+++ Margie - Pilotstory - Teil 1 +++

By : Dario © - Source : Darios Storyboard ®

Enter Here The HotHomo100 Toplist

Autogramm mit Hindernissen Teil I

Wie er so dasaß, völlig versunken. Versunken in eine andere Welt. Mir schien, er lebte wirklich nur dort.
Das nächste Stück kam, ich wusste nicht wie es hieß. Warum auch? Ich hatte die CD zu Hause und nur die wenigstens Stücke kannte ich vom Namen. Aber jedes Stück war mir in Fleisch und Blut übergangen. Wegen ihm.
Er schloss die Augen, zeitweise. Er sah nicht mal hin zu seinem Notenständer, nur ab und zu auf den Dirigenten. Zum Glück hatte ich einen Platz bekommen, von dem aus mir niemand im Blickfeld stand und ich das sehr genau beobachten konnte.
Jetzt kam der Einsatz der Streichergruppe und damit auch seiner. Wie geschmeidig er den Geigenbogen über die Saiten führte. Ja, er war eins mit seinem Instrument. Untrennbar mussten die beiden zusammengehören.
Ich seufzte. Hoch und Höher gingen die Töne, eine Gänsehaut marschierte über meinen Körper. Immer an der Stelle tat sie das. Wurde er eigentlich noch von jemand anderem in dem Konzertsaal beachtet oder starrten die nur auf den Dirigenten? Sicher würden sie alle Musiker beobachten, aber kaum einen einzelnen länger als ich ihn.
Wie hübsch er war. Der dunkle Anzug passte zu seinem melancholischen Gesichtsausdruck, zu den dunkelblonden, halblangen Haaren die er als einziger etwas unordentlich trug. Aber das musste sein. Eine glatt gekämmte Frisur hätte ihm gar nicht gestanden.
Applaus, Bravo – Rufe. Das Symphonieorchester erhob und verneigte sich vor dem Publikum des ausverkauften Konzerts.
Ich stand als einziger auf, hielt meine Hände über den Kopf und applaudierte. Nach und nach erhoben sich nun auch andere Gäste, bis sich schließlich der halbe Saal zu stehenden Ovationen hinreißen ließ. Ja, einer musste schließlich den Anfang machen. Applaus für den blonden Jungen da oben, den ich mehr und mehr in mein Herz geschlossen hatte. Ich kannte seinen Namen nicht, wusste gar nichts über ihn. Weder in den Begleitheften noch im Internet hatte ich etwas über ihn in Erfahrung bringen können.
Zugaben waren hier wohl nicht üblich, und so senkte sich nach etlichen Minuten der Vorhang. Wieder einmal. Ich hasste ihn, denn er trennte mich und diesen Jungen in wenigen Sekunden. Das Licht ging an, die Leute drängelten zum Ausgang. Ende der Vorstellung. Und dann war es wie ein Erwachen aus einem schönen Traum.

Ich trat hinaus in die noch schwülwarme Sommerluft. Als schwacher, orangeroter Schimmer am Horizont verabschiedete sich gerade der Tag zwischen den Gebäuden der Großstadt. Die meisten Konzertbesucher hatten es nicht eilig. Sie standen in Gruppen und Grüppchen zusammen, rauchten und diskutierten. Ich hatte niemanden zum diskutieren. Ich war alleine. Keine Freunde, die mitgehen würden zu so einer Veranstaltung. Wieso ich mir als 17jähriger so etwas anhören würde.. keiner verstand das. Musste auch niemand. Ich hatte zufällig eine CD dieses Orchesters in die Hände bekommen und war irgendwie fasziniert von der Musik. Sie lud zum träumen ein, streichelte sozusagen meine Sinne. Und dann las ich, dass sie auf Tournee gehen würden. Zuerst in unsrer Stadt, vier Auftritte sollten sie hier haben. Eher spontan beschloss ich daher, das Konzert zu besuchen und hatte das Glück, noch eine der wenigen Karten für den ersten Abend zu ergattern. Zwar war mein Platz ganz hinten, weit weg von der Bühne, aber das störte mich nicht.

Ja, der erste Abend.. Nach und nach füllte sich der Saal und mir war aufgefallen, dass in der zweiten Reihe drei Plätze frei blieben. Das taten sie auch, als das Konzert begann. Da ich von Natur aus in solchen Sachen nicht zimperlich bin, stand ich auf und tapste im Halbdunkel nach unten. Natürlich konnten sich die Besucher dort verspätet haben, aber dieses Risiko ging ich ein.
Aber es kam niemand und so begann ich, die Musik zu genießen. Und dann fiel er mir auf. Dieser Junge dort oben, inmitten der anderen Streicher saß er. Von der Sekunde an sah ich nur noch ihn. Er war zu weit weg um genaue Einzelheiten zu erkennen, aber das was ich sehen konnte reichte mir. Hübsch war er, sehr hübsch. Und jung. Mein Alter schätzte ich. Verliebt hatte ich mich nicht, das war kaum das richtige Wort. Schwärmen würde es besser treffen.
Als das Konzert zu Ende war besorgte ich mir ohne lange zu überlegen noch drei Karten für die anderen Vorstellungen. Ich hatte damit meine Ersparnisse empfindlich angeknabbert, aber Anschaffungen waren eh keine geplant. Die beiden Konzerte verliefen nach dem gleichen Muster. Ich saß ganz vorne, was mich nicht billig kam, aber auch nicht ärgerte. Im Gegenteil. Nur Gestern, da stand der Dirigent so blöd dauernd vor mir herum und ich konnte nur selten einen Blick auf den Jungen werfen. Dafür wurde ich heute Abend wieder entschädigt.

Nun stand ich da draußen, steckte mir eine Zigarette an und blies den Rauch in die Nachtluft. Morgen Abend das letzte Konzert hier, dann waren sie weg. Vielleicht würde ich sehr lange warten müssen bis ich ihn dann wieder sah. Ich musste trotz dieser Erkenntnis grinsen. Benahm mich wie ein Teenie, der seinem Idol hinterher reiste. Gut, das tat ich nicht, musste dazu ja nur mit dem Zug in die Stadt fahren. Aber trotzdem.

Kaum zu Hause, verzog ich mich in mein Zimmer und setzte den Kopfhörer auf. In dem Augenblick, wo die ersten Takte der Musik spielten, sah ich ihn wieder vor mir. Diesen Jungen, wie er seine Geige in der Hand hielt, den Geigenkörper so zart an seinen Hals drückte, die Augen schloss und sich völlig der Musik hingab. Woher er wohl kam? Wie er hieß? Die Frage, ob er genauso schwul ist wie ich ließ ich gar nicht erst aufkommen. Es war einfach nur herrlich ihn zu betrachten. So wie ein Bild in einer Galerie. Man konnte es sich immer wieder ansehen und in der Regel dachte man schließlich kaum darüber nach, wie man dessen habhaft werden könnte.
Obwohl schon hundert Mal getan, klickte ich mich wieder durchs Internet, immer auf der Suche nach mehr Informationen über das Orchester. Aber nirgends wurden die einzelnen Musiker vorgestellt, gab es keine Namensliste. Immer nur als Ganzes wurde es vorgestellt. Der Dirigent, ja, über den konnte man alles erfahren. Dabei verstand ich das nicht. Wer machte denn die Musik? Er etwa? Das ärgerte mich.
Ich wunderte mich dann auch nicht mehr, dass ich schon an diesem Abend nervös wurde. Noch einmal konnte ich ihn mir morgen Abend ansehen, fast zwei Stunden lang. Dann war es eben vorbei mit der Schwärmerei.
Kurz vor dem Einschlafen überlegte ich, ob da nicht irgendwie.. doch, da waren welche, die hatten eine Kamera dabei. Man durfte das zwar nicht, schon gar nicht mit Blitzlicht, aber Frechheit könnte ja auch da siegen. Ich stand wieder auf und kramte meine Digitalkamera aus. Akkus laden, dann würde man schon sehen.

Ich hatte Urlaub und meine Eltern weilten in der Toskana, wohin ich unter keinen Umständen mitwollte. Bei aller Liebe zu Natur und Ruhe, das war dann doch nichts für mich. Zwar hatte ich mir so einiges vorgenommen, aber bei der Hitze war das Schwimmbad die einzig wirklich machbare Aktion. Nur nicht ins Freibad. Dreistöckig lagen die dort, garantiert und das Geschrei war mir ein Graus.
Also Bermudas an, Käppi und Sonnenbrille auf, restliches Equipment eingepackt, aufs Fahrrad und rüber zum nahen Baggersee. Der hatte nämlich einen unschätzbaren Vorteil: Er war nicht öffentlich. Einer Freundin meiner Eltern gehörte das kleine Paradies und ich hatte das Privileg, dort kommen und gehen zu dürfen wann es mir passte. Ich nahm auch nie Freunde mit, das war im Grunde mein eigenes, kleines Reich, das ich im Sommer so oft aufsuchte wie es das Wetter zuließ.

Das Ufer des Sees war nicht groß, höchstens zehn Leute oder so hatten dort ohne Enge Platz. An dem Morgen war ich alleine, warum auch immer. Mir war es recht. Ich legte mich auf mein Handtuch, setzte den Kopfhörer auf, schmiss den MP3-Player an und lauschte der Musik, die mich so verzauberte.

Der Abend kam rasch, schneller als ich dachte. Wieso stand ich vor meinem Kleiderschrank und musste überlegen, was ich anziehen sollte für diesen, „seinen“ letzten Abend? Der Junge sah mich bestimmt gar nicht. Wurde geblendet von den Scheinwerfen und zudem hatte er die Augen ja eh meist geschlossen. Trotzdem entschied ich mich, für diesen Abend besonders gut auszusehen. Dann eben für mich wenigstens. Der Blick in den Spiegel an der Schranktür war nicht gerade unerfreulich. Leicht angebräunt gefiel ich mir schon ganz gut. Meine dunkelbraune Haare stylte ich so wie sie der Junge auch trug. Sahen wir uns eigentlich ähnlich? Irgendwie schon, fand ich. Gut, ich hatte keine so niedliche Stupsnase wie er, aber sonst.. Schmarren. Er war viel hübscher.
Rasch steckte ich die Kippen und die Kamera in die Jackentasche. Ja, den Anzug.. zuletzt trug ich ihn auf der Hochzeit von Hans, meinem besten Freund.
Ich ging früh aus dem Haus, wollte nicht abgehetzt und verschwitzt dort im Theater erscheinen.

Auf unserem kleinen, sehr ländlichen Bahnhof war mal wieder allerhand los. Beliebter Treffpunkt der Dorfjugend. Die meisten, die da herumlungerten und ihre Ferientage neben dem Schwimmbad auch hier totschlugen, kannte ich. Ihnen in dem Aufzug unter die Augen zu kommen wäre natürlich ein gefundenes Fressen. Ich konnte zwar sehr gut mit ihnen, aber bei der Hitze mit Anzug und Krawatte, da musste man ja eine Meise haben. Ich blieb deshalb auf der anderen Seite des kleinen Bahnhofsgebäudes stehen und entzog mich so zumindest bis zur Ankunft der Zuges ihren Blicken und den unvermeidlichen Diskussionen.
Erst als der Zug schon hielt, eilte ich schließlich zum Bahnsteig und verschwand praktisch ungesehen in dem Wagen.
Gut eine halbe Stunde würde der Zug brauchen, aber ich hatte jede Menge Zeit. Eine Zeitung, von jemanden freundlicherweise im Abteil liegen gelassen, vertrieb mir die Zeit. Ah, da war sogar ein kleiner Artikel über das Orchester. Dass sie schon viele Preise eingeheimst hatten wusste ich eh schon, auch die Städte, die sie ab morgen besuchen würden. Weit kamen sie herum, fast ganz Europa.
Wie er sich seine Freizeit wohl vertrieb? Immer nur in Hotels.. Und er war doch der jüngste da. Was konnte er denn mit den anderen schon groß anfangen? Hatte er ne Freundin mit der er Stundenlang telefonierte? Bestimmt. Ich wusste grad nicht, ob ich ihn wirklich beneiden sollte. Trotzdem, langweilig war es sicher nicht. Und er sah soviel.. Ich war ja auch schon rumgekommen auf der Welt, das Privileg wenn man nicht ganz arme Eltern hat. Aber das war sicher was ganz anderes.
Ich zog es vor, noch im Zug auf die Toilette zu gehen, das war dann auch wieder eine Hektik weniger. Auf dem Weg dorthin musste ich durch einige Abteile und gerade als ich die Tür zu der Toilette öffnen wollte, fiel mein Blick in das nächste Abteil. Wie weit war ich schon gekommen, dass ich am helllichten Tag Gespenster sah? Die Hitze schien mir nicht bekommen zu sein, aber dennoch. Ein zweiter Blick dorthin und noch ein dritter. Nein, das waren Auswirkungen der Hitze. Oder doch nicht? Sieht eigentlich ziemlich realistisch aus. Ich schloss die Tür hinter mir, aber das Pinkeln fiel mir mit dieser Erscheinung vor meinem geistigen Auge nicht leicht. Außerdem schaukelte der Zug auf der alten Strecke ziemlich und das gewohnt eklige „Kloodeur“ der Eisenbahnwagen stand auch hier wie Säure in der schwülen Hitze. Ich hielt mich an dem Haltegriff fest und beobachtete meinen Pimmel. Aber der ließ erst mal nur ein paar Tropfen los. So schien es mir eine Ewigkeit, bis ich ihn endlich abschütteln und in seine Behausung zurückpacken konnte. Dabei fiel mir ein, wann der zuletzt auf seine Kosten gekommen war. Seit dem letzten Wettwichsen vor einem halben Jahr mit Udo und Holger war da nichts mehr gewesen. Nur noch die einsamen Abende vor der Kiste, bei Videos oder scharfen Fotos. Einfach nicht das Wahre wenn man keinen Freund hat. Aber ich redete mir ein, dafür noch etwas Zeit zu haben und umbringen tat es mich zumindest im Moment nicht. Prompt reagierte mein Spielkamerad auf diese Gedanken, aber dieser Ort war der denkbar übelste. Ich wartete, bis die Beule in meiner Hose nicht mehr so offensichtlich war und verließ den engen Klo.
Der erste Blick als ich heraustrat, galt dem Abteil. Nein, es war doch keine Erscheinung. Etwas fassungslos starrte ich auf den Jungen, der dort alleine saß und der schwarze Kasten zwischen seinen Beinen verschaffte mir dann doch Gewissheit. Ich stand da, erstarrt wie eine Salzsäule. Wie konnte ich annehmen, dass es ein solches Gesicht ein zweites Mal gab? Ich spürte Schweiß meine Achselhöhlen herunterlaufen. Das durfte nicht sein.. verfluchte Hitze.
Er saß da, las in irgendeiner Zeitschrift und kaute auf irgendetwas herum. Einen Moment hob er seinen Blick, er schien gespürt zu haben dass ich ihn anstarrte. Dann senkte er ihn wieder und las weiter.
Ich war wie gelähmt. Was sollte ich jetzt machen? Der Zug ist fast leer und so wird es überhaupt nicht auffallen wenn ich mich einfach zu ihm setze, dachte ich zynisch. Warum war der Zug so leer, wo doch sonst hier alles voll war mit grölenden Kids und genervten Fahrgästen? Gut, es half alles nichts. Frechheit siegt und zudem.. ich war immerhin sicher sein glühendester Verehrer. Das dürfte ihn schließlich nicht kalt lassen. Ich riss mich zusammen, zog mein Jackett gerade und ging auf ihn zu. Jetzt hob er den Blick erneut und senkte ihn nicht wieder. Er musterte mich. Na ja, im Vergleich zu ihm war ich wirklich auffällig gekleidet. Noch dazu in so einem eher schäbigen Vorortzug.
Auf seiner Höhe blieb ich stehen. Ich spürte dass ich rot wurde, allerdings gab mir das Wissen um meinen braunen Teint eine gewisse Sicherheit.

»Hallo«, sagte ich knapp und versuchte zu lächeln ohne lächerlich zu wirken.

Er nickte. »Hallo«.

»Ähm.., darf ich dich mal kurz stören?«

Fragend sah er mich an. Oh Mann, diese Augen. Diese meterlangen Wimpern, die Lippen. So nah war er hundert Mal schöner als ich es mir ausgemalt hatte. Das blasse, völlig makellose Gesicht. Und die Hände, von denen ganz zu schweigen. Und was hatte er an.. verwaschene Jeans und ein dunkelblaues T-Shirt. Und Sneakers. Also, wenn er es war, was ich da immer noch nicht glauben wollte, dann war er der normalste Junge der hier weit und breit herumlief. Ich schämte mich nun fast in meinem Aufzug, aber das konnte ich schließlich erklären.

»Bitte?«, hakte er höflich nach obwohl ich den Eindruck hatte, dass er leicht genervt war.

»Ähm, ja, also.. du kommst mir irgendwie bekannt vor.« Mehr brachte ich erst Mal nicht auf die Rolle, ich wurde in jeder Sekunde nervöser.

»Aha«, antwortete er nur, dabei ließ sein Blick nicht von mir ab. Klar, er würde sich fragen wie jemand so hier herumlaufen konnte.

»Ja, also, ich meine.. spielst du zufällig in dem Orchester.. also das, was zur Zeit auftritt..« Gewöhnlich bin ich um Worte nicht verlegen, aber das hier überforderte mich dann doch so ziemlich.

»Ja«, sagte er knapp. War ihm das jetzt peinlich oder wollte er ganz einfach in Ruhe gelassen werden?

»Also, ähm..« „Verdammt, Ralf, reiß dich jetzt endlich zusammen. Das wird so nix, du machst dich grade ziemlich lächerlich.“ Es war wie eine Art Lähmung. War es nicht schon schlimm genug oder warum fiel mein Blick zwischen seine Beine? Für den Bruchteil einer Sekunde saß der Junge nackt vor mir und sorgte für einen ordentlichen Nachschub an Schweiß auf meinem ganzen Körper. Perfekt, dieser Mensch war einfach perfekt.

Der Zug verlangsamte seine Fahrt. Noch zwei Mal würde er halten, dann waren wir da und der Junge weg. Wohnte er hier in der Gegend? Musste er, sonst hätte er in einem Nobelhotel in der Stadt seine Bleibe. Plötzlich tauchten so viele Fragen auf, dass ich den Überblick verlor. „Tu endlich was. Das ist ja nicht zum aushalten. Siehst du nicht dass er darauf wartet bis du endlich wieder verschwindest?“

»Ähm.. ja, dann, viel Erfolg noch..«

»Danke.« Er sah wieder zu seiner Zeitschrift und ich trat mir geistig gerade so gewaltig in den Hintern, dass es richtig weh tat. Fast wie in Panik lief ich los, raus aus dem Abteil.
„Der größte Idiot, der auf Erden traumwandelt“, schimpfte ich mich aus. „Und? Wer sagt denn dass der Kleine schwul ist?“, meldete sich die kluge Gegenstimme in mir. „Arsch. Was hat das denn damit zu tun? Das musst du ihn ja auch nicht fragen. Einfach ein paar Worte. Wie gut dir die Musik gefällt, dass du die Cd hast und woher er kommt ist auch keine anzügliche Frage. Immerhin hättest du ihm sagen können wie sehr es dich freut, ein Mitglied des Ensembles kennengelernt zu haben. Glaubst du echt, das würde ihn nicht freuen? Depp.“ „Und jetzt?“. „Zu spät. Wenn du nun wieder bei ihm auftauchst fällt es wirklich auf. Du hast's verspielt, find dich damit ab.“
Nein, nicht aufgeben. Noch eine Station, noch fast eine Viertel Stunde. Ich stellte mich ans Fenster und lehnte mich hinaus. Wirklich erfrischend war die Luft draußen nicht. Stickig und schwül wurde sie, je näher man der Großstadt kam.
Ein paar Typen wankten auf dem Bahnsteig herum, Flaschen in der Hand. Na ja, bei der Hitze brauchte man eh nicht viel bis die Birne zugeballert war. Die Meute stieg grölend in den Zug und ich hoffte inständig, ihnen nicht begegnen zu müssen.

Der Zug fuhr wieder an und ich hielt den Kopf in den Fahrtwind. Das war dann doch sehr angenehm, zudem bereinigte es meine turbulenten Gedanken. Da saß mein Traum sozusagen, einen Wagen weiter. Und ich brachte es nicht fertig.. dann machte es klick. Genau, das war's. „Wenn du ihm wirklich auf den Geist gehst, was solls. Du wirst ihn vielleicht nie wieder sehen.“ Ich fuhr mir durch meine Haare, obwohl man von einer Frisur nach dem Angriff durch den Fahrtwind sicher nicht mehr sprechen konnte und nahm alles zusammen, was ich noch an Reserven in mir hatte. Nervös suchte ich die Eintrittskarte und marschierte erhobenen Hauptes auf das Abteil zu, in dem er saß.
Diesmal näherte ich mich von hinten, er konnte mich also erst Mal nicht sehen. Gebannt blieb ich stehen und hatte so die Gelegenheit, seine schönen Hände zu studieren. Ich holte tief Luft, stellte mich neben ihn und versuchte, so verlegen wie möglich zu erscheinen.
»Darf ich.. jetzt noch mal kurz stören? Dauert nur einen Moment.«

Er sah erneut auf, aber ich konnte seinem Blick überhaupt nichts entnehmen. Egal, ich wollte ihn gar nicht erst zu Wort kommen lassen. »Ich bin auf dem Weg zu dem Konzert.. und ich würde es ganz toll finden wenn du.. mir hier ein Autogramm drauf geben würdest. Ähm, natürlich auf dem Abschnitt den ich wieder krieg..«. Dabei hielt ich ihm die Eintrittskarte hin.

Der Junge sah sie an, dann mich. Und plötzlich erhellte sich das nachdenkliche Gesicht. War da sowas wie ein Strahlen zu erkennen? Mein Herz machte kleine Sprünge. »Oh.. das.. klar, hast du was zum schreiben?«

Entsetzt über meine Nachlässigkeit fummelte ich in sämtlichen Taschen. Aber Kugelschreiber und der dergleichen haben immer die selbe Eigenschaft: Sie sind nie da wenn man sie braucht. Und das war jetzt wirklich wichtig. Aber ich wusste schon im Vorfeld, ich hatte keinen einstecken. Nur, es hätte ja sein können. »Sche... ich hab nichts..« Mann war ich nervös. Und der Junge schien eine Engelsgeduld zu haben.

»Hm, ich auch nicht.«

»Das ist aber schade. Also,.. was könnte man denn da machen?«

»Vielleicht der Schaffner? Der war noch nicht hier.«

Langsam brachte ich meine vielen Fragen in eine ausgabereife Form. »Gute Idee. Aber wo kann der jetzt sein?«

»Weiß nicht. Da vorne, hinten, keine Ahnung. Aber ich hab vielleicht ne andere Idee. Wenn du eh schon auf dem Konzert bist, dann könnte ich es dir ja auch dort geben.«

Wieder Luftsprünge in meiner Brust. Diese Lösung war genial und ich hoffte, der Schaffner käme nicht.
Nur ein Abteil weiter hörte ich die besoffenen Typen herumkrakeelen. Ordinäre und vulgäre Ausdrücke schwallten durch den halben Zug. Ekelhaft. An denen wollte ich auf keinen Fall vorbei und im nächsten Abteil war die Erste Klasse. Da war mir der Weg zu weit.
»Darf ich mich setzen?«, fragte ich dann folgerichtig. Er würde nein sagen wenn er es nicht wollte. Und zudem würde ich ihm jetzt genau in die Augen sehen. Da könnte man sicher auch so manches herauslesen.

Er nickte aber ganz selbstverständlich. »Bitte, klar.«

»Ähm, wieso fährst du eigentlich nicht in der Ersten Klasse? Ich mein, das hier..« Ich machte eine ausladenden Armbewegung während ich mich ihm gegenüber setzte.

Er lächelte. Ja, ein süßes Lächeln. »Hm, nee, das ist nichts für mich. Da sitzt man immer alleine. Und zudem, so oft fahr ich ja auch nicht.«

In diesem Moment brach das Inferno herein. So zumindest kam es mir vor. Ich wurde wie von einer Riesenfaust getroffen aus meinem Sitz herausgehoben und landete sehr unsanft auf dem Körper meines Gegenübers. Jede Anstrengung, mich unter Kontrolle zu bekommen, scheiterte. Begleitet wurde das alles vom hellen Kreischen der Bremsen.
Nach endlosen Sekunden herrschte plötzlich fast tödliche Stille. Der Zug stand auf offener Strecke und nur langsam wurden Stimmen laut.
Es dauerte einen Moment, bis ich die Lage überblickte. Nachdem ein Aufschlaggeräusch ausgeblieben und auch sonst anscheinend nichts in die Brüche gegangen war, wurde mein Verdacht auch schon von irgendjemand bestätigt.

»Was für ein Arschloch hat da die Notbremse gezogen?«, rief wer quer durch die Wagen.

Noch war ich nicht richtig bei Sinnen, aber eines drang dann doch durch, in eine bestimmte Stelle meines Gehirns. Die Signale, die in diesem Zentrum ankamen, waren eindeutig. Und es war fantastisch, trotz Schock. Wann war ich einem Jungen schon mal so nah gekommen, vor allem in wirklich kürzester Zeit.. Und wie das sich anfühlte. Das weiche T-Shirt.. die Arme, an denen ich mich ohne es wirklich gewollt zu haben, festkrallte. Und unfreiwillig war auch die Nähe meines Gesichts zu seinem. Sein Atem roch nach Pfefferminze.. Wie herrlich musste es sein, diese Lippen zu küssen. Und erst an dem Minzegeschmack mit der eigenen Zunge teilhaben zu dürfen.. Noch jemand nahm jetzt regen Anteil an dem Geschehen, aber das musste ich verbergen. Zum großen Glück sieht man in Anzughosen nicht immer auf den ersten Blick, wenn sich der darin befindliche Teil allzu neugierig den Dingen widmet.
Mühsam stemmte ich mich von dem Jungen hoch und ich betrachtete mir den „Prellbock“ noch einmal als Ganzes. Ein Geschenk des Himmels.

Der Junge saß da, noch so halb unter mir, mit weit aufgerissenen Augen sah er mich an. »Was um Himmels Willen..«

»Keine Bange, jemand hat die Notbremse gezogen. Nichts passiert.«

»Uff, das hab ich ja noch nie erlebt..«

Ich stellte mich wieder hin. »Hast du dich verletzt?«

Er tastete sich ab. »Nee, ich nicht.. aber«, sein Blick fiel auf den Geigenkasten, der unter den Sitz gerutscht war. Hastig zog er ihn hervor und während ich mich wieder langsam setzte, öffnete er das sicher uralte Behältnis vorsichtig. Und dann zog er sie heraus, diese wunderschöne Geige. »Puh, was ein Glück. Nichts passiert.«

»Ist sie.. sehr wertvoll?«, wollte ich wissen und merkte mir vor, dem Auslöser der Notbremse einen Kuss zu geben, wer oder was es auch immer war.

»Na ja, so richtig nicht. Das ist immer son Klischee, dass derartige Instrumente wertvoll oder alt sein müssen. Die hier ist von meinem Opa. Stammt aus dem Erzgebirge und ist erst so, na ja, ungefähr fünfzig Jahre alt.«

Schön und gut. Aber wollte ich das wirklich wissen? War nicht viel wichtiger, wer sie da in der Hand hielt?

Nervös sah der Junge auf die Uhr. »Zum Glück ist noch Zeit.«

»Woher kommst du eigentlich?«, fragte ich nun endlich.

Während er sein Instrument wieder sorgfältig verstaute erklärte er mir, dass er aus Frankfurt käme und auch dort wohnen würde. Nicht sehr weit dahin von mir aus..

Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Offenbar waren es die besoffenen Typen gewesen. Ich wollte von nun an nicht mehr über den Suff und seine Folgen fluchen. Mein Dank war ihnen sicher.

Als der Zug langsam in den Hauptbahnhof einfuhr hatte ich so einiges über den Schnuckel erfahren. Unter anderem, dass er Nino hieß und Musik machte seit er laufen konnte. Dass er deshalb nie eine Schule von innen gesehen hatte, immer nur Privatunterricht. Genauere Sachen wollte ich noch nicht wissen, es musste einfach funktionieren dass wir uns beim Konzert, wie auch immer, noch einmal trafen.

»Ich werd von meinem Manager am Bahnsteig abgeholt. Also wir, ich mein wenn’s klappt, können uns nach dem Konzert treffen. Es gibt einen VIP-Bereich im ersten Stock, da sind wir immer noch so ne Stunde.«

»Hm, wär schön, aber da komm ich ja nicht rein.«

»Musst auch nicht. Bleib beim Eingang, da seh ich dich dann schon.«

Kaum hatte der Zug gehalten, war der Junge im Bahnsteiggetümmel verschwunden. Ich blieb eine Weile stehen. Logisch war das nun alles nicht. Wir hätten im Zug sicher jemanden gefunden der etwas zum Schreiben hatte und spätestens sein Manager hätte mir sicher vorgefertigte Autogramme geben können. Es konnte nicht sein, dass Nino das nicht bedacht hatte. Was war da los?
Nicht ohne einen gewissen Stolz, gepaart mit einer gehörigen Portion Zuversicht, verließ ich den Bahnhof und stieg in die Straßenbahn Richtung Theater.


Der Vorhang ging auf und mit jedem Meter den er sich hob, verdoppelte sich mein Herzschlag. Und da saß er. Jetzt wo ich ihn ein bisschen näher kannte, war es noch viel schlimmer als vorher. Seine schöne Stimme, die blauen Augen. Diesmal brauchte ich nicht zu rätseln, ich wusste es. Da, sah er grade zu mir? Nein, doch nicht. Er tauchte mit den ersten Takten wieder ab in diese Welt, die mir trotz allem fremd war. Er lebte für seine Musik, das konnte ich ganz deutlich aus unserem kurzen Gespräch heraushören.

Nun saß er da oben. Ob er mich nun doch erkannte unter all den Besuchern? Immerhin saß ich wieder ganz vorne und der Dirigent versperrte die Sicht auch nicht.
Ob er an mich dachte, so wie ich an ihn? Zugegeben, seine Bewegungen hatten feminine Züge, auffällig fast. Aber das musste schließlich nichts heißen. Nun gut, ich versuchte an nichts derartiges zu denken, wollte mich der Musik hingeben. Aber es gelang mir nicht. Ich stellte mir ihn als meinen Freund vor. Wie ich ihn begleitete um die ganze Welt. Im Rampenlicht stehen, immer neben ihm. Und die Welt hätte wissen dürfen, dass wir uns lieben. Nach den Konzerten essen gehen in den teuersten Restaurants, in Nobelhotels absteigen und mit ihm über rote Teppiche laufen wenn es Preise einzuheimsen gab. Vielleicht würde er ja schon bald ein berühmter Solist? Ich ertappte mich dabei, wie ich meine beiden Daumen drückte. Dafür, dass all das in Erfüllung gehen würde. Oder doch wenigstens der Teil, dass wir Freunde werden könnten.
Er schloss wieder die Augen. Zart und doch kraftvoll bewegte er den Geigenbogen, spreizte anmutig die Finger auf den Saiten. Anmutig, das war es was zu all dem passte. Ein Traumboy eigentlich. Zu schade, wenn sowas Hetero wäre.. Ich schluckte. Lagen wir nicht grade nackt in einem schönen, großen Bett? Lächelte er mich an, in der einen Hand ein Glas Sekt um einen gelungenen Auftritt mit mir zu feiern? Nur mit mir und sonst niemandem?
Auch ich machte jetzt die Augen zu, immer intensiver wurden meine Gedanken. Wie er wohl schmeckte? Wie würden sich seine Lippen anfühlen auf meinen? Unter die Gürtellinie kam ich in meinem Geist nur für Sekunden, da war eh alles reine Spekulation. Und zudem war es mir an der Stelle völlig egal wie er aussehen würde. Klar, ich hatte seine Hände nicht nur studiert weil sie schön waren. In der Regel leitet man ja auch, ob Unfug oder nicht, gern die Länge des.. Das würde schon passen, zudem musste diese Vorstellung wieder weg, meine Hose drückte plötzlich. Ich blinzelte zu ihm hin. Sah er mich wirklich nicht? Egal. Noch eine Stunde, dann würde ich ihm wieder gegenüberstehen. Und zumindest hätte ich schon ein Vorteil dem übrigen Mob gegenüber: Ich durfte ganz nah an den VIP-Bereich, vielleicht sogar hinein? Mit ihm, anstoßen.. Ein Seufzer entwich mir.
Die Stunde flog herum wie nichts und noch während der Saal wie immer heftig applaudierte, stand ich auf. Fast magische Kräfte zogen mich hinaus aus dem Saal, hinauf in den ersten Stock.
Doch schon oben an der Treppe wurde ich aufgehalten. Wo ich hinwollte und dass das kein öffentlicher Bereich sei. Ich konnte reden wie ich wollte, man ließ mich nicht durch. Es gab nicht mal eine Diskussion. Verbot für alle, basta. Und von Nino keine Spur.

Da stand ich nun, mit einem Schlag lösten sich meine Hoffnungen in dichten, ekligen Rauch auf. Keine Chance. Ich kannte hier sonst niemanden und zudem kam ich mir dann auch recht blöd vor. Man hielt mich doch nicht für einen kreischenden Teenie, der ob solcher Nähe zum Idol in Ohnmacht fallen würde?
Wütend und enttäuscht zugleich stieg ich die Treppen wieder hinunter, nicht ohne mich ständig umzudrehen und nach oben zu blicken. Nur Security, sonst kein Mensch.
Ein Blick auf meine Uhr mahnte dann trotzdem zur Eile, wenn ich den letzten Zug nach Hause nicht verpassen wollte.

Auch auf dem Theaterplatz blieb ich noch eine Weile stehen, gab es dann aber endgültig auf. Er kam nicht, niemand aus dem Ensemble war zu sehen. Nur ne Menge fremder Leute, wie immer nach diesen Vorstellungen.
Morgen war er fort. Lange Zeit. Hatte ich mir einfach nur zu viele Hoffnungen gemacht, die nicht einmal im Ansatz begründet waren? Sicher. Ich benahm mich doch wie ein Teenie, der sich solche Sachen Nacht für Nacht zusammenträumt.

Trotzdem hatte ich ein blödes Gefühl überall in mir, als ich in den Zug einstieg. Ein kleiner Teil meiner Träume hätte ja wahr werden dürfen.
Es war der selbe Zug mit dem wir gekommen waren, ich erkannte ihn an der Graffiti an den Waggons. Und ich fand das Abteil.
Ich ließ mich auf dem Platz nieder, auf dem er gesessen hatte. Haftete da noch sein Geruch in dem Polster, jener Geruch der mich in der Nase kitzelte als ich auf ihn gefallen war? Nach Pfefferminze und.. so nach Junge? Blödsinn.

Ich lehnte mich zurück, um mich mit einem leisen Schrei sofort wieder aufzusetzen.

»Es war nicht sonderlich klug sich so in die Sonne zu legen«, hörte ich eine Stimme an meinem Ohr. Müde drehte ich mich um und sah einer Frau direkt ins Gesicht. Tina.

Es dauerte eine Weile, dann kehrte ich in die Wirklichkeit zurück. Mein Körper war schweißnass und mein Rücken brannte entsetzlich. Ich war eingeschlafen, da auf meinem Handtuch am Baggersee. Aufgewacht durch meinen eigenen Schrei..
Erschrocken sah ich auf die Uhr. Noch zwei Stunden bis das Konzert begann.. Das könnte verdammt knapp werden. Fluchend setzte sich mich auf.

»Danke, Tina.«

Die Freundin meiner Eltern sah mich sorgenvoll an. »Das sieht nicht gut aus. Ich hol gleich mal was..«

»Danke, nicht nötig, ich muss schnellstens nach Hause. Will auf ein Konzert und das wird eng.«

»Na dann kannst aber froh sein wenn du dich mit dem Sonnenbrand anlehnen kannst. Mach zu Hause wenigstens was drauf, soviel Zeit muss sein.«

So schnell war ich noch nie mit dem Rad wieder zu Hause wie an diesem Tag. Und ständig hatte ich die Bilder meines Traums vor Augen. Was, wenn nicht alles nur ein Traum war? Wenn er nachher wirklich in dem Zug sitzen würde.. das könnte ich mir niemals verzeihen.

Rasch sprang ich unter die Dusche. Anzug, Hemd, Krawatte.. dazu hatte ich weder Lust noch Zeit. Ich schlüpfte in die neuen Jeans und ein weißes T-Shirt ohne Aufdruck musste es auch tun. Schnell in die Schuhe, Kippen einstecken, Schlüssel schnappen und weg.

Es gelang mir gerade noch in den Wagen des Zuges zu springen. Sekunden später wäre es vorbei gewesen.
Völlig fertig ließ ich mich erst einmal in einen Sitz fallen. Verschwitzt, außer Atem. Autsch, bloß nicht anlehnen. Klasse, genau das was ich jetzt brauchte. Aber es war nichts zu machen, basta und Ende.
Nach einigen Minuten stand ich auf. Ich musste mich vergewissern, dass der Nino, falls er so hieß, im Zug war oder eben nicht. Natürlich glaubte ich nicht wirklich daran, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
Es dauerte nur wenige Minuten bis ich wusste, dass er nicht in dem Zug war. Blödsinn an so etwas zu glauben, dafür war der Traum bis auf das Ende eben viel zu schön um wahr zu sein.
Mein Rücken spannte nicht nur, er tat auch höllisch weh. Ob das dieser Traum wert gewesen war? Ich wollte es lieber nicht wissen.

Der Zug fuhr im nächsten Bahnhof auf ein Nebengleis. Man würde auf eine Überholung warten, es käme deshalb zu einer kurzzeitigen Verspätung, hieß es dazu nur lapidar. Diese Überholung kam einfach nicht, immer öfter fiel mein Blick auf die Uhr. Erstaunlich wie schnell die Zeit vergeht, wenn man davon nicht viel hat.
Zunehmend nervös geworden rauschte der Schnellzug schließlich doch noch vorbei und die Fahrt ging weiter. Zum Glück wurde dann wenigstens nicht auch noch die Sache mit der Notbremse wahr.

Warum standen so viele Leute an der Straßenbahnhaltestelle des Hauptbahnhofs? Ohne den Grund zu kennen ahnte ich das nächste Unheil. Strom weg, Unfall irgendwo, vielleicht ein Streik. Zum Theater waren es gut zehn Minuten, wenn man einen Sprint hinlegte. Gut, ich bin nicht unsportlich, aber bei der immer noch drückenden Hitze war das kein leichtes Unterfangen. Trotzdem, ich durfte nicht zu spät kommen, zu schnell saß dann jemand auf meinem Platz..

Total kaputt kam ich schließlich vor dem Theater an. Meine Lungen waren leer, sie brannten wie mein Rücken und die Zunge klebte in meinem Gaumen fest, genauso wie mein Shirt auf der schweißnassen Haut.
Da standen sie, alle schön angezogen. Keiner, aber auch keiner trug annähernd Klamotten wie ich. Zweifel stiegen auf, ob sie mich überhaupt so hineinlassen würden. Das hätte dann wenigstens etwas mit dem Traum gemeinsam. Ich griff in meine Hosentaschen und noch während ich das tat, sah ich die Eintrittskarte vor meinem geistigen Auge auf dem Schreibtisch liegen. Vorsichtshalber in Gemeinschaft mit einem Kugelschreiber.
Okay, nicht aufregen, sagte ich mir. Das ist schiefgegangen und das hatte so kommen müssen. Schicksal bezeichnet man das im allgemeinen. Ganz einfach. Eine Karte zu bekommen war unmöglich, es würde auch nichts nützen zu sagen, die Nummer 13 wäre mein Platz.. 13, natürlich.
Ich setzte mich auf einen der Betonklötze auf dem Vorplatz und steckte mir eine Zigarette an. Wenigstens hatte ich an die gedacht.
Langsam leerte sich der Platz, die Leute strömten jetzt hinein. Da, hin zu meinem Schnuckel, der von mir überhaupt nichts wusste und ich doch soviel von ihm..
Ich ging langsam zu den großen Fensterscheiben, wo auf vielen Plakaten die Aufführungen der nächster Zeit angekündigt wurden. Da hing auch das mit dem Orchester. Nahe ging ich ran, ganz nahe. Aber mein Schnuckel war nur sehr undeutlich zu erkennen, außerdem wurde die Hälfte seines Gesichts vom Dirigenten verdeckt. Schon wieder..
Zu grübeln, was und warum das alles daneben gegangen war, hatte ich dann keine Lust mehr. Fast drei Stunden blieben mir bis der letzte Zug fuhr und vorher wollte ich gar nicht zurück. Geld hatte ich nicht viel mitgenommen, aber für zwei oder drei Bier reichte es.
„Cafe Ballerina“. Genau, nur ein paar Minuten weg. Ich war früher öfter in diesem Schwulencafe. Da war keine Anmache angesagt, einfach nur draußen sitzen und die Leute beobachten.

Kurz darauf saß ich aufrecht auf einem der Stühle, anlehnen war wirklich nicht möglich. Ich nahm auch das gelassen, das war eben nicht mein Tag. Schließlich wäre es bestimmt kein Vergnügen gewesen, zwei Stunden aufrecht in dem Theater zu sitzen.

Mir fiel ein Reisebus auf der Rückseite das Theaters auf, dorthin hatte man von hieraus einen guten Blick. War das vielleicht der Bus, wo die Musiker.. ?

Ich sah auf die Uhr. Verdammte Zwickmühle. Wenn die wirklich noch in den VIP-Bereich gehen würden, konnte ich es mir schminken. Dann hätte ich keine Chance, wegen meinem Zug. Aber nun – das hatte ich ja nur geträumt. Vielleicht fuhren sie ja gleich nach der Veranstaltung weg, immerhin mussten sie Morgen schon in der nächsten Stadt auftreten. Ich rechnete mir aus, wie lange ich hier warten konnte. Nun gut, wenn sie bis dahin nicht rausgekommen waren.. c'est la vie!
Hätte ich mich doch nur bequem hinsetzen können. So lümmelte ich eher auf meinem Platz herum und trank das eiskalte Bier. Es war ja noch viel Zeit.. während der langsam Zweifel an meinem Tun aufkamen. Was sollte das eigentlich alles? Gut, ich könnte ihn tatsächlich um ein Autogramm bitten. So tun, als wäre es reiner Zufall dass ich an ihn geraten war. Und dann? „Du spinnst. Der steigt ein und fährt weg. Das war's dann“, kam die böse Stimme wieder. Aber sie hatte recht.. „Und wenn er schwul ist und sich auf der Stelle dort in dich verliebt? Was dann?“, sagte die gute Stimme. Ich musste kichern, wozu ich meine Hand vor den Mund hielt. So ein ausgeprägter Schwachsinn. Verlieben, der, ausgerechnet in mich.. Selten dämlich.
Ich bestellte das nächste Bier, nach einem dritten würde mir das alles mit Sicherheit Schnurzpiepegal sein.
„Hallo“, meldete sich die böse Stimme wieder, „ist da oben vielleicht jemand zu Hause? Wo lebst du eigentlich?“ Ja ja, in einer Traumwelt. Hatte mir ein Luftschloss gebastelt in den letzten drei Tagen. Unfug zusammengereimt und sogar schon lebhaft geträumt. Was sollte ich am Ende mit einem Autogramm? Auf einer Visitenkarte womöglich, nicht mal ein Foto von dem Kerl.. Die Sache wurde schließlich immer abstruser. Ich ignorierte mittlerweile den Bus, war doch alles egal. Und außerdem.. wieso jagte ich quasi einem Phantom hinterher? Es gab doch genug andere Schnuckis, vor allem saßen davon jetzt ein paar in dem Cafe. Aber immer Pärchen, keiner war davon alleine hier. Nur ich, wie immer.
„Hihi. Weißt du woher das kommt?“, meinte die gute Stimme. „Weil du immer rechtzeitig die Flinte ins Korn geworfen hast. Jetzt reiß dich mal zusammen. Auf einen Versuch solltest du es ankommen lassen. Zu verlieren gibt's nichts. “ „Jau, so ist's. Und wie kommst dann Heim? Zu Fuß?“ Die böse Stimme hatte wieder recht. Ein Blick auf die Uhr. Wollte ich den Zug erreichen, konnte ich mich noch genau eine halbe Stunde hier herumdrücken. Und in die passte das dritte Bier.

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