| Auf der Suche
nach dem verschwundenen Antoine geraten Nico und Peter in
eine brenzlige Situation, wobei es zur Bekanntschaft mit dem
zuständigen Polizisten aus der Ortschaft und dem Förster
aus der Gegend kommt. Unter dessen Leitung setzt sich die
Suche nach dem Jungen auf dem Gelände des alten Steinbruchs
fort und Nico erhält ein Telefonat, mit dem er nicht
gerechnet hat.
»Vielleicht sollten wir dem Wildwechsel da drüben
folgen«, sagte Peter und deutete in eine Art kleinen
Tunnel, der sich durch das dichte Gestrüpp in den Buchenwald
hineinschlängelte. »Das ist doch in etwa die Richtung,
oder?«
»Antoine ist da aber nicht langgegangen, das hätte
Rick schon herausgefunden,« antwortete Nico.
»Ja, das schon, aber vielleicht ist er ja nur weiter
oben am Bach nach links. Dann könnten wir hier abkürzen.«
Es blieb aber nur eine Lösung, die für Stein in
Frage kam: »Okay, wir teilen uns. Ich gehe mit Rick
weiter den Bach hoch, ihr beide nehmt den Wildwechsel. Wir
treffen uns am Bahnhof. Nico, du hast dein Handy dabei?«
»Ja, bloß, der Empfang..«
Stein grinste. »Keine Bange, im Ort gab es einige Beschwerden,
weil man in vielen Ecken dieser Gegend keinen Empfang hatte.
Ein Netzbetreiber hat inzwischen einen Sender auf dem alten
Steinbruch angebracht. Es gibt hier praktisch keine Funklöcher
mehr.«
»Oh, sowas nenn ich einen glatten Fortschritt. Okay,
Peter, komm.«
Der Wildwechsel schien rege genutzt, es gab kaum Hindernisse
am Boden; nur mussten sich die beiden oft ducken, da das Gestrüpp
nur knapp über ihnen völlig verfilzt war.
Nico schlich hinter Peter her. »Denk dran, immer links
halten.«
»Hihi, mal sehen wann die erste Kreuzung kommt.«
Wenigstens hatte Peter Humor, auch wenn es kaum einen Grund
dazu gab.
»Du weißt also gar nichts über Antoine?«
»Nein, absolut nicht. Schweigsam wie ein Grab. Ich
wollte zwar nicht zu ihm ins Zelt, aber wir sind bei der Einteilung
übrig geblieben. Na ja, ich dachte, auch recht, dann
hab ich meine Ruhe.«
Dabei kam es Nico nicht so vor, als wäre Peter der typische
ruhesuchende Mensch. »Warum wolltest du nicht zu ihm?
Ich meine, du kanntest ihn ja eigentlich nicht, oder?«
»Weiß nicht. War so ein Gefühl.«
»Was hat dich denn hierher gebracht?«, fragte
Nico etwas später, während sie in halbgebückter
Haltung dem Wildwechsel folgten und immer wieder mit ihren
Armen das Gestrüpp von den Gesichtern freihielten.
»Hab ne alte Frau beklaut.«
Eine ziemlich knappe Antwort, wie Nico fand. »Und?«
»Die war mir im Supermarkt aufgefallen, mit den ganzen
Scheinen in der Geldbörse. Da hab ich ihr draußen
aufgelauert. Hab ihr die Tasche abgenommen, wobei das Dumme
war, dass sie dabei gestürzt ist und sich den Oberschenkelhals
gebrochen hat. Bin in voller Panik losgerannt, weil die Alte
einen mächtigen Lärm geschlagen hat und da haben
zwei Typen meine Fährte aufgenommen. Nach fünf Minuten
hatten die mich. Na ja, nichts zu machen. Oberpech halt.«
»Wieso hast du sie überhaupt überfallen?
Es gab doch sicher nen Grund dafür.«
»Na ja, wenn man's richtig nimmt, nicht. Ich wollte
mir ein Mofa kaufen, aber wovon? Alle Kumpels fuhren mit solchen
Dingern rum, nur ich nicht. Und die Aussichten, bald an sowas
zu kommen standen ziemlich schlecht. Im Grunde war's ne Spontanreaktion.
Keine Planung bis zu der Sekunde. Nachher hat sich eh herausgestellt,
dass ich mir von dem Geld grade mal nen Sturzhelm hätte
kaufen können. Ich war halt blöd, irgendwie.«
»Und sonst nichts, ich meine, sicher bist du doch schon
vorher aufgefallen? Wegen einem einzigen Vorfall kommt man
schließlich nicht hier her.«
»Nee, aber da gab's mal ne Schlägerei. Hab einen
arg vermöbelt.«
»Warum?«
»Der war aus so ner Gang und hat mit den anderen einen
alten Mann angefallen. Da bin ich zwischengegangen.«
»Und das hat man dir angekreidet?«
»Nicht direkt. Nur dass ich auf dem Typen noch rumgetreten
hab, obwohl der schon ziemlich futsch am Boden lag.«
»Aha.«
»Dann war's eben um die Bewährung mit dem Überfall
geschehen. Aber ehrlich.. mir tut der Arsch heute noch nicht
leid, auch wenn er zwei Operationen hinter sich hat bringen
müssen damit seine Zähne und die Nase wieder ansehnlich
wurden. Ich war so dermaßen wütend – du musst
wissen, dass ich eigentlich keiner Fliege etwas zu leide tun
kann. Gab halt nen Prozess wegen Schmerzensgeld und all dem
Kram, aber bei uns ist nichts zu holen. Darum hat mich der
Richter hier her geschickt.«
Solchen Aussagen zu glauben, war nach so kurzer Zeit schwierig.
»Und die anderen? Ich mein, die aus der Gang?«
»Hasenfüße. Ich glaub, als sie dem seinen
Kiefer knacken hörten, ist ihnen die Klammer gegangen.«
»Kanntest du den alten Mann?«
Peter blieb stehen. »Sie können ja von mir denken
was Sie wollen, aber als ich gesehen habe wie die auf den
losgegangen sind, war mir egal ob ich ihn kenne oder nicht.«
Da war es. Nico wusste, dass es soweit kommen würde,
irgendwann. Dieses Sie machte ihn völlig konfus und in
dieser Umgebung störte es ihn gewaltig. »Du kannst
Nico zu mir sagen, so lange wir unter uns sind«, sagte
er, ohne dass er sich das genau überlegt hatte.
»Oh, alles klar.«
Nicos Gedanken drehten sich dann fast nur noch um Peters
Worte. Auch wenn er diesen offenbar brutalen Ausrutscher nicht
unbedingt gutheißen konnte, wünschte er sich viele
solcher Peters, die nicht lange fackelten. In diesen Minuten
wurde ihm der Junge automatisch höchst sympathisch.
Mittlerweile war aus dem von Rehen und wahrscheinlich sogar
Hirschen getrampelte Pfad immer schmaler geworden. Linker
Hand schimmerte eine Wiese durch die Büsche und deshalb
würde die Tiere an diesen Stellen den Wald verlassen.
»Wie weit wird das noch sein?«, fragte Peter,
»das hier dürfte ja wohl gleich nicht mehr weitergehen.«
Damit zeigte er auf den Pfad, der nun kaum noch als solcher
auszumachen war.
»Keine Ahnung. Ich kenne zwar den Bahnhof und das nähere
Gelände drum herum, aber im Moment weiß ich echt
nicht, wo wir sind.«
Peter blieb stehen. »Ich muss mal pinkeln.«
»Okay, ich warte hier.«
Der Junge ging weiter auf dem Pfad, wenige Schritte weiter
verschluckte ihn bereits das Geäst der Büsche.
Plötzlich zerriss ein eigenartig metallenes Geräusch
die Stille. Entfernt klang es wie das zuschlagen einer Eisentür
und das rasseln einer Kette. Gleichzeitig ertönte ein
Schrei und dann folgte das dumpfe aufschlagen eines Körpers.
Das Ganze kam so plötzlich, dass Nico zunächst
gar nicht reagierte. »Peter?«
»Hier... aahhh.«
Erst jetzt wurde Nico klar, dass etwas passiert sein musste.
»Peter, was ist los?«
»Ah..«
Beherzt stürzte sich Nico in das Gebüsch, wo er
nach wenigen Meter auf den Jungen stieß. Er lag mit
schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden und hielt sich mit
beiden Händen seinen Fuß. »Da... ah das tut
so verdammt weh.«
Nico kniete sich hin und betrachtete sich die Ursache. »Lass,
nichts machen, beweg dich nicht.«
»Du hast gut reden.. «, stöhnte Peter und
krampfte seine Hände um den Fuß.
Langsam quoll Blut aus der Wunde, das die Bügelschenkel
eines Fangeisens in Peters Unterschenkel geschlagen hatte.
Nico versuchte, nicht in Panik zu geraten und nach wenigen
Sekunden überlegen blieb ihm nur handeln. Beherzt packte
er die beiden Bügel der Wolfsangel, dann zog er sie unter
Einsatz seiner ganzen Kraft auseinander. »Wenn sie aufgeht,
zieh das Bein sofort raus, hörst du?«, stöhnte
er und Peter nickte mit zusammengebissenen Zähnen.
Auf Nicos Stirn bildeten sich große Schweißtropfen,
die einmal von der Aufregung, dann von der Anstrengung und
schließlich von der Hitze kamen, liefen ihm in die Augen
und tropften auf seine Hände.
Millimeterweise öffneten sich die Schenkel. »Zieh!
Zieh das Bein raus.«
Peter packte sein Bein unterhalb der Knie mit beiden Händen
und zog es langsam aus dem Eisen. Viel zu langsam.
»Schneller, ich... ich kann sie nicht lange halten.«
Von Schmerzen gepeinigt nahm Peter alle Kraft zusammen, um
seinen Körper mit den Ellenbogen auf dem Boden entlang
wegzuschieben.
Nico begann am ganzen Körper zu zittern, während
er die Schenkel der Wolfsangel auseinander bog. Er spürte,
dass seine Kräfte schwanden, dazu kam ein Krampf in seinem
Fuß. »Zieh, Herrgott noch mal..«, schrie
er, wobei es ihm gelang das Eisen noch ein paar Millimeter
zu öffnen.
Peter zog das Bein heraus, doch in dem Augenblick wo sein
Schuh in Höhe des Schlagbereichs war, verließen
Nico die Kräfte. Um sich nicht die Finger einzuklemmen,
musste er das Eisen loslassen, aber es fehlte ihm der Schlagweg
und so klemmte nur der Fuß im Schuh fest, ohne Peter
dadurch zu verletzen.
Nico sackte in sich zusammen und jappte nach Luft. »Geht’s,
oder..?«
Peter hielt sich noch immer das Bein und nickte, ohne einen
Ton sagen zu können. Das Eisen saß zu fest, er
konnte nicht aus seinem Schuh heraus.
»Peter, ich muss es noch einmal versuchen. Wenn ich’s
sage, zieh den Fuß raus, okay?«
Erneut packte Nico die beiden Schenkel, biss sich auf die
Zähne und holte tief Luft. »Jetzt!«, schrie
er. Peter zog den Schuh heraus und Sekunden später entglitt
Nico das Eisen, woraufhin die Schenkel zusammenknallten. Polternd
fiel das Fangeisen zu Boden.
»Uff. Geschafft«, stöhnte Nico und ließ
sich neben Peter auf den Boden fallen. Die Verletzung an Peters
Bein sah nicht gut aus, zudem musste man damit rechnen, dass
der Knochen gebrochen war. Hastig fummelte Nico sein Handy
aus der Tasche. »Falk, Nico hier. Peter ist in eine
Schlagfalle getreten.. und ich weiß verflucht nicht,
wo wir sind. So eine verdammte Scheiße.«
»Ruhig, Nico. Blutet die Wunde stark?«
»Nein, eigentlich nicht, aber das rohe Fleisch.. was
soll ich machen?« Nur langsam bekam Nico seine Fassung
zurück.
»Okay, ich komme so schnell es geht. Rick wird euch
finden. Ruf sofort die Rettung und tu nichts, was es schlimmer
machen könnte. Keine Panik jetzt und Peter soll sich
nicht bewegen, hörst du?«
»Ja, okay.«
»Gut.« Damit trennte Stein die Verbindung.
»Peter, ganz ruhig, ich hol Hilfe«, versuchte
Nico den Jungen zu beruhigen, während er den Notruf wählte.
Seine Panik bestand in der Hauptsache darin, dass er nicht
sagen konnte, wo sie waren. So ruhig wie möglich gab
er seinen Namen und die Sachlage durch. »Ich weiß
aber überhaupt nicht, wo wir sind. Nur, dass in der Nähe
der alte Verladebahnhof am Schiefersteinbruch ist.«
»Okay, bitte lassen Sie Ihr Handy an. Wir rufen Sie
zurück. Bleiben Sie bitte ruhig.«
Nico setzte sich völlig fertig neben Peter und legte
dessen Kopf auf seinen Schoß. Erst jetzt wurde ihm das
alles richtig bewusst. Er hätte heulen können, obwohl
an all dem niemand eine Schuld traf. Jeder wäre in diese
gemeine Falle getreten, die, so wie es Nico jetzt sah, in
eine kleine Vertiefung eingelassen und mit Gräsern getarnt
gewesen war. Damit jedoch bestätigte sich offenbar der
Verdacht auf Wilderei in der Gegend. Nur war das jetzt kein
Kavaliersdelikt mehr.
»Geht’s?«, fragte er leise und wischte
Peters Tränen von der Wange.
Der Junge nickte, ganz langsam. Wenigstens bestand keine
Lebensgefahr, aber schon vermehrten sich die Fliegen um sie
herum, angelockt vom Geruch des Blutes und Nico begann sich
vor ihnen zu ekeln wie noch nie in seinem Leben. Er suchte
ein Taschentuch in seiner Hose und legte es vorsichtig auf
die Wunde. Nach wenigen Minuten ging sein Handy.
»Wir haben Sie geortet. Gibt es dort, wo Sie sich befinden,
eine freie Stelle?«, wollte der Mann aus der Zentrale
wissen.
»Ich glaub, ja, es gibt eine Wiese.«
»Gut. Gehen Sie schnellstens dorthin, so dass man Sie
gut sehen kann. Der Hubschrauber ist bereits unterwegs.«
Egal wie es war, ohne die Technik wüsste er jetzt nicht,
was er hätte machen sollen. »Peter, ich muss dich
alleine lassen. Der Hubschrauber kommt gleich, ich muss ihnen
den Weg zeigen. Bleib bitte ganz ruhig liegen, okay? Und pass
auf.. wegen der Fliegen.«
Peter nickte und Nico stand auf. Die Wiese war irgendwo links
gewesen und rasch eilte er den schmalen Pfad zurück bis
er den gelblichen Schimmer des dörren Grases durch die
Büsche sehen konnte. Er zerkratzte sich Arme und Gesicht,
aber er musste den direkten Weg nach draußen.
Klatschnass geschwitzt trat er schließlich aus dem Wald.
Gott sei Dank war die Wiese groß genug für einen
Hubschrauber und Nico rannte so schnell es ging hinaus. Nach
etwa fünfzig Metern ließ er sich einfach fallen.
Durst quälte ihn jetzt, seine Zunge klebte im völlig
trockenen Mund und fühlte sich an wie ein Fremdkörper.
Der Schweiß brannte in den Kratzern und noch immer zitterte
sein Körper durch die Entkräftung. Er wusste nicht
wo der Helikopter gestartet war und wie lange er brauchen
würde, aber sie würden ihn finden, irgendwie.
Angestrengt lauschte er, aber sein Blut pochte und rauschte
in den Ohren.
Ein Blick auf die Uhr, es war mittlerweile halb Fünf.
Wie lange Stein für die Strecke brauchte vermochte er
nicht zu sagen, sicher war nur, dass er nicht gemütlich
wandern würde.
Wenig später hörte er bereits das untrügliche
Geräusch der Rotorblätter, stand auf und suchte
den Himmel ab. Rasch näherte sich der Helikopter, nur
die Richtung, aus der er kam, konnte Nico noch nicht feststellen,
zu sehr täuschten ihn die Echos aus dem umliegenden Wald.
Doch dann tauchte die Maschine auf, direkt über dem Wald
gegenüber und mit Kurs auf die Wiese. Nico streckte beide
Arme aus und winkte wie ein Wilder. Zum Zeichen dass man ihn
gesehen hatte, schaltete die Besatzung kurzzeitig die Suchscheinwerfer
ein.
Nico rannte noch ein Stück weit zum Waldrand, die Sanitäter
sollten so wenig wie möglich laufen müssen.
Dann schwebte der Hubschrauber in die Wiese ein wie eine große,
orangefarbige Libelle, dann wurde Nico vom Abwind der Rotorblätter
getroffen und machte ihm ein stehen bleiben fast unmöglich.
Sehr dicht flog der Pilot an den Waldrand, was bei dem windstillen
Wetter kein Problem war.
Mit ohrenbetäubendem Lärm setzte der Helikopter
auf der Wiese auf, wobei sich Nico mit seinen Armen über
dem Gesicht vor den aufgewirbelten, trockenen Grashalmen schützen
musste. Noch während sich der Rotor drehte, öffnete
sich die Seitentür und zwei Männer mit Taschen rannten
zu Nico hin.
Der Lärm war noch zu groß um zu reden, deshalb
rannte Nico einfach in den Wald voraus, wobei ihm die beiden
Männer folgten. Nico rannte, als ginge es um sein Leben,
achtete nicht auf die Zweige die erneut sein Gesicht peitschten,
nicht auf die Wurzeln, die ihn das eine und andere Mal beinahe
stürzen ließen.
Schließlich kam er bei Peter an, der sich halb aufgerichtet
hatte und dem man seine Erleichterung ansah.
Ohne Worte knieten sich die beiden Männer zu ihm hin
und betrachteten sich die Wunde. Die beiden redeten kurz miteinander,
einer öffnete seine Tasche und zog eine Spritze auf.
Nachdem Peter notdürftig verarztet war, wandte sich einer
der Männer an Nico. »Gerald Heinze, ich bin Arzt.
Was ist denn genau passiert?«, wollte der Doktor wissen,
während der andere Sanitäter zum Hubschrauber zurücklief.
Nico schilderte ihm den Hergang, worauf der Arzt nur nickte.
»Okay, wir bringen ihn ins Krankenhaus.«
Nico war sich nicht sicher, was er machen sollte. »Soll
ich mit?«
»Nein, das geht leider nicht. Wir verständigen
zudem Försterei und Polizei, dazu müssten Sie schon
hier bleiben. Aber..« Jetzt nahm der Arzt ohne Vorwarnung
Nicos Kinn zwischen die Finger und betrachtete sich fachmännisch
die Schrammen in seinem Gesicht. »Ich mach Ihnen da
was drauf, nicht dass sich das entzündet.«
Wenig später kam der andere Mann, der wohl Sanitäter
war, mit einem zweiten Besatzungsmitglied und einer Trage
zurück.
»Ist es schlimm mit dem Bein?«, wollte Nico dann
noch von dem Arzt wissen.
»So wie es aussieht hat er viel Glück gehabt,
ob der Knochen heil geblieben ist muss man beim röntgen
sehen.«
Rasch hatten die beiden Sanitäter Peter dann auf die
Trage verfrachtet und brachten ihn aus dem Wald.
Der Arzt wandte sich an Nico. »Dann kommen Sie bitte,
wir lotsen die Polizei über Funk auf die Wiese, auf der
anderen Seite ist ein Feldweg. Dort können Sie auf die
Beamten warten.«
Nico folgte dem Trupp und sah zu, wie Peter in den Bauch
der Maschine geschoben wurde. Rasch kletterte er hinterher
und drückte noch einmal Peters Hand. »Viel Glück
und hey, das wird wieder.« Dabei blinzelte er und Peter
nickte erschöpft.
Kurz darauf sprang Nico wieder heraus und wartete, bis der
Helikopter abhob und im Tiefflug über dem Wald verschwand.
Kaum hatte er sich völlig erschöpft auf die Wiese
gesetzt, hechelte Rick um ihn herum. »Ah, mein Freund.
Dann ist dein Herrchen auch nicht weit.«
In dem Moment sah Nico Blaulicht auf der anderen Seite im
Wald und hinter ihm trat Stein aus dem Wald.
»Tja, ein Fall von Wilderei. Ich glaub, da ist was
ganz Großes am laufen.« Hubert Angelmann betrachtete
sich die Falle, die inzwischen im Kofferraum des Polizeiwagens
lag. Der große, hagere Endfünfziger wirkte mit
seinen weißen Haaren und dem Vollbart wie ein uriger
Einwohner einsamer Alpendörfer. Nachdenklich kratzte
er sich am grauen Filzhut. »So eine sauerei. Das Maß
ist voll.«
»Ja, kann man wohl sagen.« Falk Stein saß
auf dem Rand des Kofferraums und beobachtete, wie Rick und
der graubraune Griffon-Rüde des Försters miteinander
spielten.
»Vor allem, man muss jetzt sehr vorsichtig sein, Falk.
Achte drauf, dass deine Jungs die Wege nicht verlassen. Du
siehst was passieren kann.«
Stein nickte. »Dabei hätte ein Problem heute gereicht.
Peter wäre nie in die Falle getappt, wenn wir nicht einen
der Jungs vermissen würden.«
Angelmann horchte auf. »Du vermisst einen Schützling?«
»Ja, seit heute Mittag. Spurlos verschwunden.«
»Falk, das ist keine gute Nachricht, nachdem was da
passiert ist.«
»Ich weiß. Aber ich habe keine Ahnung, wo wir
noch suchen sollen. Rick hat seine Spur verloren, der Junge
ist allem Anschein nach im Bach entlang.«
»Ihr müsst ihn finden. Wenn er auch in eine solche
Falle läuft.. Weiß es die Polizei?«
»Ich habe es ihnen vorhin gesagt, aber die wissen natürlich
auch nicht wie man ihn finden soll, wenn Rick schon mal nicht
weiter weiß.. zumal es nicht der erste war, der ausgebüxt
ist.«
»Warst du am Bahnhof oben?«
»Ja, aber da ist nichts.«
»Es wird bald dunkel.«

»Hubert, ich weiß das alles, aber
wo sollen wir denn suchen?«
»Wo habt ihr seine Spur verloren?«, wollte der
Förster wissen.
»Gleich nach dem Camp. Er kann überall sein, vor
allem nach der Zeit jetzt.«
Vorsichtshalber rief Stein bei Rainer Bode an und fragte
nach, ob Antoine bereits wieder aufgetaucht sei. Aber die
Antwort war negativ.
»Hubert, bei Nacht brauchen wir gar nicht erst anfangen,
das weißt du. Er wird Wasser haben und die Nächte
sind warm. Der kann kilometerweit kommen.«
»Ist mir klar, aber trotzdem, ich hab ein sehr schlechtes
Gefühl dabei.«
»Was für Kleidung trägt der Junge?«,
wollte der Förster wissen.
Stein überlegte, warum sich der Mann so große
Sorgen machte, aber schließlich ahnte er es, nach Angelmanns
Frage.
Nico überlegte kurz. »Das Hemd hat er wohl gewechselt,
aber ich hab ihn in einer kurzen, grünen Khakihose in
Erinnerung.«
»Hubert.. du meinst doch nicht.?« Stein fühlte
sich plötzlich wie gelähmt.
»Falk, ich weiß, es ist nicht sehr wahrscheinlich,
aber man kann's nicht ausschließen.«
Nico blickte die beiden abwechselnd an. »Was meint
ihr denn damit?«
Aber weder Stein noch der Förster wollten mit einer
Antwort herausrücken.
»Kommt mit, wir müssen etwas unternehmen«,
sagte Angelmann und lief zu seinem Range – Rover. Mit
großen Sätzen sprangen die beiden Hunde auf die
Ladefläche, während Stein und Nico in den Wagen
stiegen.
»Sagt mir bitte einer, warum ihr jetzt so hektisch
seid?« Nico wurde nervös, weil ihn ein dummes Gefühl
beschlich. Jenes von der Sorte, das er gar nicht schätzte,
weil es sich meist irgendwie bestätigte.
»Später, Nico«, beschwichtigte Stein und
der Förster jagte seinen Wagen mit beängstigender
Geschwindigkeit über Wiesen- und Waldwege.
Nico unterließ zunächst weitere Fragen, irgendwann
würde er es eh erfahren.
Es begann bereits zu dämmern, als Angelmann in einen
schmalen, durch einen dichten Tannenwald steil ansteigenden
Waldweg einbog. Ständig musste sich Nico in dem schaukelnden
Gefährt festhalten. Stellenweise dachte er, das hochachsige
Fahrzeug würde entweder zur Seite kippen oder in den
tiefen, ausgetrockneten Wasserlöchern stecken bleiben.
»Wohin um Gottes Willen fahren wir?«
Stein nahm statt einer Antwort nur sein Handy. »Rainer?
Wir fahren zu Hubert. Hast du von Antoine schon etwas gehört?..
Aha.. hm.. okay, ich melde mich wieder.«
Damit wusste Nico zumindest, was ihr Fahrziel sein würde.
Und auch, dass der Junge noch immer nicht aufgetaucht war.
»Das Krankhaus hat angerufen. Peters Bein ist angebrochen
und die Fleischwunde ziemlich tief, aber nichts, worüber
man sich ernsthafte Sorgen machen müsste. Er bleibt zwei
Tage dort, dann kann er entlassen werden. Allerdings ist mit
laufen erst mal nichts. Der Arzt meinte, durch den Schlag
würde das ganze Bein auch erst mal blau anlaufen.«
»Gott sei Dank, das sah ja echt schlimm aus. Kommt
er zurück ins Camp?«
»Das glaube ich nicht, macht auch nicht viel Sinn.«
Stein drehte sich zu Nico nach hinten. »Hast du gut
gemacht.«
»Falk, ich hatte ne Scheißangst.«
»Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Aber gerade deswegen.«
Nico wollte kein Lob hören. Jeder andere hätte
es nicht anders gemacht.
Nach weiteren zehn Minuten war die Achterbahnfahrt vorbei.
Der Weg wurde besser, außerdem schienen sie auf dem
Gipfel des Bergs zu sein, es ging nicht weiter nach oben.
Erneut bog der Förster in einen Waldweg, der so eng war,
dass die Äste der Bäume und Büsche an dem Lack
des Wagens kratzten. Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen,
die Scheinwerfer des Rovers fuchtelten nervös über
den Weg und über die Blätter der Bäume und
Büsche rechts und links.
Schließlich tauchte auf der rechten Seite eine Hütte
auf. Davor war Platz genug, um das Fahrzeug abzustellen, sonst
dominierten auch hier Buchen und höheres Gebüsch
diese Ecke.
Angelmann parkte den Rover, wonach die beiden Hunde sofort
von der Ladefläche sprangen.
Nico stieg aus und streckte seine Knochen. »Ich hab
schon gedacht, die Hunde wären runtergeflogen.«
Stein lachte. »Vorher wärst du aus dem Fenster
raus.«
Angelmann ging um den Wagen zu der Hütte. Eigentlich,
so dachte Nico, genau das, was man sich als Jagdhütte
vorzustellen hatte. Eine kleine, überdachte Veranda,
zu der drei Stufen hinaufführten, zwei kleine Blumenkästen
mit irgendwelchen undefinierbaren Pfalnzen. Rechts und links
der Eingangstür je ein Fenster, dessen Läden geschlossen
waren. Es roch nach behandeltem Holz und Nico vermutete, dass
die Imprägnierung noch nicht lange zurücklag. Dabei
schien die Hütte schon ewig hier zu stehen, ringsum wucherte
Grünzeug, der Laie würde es als Unkraut bezeichnen.
Der Förster schloss die Tür auf und sofort schlug
ihnen der leichte Geruch nach Feuchtigkeit und Harz entgegen.
In dieser Tiefe des Waldes wurde es sehr viel früher
dunkel als draußen, wo kein hohes, dichtes Blattwerk
das Licht dämpfen konnte. »Moment, ich mache Licht«,
sagte Angelmann aus diesem Grund und verschwand in der Dunkelheit
der Hütte. Kurz darauf schwangen die Fensterläden
auf und die beiden traten ein.
Angelmann zündete ein Streichholz an und hielt es an
eine unter der Decke hängenden Lampe. Nico kannte diese
Art von Licht nicht und sah verwundert, wie es langsam richtig
hell wurde.
»Propangas«, sagte Stein, der Nicos fragendes
Gesicht bemerkte.
Nun war nichts zu hören als das Fauchen des Gases in
dem Glühstrumpf. Nico sah sich um. Einfach eingerichtet,
aber zum abschalten oder auch mal abhauen genau das Richtige.
Eine Eckbank nahm die linke Seite ein, davor ein rustikaler
Holztisch. Gegenüber des Eingangs der große, alte
Herd in der Kochnische, die man durch einen Vorhang abtrennen
konnte, rechts ein Schrank mit einigen Gläsern und einem
abschließbaren Teil, in dem sich wahrscheinlich die
Waffen des Försters befanden; daneben eine Tür,
die wohl zu der Schlafkammer führte. »Gemütlich«,
sagte Nico nur.
Angelmann nickte. »Aber setzt euch, ich hol mal eben
die Karte.«
Kurz darauf saßen die drei an dem Tisch, jeder eine
Flasche Bier vor sich und sie brüteten über der
Karte aus der Gegend.
»Hubert, ich weiß nicht was wir damit sollen.
Der Junge kann doch wirklich überall sein.«
Der Förster wirkte sichtlich aufgeregt, so, als wüsste
er eine Lösung. »Weiß ich ja auch. Mir geht
es erst Mal um etwas ganz anderes. Seht mal, ich habe die
Stellen eingezeichnet, an denen.. hier der Hase.. hier das
Wildschwein.. hier nun das Reh und da... das Fangeisen gefunden
wurden. Wie ihr unschwer erkennen könnt, liegen die Fundstellen
alle zwischen dem Camp und dem Verladebahnhof.«
Stein grübelte und nahm einen Schluck Bier. »Das
sieht aus, als wäre der Bereich relativ eng begrenzt.«
»So ist es. Das heißt, wenn der Junge nach hier
oben, südöstlich des Bahnhofs.. sagen wir mal..
geflüchtet ist, dann sollte ihm dort eigentlich nichts
passieren.«
Nico wurde stutzig. »Was heißt, nichts passieren?«
Stein holte Luft. »Nun, wir wissen es nicht, aber sollten
der oder die Wilderer gestört werden, kann man nicht
wissen wie sie reagieren. Außerdem besteht die Gefahr,
dass sie den Jungen im Unterholz.. ich meine, wenn man nicht
genau hinsieht, jemand grüne Sachen anhat, es Nacht ist
und man sowieso im Stress ist.«
».. dass man vielleicht auf ihn schießt.«
Das war es, was sie Nico die ganze Zeit verheimlichten. Er
lehnte sich zurück. »Und jetzt?«
»Diese Nacht können wir nur für Unruhe sorgen,
mehr nicht.«
»Unruhe?«
»Ja, ich hab da allerdings auch schon eine Idee.«
Nico hätte sich diesen Plan gerne angehört, doch
völlig unerwartet brummte sein Handy. Ohne nachzusehen
wer es war, verließ er mit einer Entschuldigung den
Raum und trat hinaus auf die Veranda.
»Ja?«
»Hallo Nico, ich bin's.«
Einen Moment lang lauschte Nico, dann war ihm klar dass es
kein Irrtum sein konnte. Zu gut kannte er diese Stimme, allzu
genau wusste er, dass es keine gab auf dieser Welt, die ähnlich
klang wie sie. »Hallo Stefan.« Umständlich
nestelte er seine Zigarettenpackung aus der Brusttasche, fischte
sich eine Zigarette heraus und zündete sie an.
»Ich wollte mal fragen wie es dir geht. Hab deine Mail
gelesen. Stör ich dich grade?«
»Nein, Stefan, du störst nicht. Und mir.. ja,
mir geht’s gut.«
Klang Stefans Stimme gerade klar und rein, nicht bedrückt
oder niedergeschlagen? Zu genau kannte Nico die Stimmungslagen,
er kannte sie alle. Die freudigen, die traurigen, die wütenden
und die weinenden. Aber die hier war neutral und darüber
freute er sich, irgendwie.
»Wie geht es dir?«
»Prima. Ich war ein paar Wochen in Schottland. Einfach
traumhaft sage ich dir, da müssten wir mal zusammen..
oh, entschuldige.«
»Ist doch okay. Wo bist du denn jetzt?« Nico
gelang es in wenigen Sekunden, sich ihn und Stefan dort zusammen
zu sehen, aber er ging nicht näher darauf ein.
»Grade heimgekommen. Aber sag mal, bist du wirklich
im Camp?«
»Ja, seit gestern.«
»Und, wie isses?« Stefans Stimme klang sehr neugierig.
Was sollte Nico darauf antworten? Dass es wohl doch an seiner
Anwesenheit lag, warum es schon bei seiner Ankunft drunter
und drüber ging? Dass sie heute Nacht einen davongelaufenen
Jungen suchen mussten? Wollte Stefan hören, dass Manuels
Kreuz geschändet worden oder einer der Jungs in das Fangeisen
eines Wilderers geraten war? Mithin grade das Chaos herrschte?
Es war schwer einfach zu sagen, dass es wunderbar wäre
und ganz toll obendrein. Er hatte alles gekonnt so lange sie
zusammen waren, aber Stefan anlügen – das konnte
er noch nie.
»Ganz schön turbulent.«
»Oh, was ist denn los?«
»Stefan, ich würde es dir gerne erzählen,
aber im Moment ist es ungünstig. Bist du ab jetzt zu
Hause?«
»Ja, schon. Aber sag mal, das klingt nich gut. Ist
mit dir wirklich alles in Ordnung?«
»Ja, mit mir schon, nur ein paar Kratzer.« Er
hatte das nicht sagen wollen, aber mit jeder Minute die verstrich,
spürte er wie ihm jemand fehlte. Jemand, mit dem er sich
austauschen konnte, einfach reden. Mit den Betreuern war das
etwas anderes als mit jemanden, den man gut, sehr gut kannte.
Und den man trotz allem noch lieb hatte.
»Kratzer? Nico, was ist passiert?« Stefans Stimme
klang mit einem Mal besorgt.
»Stefan, ich schreib dir ne Mail, so schnell es geht,
okay?«
Eine Pause am andere Ende. »Ja, okay. Aber bald hörst
du?« Stefans Stimme hatte sich schlagartig geändert.
»Ja, Stefan, ich verspreche es. Bis bald.«
»Ciao.. Nico.«
Stefan hatte nicht gern aufgelegt, das spürte Nico.
Er würde sich Sorgen machen, trotz ihres gespannten Verhältnisses.
Es herrschte eben eine unsichtbare Bande zwischen ihnen, jene,
die auch schon eine endgültige Trennung unmöglich
gemacht hatte.
Nico rauchte langsam zu Ende, selbst auf die Gefahr hin von
dem Förster deswegen angemacht zu werden. Das Gespräch
mit Stefan hatte ihn merkwürdig aufgewühlt, ließ
ihn einen Moment lang die Dinge um sich herum vergessen.
Beinahe wäre er über Rick und Hasso, dem Griffon-Rüden,
gefallen, als er in die Hütte zurückwollte. »Habt
euch ja nen schönen Platz ausgesucht«, sagte er
und bahnte sich seinen Weg zwischen den beiden Hunden hindurch.
Drinnen stand die Luft trotz offener Fenster und Tür.
Sicher würde es hier im Winter ein romantischer Ort zum
verweilen sein, sinnierte Nico und in seinem Geist stellte
er sich vor, an dieser Stelle einige Wochen im Schnee zu verbringen,
wobei es ihm nicht gelang, Stefan aus dieser Fantasie herauszuhalten.
»Und, was wollt ihr tun?«, fragte er, nachdem
er sich auf seinen Platz gesetzt hatte.
»Ich habe Horst Walther von der örtlichen Polizei
gebeten, nach dem Jungen zu suchen. Er wird mit seinem Kollegen
hier«, dabei fuhr er mit dem Zeigefinger ein paar Wege
in der Karte ab, »entlangfahren. Mit Fern- und Blaulicht,
denn das dürfte zumindest in einigem Umkreis für
Abschreckung sorgen. Wir fahren hoch zum Bahnhof, ich bin
immer noch der Meinung, dass sich der Junge dort versteckt
hält.«
Nico hatte keine weiteren Fragen, nur eines war natürlich
sicher: Diese Nacht war gelaufen, es sei denn, sie würden
Antoine finden, was er aber für sehr unwahrscheinlich
hielt. Ihn selbst, so dachte er einen Moment lang, würden
sie unter diesen Umständen jedenfalls nicht finden.
Eine gute halbe Stunde später stellte Angelmann seinen
Rover vor der Lagerhalle des Bahnhofs ab. Es war bei Nacht
fast gespenstisch, nachteilig auch, dass Neumond herrschte.
»Wir müssen uns auf Rick verlassen«, hatte
Stein während der Fahrt gesagt und das war die einzige
Möglichkeit überhaupt, Antoine aufzuspüren.
Nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten,
hielt Stein Antoines Hemd erneut vor Ricks Nase, worauf der
Husky auf dem Boden schnüffelnd und im Zickzack über
das Gelände lief.
»Wir können nur warten«, sagte Stein, »wenn
er die Spur finden sollte wird er sich bemerkbar machen.«
Angelmann lehnte an der Motorhaube seines Rovers und zündete
sich eine Pfeife an. Der aromatische Duft nach Vanille waberte
in kleinen Wölkchen und die zeigten an, dass es absolut
windstill war hier oben. »Kann es sein, dass sich der
Junge.. etwas antun will?«, fragte der Förster
nachdenklich.
»Keine Ahnung. Ich habe dafür jedenfalls keine
Hinweise in seinem Bericht gefunden. Ich denke eher, er kommt
mit der Sache an sich nicht zurecht. Gelegentlich gibt's Einzelgänger,
die haben richtig massive Probleme in einer Gemeinschaft.«
»Wollen wir es hoffen«, sagte Angelmann leise
und blies kleine Wölkchen aus dem Mundwinkel.
Nico ging einige Schritte auf die alte Lagerhalle zu, wobei
die Erinnerungen wieder zurückkehrten. Am meisten hängen
geblieben war das Bild, als die Jungs mit Tobias aus dem Nebel
auftauchten. Nichts was damals bis dahin passierte, war für
die Katz; ein schöner, rührender Erfolg. Sein Blick
ging hinüber zum Steinbruch, den man nur vage als drohende,
noch schwärzere Wand ausmachen konnte. Den Sendemast
der Mobilfunkantenne, die auf dem Gipfel montiert worden war,
konnte man nicht erkennen, dafür markant und weithin
sichtbar jedoch das einsame, rote Licht auf der Mastspitze.
»Gleich Elf Uhr.« Steins Gesicht wirkte besorgt.
Es war klar, dass die ganze Verantwortung auf ihm lag, egal
was passieren würde. Dann wandte er sich an Nico. »Du
musst über alles hier einen Bericht schreiben, oder?«
»Ja, haarklein. Aber keine Bange, das bin ich schon
gewohnt.«
Plötzlich hörten sie Ricks Gebell. Es klang fast
schaurig durch das Echo des Steinbruchs und schien weiter
entfernt zu sein.
Der Förster nahm seine starke Stablampe sowie einen
Verbandskasten und ohne Worte liefen die drei los.
»Aufpassen, die Schienen und Schwellen«, rief
Angelmann, als die den Gleiskörper erreichten.
Nico musste kurz grinsen. Zwar kannte er nicht jeden Meter
hier, aber die Tücken das Bahngeländes waren ihm
sehr wohl ein Begriff geworden.
Rick bellte in Abständen, so dass sie sich immer an
der Richtung orientieren konnten. Nico lief der Schweiß
über die Stirn, denn mit Stein mitzuhalten erforderte
bekanntermaßen eine gewisse Kondition. Dennoch fielen
er und Angelmann nicht weit hinter ihm zurück. Der Schein
der Taschenlampe hatte eine ungewöhnlich große
Reichweite, so dass er allen dreien ohne Schwierigkeiten den
Weg leuchten konnte. Jeder mochte jetzt wohl sein eigenes
Szenario im Kopf haben von dem Bild, das sich ihnen gleich
bieten würde.
Ricks Gebell wurde langsam lauter, was darauf schließen
ließ, dass der Husky an Ort und Stelle geblieben war.
Sie verließen das Bahngelände und näherten
sich dem Steinbruch. Hier kamen sie mühsamer voran, größeres
Geröll lag wahllos im Weg und die feinen Splitter des
Schiefers erzeugten knirschende Geräusche unter den Schuhen.
Plötzlich leuchteten zwei eisblaue Punkte in einiger
Entfernung im Lichtkegel der Taschenlampe auf. Rick schien
genau zu wissen, dass seine Augen auch den schwächsten
Lichterschein wie ein Reflektor zurückwarf.
Die letzten Meter setzte Stein zum Sprint an, während
der Lichtkegel eine leblose Gestalt am Boden erfasste.
Rasch waren die drei bei dem Körper, der direkt am Fuß
des Steinbruchs lag. Angelmann leuchtete nur kurz in das Gesicht
des Jungen, der die Augen geschlossen hatte und sich nicht
rührte.
»Antoine, hörst du mich?«, rief Stein, nachdem
er sich neben ihn gekniet und seinen Kopf in die Hände
genommen hatte. Antoine rührte sich nicht. »Wir
müssen Hilfe holen.. irgendwie.«
Im Lichtschein, den der Förster jetzt auf den Körper
richtete, waren auf den ersten Blick keine Verletzungen zu
erkennen. Auch war die Kleidung nicht schmutzig oder zerrissen.
Irgendwie sah es aus, als würde der Junge nur tief und
fest schlafen.
Stein war vorsichtig, man konnte nicht wissen was Antoine
fehlte. Vor allem musste man auch mit inneren Verletzungen
rechnen, wobei ein unbedachter Transport gefährlich werden
konnte.
Sekunden später hatte Angelmann sein Handy am Ohr und
Nico war unendlich dankbar, dass es jetzt ein Funknetz hier
oben gab.
Stein strich mit seinen Fingern über Antoines Gesicht.
»Hörst du mich?«, fragte er erneut. Nichts,
keine Reaktion. »Sein Herzschlag ist schwach«,
sagte Stein besorgt, nachdem er seine Hand auf die Brust des
Jungen gelegt hatte.
»Sie schicken einen Krankenwagen, aber das kann eine
Weile dauern. Wir sollen ihn ruhig lagern und nichts machen«,
sagte Angelmann und kniete sich ebenfalls nieder. »Was
kann ihm fehlen?«
Stein zog die Schultern hoch. »Keine Ahnung. Ich glaube
nicht, dass er verletzt ist. Er hat kaum eine Schramme. Nur
an den Beinen und Füßen.« Zumindest schloss
das aus, dass Antoine abgestürzt sein könnte.
»Hat er.. vielleicht was genommen?«, fragte Nico
mehr sich selbst. Auch wenn es in dem Moment nicht so aussah,
ganz abwegig war es nicht. Zudem könnte es sich mit seinen
Beobachtungen decken; Nico wusste viel über Drogen und
natürlich auch über deren Wirkungen.
»Alkohol ist's nicht«, stellte Stein fest, nachdem
er seine Nase in Antoines Atem gehalten hatte.
»Vielleicht der Kreislauf ? Wenn er wie ein Depp gelaufen
ist, bei der Hitze.« Angelmanns Vermutung konnte ebenfalls
durchaus hinkommen. Immerhin durfte man auch davon ausgehen,
dass der Junge einen weiten Umweg hierher gemacht hatte.
»Er hat keine Schuhe an«, stellte der Förster
dann fest. »Wieso rennt jemand barfüßig durch
den Wald? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.«
»Wir haben uns das ja auch schon gefragt. Ich hab keine
Ahnung. Wir werden es wissen, wenn wir ihn fragen können.«
Nico lief in etwas weiterem Umkreis, als ihm etwas auffiel.
»Herr Angelmann, leuchten Sie mal hier, bitte?«
Der Förster ging die paar Meter zu Nico hin und leuchtete
auf den Boden.
»Was ist das?« fragte Nico nachdenklich.
Angelmann ging in die Knie. »Das ist.. Erbrochenes.«
Hastig suchte er den Boden weiter ab, schließlich geriet
Antoines Feldflasche in den Lichtkegel und direkt daneben
lagen zwei weiße Röhrchen.
In der selben Sekunde, als Nico die Röhrchen sah, schreckte
er auf. Er nahm eines auf und schon der Name des Medikaments
kam ihm durch sein Studium bekannt vor. »Schlafmittel«,
flüsterte er. »Eins von der ganz üblen Sorte.«
Er rannte zurück zu Stein. »Falk, ich glaube, Antoine
wollte sich umbringen«, wobei er Stein das Röhrchen
vors Gesicht hielt.
»Scheiße. Hubert, ruf die Rettung noch mal an,
die müssen sich beeilen!«
Hubert Angelmann telefonierte erneut, wobei er den Sachverhalt
durchgab, was es dem Arzt später leichter machen würde.
Die zwanzig Minuten, bis sich endlich die Leuchtfinger der
Scheinwerfer durch das Dunkel der Nacht zu ihnen vorarbeiteten,
kamen ihnen vor wie zwanzig Stunden.
»Das sind zwei Fahrzeuge«, stellte Nico fest.
»Oh, das ist sicher Horst mit dem Streifenwagen, den
hab ich glatt vergessen. Die haben bestimmt den Funkspruch
gehört.« Angelmann stand auf und winkte mit seiner
Stablampe. Der Rettungswagen gab kurz Lichthupe, dann fuhr
er an den Gleisen entlang. »Die müssen einen Umweg
fahren, direkt über das Gelände können sie
nicht.«
Damit verschwanden die Autos auch zunächst im Wald auf
der anderen Seite, um etwas später rechts des Steinruchs
wieder aufzutauchen.
»Tja, sein Kreislauf ist sehr schwach, ich hoffe dass
er nicht versagt. Vielleicht war es ein Glück, dass er
sich erbrochen hat. Aber das muss man sehen«, erstattete
der Notarzt wenig später Bericht. »Seine Lage ist
stabil soweit, wir bringen ihn ins Marienkrankenhaus.«
Damit stieg der Arzt in den Wagen, der sich dann rasch in
Bewegung setzte.
»Horst, vielen Dank für eure Hilfe«, bedankte
sich Angelmann bei dem Polizisten.
»Hubert, ist doch keine Frage, Hauptsache der Junge
ist nicht in Lebensgefahr. Übrigens, wir haben Rückmeldung
wegen der Schlagfalle.«
Die drei horchten auf.
Walther wandte sich an Nico. »Sie hatten die Falle
aufgemacht?«
»Ja, warum?«
»Kommen Sie bitte morgen früh ins Revier, wir
brauchen Ihre Fingerabdrücke. Wenn wir Glück haben,
gibt's außer den Ihren und denen des Jungen noch andere.«
»Sicher, kein Problem.«
»Ja, und die Falle selbst ist neueren Datums. Auch
lag sie dort noch nicht, seit es das letzte Mal geregnet hat.
Wir haben die Registrierungsnummer und das könnte uns
weiterhelfen. Allerdings gehen wir natürlich davon aus,
dass das Fangeisen gestohlen wurde, aber dem müssen wir
nun erst mal nachgehen.«
Es war bereits nach Mitternacht, als Angelmann Stein, Nico
und Rick am Hauptgebäude absetzte.
Unter der Tür standen Bode und Korn, die offenbar nach
Steins kurzer Rückmeldung auf sie gewartet hatten. Die
beiden machten besorgte Gesichter.
»Alles in Ordnung mit euch?«, wollte Bode wissen
und legte seine Hand freundschaftlich auf Nicos Schulter.
»Ja, nur völlig kaputt«, antwortete Stein.
»Wie ist es hier gelaufen? Alles ruhig da drüben?«
Die Frage ging an Michael Korn, der diese Nacht Bereitschaft
hatte.
»Na ja, du weißt wie das ist wenn einer ausfällt,
und dann noch so mysteriös. Richtig bei der Sache war
da keiner. Im Camp herrscht Ruhe, zumindest vor ner halben
Stunde noch.«
»Kommt, ich denk wir können jetzt nen Schluck
vertragen.«
Die Betreuer versammelten sich in Steins Büro, er und
Nico berichteten noch einmal kurz was vorgefallen war. Nico
holte Antoines Unterlagen und Falk Stein übernahm die
nicht beneidenswerte Aufgabe, die Eltern des Jungen anzurufen.
Trotz der späten Stunde war er dazu verpflichtet, zumal
es Antoine nicht gut ging.
Die Eltern teilten dann mit, dass sie noch in der selben Stunde
aufbrechen und ins Krankenhaus fahren würden. Eine Erklärung,
warum sich ihr Sohn das Leben nehmen wollte, hatten auch sie
nicht.
»Tja, Nico, du hattest wohl recht. Antoine wollte sich
offenbar auch vom Steinbruch stürzen, was er aber zum
Glück nicht mehr geschafft hat.«
Viel redeten die Betreuer dann nicht mehr, bevor sie sich
müde und erschöpft trennten.
Nico lag noch lange wach in dieser Nacht, wobei sich die
meisten seiner Gedanken um Antoine drehten. Was war da wirklich
passiert? Warum wirft ein junger Mensch sein Leben einfach
weg?
Von seinem Bett aus konnte Nico ein Stückchen
des Himmel zwischen den Bäumen sehen und als er die Augen
aufschlug, fiel ein erster Blick auf die dunkelblauen Flecken
zwischen den Buchenblättern. Erneut ein Tag, an dem die
Sonne und die Hitze dominieren würden.
Als er sich in üblicher Weise streckte, spürte er
jeden einzelnen Knochen. Der vergangene Tag und vor allem
die Nacht rief sich somit noch einmal mehr oder weniger schmerzhaft
in Erinnerung. Die erste Frage, die er sich stellte, galt
Antoines Befinden. Hatte er diese Nacht überlebt? Die
Vorstellung, es wäre nicht so, lähmten Nicos Lebensgeister.
Er setzte sich aufs Bett, es war kurz nach sechs. Früh
genug, um duschen gehen zu können. Er rieb sich die Augen,
stand auf und trat ans Fenster. Noch war die Luft kühl
und würzig, aber das würde sich ändern, sobald
die Sonne höher gestiegen war.
Noch war er nicht dazu bereit gewesen, die unanständige
Angewohnheit der ersten Zigarette vor einem Frühstück
abzulegen. Irgendwann sicher, aber während der Zeit hier
sicher nicht.
Nackt setzte er sich auf die Fensterbank und warf einen Blick
in sein Dienstbuch. Verpasst hatte er am Nachmittag des letzten
Tages zum Glück nichts, da die Jungs nur ihre Lebensläufe
verfassen sollten. An diesem Morgen war Frühsport um
halb Acht, Frühstück und anschließend Ergotherapie.
Bastelstunden, dieses Wort hatte er irgendwo einmal aufgeschnappt.
Nach dem Mittagessen Aufarbeitung der ersten Lebensläufe
und schon war der Tag gelaufen. Am Vormittag würde er
sich Zeit nehmen, die Unterlagen zu studieren, die immer noch
unangetastet auf seinem Schreibtisch lagen.
Er drückte die Zigarette aus, band sich sein Handtuch
um die Hüfte, schnappte den Kulturbeutel und in dem Augenblick
wo er das Zimmer verlassen wollte, entdeckte er einen Zettel,
der offenbar unter seiner Tür hindurchgeschoben worden
war. Rasch stieg sein Puls an, denn so etwas war schließlich
nicht gewöhnlich.
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