| Die Einführung
in das Camp durch Falk Stein artet nicht, wie Nico insgeheim
gefürchtet hatte, in eine Moralpredigt aus. Dennoch weiß
er jetzt, dass er auf der Hut sein muss. Aber es dauert nicht
lange, bis er die erste Berührung mit jener Grenze zu
spüren bekommt, die ihm gesetzt ist.
Obwohl er seine Vergangenheit zurücklassen will, holt
sie ihn immer wieder ein. Er beschließt, jenen Ort aufzusuchen,
der am meisten in seiner Erinnerung haften geblieben war und
er tastet sich langsam an die Gruppe heran, mit der er es
zu tun haben würde.
»Es wird nicht ganz einfach, das wirst du sehr schnell
merken. Gerade weil du – in ihren Augen – kein
richtiger Betreuer bist, werden sie dich doppelt im Visier
haben. Du kannst es nur durch Kompetenz ausgleichen, sonst
durch nichts. Wenn sie merken, dass du uns in nichts nachstehst,
hast du es einfacher. Ich möchte aber nichts beschönigen:
Der Anfang wird schwer, die erste Woche zumindest. Und –
aufpassen: Nico, du hast die Gabe, auf andere anziehend zu
wirken..« Stein grinste frech, »..du verstehst?«
Nico wurde rot. Ja, unter Umständen hatte Falk recht.
Beide Male, die er im Camp gewesen war, drehte es sich meistens
um ihn. Oder Erkan. Ohne sich je den Status richtig bewusst
zu werden, hatten sie oft die Kontrolle übernommen und
die anderen waren ihnen praktisch blindlings gefolgt.
»Darin besteht unter Umständen eine gewisse -
in Anführungszeichen - Gefahr. Du hast dein Wesen unter
Umständen sogar gefestigt, gehst seltener Wagnisse ein,
wobei dir in der Richtung niemand einen Vorwurf machen kann,
denn das hast du immer absolut souverän gemeistert. Was
ich damit sagen möchte: Ich bin mir ziemlich sicher,
dass einige aus der Gruppe versuchen, sich dir sozusagen anzuschließen.
Du wirst es spüren, sehr schnell. Es liegt dann an dir,
die Grenze zu finden. Die ist fließend, vom Vorgesetzten
zum Freund, so in etwa. Es sind übrigens nicht die, welche
plötzlich mit dem vertrauten Du angetanzt kommen. Wobei,
dieses Thema haben wir auch schon durch; die Jungs zu siezen
macht nicht wirklich Sinn. Sicher, sie sind erwachsen, sollte
man jedenfalls annehmen. Aber in jedem stickt noch so ein
bisschen.. Junge halt. Wir hatten noch keinen Fall, wo einer
auf das Sie bestanden hätte. Du solltest einer Vertrautheit
aus ihrer Richtung aber nicht dulden. Bestehe auf das Sie,
wenn es ein muss.«
Stein schenkte Wasser nach, während Rick seinen Kopf
auf Nicos Füße gelegt hatte und eingepennt war.
»Nur, wie bei fast jedem Durchgang kann es für
dich natürlich Situationen geben, wo du einschreiten
musst, in welcher Form auch immer. Ganz heikel wird es, wenn
sich ein paar in die Haare geraten. Als außenstehende
Person weiß man oft nicht, warum die sich plötzlich
an die Wäsche gehen. Oberste Regel muss deshalb sein,
zuerst die Handgreiflichkeiten beenden. Die Beteiligten beruhigen,
bis sie runtergekommen sind. Und dann an die Ursache gehen.
Sachlich, vor allem aber, zwei Seiten hören. Das ist
verdammt schwer und kostet auch uns alte Hasen noch so manches
Mal eine Menge Nerven.«
»Und wenn ich sie gar nicht beruhigen kann?«
»Gute Frage. Wenn es eine wirklich ernsthafte Auseinandersetzung
ist, musst du einschreiten. Es geht nicht anders. Zum Glück
gab's erst einmal so eine Situation und danach sind die Beteiligten
aus dem Camp gewiesen worden. Du kennst die Regeln sicher
noch.«
Nico lächelte. »Oh ja, die brauch ich mir nicht
noch mal reinziehen.«
Stein kreuzte die Hände im Nacken und lehnte sich weit
zurück. »Also, ich denke das war's erst Mal für
den Anfang. Ach... noch etwas.« Steins Gesicht wurde
zum ersten Mal ernst. Er beugte sich über den Schreibtisch
und fixierte Nico mit seinen Augen. Seine Stimme wurde leise.
»Wenn ich nach Köln gehe, dann kann ich.. Rick
nicht mitnehmen.«
Nico merkte, dass ihm diese Worte nicht leicht über
die Lippen kamen.
»Die ganze Zeit über war er in meiner Nähe.
Ich hab's einfach nicht geschafft, ihn an einen anderen Betreuer
zu gewöhnen. Der einzige dem er irgendwie nachhing, war
Chip, aber der ist nun auch nicht mehr da. Ich weiß,
du bist nur drei Wochen hier, aber wenn ich jetzt so unter
den Tisch sehe..«
Nico sah hinunter und als hätte Rick bemerkt, dass es
um ihn ging, öffnete er die Augen und schielte zu ihm
hoch.
»Ich glaube, mit dir kommt er klar.«
»Aber es ist doch so lange her und die anderen sind
ständig in seiner Nähe. Sie haben ihm doch nichts
getan, oder?«
»Nein, sicher nicht. Aber Huskys sind sehr wählerisch
was Bezugspersonen angeht. Sie folgen schon mehreren Personen,
aber es gibt immer nur einen Führer. Das hat bei ihnen
eine Menge mit Gefühlen zu tun und ich denke, du bist
ein Mensch, der von Anfang an eine Beziehung zu ihm hatte.
Das musst du selbst gar nicht merken, aber der Husky tut es.«
»Das heißt?«, wollte Nico wissen, obwohl
er sicher war, die Antwort bereits zu kennen.
»Meine Bitte ist einfach, dass du dich um ihn kümmerst.
Er wird das sehr schnell merken und dann wird er dir nicht
mehr von der Seite weichen.«
»Aber, wird er mir denn auch hören? Ich meine,
wenn ich ihn mal rufe oder so.«
»Das musst du selbst ausprobieren, mit Bestimmtheit
sagen kann ich dir das jetzt aber nicht. Meistens dürfte
es eh so sein, dass er im Vorfeld schon wissen wird was du
von ihm willst. Ich hab ihn übrigens erst zweimal suchen
müssen, aber da war halt ne heiße Freundin im Ort
unten. Das kommt schon mal vor.«
»Spürt er, dass du weggehst von ihm?«
»Ganz sicher. Deshalb die stürmischen Begrüßung
vorhin als du ankamst und darum liegt er jetzt mit dem Kopf
auf deinen Füßen und nicht auf meinen.«
»Wird er trauern?«
»Klar, aber ich denke er fängt bereits damit an.«
»Und er haut auch bestimmt nicht ab? Ich meine, vielleicht
sucht er dich.«
Stein rieb sich das Kinn. »Eine Garantie, dass er es
nicht tut, kann ich natürlich keine geben. Nur, er weiß
nicht wo er mich suchen soll. Andersherum, wenn er zum Beispiel
nach Köln gebracht werden würde während ich
hier bliebe, dann bin ich todsicher, dass er den Weg hierher
findet.«
Nico kraulte Ricks Kopf. »Eine Frage hab ich aber noch:
Was wird sein, wenn ich dann auch gehe?« Nico mochte
schon jetzt nicht an das Ende der Zeit hier denken.
»Ich versuche in der Zwischenzeit eine Lösung
zu finden. Ich fürchte, dass er hier ohne Bezugsperson
nicht glücklich ist. Das möchte ich ihm nicht zumuten.«
Nico trank einen Schluck. »Das war aber schon mal ne
ganze Menge. Puh.«
»Ja, aber alles andere kommt von alleine. In deinem
Buch stehen die Rahmenbedingungen, also Essenszeiten, Nachtruhe
und das ganze Gedöns halt. Eines haben wir allerdings
vorübergehend aufgehoben: Es gibt seit heute keine Kleiderordnung,
zumindest so lange dieses Wetter anhält. Es wäre
unmenschlich, die Jungs bei dieser Hitze in Kampfanzüge
zu stecken. Ist zweckmäßig, das weißt du,
aber bei dieser Witterung ein Unding. Im Übrigen gilt
deshalb auch ein generelles Rauchverbot. Nur am Sammelplatz
außerhalb der Waldes und hier rund um die Gebäude
darf geraucht werden. Ich möchte, dass du mithilfst,
dieses Verbot zu überwachen. Und – ohne Diskussion:
Beim dritten Mal gibt's den Abflug. Es ist einfach zu gefährlich.«
Das war völlig einleuchtend, dennoch konnte sich Nico
nicht vorstellen, dass Abends oder Nachts in den Zelten nicht
geraucht wurde. Das würde sich so oder so ihrer Kontrolle
entziehen.
Stein schlug beide Handflächen auf den Schreibtisch.
»So, ich denk das war's fürs Erste. Wenn du Fragen
hast, jederzeit. Im Übrigen, mit Michael und Felix ist
sehr gut auszukommen, keine Bange.« Er sah Nico nachdenklich
an. »Hast du jetzt noch Fragen?«
»Ähm, nur – die erste Nacht pennen die wieder
hier drin?«
»Ja, zum eingewöhnen. Morgen ziehen sie um, wie
gehabt. Und noch etwas: Wenn du dir etwas zutraust, egal was
auch immer und nicht weißt wie du es angehen sollst
- dann gib Bescheid. Du sollst hier in erster Linie etwas
lernen, und das geht schlecht wenn du nur zusiehst.«
Das war eine Bitte, nicht nur ein Angebot. Nico spürte
das Vertrauen und er wollte so schnell wie möglich integriert
werden. Vielleicht brauchte er ja nicht mal eine Woche, bis
ihn die Jungs akzeptiert hatten, aber diese Hoffnung behielt
er für sich. All zuviel Euphorie war sicher mit Vorsicht
zu genießen. »Ach, und noch was..«, fügte
er dann an, »wie ist eigentlich die Zukunft der Camps
gesichert? Finanziell und so. Ich brauch das für meinen
Bericht.«
»Nun, da es wie du weißt bereits viele Camps
dieser Art gibt, wollte die öffentliche Hand plötzlich
Gelder sperren. Zu teuer, zu aufwändig, das übliche
Geheule halt. Mittlerweile aber werden die Camps durch private
Sponsoren getragen. Hat Professor Roth damals, nach dem Wirbel
um den kleinen Tobias, angestoßen. Zudem können
wir mit einer Erfolgsquote aufwarten, die man vorzeigen kann.
Klappt prima, derzeit kennen wir keine Engpässe. Aber
in diesem Zusammenhang: Ob alles seine Ordnung und Richtigkeit
hat, dazu werden die Camps von Zeit zu Zeit Stichprobenartig
überprüft. Das macht eine gewisse Antonia Berger
und die stand schon öfter als einmal plötzlich hier
vor der Tür. Man kann übrigens mit ihr reden, sie
ist keine von diesen Erbsenzählern die sich nur für
die Bücher interessieren. Vielleicht eine etwas eigenwillige
Person, aber man muss sie ja nicht heiraten.« Stein
grinste. »Nur für den Fall und dass du dich dann
nicht wunderst.«
Er lehnte sich wieder zurück und tippte die Fingerspitzen
aneinander. »Okay, dann belassen wir es mal dabei. Bis
zum Abendessen kannst du dich ja nun hier umsehen. Ach so..«
Er öffnete erneut die Schublade und kramte darin herum.
»Ah, da isses ja. Hier.« Er hielt Nico einen Schlüsselbund
hin. »Damit kommst du in sämtliche Räume auf
dem Gelände. Inklusive«, er suchte einen der Schlüssel
heraus und hielt ihn hoch, »zu einer Schranke. Du kennst
den Weg am Bach sicher noch, hinter dem Camp?«
Nico lachte. »Falk, ich denk, ich kenn da noch jeden
Baum.«
»Glaub ich dir sogar. Der Zugang ist mit einer Schranke
gesperrt, damit da keine Sonntagsausflügler durchfahren.
Und der hier«, er zeigte ihm einen weiteren Schlüssel
an dem Bund, »passt zu einer der alten Hütten,
oben am Bahnhof. Einmal in den drei Wochen treffen sich dort
Camp eins und zwei zum Grillfest. Und dass wir nicht immer
alles da hoch schleppen müssen, haben wir diese Hütte
gekauft, zum einstellen der Gerätschaften.«
»Den Bahnhof gibt’s also auch noch«, sagte
Nico nachdenklich.
»Ja, Nico, den gibt es noch. Im Grunde hat sich dort
nichts verändert.«
Da war noch etwas, das Falk sagen wollte, Nico war sich ziemlich
sicher. Aber er fragte nicht nach. Es würde ein paar
Tage dauern bis gewisse Dinge geklärt waren, besonders
was die Vergangenheit anbetraf.
Stein stand auf. »Also, dann mal ganz offiziell.«
Er hielt Nico die Hand hin. »Herzlich Willkommen im
Camp und ich wünsch dir ne schöne, spannende Zeit.
Damit du was erzählen kannst wenn du wieder auf dem Campus
bist.«
Nico hielt seine Hand eher schüchtern hin. Etwas drückte
in seinen Augen. Es war eine Mischung aus Freude, Dankbarkeit,
aber gleichzeitig schwang Falk Steins Abschied bereits jetzt
mit. Wenigstens wollte Nico bis dahin zeigen, was in ihm steckte.
Nichts überstürzen, aber jede Chance wahrnehmen
die sich ihm bot, das nahm er sich vor, als er Falks Hand
fest drückte. »Ich werd mir Mühe geben.«
Stein nickte und lächelte dabei. »Das musst du
nicht erwähnen, das weiß ich auch so. Nun, ich
denke, du solltest erst Mal dein Quartier beziehen.«
Sie standen auf und Nico folgte Stein durch den Gang nach
hinten, zu Alexanders ehemaligem Zimmer.
»Ein Hotelzimmer ist es natürlich nicht, aber du
hast hier alles was man so braucht und vor allem, deine Ruhe.
Manchmal hab ich mich gefragt, ob Alexander hier nicht verkümmern
würde, sooft er hier drin alleine war.«
»Ich glaub, Alex ist so ein Typ der alleine sein kann«,
sagte Nico und sah sich in dem Raum um, der nun seine Bleibe
war. Außer einem Tisch mit einem Stuhl mitten im Zimmer
stand rechts neben dem Fenster das Bett, ein paar leere Regale
an der linken Wand, ein Schrank und unter dem Fenster so etwas
wie ein Schreibtisch.
»Die Holzdecke und – Wände haben die Jungs
aus dem letzten Camp gezimmert und eingebaut. Ich find's jetzt
richtig urig hier drin.«
In der Tat roch Nico jetzt das Holz, vorher war es ihm kaum
aufgefallen. Neben dem Bett auf dem Boden lag eine Decke.
»Und wozu dient die?«
»Musst ihn fragen«, sagte Stein und nickte zu
Rick, der unter der Tür saß und alles beobachtete.
»Ah, er schläft hier drin?«
»Nun, das kann er, wenn er möchte – wenn
du möchtest. Mal liegt er hier, dann wieder draußen
vor dem Gebäude oder manchmal sogar im Camp. Kommt immer
drauf an wie er gelaunt ist. Ich hab ihn nur selten mit nach
Hause genommen, sein Reich ist hier oben.«
Nico fiel die Telefondose ins Auge, die nahe am Fenster angebracht
war. »Da könnt ich mir jetzt direkt einen Internetanschluss
vorstellen«, grinste er.
»Klar. Alex war ja in seiner Freizeit fast nur am surfen.«
»Okay, dann hol ich mal meine Sachen. Viel hab ich
eh nicht dabei.«
Stein nickte. »Ich bin dann noch mal im Büro.«
Nico lief zu seinem Auto und nahm seine beiden Reisetaschen,
das Notebook und den Schlafsack heraus, den zog er Bettzeug
hier vor. Fraglich war an dieser Stelle, ob er ihn bei diesem
Wetter überhaupt brauchen würde. Mit zwei Gängen
hatte er seine Sachen ins Zimmer gebracht, nur auspacken wollte
er nun nicht, dazu war es auch zu heiß in dem Zimmer.
Später am Abend würde das auch genügen.
Er ging noch einmal in Steins Büro. »Ich werd mich
mal ein bisschen hier umsehen«, sagte er zu dem Betreuer,
der über irgendwelchen Schriftstücken brütete.
»Tu das. Heute passiert ja eh nicht mehr viel, aber
das weißt du ja.«
»Okay, dann sehen wir uns zum Abendessen?«
»Ja, genau.«
Als Nico das Büro verließ, folgte ihm Rick bis
unter die Tür, dann drehte er sich zu seinem Herrchen
um.
Nico spürte ganz deutlich, was in diesem Moment zwischen
den beiden passierte. Sie sahen sich an aber nicht nur das,
sie redeten mit den Augen miteinander.
Falk Stein holte tief Luft. »Nun geh schon, Rick. Geh
mit ihm.«
Rasch drehte sich Nico um, Steins Gefühlsausbruch schlug
bis zu ihm durch. Alles hätte er sehen wollen in seinem
Leben, aber nicht, dass Falk Stein eine Träne die Wange
herunterlief. Und das würde passieren, in dieser Sekunde.
»Komm Rick, du musst mir viel zeigen«, sagte Nico,
ohne Stein dabei anzusehen. Dabei musste er es dem Hund überlassen,
ob er ihm folgen wollte.
Nico ging durch den Gang hinaus ins Freie. Geblendet von der
plötzlichen Helligkeit schirmte er seine Augen mit der
Hand ab und die sengende Hitze ließ die Luft über
dem Platz vor dem Hauptgebäude flimmern. Selbst hier,
in vierhundert Metern Höhe, regte sich kein Wind und
am Thermometer neben dem Eingang waren 31 Grad im Schatten
abzulesen.
Kurz entschlossen marschierte Nico über den Platz, der
mangels Wasser nur noch aus einer Steppe mit vertrocknetem
Gras bestand.
Viele Erinnerungen begleiteten ihn auf dem Stück bis
zum Sammelplatz. Schwer vorstellbar war zum Beispiel der Nebel,
mit dem sie es damals hier zu tun hatten. Allerdings, gemessen
an diesem Wetter wäre er allemal angenehmer gewesen.
Schwärme von Wiesenheuschrecken flogen bei jedem seiner
Schritte vom Boden auf und allerlei wärmeliebende Insekten
tummelten sich in dem trockenen Gras.
Der Sammelplatz lag um diese Zeit im vollen Sonnenschein,
schattig war es hier nur am Morgen und Abend. Wahrscheinlich
fand unter den gegebenen Umständen kein Grillen hier
statt, ein Funkenflug war immer unvermeidlich und jetzt sicher
alles andere als angebracht. Dementsprechend sah die Stelle
auch verwaist aus, die Asche schien schon älter gewesen
zu sein.
Etwas knirschte hinter ihm und er drehte sich um. Völlig
in Gedanken hatte er nicht bemerkt, dass er nicht alleine
hier war. Langsam ging er in die Knie, woraufhin Rick ihm
in die Arme lief und sich kraulen ließ. »Hey,
alter Kumpel. Hast dich entschieden? Das freut mich. Aber
hör zu, wir beide müssen ein Team werden, okay?
Ich werd dein Herrchen ersetzen bis es eine Lösung gefunden
hat.« Nico legte Ricks Kopf in seine Halsbeuge.
Rick schwänzelte und gähnte, was Nico als eine Art
Verlegenheitsgeste betrachtete.
Dann hielt Nico inne. Die letzten Stunden hier oben waren
nie aus seinem Gedächtnis verschwunden, allenfalls hatte
er sie verdrängt. Fest sah er Rick in die hellblauen
Augen, und sie hielten seinem Blick stand. Was würde
der Husky jetzt sagen, wenn er nur sprechen könnte? »Wollen
wir.. zu Manuel?«, fragte er den Hund und stand auf.
Der Besuch dieses Ortes im Wald war ihm wichtig, sehr wichtig.
Er hatte nicht gewusst wann er die Gelegenheit dazu bekommen
würde, allerdings ahnte er nicht, dass es so schnell
ging. Er holte tief Luft. »Komm, ich möchte mal
nachsehen.«
Daraufhin gingen sie auf dem Pfad in den Wald. Zaghaft trat
er kurz darauf auf den kleinen Platz, um den herum später
verstreut die Zelte stehen würden. Noch hatten die Neuen
keine Ahnung, was hier auf sie zukommen würde und Nico
schmunzelte. Er ging zu der Stelle, an der damals in etwa
sein Zelt stand. Er erkannte sie wieder, an einem markanten
Baum. Anscheinend war der selbe Platz nicht wieder belegt
worden, denn das Grünzeug wucherte an der Stelle. Vermutlich
suchte man mit Absicht immer andere Plätze, damit sich
der Boden erholen konnte.
Der Baumstamm zum draufsitzen lag noch da wie damals, völlig
unverändert. Vielleicht etwas mehr verwittert, von einigen
hundert Holzwürmern mehr bewohnt. Tief holte Nico Luft,
presste sie mit Gewalt bis in die letzten Lungenbläschen.
Schade dass er nicht hier seine Bleibe aufstellen konnte,
dass man ihn nahe am Geschehen lassen würde. Aber natürlich
war es absurd, es machte nicht den geringsten Sinn.
Der Weg war immer noch derselbe, hinein in die Tannenschonung,
bis zu der Wegkreuzung. Damals hatten sich Stefan und er heimlich
dorthin geschlichen, heute war es ganz offiziell. Er war todsicher,
dass Falk jetzt ganz genau wusste wo er hinwollte.
Nico blieb stehen. August, sie waren beim ersten Mal auch
im August hier gewesen, so wie jetzt.
Dann trat er aus dem Wald, auf die Lichtung. Der Sanitärwagen
war fort, endlich. Wenn man nicht genau wusste wo er stand,
würde man es überhaupt nicht vermuten. Aber da stand
er einmal, zwischen den beiden großen Bäumen. Auch
den dicken Ast, der damals auf den Wagen gestürzt war,
gab es nicht mehr. Die Erinnerungen kamen nun nicht mehr so
lebhaft zurück, als wenn es diesen Wagen noch gegeben
hätte.
Langsam gingen die beiden durch das Gestrüpp voran, hin
zu der Stelle wo Manuels Kreuz stehen musste. Auch diese Stelle
hatte er sich damals genau gemerkt, aber das Kreuz war verschwunden.
Nichts, überhaupt nichts erinnerte mehr an die Geschehnisse
von damals. Das hier war weiter nichts als eine Lichtung im
Wald, wie es sie Tausendfach gab. Ohne besondere Eigenschaften.
»Rick, weißt du wo Manuels Kreuz ist?«
Der Husky schwänzelte und sah ihn fragend an. »Klar,
das verstehst du ja nicht.« Langsam setzte sich Nico
ins Gras, etwa an der Stelle, wo er mit Stefan am letzen Tag
gesessen hatte. War es richtig, dass nichts mehr an Manuel
erinnerte? Nico schüttelte den Kopf und kraulte Rick.
»Nein, es ist nicht gut wenn vergessen wird.«
Da es ihm keine Ruhe ließ, stand er auf und suchte
im nahen Unterholz. Schließlich wurde er fündig.
Einige Meter weiter lag das Kreuz im Laub. Jemand hatte den
Namen mit einem scharfen Gegenstand fast unkenntlich gemacht
und der rechte Flügel des Kreuzes war abgebrochen. Nico
erstarrte, weil das hier mit roher Gewalt zugegangen sein
musste. Wer immer das auch gewesen war, Nico schämte
sich nicht, seinen Tränen freien Lauf zu lassen und auch
nicht, demjenigen, der diese Schändung zu verantworten
hatte, den Teufel an den Hals zu wünschen.
Es wurde sein Herzenswunsch, mit Falk darüber zu reden.
Vielleicht, weil er überhaupt nicht mit so etwas hier
gerechnet hatte, entschloss er sich zur raschen Umkehr. »Komm,
Rick, wir müssen zurück.«
Auf dem Rückweg fiel ihm noch etwas anderes ein. Vielleicht
hatte er es in all der Zeit nur unterdrückt, aber er
war sicher, ihm fehlte dieser Zusammenhalt, den er hier erlebt
hatte. Die Freundschaft, die Gespräche. Einfach alles,
was damit zusammenhing. Hatte ihm Stefan das alles nicht bieten
können und war es darum auch mit ein Grund, warum sie
sich kaum noch verstanden? Tatsache war, dass sie kaum andere
Freunde um sich hatten. Gelegentlich trafen sie mit Arbeitskollegen
die eine oder andere Verabredung, aber das war eher selten.
Sie hatten sich gehabt und das war ihnen genug.
Öfter blieb Nico stehen, rief sich Einzelheiten seiner
Zeit hier ins Gedächtnis. Ja, das hatte ihm gefehlt,
ohne dass er es richtig wahrnahm. Doch nun stand er auf der
anderen Seite. Wenn er es im richtigen Licht betrachtete,
war er völlig auf sich allein gestellt. Sicher, er hatte
jede Unterstützung der Betreuer, aber fühlte er
sich nicht bereits schon jetzt mehr als Bindeglied, als Vermittler
zwischen den Jungs und den Betreuern? Darüber hatte er
schon oft nachgedacht, aber es war nie greifbar. Er musste
einen Weg finden in diesen drei Wochen, und zwar seinen Weg.
Er wollte es gut machen und vor allem richtig. Es war nun
mal sein Wunsch geworden, hier einmal zu arbeiten und das
hatte nichts mit seinem Schwulsein zu tun, zumindest glaubte
er das. Die Jungen hier waren seine Arbeit, seine Zukunft.
Er würde niemals ausschließen können, dass
er sich hier verlieben könnte, aber er fühlte sich
stark genug, gegen diese Gefahr ankämpfen zu können.
Es durfte einfach nicht passieren.
Wenig später kam er am Zeltplatz an. Schon am nächsten
Morgen würde hier Leben herrschen. Nico beschloss, die
Vergangenheit hinter sich zu lassen soweit es ging. Einzig
Manuel, da musste etwas geschehen.
Schon als er am Sammelplatz aus dem Wald trat, sah er die
Jungen vor dem Hauptgebäude stehen. Dieser Tag war zum
ankommen, kennenlernen. Sollte er sich dazustellen? Er brauchte
den Kontakt zu ihnen, ohne Zweifel. Warum nicht schon jetzt?
Absondern durfte er sich nicht, das war auf keinen Fall Sinn
der Sache.
Während er über das dörre Gras auf die Gruppe
zulief, machte er sich Gedanken wie er es am besten anstellen
könnte. Ein bisschen Angst hatte er davor, die Grenze
nicht eindeutig zu erkennen. Sie sei fließend, hatte
Falk gesagt. Und eine Gratwanderung war es allemal.
Mit erhöhtem Herzklopfen kam er dann, mit Rick im Geleit,
bei der Gruppe an.
Waren die Blicke misstrauisch? Sicher, denn Nico hatte die
einmalige Erfahrung, an ihrer Stelle gewesen zu sein und dieses
Gefühl genau zu kennen. Und da war Misstrauen nun mal
an erster Stelle.
Die sechs Jungen standen am Eingang zum Gebäude, vier
von ihnen rauchten. Nico überlegte es sich noch einmal
kurz, dann trat er zu ihnen. Irgendwie würde sie ins
Gespräch kommen und damit fischte er eine Zigarette aus
seiner Schachtel und stellte sich zu der Gruppe.
Allerdings galt deren Aufmerksamkeit weniger ihm, als Rick.
Der Husky war schon eine recht imposante Erscheinung und kaum
jemand würde ihm auf Anhieb ohne Respekt gegenübertreten.
»Der tut euch nichts«, waren dann auch Nicos erste
Worte. Kaum hatte er die Zigarette im Mund, streckten sich
ihm zwei Feuerzeuge entgegen. Das nächstgelegene nahm
er an. »Danke.«
»Ganz schön heiß«, meinte der Junge,
der ihm Feuer gegeben hatte. »Und die sagen, das bleibt
so. Was machen wir eigentlich den ganzen Tag in dieser Hitze?«
»Schwimmbad«, antwortete ein anderer.
Eine typische Antwort an dieser Stelle und Nico ging natürlich
nicht darauf ein. Was konnte es schaden, sie nach ihrem Namen
zu fragen? Er hatte ein recht gutes Namensgedächtnis
und zudem konnte er später die Namen in den Akten zuordnen,
wobei es in denen ja auch Passfotos gab.
Inwieweit sie sein Vorstellungsgespräch an der Hütte
noch im Kopf hatten, wusste er freilich nicht. »Also,
falls ihr es vergessen oder verpasst habt: Ich bin Nico Hartmann.«
Die Jungs sahen ihn an. »Und Sie sind – kein
richtiger Betreuer hier, richtig?«
Nico merkte sofort den Hintergrund der Frage, das war doppeldeutig
gemeint. Die Ungläubigkeit mag ihre Ursache in seinem
Aussehen gehabt haben, denn ohne weiteres hätte er als
einen der ihren gelten können. »Im Grunde schon.
Ich mache hier mein Praktikum und stehe den Betreuern zur
Seite.« Ob das nun richtig war, vermochte Nico nicht
zu beurteilen, zumindest aber hatte er seinen Sonderstatus
klargemacht.
»So ne Art.. Azubi?«, kam es von einem dritten.

Die ganze Gruppe lachte. Nico musste unter allen
Umständen Verlegenheit, so sie auftreten wollte, kaschieren.
»Nein, eigentlich nicht.« Oder doch? Er war sich
nicht sicher, wie er mit dieser Frage umgehen sollte. Nur,
so konnte er es nicht im Raum stehen lassen. »Vielleicht
dann doch eher Praktikant.« Das war irgendwie ein schreckliches
Wort, das ganz und gar nicht in diesen Rahmen passte. Aber
ein anderes fiel ihm nicht ein. »Aber mit den gleichen
Rechten und Pflichten. Wär übrigens schön,
wenn ihr euch kurz vorstellen würdet.« Damit verschaffte
er sich etwas Luft, die ihm plötzlich etwas dick vorkam.
Die Jungen sahen sich an, aber anscheinend nicht weil sie
nichts sagen wollten. Den Anfang zu machen war eben nicht
leicht.
Schließlich holte der erste unter ihnen Luft. Er reichte
Nico die Hand, was der Atmosphäre sofort die Spannung
nahm. »Peter Engel.«
Nico hielt seine Hand hin. Mochte das auch recht förmlich
ausgesehen haben, vor allem unter Jugendlichen, so war es
eher als Höflichkeit gedacht. Der Junge reichte ihm ebenfalls
die Hand. Er war groß, kräftig, dunkelblond, braune
Augen. Sein etwas rundes Gesicht verlieh ihm so ein bisschen
den Status eines Ringers. »Und wie alt bist du?«
»Neunzehn.«
Mehr fragen wollte Nico keinem stellen, alles andere konnte
er ihren Akten entnehmen.
Zwei aus der Gruppe kannte Nico ja bereits, es waren Marco
und Patrick. Nachnamen spielten zumindest in seinem Kopf zunächst
keine Rolle. »Wir kennen uns ja schon«, sagte
er denn auch und sah die beiden an. Sie nickten.
Dann fiel sein Blick auf einen anderen Jungen, dessen kantig
wirkende Figur und das strohblonde Haar auffielen. Er war
einen halben Kopf kleiner als Nico und das ausdrucksstarke
Gesicht sowie die stechend blauen Augen rundeten den ersten
Eindruck ab. Nico vermutete hinter ihm einen Osteuropäer
und als sich er Junge mit »Roman Vavlek« vorstellte,
wurde seine Annahme bestätigt. Er sei 18 und aus Polen,
erfuhr er dann noch.
Auch der nächste in der Gruppe siedelte er in dieser
Ecke an. Fast schwarze, stufig geschnittene Haare, etwas größer
als er selbst und kräftig. Aber Roko Svenic stammte aus
Albanien und sei 18, wie er sagte.
Der Letzte in der Gruppe war schmächtiger als die anderen
und trug halblange, braune Haare, hatte grüne Augen,
war so groß wie Nico und weckte dessen Aufmerksamkeit
durch sein etwas feminines Aussehen.
»Herres, Antoine. Meine Mutter ist Französin und
ich hab nen deutschen Vater«, erfuhr Nico von ihm. Auch,
dass er ebenfalls 18 war. Er schien der nervöseste in
der Gruppe zu sein, in seinen Worten schwang eine gehörige
Portion Unsicherheit mit.
Damit hatte Nico in etwa ein kleines Bild von den Jungen,
die in den nächsten drei Wochen um ihn sein würden.
Alles in allem machte keiner einen aggressiven Eindruck, was
natürlich gar nichts heißen musste. Mehr als einmal
hatte Nico andere Erfahrungen gemacht, sowohl in den Camps
als auch draußen.
»Wie ist das denn nun, drei Wochen zelten?«,
wollte Roman wissen.
»Ja, genau«, hakte Peter nach.
»Herr Stein hat uns ja schon gesagt warum und so. Aber
ist das nicht ein bisschen uncool?«
»Durchaus nicht. Es hat schon seine Vorzüge wenn
man sich nicht groß um Ordnung kümmern muss. Und
wie er sicher gesagt hat, bleiben die Inneneinrichtungen verschont.«
Näher wollte Nico nicht darauf eingehen. Ihn interessierten
jetzt die Akten, mit denen er sich sowieso beschäftigen
musste. »Ich muss arbeiten. Man sieht sich. Bis später.«
Gefolgt von Rick und ein paar leisen Tschüs –
Rufen betrat Nico das Gebäude. Steins Bürotür
stand offen, aber er selbst war nicht da.
Entschlossen griff sich Nico den Stapel an Akten, die noch
auf dem Schreibtisch lagen und trug sie in sein Zimmer.
Nachdem er sie auf den Schreibtisch gelegt hatte, ließ
er sich auf das Bett fallen. Ja, genau seine Kragenweite wie
er sofort feststellte. Er schloss die Augen und begann, alles
hinter sich zu lassen. Schnellstens eingewöhnen, das
war jetzt oberste Priorität.
Er zuckte kurz zusammen, als es an seiner offenen Tür
klopfte.
»Stör ich?«
»Nein, Rainer, natürlich nicht. Bin grad dabei,
anzukommen.«
Rainer Bode kam zu ihm und setzte sich ungefragt auf die
Bettkante. Nico störte das nicht, denn, hatte er eh schon
recht früh einen guten Draht zu dem Betreuer gehabt,
würde sich diese Bande bestimmt noch verstärken.
Nico war gewillt, Rainer Bode auf der Schwelle zu einem guten
Freund zu sehen.
»Na, dann, herzlich Willkommen an Bord. Ich hoff, du
hast ne gute Zeit hier.«
»Die hab ich todsicher, Rainer. Wie geht es dir denn
so?«
»Och, kann nicht klagen. Hier ist es ja nie das Gleiche
wie du weißt. Ansonsten, man schlägt sich halt
so durch.«
»Besonders glücklich klingt das aber nicht.«
»Na ja, im Privaten gibt’s da so ein Problemchen,
aber nichts gravierendes.«
Nico hakte nicht weiter nach, vielleicht ergab sich dazu
noch die eine oder andere Gelegenheit.
»Und wie ist es bei dir? Was macht Stefan?«
»Weiß nicht, wir haben uns getrennt. Aber nicht
für die Ewigkeit. Vielleicht wird es noch mal was, keine
Ahnung. Abwarten.«
Bode nickte und sein Blick fiel auf Rick, der an der Tür
lag und die beiden beobachtete. »Ich denk, du wirst
der Richtige für ihn. Mich mag er nicht besonders, dabei
hab ich keinen Schimmer warum nicht. Aber gut, ich geb zu
dass ich mit Tieren im allgemeinen nicht viel am Hut hab.
Wahrscheinlich spürt er das.«
Eigentlich würde die beiden gut zusammenpassen, dachte
Nico. Aber gut, daran war nichts zu ändern.
»So, ich muss noch was tun. In einer Stunde gibt’s
eh Abendessen.«
»Ach, Rainer. Ich war am alten Platz, drüben und
Manuels Kreuz ist geschändet worden. Weißt du wer
so was tun könnte?«
Bode machte ein ernstes Gesicht. »Wirklich? Hm, keine
Ahnung. Es kommen ja das ganze Jahr über Leute in den
Wald. Dass es jemand aus dem Camp gewesen sein könnte..
ich kann's zwar nicht ganz ausschließen, aber trotzdem.
Nein, das halt ich für ausgeschlossen. Ich könnte
nicht einmal sagen, wann ich das letzte Mal da drüben
war.«
»Vielleicht sollte man ein neues machen. Also ich würde
es schon gern.«
»Klar, die Jungs können das machen. Erinnere mich
noch mal dran.« Bode stand auf. »Okay dann, bis
später dann.«
Nico legte sich noch einen Augenblick um. Bis zum Essen brauchte
er auch keine Akten mehr einzusehen. Er begann nach einigen
Minuten stattdessen, seine Sachen auszupacken und das Notebook
aufzustellen.
Danach begab er sich in den kleinen Aufenthaltsraum. Die
Jungs saßen alle schon da, im Augenblick herrschte noch
ziemliche Stille. Nico war der erste der Betreuer und etwas
unsicher trat er an den Tisch, wo für vier Personen gedeckt
war.
»Hier kannst dich setzen«, hörte dann Felix
Gröbners Stimme. Der Koch brachte Gläser und Getränke
an den Tisch.
Nico bedankte sich und setzte sich auf seinen neuen Platz.
Von hier aus hatte er freien Blick zum Tisch der Jungen und
die sahen nun alle zu ihm herüber, was ein gewisses Unbehagen
bei ihm auslöste. Merkwürdig: Er kannte diese Räumlichkeiten,
besser als die Jungs da drüben und doch fühlte er
sich an dieser Stelle irgendwie fremd. Er würde sich
wirklich erst daran gewöhnen müssen.
Er blieb allerdings nicht lange alleine mit seinen Gedanken,
wie auf Kommando kamen Stein, Bode und Korn in den Raum, riefen
allesamt »Mahlzeit« und setzten sich zu Nico an
den Tisch.
»Na, schon eingelebt?«, wollte Michael wissen.
»Etwas. Ich denke das dauert noch ein paar Tage.«
Nun kamen auch Gespräche bei den Jungen auf. Sie sprachen
leise, so dass man kein Wort verstehen konnte, aber scheinbar
tuschelten sie nicht. Würde alles seine Zeit brauchen,
dachte Nico und ließ sich von den Schnittchen, die Felix
jetzt brachte, ablenken.
Viel geredet wurde nicht am Tisch, was Nico einerseits ganz
entspannend, andererseits etwas bedrückend fand. Darum
unterbrach er diese Stille. »Weiß man, wie es
Joachim geht?«
Stein nickte, während er in sein Brot biss. »Er
hat sich eine gehörige Portion Amphetamine reingeworfen,
Speed und noch ein paar andere Sachen. Er wird morgen in seine
Heimatstadt verlegt. Soweit geht es ihm gut, eben den Umständen
entsprechend.«
»Wusste davon denn niemand?«, fragte Rainer.
»Offensichtlich nicht. So wie es aussieht ist er im
Zug an das Zeug gekommen, oder am Bahnhof wo er losgefahren
ist.«
Nico überlegte, ob er Manuels Kreuz in dieser Runde
ansprechen sollte, aber er ließ es dann sein. Rainer
wollte ihn unterstützen, mehr Aufhebens musste sicher
nicht sein.
Nach dem essen stand Stein auf und ging zum Tisch er Jungen.
Nico wusste in ungefähr noch, was er ihnen sagen würde.
Nämlich wie es jetzt weiterging.
Stühlerückend und mit Gemurmel stand die Gruppe
anschließend auf und verließ Stein folgend den
Raum.
Rainer Bode stand ebenfalls auf. »So, ich werd dann
mal nach Hause fahren. Michael, du hast ja ab heute Nachtwache«,
richtete er das Wort an den Betreuer.
»Ja, die macht mir auch nichts aus. Aber Mittwoch auf
Donnerstag, da wär ich schon gern zu Hause. Natalie hat
Geburtstag und..«
»Ich würd es ja gern machen«, bemerkte Bode
und rieb sich nachdenklich am Kinn, »aber Mittwochabend
bin ich selbst eingeladen.«
»Wenn Not am Mann ist, ich meine, so schwierig kann
das ja nicht sein, auf die aufzupassen«, lenkte Nico
ein. »Also mir macht das jedenfalls nichts aus, ich
bin eh hier.«
Die beiden Betreuer sahen ihn an, dann sich. »Nun,
im Grunde ist es in der Tat kein Hexenwerk. Michael kann dich
morgen Abend ja einweisen, oder?«
Michael nickte. »Kein Problem. Es gibt so einen Notfallplan,
man kann im Grunde gar nichts falsch machen. Ich komme morgen
nach dem Abendessen einfach auf dich zu, okay?«
»Klar. Muss Falk da sein Veto einlegen?«
»Nein, nicht unbedingt. Er hat ja schon vorher gemeint,
dass du das eventuell auch machen kannst. Von daher also gibt’s
keine Probleme. Ich sag ihm Bescheid, aber es ist nur ne Formsache.«
Nico war schon ein wenig stolz darauf, dass man ihm ohne
großes Hin und Her Verantwortung übertrug. »Gut,
dann geh ich mal noch nen Spaziergang machen, oder liegt noch
etwas an?«
Seine beiden Kollegen schüttelten den Kopf.
»Na denn viel Spaß und ne gute Nacht. Bis morgen,«
sagte Rainer Bode.
»Warte«, bat Michael, »ich komm doch glatt
mit. Ciao Nico und bis Morgen.«
Innerhalb von Sekunden saß Nico alleine in dem Speiseraum.
Er lehnte sich gemütlich zurück und schloss für
einen Moment die Augen. Bis jetzt lief alles so glatt und
ganz nach seinen Wünschen. Na ja, bis auf diesen Joachim,
aber so was kommt vor, es gab keinen Grund, sich unnötige
Gedanken zu machen. Er stand auf, als Gröbner das Geschirr
wegräumte. »Und wie isses so, hier?«, wollte
er von dem Koch wissen.
»Bin zufrieden. Manchmal ist ein bisschen Stress, besonders
wenn’s mal wieder an der Zeit ist, am Essen rumzumeckern,
aber sonst – es gibt viel Schlimmeres.«
»Gut, ich geh dann mal an die frische Luft, hier passiert
ja doch nichts mehr.«
»Nee, heute nicht. Die ziehen ja erst Morgen ins Camp.
Wobei.. ein bisschen beneide ich die schon. Da draußen
kühlt es Nachts doch ein bisschen mehr ab als in den
Häusern im Dorf.«
Nico lachte. »Zieh doch auch hin, in einem Zelt. Platz
ist da ja genug.«
Felix grinste. »Na ja, schon, aber meine Frau ist mit
solchen Eskapaden ganz bestimmt nicht einverstanden.«
»Okay, dann mal nen schönen Feierabend.«
»Dir auch, Nico. Bis morgen früh.«
Nico trat aus dem Gebäude. Er hörte Stimmen, die
aus dem provisorischen Schlafraum kamen. Falk würde jetzt
noch die Regeln verkünden, die Gebote und Verbote aussprechen.
Eigentlich wäre Nico gern dabei gewesen, einfach auch
um Präsenz zu zeigen, aber nun waren die eh bald fertig.
Er setzte sich auf die Bank neben dem Eingang, zündete
sich eine Zigarette an und ließ sich von der Sonne bescheinen.
Jetzt hatte sie nicht mehr die volle Kraft das Tages und begann,
hinter den Bäumen über dem Platz zu verschwinden.
Dennoch drückte noch immer die Hitze des Tages auf Mensch
und Tier. Den Beweis dafür hatte er auch in unmittelbarer
Nähe: Rick lag von allem Geschehen unbeeindruckt vom
drum herum im Eingangsbereich des Gebäudes und schlief.
Zumindest schien er zu schlafen.
Die Stimmen wurden dann etwas lauter und die Gruppe kam aus
dem Gebäude. Sie beachteten Nico nicht weiter, was ihn
allerdings nicht störte. Irgendwann würde diese
natürliche Distanz kleiner, nur durfte sie nicht vollends
verschwinden.
Durch die Jungen aufgeweckt trabte dann auch Rick vor die
Tür, allerdings nur, um sich neben Nico hinzulegen und
fast demonstrativ alle Viere von sich zu strecken.
Stein kam nun ebenfalls heraus und setzte sich zu Nico auf
die Bank. »Und, alles klar soweit?«
»Ja. Ich hab mich gemeldet für die Nachtwache,
Mittwoch auf Donnerstag. Die beiden können nicht und
ich dachte, das kann ich ja auch machen.«
»Sicher, das ist schön von dir. Je eher du dich
in das Camp integrierst, um so besser. Du wirst sehen, die
Zeit ist kein wirklicher Faktor hier. Sie vergeht auch für
uns wie im Flug und kaum hast du dich an die Gruppe gewöhnt,
geht sie auch schon wieder.«
Nico drückte den Kippen im Aschenbecher aus. »Ich
werd dann mal noch einen Rundgang machen. Müde bin ich
noch kein bisschen.«
»Tu das außerdem wird es im Wald jetzt richtig
angenehm. Ach und noch etwas: Wir fahren morgen nach dem Frühstück
rüber ins Camp zwei, du sollst ja auch den Rest der Betreuer
kennen lernen.«
»Ja, okay.« Nico wandte sich an Rick.. »Kommst
du noch mal kurz mit?«
Der Husky hob den Kopf, als würde er Tonnen wiegen,
schielte kurz zu Nico und Stein, ließ dann aber seinen
Kopf regelrecht zurückfallen und grummelte.
»Nee, eher nicht«, lachte Stein, »der wird
erst am späten Abend wieder munter.«
»Gut, bis dann«, verabschiedete sich Nico. Ein
Ziel hatte er nicht, einfach nur völlig abschalten. Er
hoffte, diese Gelegenheit öfter zu bekommen.
Zwar lief er ohne festen Plan, aber dennoch zog es ihn irgendwie
hin zum Camp.
Dort setzte er sich auf den alten Baumstamm und ließ
sich einfach von seinen Gedanken treiben. Teile davon gehörten
auch Stefan. Die Vergangenheit einfach so hinter sich lassen,
das war so leicht nicht. Ob er seine Mail bereits gelesen
hatte? Wenn ja, wo? Würde es - sollte er es wirklich
schaffen, später im Camp arbeiten zu können - Einfluss
auf ihre Zukunft haben? Stefan war so mehr der häusliche
Typ, der die Zeit am liebsten in den eigenen vier Wänden
verbrachte. Solche Dinge wie hier waren nichts für ihn,
das wusste Nico schon länger. Aber er wollte den Preis,
der für einen Neuanfang zu bezahlen war, nicht berappen.
Sollte sich Stefan wieder melden, sollte es soweit kommen
dass sie noch ein Mal von vorne beginnen wollten, dann musste
sein Freund Kompromissbereit sein. Nico versuchte, die Nachteile
des Camps in ihrer Beziehung herauszufinden, aber es gelang
ihm nicht. Nichts war im Augenblick greifbar, was die Sache
an sich in Frage stellte. Und so konnte es bleiben.
Es war bereits dunkel als er am Hauptgebäude ankam.
Auch im Bereitschaftszimmer war kein Licht mehr zu sehen,
Michael würde wohl schon schlafen. Rick lag unter der
Bank am Eingang und selbst wenn er den Eindruck machte, tief
zu schlafen, er würde Nico schon gehört haben als
er aus dem Wald drüben trat.
Er bückte sich und streichelte das Fell des Huskys. Der
gab nur ein leises Brummen von sich, wollte offenbar nicht
gestört werden. »Dann schlaf mal schön weiter«,
flüsterte Nico.
Mit Hilfe der Displaybeleuchtung seines Handys suchte sich
Nico den Weg zu seinem Zimmer. Völlig geschafft von den
Eindrücken dieses langen Tages schlüpfte er aus
seinen Shorts und den Boxer, löschte das Licht und ließ
sich nackt auf das Bett fallen. Bis auf das Grillenkonzert,
das durch das weit geöffnete Fenster zu hören war,
umgab das Gelände diese Ruhe, nach der sich Nico manchmal
gesehnt hatte. Vor seinen Augen lief der Tag noch einmal ab,
wobei er nicht verhindern konnte, dass die Jungen des Camps
sein Denken dominierten. Bis jetzt war ja fast alles so wie
er es sich im Großen und Ganzen vorgestellt hatte.
Das Bett war bequem, es quietschte und knarrte nicht, war
nicht zu hart und nicht zu weich. Zumindest diese Sache würde
keine Probleme bereiten, denn nichts Schlimmeres als die falsche
Matratze.
Obwohl ihm die Augen brannten und die Müdigkeit fast
schon lähmte, konnte Nico nicht einschlafen. Zu viele
Dinge gingen durch seinen Kopf, auch Stefan mischte dort mit.
Es war jedoch zu erwarten, dass sich das im Lauf der Zeit
hier geben würde. Die Tage waren angefüllt mit Aufgaben,
sie würden ihn sicher auf andere Gedanken bringen.
Ob es derselbe Waldkauz war, den er jetzt laut und deutlich
hören konnte? Nico stand auf und trat zum Fenster. Diese
herrliche Einsamkeit hier draußen und doch keine Minute
langweilig. Eine schöne, ausgeglichene Mischung. Er zog
den Stuhl vom Schreibtisch ans Fenster, nahm seine Shorts
und nestelte die Zigarettenschachtel heraus. Stockfinster
war es nicht in dem Raum, ein Nachtlicht in der Steckdose
neben der Tür spendete ein schwaches, grünes Licht.
Die Flamme seines Feuerzeugs blendete ihn einen Moment lang,
dann setzte sich Nico auf die Fensterbank und stellte die
Füße auf den Stuhl. Eine leichte, kühle Brise
wehte jetzt vom Wald her.
Plötzlich hörte er Geräusche. Es war nicht
auszumachen wer oder was sie erzeugte. War das inner- oder
außerhalb des Gebäudes? Nico lehnte sich aus dem
Fenster, aber hier auf der Rückseite war alles ruhig.
Es musste im Gebäude sein und es war in der Nähe.
Rasch knipste er die Nachttischlampe an, schlüpfte in
seine Boxershort und griff die Taschenlampe, die er in weiser
Voraussicht schon am Nachmittag auf den Nachttisch gelegt
hatte.
Ohne langes Zögern öffnete er seine Zimmertür
und in der selben Sekunde erfasste der Lichtkegel seiner Taschenlampe
eine Gestalt. Nico wich erschrocken zurück, doch in den
wenigen Sekunden wurde ihm klar, dass es auf keinen Fall ein
Fremder sein konnte. Der wäre nie an Rick vorbeigekommen.
Schnell hob Nico die Lampe hoch und leuchtete der Gestalt
ins Gesicht. »Marco?«
Der Junge hielt die Hand vor sein Gesicht um nicht geblendet
zu werden. »Ja, ich bin es.«
Nico stellte fest, dass der Junge ebenfalls nur mit einer
Retroboxer bekleidet war. Sofort richtete er den Lichtstrahl
vor sich auf den Boden, er wollte einfach nicht mehr sehen,
nicht mehr und nicht deutlicher. »Ist etwas passiert?«,
fragte er etwas verwirrt.
Ȁhm.. ich hab Kopfschmerzen und kann nicht schlafen.
Ich suche das Bereitschaftszimmer, Herr Stein sagte heute
Mittag, dass es hier hinten irgendwo sein würde.«
»Ja, eine Tür weiter. Aber Herr Korn schläft
sicher schon. Willst du eine Tablette?«
»Das wär gut, ja. Weiß gar nicht woher die
Schmerzen kommen.«
Nico überlegte rasch. Sollte er die Sache lieber Michael
überlassen? Konnte es etwas Schlimmes sein? Eigentlich
nicht. »Sonst fehlt dir aber nichts?«
Marco schüttelte den Kopf. »Nein, alles okay.«
»Warte, ich hol dir welche. Er ging ins Zimmer zurück
und schaltete die Nachttischlampe ein. Er hatte Tabletten
mitgenommen, für alle Fälle und während er
in seinem Kulturbeutel nach der Schachtel suchte, stand Marco
unter der Tür und beobachtete ihn. Nicht dass Nico das
gestört hätte, es gab ja nichts Geheimes in dem
Zimmer, aber er spürte förmlich diese Blicke. »Ah,
da sind sie ja.«
Marco lehnte unter der Tür und für einen Augenblick
war Nico sich nicht sicher, ob dessen Schmerzen tatsächlich
existierten. Allerdings, das konnte er erstens nicht beurteilen
und zweitens, warum sollte der Junge eine Show abziehen?
»Hier.« Er drückte Marco zwei Tabletten in
die Hand. »Und, ist alles ruhig im Schlafraum?«
»Ja, fast. Nur Roman sägt die ganzen Bäume
hier ab.« Dabei grinste der Junge, wie es Nico schon
zu Beginn an ihm aufgefallen war. Dieser Marco war ziemlich
hübsch, eigentlich so seine Kragenweite wie er sich eingestehen
musste. Es lag in der Natur der Sache, dass so etwas passieren
konnte, damit hatte er sich lange genug auseinander gesetzt.
Freilich waren das aus seiner Sicht nur natürliche Erkenntnisse
und keinesfalls ein Grund zur Beunruhigung. »Hm, da
kann man leider nichts machen. Wenn es zu nervig wird, einfach
Bescheid sagen, wir haben so viel ich weiß Ohrstöpsel
hier.« Nichts wusste er, aber es war anzunehmen, denn
letztlich würde das doch ständig vorkommen. »Aber
nun nimm die Tablette, erst mal eine. Wenn's nicht besser
wird, die andere auch noch.«
»Ja, mach ich. Und vielen Dank. Gute Nacht.«
»Schon gut. Gute Nacht.«
Nico leuchtete dem Jungen den Gang entlang, bis er oben um
die Ecke bog, wo es zum Schlafraum ging. Es war nicht zu umgehen,
dass er die Figur des Jungen ziemlich genau erkennen konnte.
Mit einem leisen Seufzer ging er zurück in sein Zimmer,
löschte das Licht und warf sich erneut auf das Bett.
Marcos Erscheinen hatte ihn aufgewühlt, aber irgendwann
musste er jetzt schlafen, die Tage würden trotz allem
anstrengend werden.
Früh jagte ihn der Wecker aus dem Schlaf. Er hatte jene
Zeit gewählt, in der die Jungen bereits beim Frühsport
sein mussten und hatte so die Duschen für sich.
Durch eine Wechseldusche kam er kurz darauf schnell in die
Gänge und er genoss diese Minuten ausgiebig.
Richtig munter sah dann keiner der Jungs am Frühstückstisch
aus. Das mag zum einen an einer eher schlaflosen Nacht und
zum anderen an dem Tag an sich gelegen haben. Aufbau der Quartiere
und, so wie Nico kurz zuvor am Dienstplan gesehen hatte, dieser
Eingewöhnungsmarsch. Na ja, wenn man das Marsch nennen
konnte. Bei der Hitze, die auch diesen Tag kennzeichnen sollte,
war wohl eher ein etwas gemächlicher Spaziergang angesagt.
Stein, Bode und Korn saßen schon an ihrem Tisch. Es
ging wie fast immer um das Wetter und Neuigkeiten aus der
Tageszeitung. Der Sicherheit halber erzählte Nico auch
von Marco Serrolas und den Tabletten.
»Das war in Ordnung, Nico«, lobte ihn Stein.
»Das sind Dinge, die kommen öfter vor. Mal tut's
hier weh, mal da.. in den meisten Fällen können
wir das ohne Arzt abklären. Ich denke nicht dass du eine
Anweisung brauchst, wann der Doktor gerufen werden muss. Sowas
sieht man sofort. Im Bereitschaftszimmer gibt es einen Verbandskasten,
der muss auch immer mit wenn wir mal draußen sind, im
Gelände. Und das mit den Ohrstöpseln stimmt sogar,
wir haben welche hier.«
Abgesehen von den Eigenschaften, die man als Betreuer mitbringen
musste, war wohl auch eine gewisse Grunderfahrung in Sachen
Erste Hilfe angesagt. Aber da musste sich Nico keine Gedanken
machen, diese Dinge beherrschte er ziemlich gut.
Während Bode und Korn die Gruppe zum Camp führte,
stiegen Stein und Nico samt Rick in seinen Wagen und begaben
sich auf den Weg zum anderen Camp.
»Die Jungs dort wirst du auf dem Grillfest so nahe
kennen lernen wie das nötig ist. Es macht keinen Sinn,
sich näher mit ihnen zu beschäftigen.«
»Gibt es eigentlich Kriterien, wonach man unterscheidet
wer in welches Camp kommt?«
»Nein, das ist rein Willkürlich. Allerdings gibt
es Unterschiede zwischen den Camps allgemein. In der Eifel
gibt es eins, die Jungs dort sind schon ein ziemlich harter
Brocken. Die würden hier nur Unruhe stiften.«
Nico grinste.»Dann sind die hier also eher –
von der leichten Sorte?«
»Ja, im Grunde schon. Die Delikte und Strafmaße
sind etwa im gleichen Niveau. Sonst würde das auch kaum
Sinn machen.«
Nico hatte damals das zweite Camp nie kennen gelernt und
so war ihm der Weg durch den Wald dorthin völlig fremd.
Dennoch prägte er sich schon gewohnheitsmäßig
markante Punkte in der Landschaft ein. Es bestand zwar kein
zwingender Grund das zu tun, aber man konnte schließlich
nicht wissen.
Nach etwa 15 Minuten erreichten sie das Hauptgebäude
von Camp zwei. Es stand nicht so frei, duckte sich fast völlig
in einen Kiefernwald, dafür gab es keinen freien Platz
davor. Auf den ersten Blick konnte man meinen, dieses Bauwerk
sollte nicht so schnell entdeckt werden. Es gab auch keine
Hinweise, wo sich der Zeltplatz befinden konnte. Alles in
allem fand Nico die Lage besser, weil es nicht so weitläufig
war.
Das Gebäude wirkte wie ausgestorben. »Die bauen
jetzt wohl auch ihr Lager auf?«, mutmaßte Nico
deshalb.
»So ist es. Die Dienstpläne der beiden
Camps sind im übrigen völlig identisch und das macht
auf vielen Ebenen einen Sinn. Dennoch liegen die Camps so
weit auseinander, dass es eigentlich nie zu einer Begegnung
der Gruppen kommt. Außer wie gesagt, beim Grillfest.«
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