| Autogramm
mit Hindernissen Teil I

Wie er so dasaß, völlig versunken. Versunken in
eine andere Welt. Mir schien, er lebte wirklich nur dort.
Das nächste Stück kam, ich wusste nicht wie es hieß.
Warum auch? Ich hatte die CD zu Hause und nur die wenigstens
Stücke kannte ich vom Namen. Aber jedes Stück war
mir in Fleisch und Blut übergangen. Wegen ihm.
Er schloss die Augen, zeitweise. Er sah nicht mal hin zu seinem
Notenständer, nur ab und zu auf den Dirigenten. Zum Glück
hatte ich einen Platz bekommen, von dem aus mir niemand im
Blickfeld stand und ich das sehr genau beobachten konnte.
Jetzt kam der Einsatz der Streichergruppe und damit auch seiner.
Wie geschmeidig er den Geigenbogen über die Saiten führte.
Ja, er war eins mit seinem Instrument. Untrennbar mussten
die beiden zusammengehören.
Ich seufzte. Hoch und Höher gingen die Töne, eine
Gänsehaut marschierte über meinen Körper. Immer
an der Stelle tat sie das. Wurde er eigentlich noch von jemand
anderem in dem Konzertsaal beachtet oder starrten die nur
auf den Dirigenten? Sicher würden sie alle Musiker beobachten,
aber kaum einen einzelnen länger als ich ihn.
Wie hübsch er war. Der dunkle Anzug passte zu seinem
melancholischen Gesichtsausdruck, zu den dunkelblonden, halblangen
Haaren die er als einziger etwas unordentlich trug. Aber das
musste sein. Eine glatt gekämmte Frisur hätte ihm
gar nicht gestanden.
Applaus, Bravo – Rufe. Das Symphonieorchester erhob
und verneigte sich vor dem Publikum des ausverkauften Konzerts.
Ich stand als einziger auf, hielt meine Hände über
den Kopf und applaudierte. Nach und nach erhoben sich nun
auch andere Gäste, bis sich schließlich der halbe
Saal zu stehenden Ovationen hinreißen ließ. Ja,
einer musste schließlich den Anfang machen. Applaus
für den blonden Jungen da oben, den ich mehr und mehr
in mein Herz geschlossen hatte. Ich kannte seinen Namen nicht,
wusste gar nichts über ihn. Weder in den Begleitheften
noch im Internet hatte ich etwas über ihn in Erfahrung
bringen können.
Zugaben waren hier wohl nicht üblich, und so senkte sich
nach etlichen Minuten der Vorhang. Wieder einmal. Ich hasste
ihn, denn er trennte mich und diesen Jungen in wenigen Sekunden.
Das Licht ging an, die Leute drängelten zum Ausgang.
Ende der Vorstellung. Und dann war es wie ein Erwachen aus
einem schönen Traum.
Ich trat hinaus in die noch schwülwarme Sommerluft.
Als schwacher, orangeroter Schimmer am Horizont verabschiedete
sich gerade der Tag zwischen den Gebäuden der Großstadt.
Die meisten Konzertbesucher hatten es nicht eilig. Sie standen
in Gruppen und Grüppchen zusammen, rauchten und diskutierten.
Ich hatte niemanden zum diskutieren. Ich war alleine. Keine
Freunde, die mitgehen würden zu so einer Veranstaltung.
Wieso ich mir als 17jähriger so etwas anhören würde..
keiner verstand das. Musste auch niemand. Ich hatte zufällig
eine CD dieses Orchesters in die Hände bekommen und war
irgendwie fasziniert von der Musik. Sie lud zum träumen
ein, streichelte sozusagen meine Sinne. Und dann las ich,
dass sie auf Tournee gehen würden. Zuerst in unsrer Stadt,
vier Auftritte sollten sie hier haben. Eher spontan beschloss
ich daher, das Konzert zu besuchen und hatte das Glück,
noch eine der wenigen Karten für den ersten Abend zu
ergattern. Zwar war mein Platz ganz hinten, weit weg von der
Bühne, aber das störte mich nicht.
Ja, der erste Abend.. Nach und nach füllte sich der
Saal und mir war aufgefallen, dass in der zweiten Reihe drei
Plätze frei blieben. Das taten sie auch, als das Konzert
begann. Da ich von Natur aus in solchen Sachen nicht zimperlich
bin, stand ich auf und tapste im Halbdunkel nach unten. Natürlich
konnten sich die Besucher dort verspätet haben, aber
dieses Risiko ging ich ein.
Aber es kam niemand und so begann ich, die Musik zu genießen.
Und dann fiel er mir auf. Dieser Junge dort oben, inmitten
der anderen Streicher saß er. Von der Sekunde an sah
ich nur noch ihn. Er war zu weit weg um genaue Einzelheiten
zu erkennen, aber das was ich sehen konnte reichte mir. Hübsch
war er, sehr hübsch. Und jung. Mein Alter schätzte
ich. Verliebt hatte ich mich nicht, das war kaum das richtige
Wort. Schwärmen würde es besser treffen.
Als das Konzert zu Ende war besorgte ich mir ohne lange zu
überlegen noch drei Karten für die anderen Vorstellungen.
Ich hatte damit meine Ersparnisse empfindlich angeknabbert,
aber Anschaffungen waren eh keine geplant. Die beiden Konzerte
verliefen nach dem gleichen Muster. Ich saß ganz vorne,
was mich nicht billig kam, aber auch nicht ärgerte. Im
Gegenteil. Nur Gestern, da stand der Dirigent so blöd
dauernd vor mir herum und ich konnte nur selten einen Blick
auf den Jungen werfen. Dafür wurde ich heute Abend wieder
entschädigt.
Nun stand ich da draußen, steckte mir eine Zigarette
an und blies den Rauch in die Nachtluft. Morgen Abend das
letzte Konzert hier, dann waren sie weg. Vielleicht würde
ich sehr lange warten müssen bis ich ihn dann wieder
sah. Ich musste trotz dieser Erkenntnis grinsen. Benahm mich
wie ein Teenie, der seinem Idol hinterher reiste. Gut, das
tat ich nicht, musste dazu ja nur mit dem Zug in die Stadt
fahren. Aber trotzdem.
Kaum zu Hause, verzog ich mich in mein Zimmer und setzte
den Kopfhörer auf. In dem Augenblick, wo die ersten Takte
der Musik spielten, sah ich ihn wieder vor mir. Diesen Jungen,
wie er seine Geige in der Hand hielt, den Geigenkörper
so zart an seinen Hals drückte, die Augen schloss und
sich völlig der Musik hingab. Woher er wohl kam? Wie
er hieß? Die Frage, ob er genauso schwul ist wie ich
ließ ich gar nicht erst aufkommen. Es war einfach nur
herrlich ihn zu betrachten. So wie ein Bild in einer Galerie.
Man konnte es sich immer wieder ansehen und in der Regel dachte
man schließlich kaum darüber nach, wie man dessen
habhaft werden könnte.
Obwohl schon hundert Mal getan, klickte ich mich wieder durchs
Internet, immer auf der Suche nach mehr Informationen über
das Orchester. Aber nirgends wurden die einzelnen Musiker
vorgestellt, gab es keine Namensliste. Immer nur als Ganzes
wurde es vorgestellt. Der Dirigent, ja, über den konnte
man alles erfahren. Dabei verstand ich das nicht. Wer machte
denn die Musik? Er etwa? Das ärgerte mich.
Ich wunderte mich dann auch nicht mehr, dass ich schon an
diesem Abend nervös wurde. Noch einmal konnte ich ihn
mir morgen Abend ansehen, fast zwei Stunden lang. Dann war
es eben vorbei mit der Schwärmerei.
Kurz vor dem Einschlafen überlegte ich, ob da nicht irgendwie..
doch, da waren welche, die hatten eine Kamera dabei. Man durfte
das zwar nicht, schon gar nicht mit Blitzlicht, aber Frechheit
könnte ja auch da siegen. Ich stand wieder auf und kramte
meine Digitalkamera aus. Akkus laden, dann würde man
schon sehen.
Ich hatte Urlaub und meine Eltern weilten in der Toskana,
wohin ich unter keinen Umständen mitwollte. Bei aller
Liebe zu Natur und Ruhe, das war dann doch nichts für
mich. Zwar hatte ich mir so einiges vorgenommen, aber bei
der Hitze war das Schwimmbad die einzig wirklich machbare
Aktion. Nur nicht ins Freibad. Dreistöckig lagen die
dort, garantiert und das Geschrei war mir ein Graus.
Also Bermudas an, Käppi und Sonnenbrille auf, restliches
Equipment eingepackt, aufs Fahrrad und rüber zum nahen
Baggersee. Der hatte nämlich einen unschätzbaren
Vorteil: Er war nicht öffentlich. Einer Freundin meiner
Eltern gehörte das kleine Paradies und ich hatte das
Privileg, dort kommen und gehen zu dürfen wann es mir
passte. Ich nahm auch nie Freunde mit, das war im Grunde mein
eigenes, kleines Reich, das ich im Sommer so oft aufsuchte
wie es das Wetter zuließ.
Das Ufer des Sees war nicht groß, höchstens zehn
Leute oder so hatten dort ohne Enge Platz. An dem Morgen war
ich alleine, warum auch immer. Mir war es recht. Ich legte
mich auf mein Handtuch, setzte den Kopfhörer auf, schmiss
den MP3-Player an und lauschte der Musik, die mich so verzauberte.
Der Abend kam rasch, schneller als ich dachte. Wieso stand
ich vor meinem Kleiderschrank und musste überlegen, was
ich anziehen sollte für diesen, „seinen“
letzten Abend? Der Junge sah mich bestimmt gar nicht. Wurde
geblendet von den Scheinwerfen und zudem hatte er die Augen
ja eh meist geschlossen. Trotzdem entschied ich mich, für
diesen Abend besonders gut auszusehen. Dann eben für
mich wenigstens. Der Blick in den Spiegel an der Schranktür
war nicht gerade unerfreulich. Leicht angebräunt gefiel
ich mir schon ganz gut. Meine dunkelbraune Haare stylte ich
so wie sie der Junge auch trug. Sahen wir uns eigentlich ähnlich?
Irgendwie schon, fand ich. Gut, ich hatte keine so niedliche
Stupsnase wie er, aber sonst.. Schmarren. Er war viel hübscher.
Rasch steckte ich die Kippen und die Kamera in die Jackentasche.
Ja, den Anzug.. zuletzt trug ich ihn auf der Hochzeit von
Hans, meinem besten Freund.
Ich ging früh aus dem Haus, wollte nicht abgehetzt und
verschwitzt dort im Theater erscheinen.
Auf unserem kleinen, sehr ländlichen Bahnhof war mal
wieder allerhand los. Beliebter Treffpunkt der Dorfjugend.
Die meisten, die da herumlungerten und ihre Ferientage neben
dem Schwimmbad auch hier totschlugen, kannte ich. Ihnen in
dem Aufzug unter die Augen zu kommen wäre natürlich
ein gefundenes Fressen. Ich konnte zwar sehr gut mit ihnen,
aber bei der Hitze mit Anzug und Krawatte, da musste man ja
eine Meise haben. Ich blieb deshalb auf der anderen Seite
des kleinen Bahnhofsgebäudes stehen und entzog mich so
zumindest bis zur Ankunft der Zuges ihren Blicken und den
unvermeidlichen Diskussionen.
Erst als der Zug schon hielt, eilte ich schließlich
zum Bahnsteig und verschwand praktisch ungesehen in dem Wagen.
Gut eine halbe Stunde würde der Zug brauchen, aber ich
hatte jede Menge Zeit. Eine Zeitung, von jemanden freundlicherweise
im Abteil liegen gelassen, vertrieb mir die Zeit. Ah, da war
sogar ein kleiner Artikel über das Orchester. Dass sie
schon viele Preise eingeheimst hatten wusste ich eh schon,
auch die Städte, die sie ab morgen besuchen würden.
Weit kamen sie herum, fast ganz Europa.
Wie er sich seine Freizeit wohl vertrieb? Immer nur in Hotels..
Und er war doch der jüngste da. Was konnte er denn mit
den anderen schon groß anfangen? Hatte er ne Freundin
mit der er Stundenlang telefonierte? Bestimmt. Ich wusste
grad nicht, ob ich ihn wirklich beneiden sollte. Trotzdem,
langweilig war es sicher nicht. Und er sah soviel.. Ich war
ja auch schon rumgekommen auf der Welt, das Privileg wenn
man nicht ganz arme Eltern hat. Aber das war sicher was ganz
anderes.
Ich zog es vor, noch im Zug auf die Toilette zu gehen, das
war dann auch wieder eine Hektik weniger. Auf dem Weg dorthin
musste ich durch einige Abteile und gerade als ich die Tür
zu der Toilette öffnen wollte, fiel mein Blick in das
nächste Abteil. Wie weit war ich schon gekommen, dass
ich am helllichten Tag Gespenster sah? Die Hitze schien mir
nicht bekommen zu sein, aber dennoch. Ein zweiter Blick dorthin
und noch ein dritter. Nein, das waren Auswirkungen der Hitze.
Oder doch nicht? Sieht eigentlich ziemlich realistisch aus.
Ich schloss die Tür hinter mir, aber das Pinkeln fiel
mir mit dieser Erscheinung vor meinem geistigen Auge nicht
leicht. Außerdem schaukelte der Zug auf der alten Strecke
ziemlich und das gewohnt eklige „Kloodeur“ der
Eisenbahnwagen stand auch hier wie Säure in der schwülen
Hitze. Ich hielt mich an dem Haltegriff fest und beobachtete
meinen Pimmel. Aber der ließ erst mal nur ein paar Tropfen
los. So schien es mir eine Ewigkeit, bis ich ihn endlich abschütteln
und in seine Behausung zurückpacken konnte. Dabei fiel
mir ein, wann der zuletzt auf seine Kosten gekommen war. Seit
dem letzten Wettwichsen vor einem halben Jahr mit Udo und
Holger war da nichts mehr gewesen. Nur noch die einsamen Abende
vor der Kiste, bei Videos oder scharfen Fotos. Einfach nicht
das Wahre wenn man keinen Freund hat. Aber ich redete mir
ein, dafür noch etwas Zeit zu haben und umbringen tat
es mich zumindest im Moment nicht. Prompt reagierte mein Spielkamerad
auf diese Gedanken, aber dieser Ort war der denkbar übelste.
Ich wartete, bis die Beule in meiner Hose nicht mehr so offensichtlich
war und verließ den engen Klo.
Der erste Blick als ich heraustrat, galt dem Abteil. Nein,
es war doch keine Erscheinung. Etwas fassungslos starrte ich
auf den Jungen, der dort alleine saß und der schwarze
Kasten zwischen seinen Beinen verschaffte mir dann doch Gewissheit.
Ich stand da, erstarrt wie eine Salzsäule. Wie konnte
ich annehmen, dass es ein solches Gesicht ein zweites Mal
gab? Ich spürte Schweiß meine Achselhöhlen
herunterlaufen. Das durfte nicht sein.. verfluchte Hitze.
Er saß da, las in irgendeiner Zeitschrift und kaute
auf irgendetwas herum. Einen Moment hob er seinen Blick, er
schien gespürt zu haben dass ich ihn anstarrte. Dann
senkte er ihn wieder und las weiter.
Ich war wie gelähmt. Was sollte ich jetzt machen? Der
Zug ist fast leer und so wird es überhaupt nicht auffallen
wenn ich mich einfach zu ihm setze, dachte ich zynisch. Warum
war der Zug so leer, wo doch sonst hier alles voll war mit
grölenden Kids und genervten Fahrgästen? Gut, es
half alles nichts. Frechheit siegt und zudem.. ich war immerhin
sicher sein glühendester Verehrer. Das dürfte ihn
schließlich nicht kalt lassen. Ich riss mich zusammen,
zog mein Jackett gerade und ging auf ihn zu. Jetzt hob er
den Blick erneut und senkte ihn nicht wieder. Er musterte
mich. Na ja, im Vergleich zu ihm war ich wirklich auffällig
gekleidet. Noch dazu in so einem eher schäbigen Vorortzug.
Auf seiner Höhe blieb ich stehen. Ich spürte dass
ich rot wurde, allerdings gab mir das Wissen um meinen braunen
Teint eine gewisse Sicherheit.
»Hallo«, sagte ich knapp und versuchte zu lächeln
ohne lächerlich zu wirken.
Er nickte. »Hallo«.
»Ähm.., darf ich dich mal kurz stören?«

Fragend sah er mich an. Oh Mann, diese Augen.
Diese meterlangen Wimpern, die Lippen. So nah war er hundert
Mal schöner als ich es mir ausgemalt hatte. Das blasse,
völlig makellose Gesicht. Und die Hände, von denen
ganz zu schweigen. Und was hatte er an.. verwaschene Jeans
und ein dunkelblaues T-Shirt. Und Sneakers. Also, wenn er
es war, was ich da immer noch nicht glauben wollte, dann war
er der normalste Junge der hier weit und breit herumlief.
Ich schämte mich nun fast in meinem Aufzug, aber das
konnte ich schließlich erklären.
»Bitte?«, hakte er höflich nach obwohl ich
den Eindruck hatte, dass er leicht genervt war.
Ȁhm, ja, also.. du kommst mir irgendwie bekannt
vor.« Mehr brachte ich erst Mal nicht auf die Rolle,
ich wurde in jeder Sekunde nervöser.
»Aha«, antwortete er nur, dabei ließ sein
Blick nicht von mir ab. Klar, er würde sich fragen wie
jemand so hier herumlaufen konnte.
»Ja, also, ich meine.. spielst du zufällig in
dem Orchester.. also das, was zur Zeit auftritt..« Gewöhnlich
bin ich um Worte nicht verlegen, aber das hier überforderte
mich dann doch so ziemlich.
»Ja«, sagte er knapp. War ihm das jetzt peinlich
oder wollte er ganz einfach in Ruhe gelassen werden?
»Also, ähm..« „Verdammt, Ralf, reiß
dich jetzt endlich zusammen. Das wird so nix, du machst dich
grade ziemlich lächerlich.“ Es war wie eine Art
Lähmung. War es nicht schon schlimm genug oder warum
fiel mein Blick zwischen seine Beine? Für den Bruchteil
einer Sekunde saß der Junge nackt vor mir und sorgte
für einen ordentlichen Nachschub an Schweiß auf
meinem ganzen Körper. Perfekt, dieser Mensch war einfach
perfekt.
Der Zug verlangsamte seine Fahrt. Noch zwei Mal würde
er halten, dann waren wir da und der Junge weg. Wohnte er
hier in der Gegend? Musste er, sonst hätte er in einem
Nobelhotel in der Stadt seine Bleibe. Plötzlich tauchten
so viele Fragen auf, dass ich den Überblick verlor. „Tu
endlich was. Das ist ja nicht zum aushalten. Siehst du nicht
dass er darauf wartet bis du endlich wieder verschwindest?“
»Ähm.. ja, dann, viel Erfolg noch..«
»Danke.« Er sah wieder zu seiner Zeitschrift
und ich trat mir geistig gerade so gewaltig in den Hintern,
dass es richtig weh tat. Fast wie in Panik lief ich los, raus
aus dem Abteil.
„Der größte Idiot, der auf Erden traumwandelt“,
schimpfte ich mich aus. „Und? Wer sagt denn dass der
Kleine schwul ist?“, meldete sich die kluge Gegenstimme
in mir. „Arsch. Was hat das denn damit zu tun? Das musst
du ihn ja auch nicht fragen. Einfach ein paar Worte. Wie gut
dir die Musik gefällt, dass du die Cd hast und woher
er kommt ist auch keine anzügliche Frage. Immerhin hättest
du ihm sagen können wie sehr es dich freut, ein Mitglied
des Ensembles kennengelernt zu haben. Glaubst du echt, das
würde ihn nicht freuen? Depp.“ „Und jetzt?“.
„Zu spät. Wenn du nun wieder bei ihm auftauchst
fällt es wirklich auf. Du hast's verspielt, find dich
damit ab.“
Nein, nicht aufgeben. Noch eine Station, noch fast eine Viertel
Stunde. Ich stellte mich ans Fenster und lehnte mich hinaus.
Wirklich erfrischend war die Luft draußen nicht. Stickig
und schwül wurde sie, je näher man der Großstadt
kam.
Ein paar Typen wankten auf dem Bahnsteig herum, Flaschen in
der Hand. Na ja, bei der Hitze brauchte man eh nicht viel
bis die Birne zugeballert war. Die Meute stieg grölend
in den Zug und ich hoffte inständig, ihnen nicht begegnen
zu müssen.
Der Zug fuhr wieder an und ich hielt den Kopf in den Fahrtwind.
Das war dann doch sehr angenehm, zudem bereinigte es meine
turbulenten Gedanken. Da saß mein Traum sozusagen, einen
Wagen weiter. Und ich brachte es nicht fertig.. dann machte
es klick. Genau, das war's. „Wenn du ihm wirklich auf
den Geist gehst, was solls. Du wirst ihn vielleicht nie wieder
sehen.“ Ich fuhr mir durch meine Haare, obwohl man von
einer Frisur nach dem Angriff durch den Fahrtwind sicher nicht
mehr sprechen konnte und nahm alles zusammen, was ich noch
an Reserven in mir hatte. Nervös suchte ich die Eintrittskarte
und marschierte erhobenen Hauptes auf das Abteil zu, in dem
er saß.
Diesmal näherte ich mich von hinten, er konnte mich also
erst Mal nicht sehen. Gebannt blieb ich stehen und hatte so
die Gelegenheit, seine schönen Hände zu studieren.
Ich holte tief Luft, stellte mich neben ihn und versuchte,
so verlegen wie möglich zu erscheinen.
»Darf ich.. jetzt noch mal kurz stören? Dauert
nur einen Moment.«
Er sah erneut auf, aber ich konnte seinem Blick überhaupt
nichts entnehmen. Egal, ich wollte ihn gar nicht erst zu Wort
kommen lassen. »Ich bin auf dem Weg zu dem Konzert..
und ich würde es ganz toll finden wenn du.. mir hier
ein Autogramm drauf geben würdest. Ähm, natürlich
auf dem Abschnitt den ich wieder krieg..«. Dabei hielt
ich ihm die Eintrittskarte hin.
Der Junge sah sie an, dann mich. Und plötzlich erhellte
sich das nachdenkliche Gesicht. War da sowas wie ein Strahlen
zu erkennen? Mein Herz machte kleine Sprünge. »Oh..
das.. klar, hast du was zum schreiben?«
Entsetzt über meine Nachlässigkeit fummelte ich
in sämtlichen Taschen. Aber Kugelschreiber und der dergleichen
haben immer die selbe Eigenschaft: Sie sind nie da wenn man
sie braucht. Und das war jetzt wirklich wichtig. Aber ich
wusste schon im Vorfeld, ich hatte keinen einstecken. Nur,
es hätte ja sein können. »Sche... ich hab
nichts..« Mann war ich nervös. Und der Junge schien
eine Engelsgeduld zu haben.
»Hm, ich auch nicht.«
»Das ist aber schade. Also,.. was könnte man denn
da machen?«
»Vielleicht der Schaffner? Der war noch nicht hier.«
Langsam brachte ich meine vielen Fragen in eine ausgabereife
Form. »Gute Idee. Aber wo kann der jetzt sein?«
»Weiß nicht. Da vorne, hinten, keine Ahnung.
Aber ich hab vielleicht ne andere Idee. Wenn du eh schon auf
dem Konzert bist, dann könnte ich es dir ja auch dort
geben.«
Wieder Luftsprünge in meiner Brust. Diese Lösung
war genial und ich hoffte, der Schaffner käme nicht.
Nur ein Abteil weiter hörte ich die besoffenen Typen
herumkrakeelen. Ordinäre und vulgäre Ausdrücke
schwallten durch den halben Zug. Ekelhaft. An denen wollte
ich auf keinen Fall vorbei und im nächsten Abteil war
die Erste Klasse. Da war mir der Weg zu weit.
»Darf ich mich setzen?«, fragte ich dann folgerichtig.
Er würde nein sagen wenn er es nicht wollte. Und zudem
würde ich ihm jetzt genau in die Augen sehen. Da könnte
man sicher auch so manches herauslesen.
Er nickte aber ganz selbstverständlich. »Bitte,
klar.«
»Ähm, wieso fährst du eigentlich nicht in
der Ersten Klasse? Ich mein, das hier..« Ich machte
eine ausladenden Armbewegung während ich mich ihm gegenüber
setzte.
Er lächelte. Ja, ein süßes Lächeln.
»Hm, nee, das ist nichts für mich. Da sitzt man
immer alleine. Und zudem, so oft fahr ich ja auch nicht.«
In diesem Moment brach das Inferno herein. So zumindest kam
es mir vor. Ich wurde wie von einer Riesenfaust getroffen
aus meinem Sitz herausgehoben und landete sehr unsanft auf
dem Körper meines Gegenübers. Jede Anstrengung,
mich unter Kontrolle zu bekommen, scheiterte. Begleitet wurde
das alles vom hellen Kreischen der Bremsen.
Nach endlosen Sekunden herrschte plötzlich fast tödliche
Stille. Der Zug stand auf offener Strecke und nur langsam
wurden Stimmen laut.
Es dauerte einen Moment, bis ich die Lage überblickte.
Nachdem ein Aufschlaggeräusch ausgeblieben und auch sonst
anscheinend nichts in die Brüche gegangen war, wurde
mein Verdacht auch schon von irgendjemand bestätigt.
»Was für ein Arschloch hat da die Notbremse gezogen?«,
rief wer quer durch die Wagen.
Noch war ich nicht richtig bei Sinnen, aber eines drang dann
doch durch, in eine bestimmte Stelle meines Gehirns. Die Signale,
die in diesem Zentrum ankamen, waren eindeutig. Und es war
fantastisch, trotz Schock. Wann war ich einem Jungen schon
mal so nah gekommen, vor allem in wirklich kürzester
Zeit.. Und wie das sich anfühlte. Das weiche T-Shirt..
die Arme, an denen ich mich ohne es wirklich gewollt zu haben,
festkrallte. Und unfreiwillig war auch die Nähe meines
Gesichts zu seinem. Sein Atem roch nach Pfefferminze.. Wie
herrlich musste es sein, diese Lippen zu küssen. Und
erst an dem Minzegeschmack mit der eigenen Zunge teilhaben
zu dürfen.. Noch jemand nahm jetzt regen Anteil an dem
Geschehen, aber das musste ich verbergen. Zum großen
Glück sieht man in Anzughosen nicht immer auf den ersten
Blick, wenn sich der darin befindliche Teil allzu neugierig
den Dingen widmet.
Mühsam stemmte ich mich von dem Jungen hoch und ich betrachtete
mir den „Prellbock“ noch einmal als Ganzes. Ein
Geschenk des Himmels.
Der Junge saß da, noch so halb unter mir, mit weit
aufgerissenen Augen sah er mich an. »Was um Himmels
Willen..«
»Keine Bange, jemand hat die Notbremse gezogen. Nichts
passiert.«
»Uff, das hab ich ja noch nie erlebt..«
Ich stellte mich wieder hin. »Hast du dich verletzt?«
Er tastete sich ab. »Nee, ich nicht.. aber«,
sein Blick fiel auf den Geigenkasten, der unter den Sitz gerutscht
war. Hastig zog er ihn hervor und während ich mich wieder
langsam setzte, öffnete er das sicher uralte Behältnis
vorsichtig. Und dann zog er sie heraus, diese wunderschöne
Geige. »Puh, was ein Glück. Nichts passiert.«
»Ist sie.. sehr wertvoll?«, wollte ich wissen
und merkte mir vor, dem Auslöser der Notbremse einen
Kuss zu geben, wer oder was es auch immer war.
»Na ja, so richtig nicht. Das ist immer son Klischee,
dass derartige Instrumente wertvoll oder alt sein müssen.
Die hier ist von meinem Opa. Stammt aus dem Erzgebirge und
ist erst so, na ja, ungefähr fünfzig Jahre alt.«
Schön und gut. Aber wollte ich das wirklich wissen?
War nicht viel wichtiger, wer sie da in der Hand hielt?
Nervös sah der Junge auf die Uhr. »Zum Glück
ist noch Zeit.«
»Woher kommst du eigentlich?«, fragte ich nun
endlich.
Während er sein Instrument wieder sorgfältig verstaute
erklärte er mir, dass er aus Frankfurt käme und
auch dort wohnen würde. Nicht sehr weit dahin von mir
aus..
Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Offenbar waren es
die besoffenen Typen gewesen. Ich wollte von nun an nicht
mehr über den Suff und seine Folgen fluchen. Mein Dank
war ihnen sicher.
Als der Zug langsam in den Hauptbahnhof einfuhr hatte ich
so einiges über den Schnuckel erfahren. Unter anderem,
dass er Nino hieß und Musik machte seit er laufen konnte.
Dass er deshalb nie eine Schule von innen gesehen hatte, immer
nur Privatunterricht. Genauere Sachen wollte ich noch nicht
wissen, es musste einfach funktionieren dass wir uns beim
Konzert, wie auch immer, noch einmal trafen.
»Ich werd von meinem Manager am Bahnsteig abgeholt.
Also wir, ich mein wenn’s klappt, können uns nach
dem Konzert treffen. Es gibt einen VIP-Bereich im ersten Stock,
da sind wir immer noch so ne Stunde.«
»Hm, wär schön, aber da komm ich ja nicht
rein.«
»Musst auch nicht. Bleib beim Eingang, da seh ich dich
dann schon.«
Kaum hatte der Zug gehalten, war der Junge im Bahnsteiggetümmel
verschwunden. Ich blieb eine Weile stehen. Logisch war das
nun alles nicht. Wir hätten im Zug sicher jemanden gefunden
der etwas zum Schreiben hatte und spätestens sein Manager
hätte mir sicher vorgefertigte Autogramme geben können.
Es konnte nicht sein, dass Nino das nicht bedacht hatte. Was
war da los?
Nicht ohne einen gewissen Stolz, gepaart mit einer gehörigen
Portion Zuversicht, verließ ich den Bahnhof und stieg
in die Straßenbahn Richtung Theater.
Der Vorhang ging auf und mit jedem Meter den er sich hob,
verdoppelte sich mein Herzschlag. Und da saß er. Jetzt
wo ich ihn ein bisschen näher kannte, war es noch viel
schlimmer als vorher. Seine schöne Stimme, die blauen
Augen. Diesmal brauchte ich nicht zu rätseln, ich wusste
es. Da, sah er grade zu mir? Nein, doch nicht. Er tauchte
mit den ersten Takten wieder ab in diese Welt, die mir trotz
allem fremd war. Er lebte für seine Musik, das konnte
ich ganz deutlich aus unserem kurzen Gespräch heraushören.
Nun saß er da oben. Ob er mich nun doch erkannte unter
all den Besuchern? Immerhin saß ich wieder ganz vorne
und der Dirigent versperrte die Sicht auch nicht.
Ob er an mich dachte, so wie ich an ihn? Zugegeben, seine
Bewegungen hatten feminine Züge, auffällig fast.
Aber das musste schließlich nichts heißen. Nun
gut, ich versuchte an nichts derartiges zu denken, wollte
mich der Musik hingeben. Aber es gelang mir nicht. Ich stellte
mir ihn als meinen Freund vor. Wie ich ihn begleitete um die
ganze Welt. Im Rampenlicht stehen, immer neben ihm. Und die
Welt hätte wissen dürfen, dass wir uns lieben. Nach
den Konzerten essen gehen in den teuersten Restaurants, in
Nobelhotels absteigen und mit ihm über rote Teppiche
laufen wenn es Preise einzuheimsen gab. Vielleicht würde
er ja schon bald ein berühmter Solist? Ich ertappte mich
dabei, wie ich meine beiden Daumen drückte. Dafür,
dass all das in Erfüllung gehen würde. Oder doch
wenigstens der Teil, dass wir Freunde werden könnten.
Er schloss wieder die Augen. Zart und doch kraftvoll bewegte
er den Geigenbogen, spreizte anmutig die Finger auf den Saiten.
Anmutig, das war es was zu all dem passte. Ein Traumboy eigentlich.
Zu schade, wenn sowas Hetero wäre.. Ich schluckte. Lagen
wir nicht grade nackt in einem schönen, großen
Bett? Lächelte er mich an, in der einen Hand ein Glas
Sekt um einen gelungenen Auftritt mit mir zu feiern? Nur mit
mir und sonst niemandem?
Auch ich machte jetzt die Augen zu, immer intensiver wurden
meine Gedanken. Wie er wohl schmeckte? Wie würden sich
seine Lippen anfühlen auf meinen? Unter die Gürtellinie
kam ich in meinem Geist nur für Sekunden, da war eh alles
reine Spekulation. Und zudem war es mir an der Stelle völlig
egal wie er aussehen würde. Klar, ich hatte seine Hände
nicht nur studiert weil sie schön waren. In der Regel
leitet man ja auch, ob Unfug oder nicht, gern die Länge
des.. Das würde schon passen, zudem musste diese Vorstellung
wieder weg, meine Hose drückte plötzlich. Ich blinzelte
zu ihm hin. Sah er mich wirklich nicht? Egal. Noch eine Stunde,
dann würde ich ihm wieder gegenüberstehen. Und zumindest
hätte ich schon ein Vorteil dem übrigen Mob gegenüber:
Ich durfte ganz nah an den VIP-Bereich, vielleicht sogar hinein?
Mit ihm, anstoßen.. Ein Seufzer entwich mir.
Die Stunde flog herum wie nichts und noch während der
Saal wie immer heftig applaudierte, stand ich auf. Fast magische
Kräfte zogen mich hinaus aus dem Saal, hinauf in den
ersten Stock.
Doch schon oben an der Treppe wurde ich aufgehalten. Wo ich
hinwollte und dass das kein öffentlicher Bereich sei.
Ich konnte reden wie ich wollte, man ließ mich nicht
durch. Es gab nicht mal eine Diskussion. Verbot für alle,
basta. Und von Nino keine Spur.
Da stand ich nun, mit einem Schlag lösten sich meine
Hoffnungen in dichten, ekligen Rauch auf. Keine Chance. Ich
kannte hier sonst niemanden und zudem kam ich mir dann auch
recht blöd vor. Man hielt mich doch nicht für einen
kreischenden Teenie, der ob solcher Nähe zum Idol in
Ohnmacht fallen würde?
Wütend und enttäuscht zugleich stieg ich die Treppen
wieder hinunter, nicht ohne mich ständig umzudrehen und
nach oben zu blicken. Nur Security, sonst kein Mensch.
Ein Blick auf meine Uhr mahnte dann trotzdem zur Eile, wenn
ich den letzten Zug nach Hause nicht verpassen wollte.
Auch auf dem Theaterplatz blieb ich noch eine Weile stehen,
gab es dann aber endgültig auf. Er kam nicht, niemand
aus dem Ensemble war zu sehen. Nur ne Menge fremder Leute,
wie immer nach diesen Vorstellungen.
Morgen war er fort. Lange Zeit. Hatte ich mir einfach nur
zu viele Hoffnungen gemacht, die nicht einmal im Ansatz begründet
waren? Sicher. Ich benahm mich doch wie ein Teenie, der sich
solche Sachen Nacht für Nacht zusammenträumt.
Trotzdem hatte ich ein blödes Gefühl überall
in mir, als ich in den Zug einstieg. Ein kleiner Teil meiner
Träume hätte ja wahr werden dürfen.
Es war der selbe Zug mit dem wir gekommen waren, ich erkannte
ihn an der Graffiti an den Waggons. Und ich fand das Abteil.
Ich ließ mich auf dem Platz nieder, auf dem er gesessen
hatte. Haftete da noch sein Geruch in dem Polster, jener Geruch
der mich in der Nase kitzelte als ich auf ihn gefallen war?
Nach Pfefferminze und.. so nach Junge? Blödsinn.
Ich lehnte mich zurück, um mich mit einem leisen Schrei
sofort wieder aufzusetzen.
»Es war nicht sonderlich klug sich so in die Sonne
zu legen«, hörte ich eine Stimme an meinem Ohr.
Müde drehte ich mich um und sah einer Frau direkt ins
Gesicht. Tina.
Es dauerte eine Weile, dann kehrte ich in die
Wirklichkeit zurück. Mein Körper war schweißnass
und mein Rücken brannte entsetzlich. Ich war eingeschlafen,
da auf meinem Handtuch am Baggersee. Aufgewacht durch meinen
eigenen Schrei..
Erschrocken sah ich auf die Uhr. Noch zwei Stunden bis das
Konzert begann.. Das könnte verdammt knapp werden. Fluchend
setzte sich mich auf.
»Danke, Tina.«
Die Freundin meiner Eltern sah mich sorgenvoll an. »Das
sieht nicht gut aus. Ich hol gleich mal was..«
»Danke, nicht nötig, ich muss schnellstens nach
Hause. Will auf ein Konzert und das wird eng.«
»Na dann kannst aber froh sein wenn du dich mit dem
Sonnenbrand anlehnen kannst. Mach zu Hause wenigstens was
drauf, soviel Zeit muss sein.«
So schnell war ich noch nie mit dem Rad wieder zu Hause wie
an diesem Tag. Und ständig hatte ich die Bilder meines
Traums vor Augen. Was, wenn nicht alles nur ein Traum war?
Wenn er nachher wirklich in dem Zug sitzen würde.. das
könnte ich mir niemals verzeihen.
Rasch sprang ich unter die Dusche. Anzug, Hemd, Krawatte..
dazu hatte ich weder Lust noch Zeit. Ich schlüpfte in
die neuen Jeans und ein weißes T-Shirt ohne Aufdruck
musste es auch tun. Schnell in die Schuhe, Kippen einstecken,
Schlüssel schnappen und weg.
Es gelang mir gerade noch in den Wagen des Zuges zu springen.
Sekunden später wäre es vorbei gewesen.
Völlig fertig ließ ich mich erst einmal in einen
Sitz fallen. Verschwitzt, außer Atem. Autsch, bloß
nicht anlehnen. Klasse, genau das was ich jetzt brauchte.
Aber es war nichts zu machen, basta und Ende.
Nach einigen Minuten stand ich auf. Ich musste mich vergewissern,
dass der Nino, falls er so hieß, im Zug war oder eben
nicht. Natürlich glaubte ich nicht wirklich daran, aber
die Hoffnung stirbt zuletzt.
Es dauerte nur wenige Minuten bis ich wusste, dass er nicht
in dem Zug war. Blödsinn an so etwas zu glauben, dafür
war der Traum bis auf das Ende eben viel zu schön um
wahr zu sein.
Mein Rücken spannte nicht nur, er tat auch höllisch
weh. Ob das dieser Traum wert gewesen war? Ich wollte es lieber
nicht wissen.
Der Zug fuhr im nächsten Bahnhof auf ein Nebengleis.
Man würde auf eine Überholung warten, es käme
deshalb zu einer kurzzeitigen Verspätung, hieß
es dazu nur lapidar. Diese Überholung kam einfach nicht,
immer öfter fiel mein Blick auf die Uhr. Erstaunlich
wie schnell die Zeit vergeht, wenn man davon nicht viel hat.
Zunehmend nervös geworden rauschte der Schnellzug schließlich
doch noch vorbei und die Fahrt ging weiter. Zum Glück
wurde dann wenigstens nicht auch noch die Sache mit der Notbremse
wahr.
Warum standen so viele Leute an der Straßenbahnhaltestelle
des Hauptbahnhofs? Ohne den Grund zu kennen ahnte ich das
nächste Unheil. Strom weg, Unfall irgendwo, vielleicht
ein Streik. Zum Theater waren es gut zehn Minuten, wenn man
einen Sprint hinlegte. Gut, ich bin nicht unsportlich, aber
bei der immer noch drückenden Hitze war das kein leichtes
Unterfangen. Trotzdem, ich durfte nicht zu spät kommen,
zu schnell saß dann jemand auf meinem Platz..
Total kaputt kam ich schließlich vor dem Theater an.
Meine Lungen waren leer, sie brannten wie mein Rücken
und die Zunge klebte in meinem Gaumen fest, genauso wie mein
Shirt auf der schweißnassen Haut.
Da standen sie, alle schön angezogen. Keiner, aber auch
keiner trug annähernd Klamotten wie ich. Zweifel stiegen
auf, ob sie mich überhaupt so hineinlassen würden.
Das hätte dann wenigstens etwas mit dem Traum gemeinsam.
Ich griff in meine Hosentaschen und noch während ich
das tat, sah ich die Eintrittskarte vor meinem geistigen Auge
auf dem Schreibtisch liegen. Vorsichtshalber in Gemeinschaft
mit einem Kugelschreiber.
Okay, nicht aufregen, sagte ich mir. Das ist schiefgegangen
und das hatte so kommen müssen. Schicksal bezeichnet
man das im allgemeinen. Ganz einfach. Eine Karte zu bekommen
war unmöglich, es würde auch nichts nützen
zu sagen, die Nummer 13 wäre mein Platz.. 13, natürlich.
Ich setzte mich auf einen der Betonklötze auf dem Vorplatz
und steckte mir eine Zigarette an. Wenigstens hatte ich an
die gedacht.
Langsam leerte sich der Platz, die Leute strömten jetzt
hinein. Da, hin zu meinem Schnuckel, der von mir überhaupt
nichts wusste und ich doch soviel von ihm..
Ich ging langsam zu den großen Fensterscheiben, wo auf
vielen Plakaten die Aufführungen der nächster Zeit
angekündigt wurden. Da hing auch das mit dem Orchester.
Nahe ging ich ran, ganz nahe. Aber mein Schnuckel war nur
sehr undeutlich zu erkennen, außerdem wurde die Hälfte
seines Gesichts vom Dirigenten verdeckt. Schon wieder..
Zu grübeln, was und warum das alles daneben gegangen
war, hatte ich dann keine Lust mehr. Fast drei Stunden blieben
mir bis der letzte Zug fuhr und vorher wollte ich gar nicht
zurück. Geld hatte ich nicht viel mitgenommen, aber für
zwei oder drei Bier reichte es.
„Cafe Ballerina“. Genau, nur ein paar Minuten
weg. Ich war früher öfter in diesem Schwulencafe.
Da war keine Anmache angesagt, einfach nur draußen sitzen
und die Leute beobachten.
Kurz darauf saß ich aufrecht auf einem der Stühle,
anlehnen war wirklich nicht möglich. Ich nahm auch das
gelassen, das war eben nicht mein Tag. Schließlich wäre
es bestimmt kein Vergnügen gewesen, zwei Stunden aufrecht
in dem Theater zu sitzen.
Mir fiel ein Reisebus auf der Rückseite das Theaters
auf, dorthin hatte man von hieraus einen guten Blick. War
das vielleicht der Bus, wo die Musiker.. ?
Ich sah auf die Uhr. Verdammte Zwickmühle. Wenn die
wirklich noch in den VIP-Bereich gehen würden, konnte
ich es mir schminken. Dann hätte ich keine Chance, wegen
meinem Zug. Aber nun – das hatte ich ja nur geträumt.
Vielleicht fuhren sie ja gleich nach der Veranstaltung weg,
immerhin mussten sie Morgen schon in der nächsten Stadt
auftreten. Ich rechnete mir aus, wie lange ich hier warten
konnte. Nun gut, wenn sie bis dahin nicht rausgekommen waren..
c'est la vie!
Hätte ich mich doch nur bequem hinsetzen können.
So lümmelte ich eher auf meinem Platz herum und trank
das eiskalte Bier. Es war ja noch viel Zeit.. während
der langsam Zweifel an meinem Tun aufkamen. Was sollte das
eigentlich alles? Gut, ich könnte ihn tatsächlich
um ein Autogramm bitten. So tun, als wäre es reiner Zufall
dass ich an ihn geraten war. Und dann? „Du spinnst.
Der steigt ein und fährt weg. Das war's dann“,
kam die böse Stimme wieder. Aber sie hatte recht.. „Und
wenn er schwul ist und sich auf der Stelle dort in dich verliebt?
Was dann?“, sagte die gute Stimme. Ich musste kichern,
wozu ich meine Hand vor den Mund hielt. So ein ausgeprägter
Schwachsinn. Verlieben, der, ausgerechnet in mich.. Selten
dämlich.
Ich bestellte das nächste Bier, nach einem dritten würde
mir das alles mit Sicherheit Schnurzpiepegal sein.
„Hallo“, meldete sich die böse Stimme wieder,
„ist da oben vielleicht jemand zu Hause? Wo lebst du
eigentlich?“ Ja ja, in einer Traumwelt. Hatte mir ein
Luftschloss gebastelt in den letzten drei Tagen. Unfug zusammengereimt
und sogar schon lebhaft geträumt. Was sollte ich am Ende
mit einem Autogramm? Auf einer Visitenkarte womöglich,
nicht mal ein Foto von dem Kerl.. Die Sache wurde schließlich
immer abstruser. Ich ignorierte mittlerweile den Bus, war
doch alles egal. Und außerdem.. wieso jagte ich quasi
einem Phantom hinterher? Es gab doch genug andere Schnuckis,
vor allem saßen davon jetzt ein paar in dem Cafe. Aber
immer Pärchen, keiner war davon alleine hier. Nur ich,
wie immer.
„Hihi. Weißt du woher das kommt?“, meinte
die gute Stimme. „Weil du immer rechtzeitig die Flinte
ins Korn geworfen hast. Jetzt reiß dich mal zusammen.
Auf einen Versuch solltest du es ankommen lassen. Zu verlieren
gibt's nichts. “ „Jau, so ist's. Und wie kommst
dann Heim? Zu Fuß?“ Die böse Stimme hatte
wieder recht. Ein Blick auf die Uhr. Wollte ich den Zug erreichen,
konnte ich mich noch genau eine halbe Stunde hier herumdrücken.
Und in die passte das dritte Bier.
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