| 6. Von Orion
und schwarzen Katzen
Das war schon irgendwie komisch. Denn, wie hätte das
bei einem anderen ausgesehen? Wären wir da nicht schon
längst in seinem Zimmer, würden aneinander hängen
wie die Kletten und die ganze Nacht ungezügelten Sex
haben? Ich war mir ziemlich sicher dass es da genauso gelaufen
wäre. Nicht bei Angelo, der sich, sofern er etwas in
der Richtung vorhatte, so langsam und harmlos wie ein Chamäleon
seinem Opfer näherte um dann.. ich wagte nicht, weiter
als bis dahin zu denken. „Mach jetzt keinen Fehler.
Du musst ihm immer wieder zeigen wie gern du ihn hast.“
»Also, wenn ich ehrlich bin, ich fühl mich hier
ziemlich wohl.. und zu Hause bin ich alleine. Das ist nicht
grade prickelnd.«
Damit hatte ich mich ihm nicht hemmungslos so quasi in die
Arme geworfen. Ich würde sehr wohl in dem Zimmer bleiben
und nichts unternehmen, falls er das nicht wollte. Hauptsache
ich war in seiner Nähe. Und abgesehen davon, ich wurde
dann auch saumüde.
»Schön. Dein Zimmer hast du ja schon«, grinste
er. Es würde sicher eine Weile dauern bis ich dahintergekommen
wäre, wie ich das zu deuten hatte. Allerdings saß
in meinem Hinterkopf, dass diese Nacht nichts passieren würde.
Nicht nach diesem Gespräch.
»Soll ich dir beim abräumen helfen?«, schlug
ich vor, nachdem Angelo aufgestanden, zu dem Büffet gegangen
war und damit begann, die Reste auf einen großen Teller
zu legen.
»Nein, nicht nötig. Ich pack das eben in Alufolie
und dann haben wird auch noch was zum Frühstück
– falls du das dann magst.«
»Und ob«, gab ich zur Antwort und stellte mich
zu ihm. Er schien sich zuvor etwas frisch gemacht zu haben,
ein süßer, anziehender Duft waberte in seiner Nähe.
»Warum grinst du so?«, wollte er dann auch direkt
von mir wissen.
»Ich hab mich gerade verglichen.«
»So, mit was denn?«, fragte er zurück und
packte die letzten Schnitten auf den Teller, das letzte schob
er sich in den Mund.
»Weiß nicht ob ich dir das sagen soll.«
War Angelo eigentlich ein Romantiker? So hoffnungslos wie
ich einer bin?
»Sag's einfach«, und damit schob er mir eine
Schnitte in den Mund. Selbst wenn ich am Platzen gewesen wäre,
ich hätte mich von ihm so füttern lassen bis ich
tot umfiel. Ich fand das richtig süß von ihm.
»Du riechst so gut. Und da dachte ich, na ja, wie die
Nachtfalter von solchen Düften angezogen werden.«
Er sah mich an, ganz dicht waren unsere Gesichter jetzt.
Ich spürte seinen warmen Atem, die Mundwinkel schrieen
mich mal wieder an. Und ich war mir sicher, Angelo ahnte was
ich im Schilde führte. Aber statt einem Kuss gab's noch
ne Schnitte. »Hier, hab das Gefühl du hast noch
Hunger.«
Ich machte den Mund auf, aber schneller wieder zu, als Angelo
seine Finger wegnehmen konnte. Und so hatte ich flugs Zeigefinger
und Daumen in meinem Mund. Und ich ging spontan einen Schritt
weiter, denn ich hatte den Eindruck, dass ihm das gefiel.
Ich knabberte zärtlich darauf herum.
»Autsch«, sagte er und zog seine Finger heraus.
Das Gesicht, das er dabei machte, war zum brüllen. Todernst
sah er sich die Finger an, als suchte er eine böse Verletzung.
»Isst du immer gleich Sachen, die du..«
»..die mir schmecken, klar«, fiel ich ihm ins
Wort und jetzt erntete ich einen so total süßen
Blick. Ja, das war der Moment, auf den ich irgendwie gewartet
hatte. Ein Kuss von ihm, hier und jetzt. Ich verzehrte mich
ja schon nach dem Jungen und meine Gelüste verlangten
trotz allem ihr recht. Angelo hielt ganz still, als ich mich
seinem Gesicht immer weiter näherte. Uns trennten vielleicht
noch zwei, drei Zentimeter, als sein Handy auf dem Tisch klingelte.
In jener Sekunde verwünschte ich alle Handys hinauf in
den Orionnebel, je weiter desto besser. Aber es half nichts,
Angelo drehte sich um und griff sein Telefon.
»Kassini?«
Ich schnaufte. Egal wer da dran war, der Teufel sollte ihn
holen. In meinem Frust goss ich mir noch von dem Campari ins
Glas und leerte es auch sogleich. Ich hörte nur ein „ja,
hm, aha, so, na ja“ und so weiter. Ich versuchte erst
gar nicht heraus zu bekommen, wer da meinen Schnuckel von
mir abhielt. Zum guten Glück schien Angelo nicht der
geborene Vieltelefonierer zu sein, eher schien er bemüht,
die Sache kurz zu machen. Nach für mich dennoch unendlichen
Minuten legte er auf. Sein Gesicht strahlte irgendwie und
somit konnte ich annehmen, dass es eine erfreuliche Nachricht
war.
»Das war Paul. Wie ich schon sagte, er geht lieber
auf Nummer sicher.«
Margie war nun wirklich kein ernst zu nehmender Konkurrent,
auch wenn es wahrscheinlich irgendwelche Verbindungen zu Angelos
ehemaligen Freund gab. »Und, was meint er?«
Angelo kam wieder ganz dicht zu mir und nahm meine Arme.
»Es hat schlimmer ausgesehen als es ist. Margie wird
wieder völlig gesund. Komm, darauf müssen wir uns
einen genehmigen.«
Zwar hatte ich schon wieder weit über meine Maßen
hinaus getrunken, aber in Anbetracht der Umstände musste
ich einfach noch mal ne Ausnahme machen. Allerdings hörte
sich da auch heraus, wie wichtig ihm seine Geige war, denn
er sprach von „gesund“ werden und nicht von reparabel.
Wir stießen an, dann hielt Angelo plötzlich inne.
»Eigentlich.. wie kommt es, dass ich das Gefühl
habe, wir würden uns schon ewig kennen?«
Er hatte ja so recht; hatte ich doch dieses Gefühl schon
viel früher gehabt. Wir bewegten uns jede Minute einen
Schritt weiter aufeinander zu und das war er grade sagte,
beflügelte mich. Er grenzte mich nicht aus, nein, auch
er musste sich erst herantasten. In diesem Falle übernahm
ich die Regie. »Dann sollten wir jetzt vielleicht schleunigst
Bruderschaft trinken, oder?«
Er lächelte. »Mein Gedanke.«
Wir kreuzten die Arme und tranken einen Schluck. Der anschließende
Bruderkuss schmeckte nach Gin. Und er war lang, sehr lang.
Welch Gefühl, seine Zunge in meinem Mund zu haben. Wir
stellten, ohne unsere Lippen zu lösen, die Gläser
ab, umarmten uns und es wurde mit der zauberhafteste Kuss,
den ich je erleben durfte.
Nach etlichen Minuten trennten wir uns, dabei fiel mir auf,
dass Angelos Gesicht nachdenklich geworden war.
»Ist etwas? Freut es dich nicht, ich mein, die Sache
mit Margie?«
»Doch, doch«, beschwichtigte er.
»Aber..?«
Da kam es schlagartig wieder, dieses merkwürdige Gefühl.
War das Angst? Eine Furcht, die mir, weil ich nicht wusste
was sie zu bedeuten hatte, regelrecht in die Glieder fuhr?
Ich wusste darauf einfach keine Antwort. Noch nicht.
»Ich weiß nicht, Ralf. Wir kennen uns eigentlich
grad mal ein paar Stunden..«
»Na und? Angelo, hast du einmal daran gedacht, dass
zwei Menschen füreinander bestimmt sein können?
Vielleicht gibt es das, was uns da passiert, nur einmal unter
Millionen von Menschen. Meinst du nicht, dass wir diese Chance
nutzen sollten?«
Er sah mich an mit seinen Rehaugen, die so einmalig waren.
Und er dachte über meine Worte nach, kein Zweifel. Das
waren die kleinen Schritte, die wir aufeinander zugingen.
Zugehen mussten.
»Meinst du wirklich?«
Wie konnte ich es ihm klarmachen, ohne seine Erinnerungen
anzutasten? Wenn ich Pech hatte, dann würde er jenen
Vergleich zu seinem Freund ziehen, was weit schlimmer gewesen
wäre. Dann hätte er womöglich die Schotten
dicht gemacht. Das könnte diese Furcht sein, die in mir
brodelte. »Angelo, wir mögen uns, von der ersten
Sekunde an, daran kannst du nicht zweifeln. Ich meine.. wir
sollten es miteinander versuchen. Ich weiß, eigentlich
redet man darüber nicht, es passiert halt einfach. Du
hast auf mein Autogramm geschrieben, dass du mich liebst.
Ich hab das ernst, sehr ernst genommen. Und ich... ja, klar.«
Ich wandte mich ab, wollte ihm bei meinen Worten nicht in
die Augen sehen. »Ich weiß nicht was Liebe ist.
Ich kenne nur Zuneigung, Vertrauen. Wenn mich einer fragen
würde, welches Gefühl ich für dich habe, dann
würde ich sagen, ich denke dass es Liebe ist.«

Er drehte mich zu sich hin, so dass ich ihm
wieder in die Augen sehen musste. »Okay, ich denke auch..
genauso wie du.«
»Komm«, sagte ich dann, »ich helf dir beim
abräumen.«
Wenig später waren die Lebensmittel und Getränke
in die Küche getragen. Dass es ja noch andere Räume
in dem Haus gab, die ich nicht kannte war klar, aber so eine
Küche hatte ich noch selten gesehen. Blitzblank, nicht
riesig aber groß genug, damit drei Personen hantieren
konnten ohne sich im Wege zu stehen. Und auf den ersten Blick
fehlte es da an nichts. Geschmack, auch hier traf ich auf
eine gewisse Harmonie, die die Dinge zueinander hatten. Ich
war sehr gespannt auf seine Eltern, denn so wie es jetzt aussah
würde ich sie kennen lernen, irgendwann.
Später setzten wir uns zurück auf die Terrasse,
dem einzigen Ort an dem man es wegen der Hitze aushalten konnte.
Angelo erklärte, die Klimaanlage im Haus würde einfach
zu viel Energie verschwenden, noch dazu weil nur wir beide
hier waren.
Angelo kippte seinen Kopf nach hinten auf die Stuhllehne
und sah hoch zu den Sternen. Inzwischen war es Stockdunkel
geworden und die mondlose Nacht spannte ihr unendliches Firmament
über uns. Ja, Angelo war ein Romantiker, genauso wie
ich. Wir passten schon jetzt in so vielen Dingen zueinander,
wahrscheinlich bestand der Unterschied nur in unseren Tätigkeiten.
Aber damit konnte ich leben.
Ich folgte seinem Blick. Was dachte Angelo jetzt? Suchte
er einen bestimmten Stern? Manche Menschen suchen sich einen
aus und dann sagen sie, da oben, das ist mein Stern. Andere
sagen, das ist der Stern meines Partners. Wo ich auch bin,
er ist immer da. Dachte er das jetzt? Sollte ich ihn einfach
fragen? Warum nicht?
»Hast du ihn gefunden?«, fragte ich dann einfach.
Er drehte seinen Kopf zu mir, ohne ihn anzuheben. »Wen?«
»Einen Stern. Wofür auch immer er steht.«
Angelo lächelte und schüttelte den Kopf ganz leicht.
Dabei blies er den Rauch seiner soeben entflammten Zigarette
über sich. »Nein. Ich weiß dass Menschen
keine Sterne haben. Die sind da, einfach so. Seit dem Urknall.
Ich glaube übrigens auch nicht an das Pech an einem Freitag,
den Dreizehnten oder an schwarze Katzen. Du etwa?«
Ich musste ihm beipflichten, wobei mich gelegentlich das
überqueren meines Wegs durch eine solche Katze schon
mal ins Grübeln brachte. Allerdings, es war danach nie
etwas Schlimmes passiert. »Nein, ich bin nicht Abergläubisch.«
»Das ist gut. Da machen sich manche nämlich ganz
schön verrückt damit.« Er neigte seinen Kopf
wieder in Normalstellung und schnippte die Asche ab. »Die
schlimmen Dinge passieren auch ohne solch merkwürdige
Omen.«
Zack, da war er wieder. Der Freund, dessen Tod so plötzlich
kam. Ich würde mich daran gewöhnen müssen,
dass er gelegentlich zwischen uns stand. „Geh einfach
nicht darauf ein. Und sage ihm niemals, dass er ihn vergessen
soll. Das ist seine Vergangenheit, mit ihr muss er leben und
zurecht kommen. Er wird dir genügend Platz lassen. Wie
viel, das bestimmt alleine er.“ Oh, welch weiser Spruch
meiner guten Stimme. Aber sie hatte natürlich recht.
Trotzdem war es meine Aufgabe, den Platz mit zu bestimmen.
»Ich für meinen Teil geh jetzt schlafen«,
sagte er dann mitten in meine Gedanken. Gut, auch ich wollte
nicht die ganze Nacht hier draußen verbringen. Allerdings,
ich hätte mich schon dafür entschieden wenn er es
gewollt hätte.
»Du kannst gern noch hier sitzen bleiben. Dein Zimmer
findest du ja wieder, oder?«
»Klar, aber so alleine hier, das ist das auch nicht
das Wahre.« Damit spielte ich in etwa darauf an, dass
ich seine Gesellschaft nicht missen wollte.
»Hm, also bei aller Liebe..« Dabei grinste er
wieder. »Wir sollten die Tage etwas unternehmen. Paul
sagt, dass er für Margie etwa zwei Tage braucht. So lange
kann ich durchaus pausieren mit der Musik.«
»Sollten wir vielleicht mal zu dem Baggersee? Ich mein
nicht den, an dem wir waren.«
»Da, wo deine Freunde auch hingehen?«
»Zum Beispiel.«
»Ja, warum nicht? Aber jetzt sollten wir wirklich in
die Falle.«
Ich nickte und zusammen standen wir auf. Angelo schaltete
die Lichterkette in der Pergola ab und ich folgte ihm ins
dunkle Haus. Nur schemenhaft konnte ich ihn sehen, als wir
das Wohnzimmer durchquerten, da etwas Licht aus der Küche
hineinfiel. Geheimnisvoll kam mir das vor und schon meinte
ich, dieses Knistern wieder zu hören. Würden wir
wirklich getrennt schlafen, nachdem wir schon in einem Bett
gelegen hatten?
»Was macht eigentlich dein Sonnenbrand?«
Oh, was für eine Frage. Ich überlegte gar nicht
lange. »So richtig okay ist’s natürlich noch
nicht..«
Allein aus meiner Stimme musste er schließen können,
worauf ich hinauswollte.
»Na, dann sollten wir noch mal was dagegen tun.«
Das fand ich dann ganz lustig. „Wollen wir miteinander
schlafen?“ wäre bestimmt genau das, was wir sagen
wollten. Aber es war natürlich nur so ein Gedanke. Lust
auf den Jungen hatte ich, eigentlich dauernd. Aber nun steigerte
sich das, was auch mein kleiner Freund ziemlich spannend fand.
Im Dunkeln konnte Angelo es nicht sehen und ich hoffte, er
würde kein Licht machen. Aber je weiter wir in die Räumlichkeiten
kamen, desto finsterer wurde es und „klack“, da
ward Licht. Meine Beule war einfach zu groß geworden,
als dass man sie ohne weiteres übersehen konnte. Sie
erhielt auch schon deshalb Nachschub, weil ich wieder an Angelos
Slip denken musste, in dem sich das Theater nun abspielte.
Wie oft hatte er einen Steifen da drin gehabt? Puh, das war
wirklich ein supergeiler Gedanke. Aber mich dessen schämen?
Wozu? Wir waren erstens alleine und zweitens, irgendwie kannte
das Angelo ja schon.
Er neigte den Kopf und musterte mich. »Aha.«
Mehr sagte er nicht, mir hatte es trotz allem in dem Augenblick
die Sprache verschlagen. Peinlich, das wäre der falsche
Ausdruck gewesen. Es war halt so, basta. Die Frage, wie er
damit umging, war dann viel wichtiger.
»Du machst mich ganz fusselig«,
sagte er ziemlich leise, eher ein lautes Denken. Ja, ich wollte
ihn fusslig machen. Ich brauchte ihn, wollte ihn berühren,
küssen, liebkosen an sämtlichen Stellen seines wunderschönen
Körpers. Vielleicht sollte ich es Spinnen gleichtun.
Netze spannen, ganz dünn, aber viel zu viele, als das
Opfer aus ihnen entkommen konnte. Ich musste ihn fangen...
für mich und letztendlich um seiner selbst Willen.
Angelo knipste das Licht wieder aus.
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