelt. Wer kann Interesse haben,
den Wald hier anzuzünden?«
Angelmann schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung,
Nico. Das hier ist weder Bauland noch sonst irgendwie von
Belang. Vielleicht war es doch nur eine Glasscherbe oder jemand
hat eine Kippe in den Wald geschmissen. Ich glaub, so einen
könnte ich ohne Wimperzucken umbringen.«
»Ja, aber ist es logisch, dass das an einigen Stellen
gleichzeitig passiert? Ich denke wohl eher nicht«, lenkte
Nico ein.
Inzwischen wurde es draußen erneut laut. »Der
nächste Hubschrauber«, sagte Patrick fast wie zu
sich selbst. »Was würden wir jetzt ohne die machen?«
»Wenn ihr mich fragt, dann sind die Dinger fast schon
sein Segen«, antwortete der Förster.
Da die Löschaktion offenbar funktionierte, konnte Nico
seine Gedanken wieder einigermaßen ordnen. »Simon
und Rick.. Ich möchte bloß wissen, wo die beiden
sind, sie können sich doch nicht in Luft aufgelöst
haben.«
Bei Rainer war Marco in guten Händen, um ihn musste er
sich keine Sorgen machen. Außerdem konnte man davon
ausgehen, dass Rick weder sich noch Simon in irgendeine Gefahr
bringen würde. Trotzdem gab es allzu viele Unabwägbarkeiten.
Nico stützte die Ellenbogen auf seine Schenkel und scharrte
mit den Füßen im Sandboden. Sollte dies wirklich
das Ende des Camps sein? Sicher würde man da draußen
alles tun, um die Gefahr abzuwenden, aber dennoch dürfte
es zu Veränderungen führen. Was Falk dazu sagen
würde? Wahrscheinlich wusste er längst was hier
abging und es wäre kein Wunder, wenn er in kürzester
Zeit hier auftauchen würde. Sein gutes recht irgendwie,
es war und blieb sein Camp.
Richtig ruhig wurde es draußen nicht, immer wieder
war das Geräusch der Hubschrauber zu hören. Nico
war fast zu müde, um sich das anzusehen. Sein Blick fiel
auf den Pegelmesser und nun konnte man deutlich sehen, wenn
ein Behälter gefüllt wurde. Ein Meter machte das
aus, den die Pumpe jedoch schnell wieder gut machte. Ihr leises
Brummen klang fast wie eine Erlösung.
In dem Raum war es angenehm kühl und allmählich
meldeten sich Hunger und Durst.
»Müssen wir eigentlich hier bleiben? Ich denke,
die kommen ohne uns zurecht«, meinte Patrick denn auch.
Nico sah sich in dem Raum um. In der Tat, hier konnten sie
nichts weiter tun, im Prinzip lief alles ohne ihre Hilfe.
Dass er ständig auf seine Uhr sah, hatte einen anderen
Grund. In der Dunkelheit konnten die Hubschrauber nicht fliegen
und damit auch kein Wasser schöpfen. Von nun an kämpften
alle da draußen gegen den Faktor Zeit. Und der war bekanntermaßen
unantastbar. »Es wird bald dunkel«, äußerte
er dann auch seine Befürchtung.
Angelmann sah auf die Uhr. »Vier Stunden können
die bestimmt noch fliegen. Meinem Gefühl nach.. könnte
das gerade reichen.«
Nico trat vor das Gebäude und nahm sein Handy. »Thomas,
wie sieht es aus?«
»Sehr gut, Nico, sehr gut. Es sieht so aus, als wäre
zumindest die Ausbreitung der Feuer eingedämmt.«
Nico atmete auf. »Werden sie es bis zum Einbruch der
Dunkelheit unter Kontrolle haben?«
»Kann man so nicht sagen, aber an vielen Stellen wird
der Rauch weiß.«
Weißer Rauch bedeutete Wasserdampf. Nicos Anspannung
legte sich etwas, wobei ein Rest Unsicherheit blieb. Zumindest
aber hatten die Pfadfinder Ausweich- oder Rückzugsmöglichkeiten
wenn es stimmte, dass sich das Feuer nicht weiter ausbreiten
konnte. Sicher war es nur eine Frage der Zeit, bis sie auftauchen
würden, mehr nicht.
»Nico, wir müssen umkehren. Der Tank
ist fast leer und den Flugplatz müssen wir ja auch noch
erreichen.«
»Dann.. geht ihr aber heute nicht mehr hoch, oder?«
»Versprechen kann ich es nicht. Wir kreisen noch einmal
und fliegen dann zurück.«
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