| Liebe Leserschaft,
obwohl ich ja bereits einige Worte über meinen neuen
Roman verloren habe, lasst mich an dieser Stelle noch ein
paar Zeilen loswerden.
Anders als bei üblichen Storys, in denen es recht schnell
auf den Punkt kommt, kann und darf man hier einen solchen
Start nicht erwarten. Hopp und rein ist Zweifellos angebracht,
aber eben nur wenn eine Story auf einige wenige Seiten beschränkt
bleibt. Beim BC III liegen die Dinge aber anders. Mein Ziel
ist es, euch zu Beginn mit Nicos neuem Umfeld so vertraut
zu machen wie es ihm selbst ergeht. Sein Lernprozess geht
auch nicht in einigen Minuten über die Bühne und
von daher beschäftigt sich dieser erste Teil Hauptsächlich
mit seinem „Ankommen“. Das ist aber kein Hinweis
darauf, dass es in dieser Form so weitergehen wird. Sollte
der eine oder andere also die Befürchtung haben, es zöge
sich in die unendlichen Weiten hinein, kann ich ihn beruhigen.
An dieser Stelle weise ich nochmals darauf hin,
dass meine Storys nur von Pitstorys, X-Storys, Hothomo100
sowie mfe-Gay veröffentlicht werden dürfen!
Aber nun genug der Worte. Setzt euch einfach neben den
jungen Fahrer und erlebt selbst, wie sich die Dinge im Camp
allmählich entwickeln. Ich wünsche euch nun recht
gute Unterhaltung und es wäre schön, wenn ich das
eine oder andere Feedback bekommen würde.
Euer Dario
Boycamp III - Teil 1
Langsam drehte Nico Hartmann die Lautstärke seines Autoradios
etwas weiter auf und räkelte sich in seinem Fahrersitz.
Die leichte Unterhaltungsmusik passte zu den sanft geschwungenen
Hügeln, den grünen Weidewiesen, zwischen denen sich
das Auto bewegte und zu dem Himmel, der sich über all
das spannte wie eine riesige, dunkelblaue Kuppel. Gelassen
steuerte Nico den Wagen durch die leichten Serpentinen, die
sich unter dichten Laubbäumen immer weiter den Berg hinaufschlängelten.
Ein einsamer Waldparkplatz tauchte in einer Kurve auf und
kurzentschlossen steuerte Nico seinen Golf darauf zu, stellte
den Motor ab und atmete die frische Waldluft tief ein. Offene
Seitenfenster und das Schiebedach hatten ihn schon vor einer
Stunde mit der würzigen Luft bekannt gemacht.
Obwohl Nico die Straßenkarte dieser Gegend schon etliche
Male studiert hatte, nahm er sie nun erneut zur Hand. Wenn
ihn nicht alles täuschte, dann müsste er in einer
Stunde sein Ziel erreicht haben.
Nun stieg er aus dem Wagen und setzte sich auf eine der Holzbänke
auf dem kleinen Parkplatz, zwischen denen ein wurmstichiger,
aus Baumstämmen gezimmerter Tisch stand. Hohes Gras wucherte
um diese Stelle und es durfte lange her gewesen sein, dass
hier jemand eine Pause gemacht hatte. Kein achtlos weggeworfener
Müll, wie das oft zu beobachten war und selbst der Papierkorb
war leer.
Geräuschkulissen bildeten hier oben nur brummende Insekten
und einige Vögel, die an diesem heißen Sommertag
piepsend in den Kronen der Bäume und in den Büschen
herumhuschten. Nico schabte mit seiner Schuhsohle über
den Waldboden. Er dachte an einen Artikel in der Zeitung,
in die er an diesem Morgen beim Frühstück noch einen
letzten Blick geworfen hatte. Eine Hitzewelle, wie es sie
in Deutschland noch nie gegeben hatte, lastete wie eine schwere,
dicke Kuppel über dem Land. Seit Wochen hatte es nicht
geregnet und nur in einem Schwimmbad war es einigermaßen
auszuhalten, alles andere wurde fast zur Qual. Der Wetterbericht
fiel zu dieser Zeit sehr spärlich aus, er war im Prinzip
nur noch eine Wiederholung der letzten Tage und Wochen und
auch die Aussichten für die nahe Zukunft verhießen
keine Änderung. Und so war der Boden unter seinen Füßen:
trocken, staubtrocken. Je höher jedoch die Landstraße
hier in die Berge führte, desto erträglicher wurde
wenigstens die Luft.
Nico hatte noch Zeit, viel Zeit. Er war schon sehr früh
losgefahren, denn Unpünktlichkeit war ein Wort, das er
schon immer hasste. Lieber eine halbe Stunde früher ankommen
als zu spät.
Strapaziös war die Fahrt bisher nicht gewesen und so
hatte er schon unterwegs Zeit gehabt, sich auf das Kommende
vorzubreiten. Klar, das hatte er vor Wochen schon getan, aber
nun, am entscheidenden Tag, war das Gefühl doch ein anderes.
Aber immer wieder gab es dazwischen auch kurze Rückblenden
aus seinem Gedächtnis, teilweise viele Jahre zurück.
Vieles war nur noch vage in seiner Erinnerung geblieben, manches
jedoch lief vor seinem geistigen Auge so lebhaft ab, als wäre
es Gestern gewesen. Aber trotz all diesen Bildern: niemals
wäre er damals darauf gekommen, unter welchen Umständen
er jetzt wieder auf diesem Weg war. Auf einem Weg, der Teil
seiner Zukunft und seiner Vergangenheit gleichermaßen
sein würde.
Natürlich standen bei all dem auch noch Fragen im Raum.
Zum Beispiel danach, was Richtig und was Falsch gewesen war.
Was er in der Zukunft tun wollte, um Fehler, wie sie nun mal
passiert waren, zu vermeiden. Antworten bekam er darauf nicht
immer, viele Dinge hatte das Leben geschrieben; Dinge eben,
die er gar nicht beeinflussen konnte. Ganz sicher aber war
nichts von dem wiederholbar oder gar rückgängig
zu machen. Das erfüllte ihn einerseits mit einer gewissen
Trauer, andererseits mit einer gewissen Freude.
Was er nie so richtig steuern konnte war seine Beziehung zu
Stefan. Ihre als schicksalhaft beglaubte Begegnung, ihre schöne
und schlimme Zeiten. Nico verstand diese Freundschaft immer
als Symbiose; der eine konnte ohne den anderen nicht leben
oder überleben. Aber diese Ansicht verblasste mit der
Zeit. Eintönigkeit begann sich in ihr Leben zu schleichen,
das anrüchige Wort Zweckgemeinschaft machte sich unbemerkt,
aber dennoch sicher breit. Das Feuer wurde eben schwächer,
brannte herab zu einer Glut.
Als Nico damals, wenige Monate nachdem sie aus dem Camp zurückgekehrt
waren, den Entschluss fasste, das Abitur in einem Fernstudium
nachzuholen, da bereits begann diese Abkühlung. Statt
zusammen zu ziehen, wie er und Stefan es vorhatten, blieb
es eine Wochenendbeziehung. Nico stürzte sich ins Lernen
und das fiel ihm besonders am Anfang nicht leicht. Ihre Beziehung
litt mehr und mehr darunter und sie stritten deswegen häufig,
aber für Nico gab es keine Alternative. Er sah es als
eine Art Erfüllung, anderen Menschen zu helfen, Unterstützung
zu geben wenn sie nicht mehr weiterwussten. Sicherlich war
der Auslöser dafür im Camp zu suchen. Ob es Berufung
war, das wusste Nico bei der Entscheidung zum Studium noch
nicht, aber er war sicher, dass es eine Verbindung zum Camp
gab, welcher Art auch immer.
In seiner Absicht, die Lehre nach dem Abitur abzubrechen
und Soziologie zu studieren wurde er damals gestärkt,
vier Wochen nachdem sie vom Camp zurückgekehrt waren.
Da wurden alle Betreuer und Teilnehmer des Camps von Tobias’
Familie eingeladen. Die Eltern zeigten sich unendlich dankbar,
dass sie ihren kleinen Sohn unbeschadet zurückbekommen
hatten. Falk Stein erhielt dort überraschenderweise eine
Auszeichnung, ausgehändigt von Professor Roth. Stein
wollte das nicht, denn seiner Ansicht nach hatte er viel weniger
mit dem glücklichen Ende der Entführung zu tun als
„seine“ Jungs. Aber es nutzte nichts, immerhin
hatte er den Vorgang im Auge gehabt und die Aktion aus dem
Hintergrund gesteuert. Die finanzielle Belohnung wurde schließlich
unter allen gerecht aufgeteilt und jeder war mit dieser Dankbarkeitsgeste
zufrieden.
Die Presse berichtete ebenfalls noch groß über
den Fall und die Jungs verfassten damals einen Bericht, welcher
durch die Veröffentlichung allen Beteiligten zusätzlich
einige Euros in die Taschen brachte.
Wenig später hatte Nico seinem Freund gegenüber
eröffnet, dass es genau das war, was er machen wollte.
Stein wurde Vorbild und Idol zugleich und Stefan war von Anfang
an gegen Nicos Entscheidung. Dabei war es nicht das Camp,
gegen das Stefan Front machte, sondern ganz einfach der räumliche
Abstand zu ihnen beiden. Er verstand nie, warum sein Freund
ein Studium in einer Stadt begann, die weiter weg war als
ihre Wohnungen auseinander lagen.
Eines Tages kam dann, was über kurz oder lang kommen
musste. Beide wussten schon lange, dass es so nicht weiterging,
aber an eine endgültige Trennung wollte keiner weder
denken noch glauben. Genau betrachtet empfanden es beide nicht
als wirkliche Trennung. Eher an eine Pause, eben der ganzen
Sache Zeit zu geben. Zeit für beide, über alles
nachzudenken, Fehler zu suchen. Einem Neuanfang gaben beide
eine Chance, aber sie legten sich nicht darauf fest. Sie machten
keine Zeit aus, planten nichts.
Den Dingen zunächst ihren Lauf zu lassen, unter dieser
Prämisse gingen sie dann vor fast drei Jahren auseinander.
Es gab keine Tränen, kein Geschrei, keine bösen
Worte. Und es gab kein Leb wohl, sondern ein Auf Wiedersehen.
Eine Trennung auf unbestimmte Zeit.
Danach blieben sie Anfangs in einem losen Kontakt, meist per
Email oder auch mal im Chat. Doch die Kontakte wurden seltener,
jeder begann seinen eigenen Weg zu gehen und nun war es Monate
her, dass sie das letzte Mal etwas voneinander gehört
hatten.
Nico lenkte sich ab, in dem er sich in sein Studium stürzte
oder öfter mit Erkan telefonierte. Der junge Türke,
der auch nach der Zeit im Camp ein guter, wenn auch weit entfernt
wohnender Freund geblieben war, half ihm auf seine Art über
manch einsame Stunde.
Richtig losgelöst von allem, das hatte sich Nico erst
vor etwa einem halben Jahr. Das war etwa zu dem Zeitpunkt,
als er von zu Hause auszog. Zum einen wollte er ein unabhängiges
Leben führen, zum anderen lag ihm viel an der Nähe
zur Universität. Zu guter Letzt ließ er mit seinem
Zimmer auch eine Menge Erinnerungen an Stefan zurück.
Nicht, dass er oft bei ihm war, aber alles was sie an Höhen
und Tiefen in dieser Freundschaft erlebt hatten, hing wie
unsichtbare Bilder in diesem Zimmer. Zum Beispiel die wenigen
Nächte, die Stefan bei ihm verbracht hatte. Manchmal
schien noch Tage danach der betörende Geruch seines Freundes
in diesem Raum zu schweben und gerade diese Dinge versuchte
Nico, hinter sich lassen. Nicht im Gram oder in verletztem
Stolz. Eines Tages, so war er sicher, käme all das zurück.
Einen neuen Freund wollte er deshalb nicht, nicht einmal das
Abenteuer suchte er, auch wenn sich auf dem Campus mehr als
eine Gelegenheit dazu bot. Er beschränkte sich auf gelegentliche
Kneipenbesuche mit Kommilitonen oder auch auf den Besuch eines
Konzerts.
Schon zu Beginn seines Studiums war Nico klar, dass er das
anstehende Praktikum zumindest versuchen würde, im Camp
zu absolvieren. Die Idee, Falk Stein einfach einmal anzurufen
und zu fragen, erwies sich als goldrichtig. Vor einigen Monaten
nahm Nico Kontakt mit ihm auf und Stein hatte nicht den geringsten
Zweifel daran.
»Nico, das ist doch kein Thema. Lass mich die Sache
in die Hand nehmen, du hörst von mir.«

Nachdem Nico den geplanten Zeitraum durchgegeben
hatte, eröffnete ihm Falk Stein, was zwar irgendwie bekannt
war, aber dennoch etwas überraschend kam: »Ich
werde aber nur die erste Woche während deiner Anwesenheit
dabei sein, mein Posten in Köln ruft.«
Nur einen Tag später bekam Nico einen weiteren Anruf,
der ihn ziemlich verwirrte. Schon, weil er an so etwas gar
nicht gedacht hatte. Professor Roth rief ihn höchstpersönlich
an um ihm mitzuteilen, dass diesem Praktikum nichts im Wege
stehen würde und wünschte Nico bereits zu diesem
frühen Zeitpunkt viel Erfolg. »Du weißt,
dass Falk Stein eine Stelle freimacht..«, war in dem
Gespräch zu hören. Der Professor war schlau genug,
Nico keine feste Zusage zu machen, aber diese Andeutung hatte
ihren Reiz.
Außer dem Starttermin und dem Ort hatte Nico von Professor
Roth nicht viel Informationen bekommen. Erst recht nicht,
welche Aufgaben in den drei Wochen im Camp auf ihn zukamen.
Lediglich, dass er sich am ersten Tag in der Hütte, jenem
Sammelpunkt im Wald, einfinden sollte und weder um Kleidung
noch sonstige Sachen kümmern müsste. Roth hatte
auch noch erklärt, dass das System weiter verfeinert
geworden wäre, aber auch, dass sich Vorfälle wie
in der Vergangenheit nicht wiederholt hätten. Allerdings
nahm er einem Anflug von Vorwurf sofort selbst den Wind aus
den Segeln. »Wir haben allen Grund, stolz auf das zu
sein, was ihr geleistet habt.«
Nico erinnerte sich dabei auch an Manuel. Ja, er musste zugeben,
dass er oft an den Jungen dachte. Längst hatte er ein
Denkmal in seinem Kopf.
Außer zu Erkan hatte Nico keine Kontakte mehr zu den
Jungs von damals. Sie würden nun entweder ein ganz normales
Leben führen - oder auch nicht. Es war auszuschließen,
dass er nochmals einem der Jungen begegnen würde, sie
hatten nun jene Altersgrenze erreicht, in der das Camp für
sie kein Thema mehr war.
Die kurze Ruhepause hatte Nico doch gut getan. Er stieg in
seinen Wagen und fuhr langsam los, zum Mittagessen würde
er da sein und war mächtig gespannt auf die Betreuer,
vor allem auch auf die neuen, die Stein in ihrem Gespräch
kurz erwähnt hatte. Nun war er im Grunde selbst einer
der ihren und das erfüllte ihn mit einem gewissen Stolz.
Viele solcher Praktikumplätze gab es nicht und ein paar
seiner Kommilitonen hatten ihn schon als Glückspilz eingestuft.
Dabei war ihm die Stelle nur bombensicher, weil der Professor
und Falk Stein dahinter standen. Logischerweise erwähnte
er die beiden jedoch mit keiner Silbe.
Nico ließ es sich nicht nehmen, in der letzten Ortschaft
vor seinem Ziel einen Stop einzulegen. Langsam fuhr er die
Hauptstraße entlang, steuerte auf den kleinen Bahnhof
zu und parkte den Wagen rückwärts im Schatten einer
Linde vor dem Bahnhofsvorplatz.
Ja, da war sie, die Bank. Etwas verwitterter als beim ersten
Mal, als er hier auf Leo Meier gewartet hatte. Wie hieß
der Junge gleich, der dann mit ihnen gefahren war? Oliver.
Oliver Klein. Nico musste breit grinsen. Was aus dem kleinen,
rothaarigen Jungen wohl geworden war? Und beim letzten Mal
stand hier Erkan plötzlich vor ihm. Eine herzliche Begrüßung,
die in einer dicken Freundschaft endete. Erkan wusste, dass
Nico hier war und hatte ihm etliche Grüße für
die Betreuer mit auf den Weg gegeben.
Zeit für eine Zigarette blieb allemal und so stieg Nico
aus seinem Wagen und setzte sich auf jene schicksalhafte Bank.
Es war, als kämen dadurch kleinste Kleinigkeiten ins
Gedächtnis zurück.
Doch lange währten diese Erinnerungen nicht, denn nun
kamen Leute aus dem Bahnhof und lenkten Nicos Aufmerksamkeit
auf sich. Einer der wenigen Züge, die am Tag hier hielten,
war wohl angekommen.
Nico kniff die Augen zusammen. Unter den Menschen erkannte
er eine Gruppe junger Männer und er war sicher nicht
der einzige hier im Ort, der nur eine Sekunde brauchte um
das Ziel dieser Jungen zu kennen. Ja, das waren zweifellos
die Teilnehmer der neuen Therapieeinheit und da feststand,
dass er mit einigen von ihnen die kommenden drei Wochen zusammen
sein würde, musterte er sie noch genauer, als er das
bei jungen Männern sowieso schon immer tat.
Die acht Jungs trugen luftige Sommerklamotten; T-Shirts, Shorts
und Sandalen, einige hatten eine Reisetasche mit, andere trugen
einen wesentlich praktischeren Rucksack. Scheinbar waren sie
erst hier zusammengetroffen, eine rege Unterhaltung in dem
Sinn fand nicht statt. Aber womöglich bremste die allgemeine
Aufregung eine rege Konversation.
Er sah nun etwas genauer hin, was er aber als legitim empfand;
denn immerhin war er nicht zu seinem Vergnügen hier.
Es konnte nichts schaden sich schon vorab wenigstens aus dieser
Entfernung etwas genauer mit ihnen zu beschäftigen. Vom
Alter her schätzte sie Nico zwischen 18 und 20, bunt
gemischt die Haarfarben, sie reichten von tiefschwarz bis
hellblond, die Körpergrößen von etwa einssiebzig
bei einsneunzig. Die meisten der Jungs waren recht kräftig,
hier und da waren Tätowierungen zu erkennen. So richtig
bedrohlich allerdings wirkte keiner von ihnen.
Nun schallte doch ein Lachen zu ihm herüber und auf der
Stelle wurde Nico eines bewusst: Diesmal war er auf der anderen
Seite. Kein Spaß mit ihnen, keine Sexspielchen in Waschräumen
oder Zelten. Diese Jungs hatten einen ganz anderen Status:
sie waren schlichtweg seine Arbeit. Und leicht, das hatte
sich Nico diese Art von Arbeit nie vorgestellt. Es könnte
sogar Auseinandersetzungen geben, Anfeindungen. Er hatte in
seinem Studium bereits eine Menge über Gewalt und den
Umgang damit gehört und gelesen, dennoch war er schon
aus seinen eigenen Erfahrungen heraus darauf eingestellt,
dass es sich im Hörsaal um nichts als reine Theorie handelte.
Doch die Praxis stand dort, zwanzig Meter von ihm weg, auf
einem Haufen. Nico wusste, zu was eingeschworene Jungs wie
die dort drüben imstande waren. Man durfte sie niemals
unterschätzen und - man musste sie ernst nehmen. Das
Wichtigste überhaupt war, ihnen zuzuhören und sich
in ihre Lage hineinzufühlen. Nicht die Sichtweise der
Betreuer zu den Dingen lag an erster Stelle, sondern die der
Teilnehmer. Nico sah sich darin im Vorteil den anderen Betreuern
gegenüber. Denn egal was die auch schon an Erfahrung
gesammelt hatten, was wirklich abging, sozusagen hinter den
Kulissen, das wusste Nico wesentlich besser.
Es war aber auch klar, dass er in diesen Wochen nur einen
winzigen Einblick bekommen konnte. Erst nach dem Ende des
Studiums folgte die Zeit, in der er richtig lernen musste.
Aber die Chance, die sich ihm hier bot, die wollte er auskosten,
jede einzelne Minute. Er versprach, erwartete und erhoffte
sich nichts. Es musste seinen Lauf nehmen, mehr Plan gab es
im Augenblick nicht.
Und es nahm seinen Lauf, als zwei Fahrzeuge die Straße
herunterkamen. Nico hörte sie und wusste, wem sie gehören
ohne hinsehen zu müssen.
Die Wagen parkten in die Parkbuchten ein und die Entfernung
war zu groß, als dass die Fahrer Nico erkennen konnten.
Zielgerichtet steuerten sie, nachdem sie ausgestiegen waren,
auf die Gruppe zu.
Es waren tatsächlich Leo Meier und Rainer Bode. Über
Nicos Gesicht huschte ein Lächeln. Hatte er sich hierher
gesehnt? War dies alles hier am Ende das tatsächliche
Leben, das er sich insgeheim erhoffte? Er nahm die Sonnenbrille
ab und wischte sich mit einem Taschentuch verstohlen über
die feuchten Augen. Ja, das ist mein Leben, hier gehör
ich hin, sagte er überzeugt zu sich selbst.
Begrüßung, verhaltenes Hallo. Nico registrierte
jede noch so kleine Bewegung der Jungen. Eines der Hauptaugenmerke
vor allem zu Beginn waren Gestik und Mimik; die Körpersprache
in ihrem Ganzen. Ebenso Wichtige Dinge wie Stimme, Stimmlage
und Atmung konnte er auf die Entfernung natürlich nicht
festhalten, dennoch fühlte sich Nico dieser Aufgabe so
gewachsen wie nie zuvor. Letzte Zweifel räumte er schon
jetzt beiseite, die hatten zumindest in den kommenden drei
Wochen keinen Platz.
Die Gruppe setzte sich nun in Bewegung und auch Nico verließ
seinen schattigen Platz auf der Bank. Er musste ihnen nur
folgen, dann kam er ins Camp ohne noch einmal in die Karte
sehen zu müssen.
Er wartete, bis die beiden Fahrzeuge an seinem Wagen vorbei
waren. Gerade als er losfahren wollte und im Rückspiegel
sicherte, fiel ihm aus dem Augenwinkel im Seitenspiegel etwas
auf. Er stoppte kurz und drehte sich, um aus dem Heckfenster
sehen zu können. Ja, da waren ganz ohne Zweifel noch
ein paar Jungs übrig geblieben. Wo die gesteckt hatten?
Nico parkte den Wagen wieder zurück und stieg aus. War
es klug, zu den dreien hinüber zu gehen? Er blieb einen
Moment unschlüssig. Meier und Bode konnten ja schließlich
zählen und Nachzügler gab es auch immer. Wenngleich
schleierhaft war, woher die drei jetzt erst gekommen waren.
Sollte er wirklich zu ihnen hinüber, sich vorstellen,
sie einfach einladen und mitnehmen? Gleich zu Beginn ein relativ
naher Kontakt konnte Folgen haben. Dabei dachte er weniger
an die körperliche Seite, sondern ganz allgemein. Was
sollte er ihnen erzählen? Nein, das Risiko schien ihm
zu groß, er hatte darin noch keine Erfahrung und wollte
es sich nicht schon in der ersten Stunde verscherzen. Zumal,
wie viele fehlten überhaupt noch? Nico wusste nicht einmal
die Anzahl der Teilnehmer. Er beobachtete, dass zwei von den
Jungs auf den dritten einzureden schienen. Das konnte durchaus
als Streit angesehen werden, dennoch wartete Nico ab.
Plötzlich beugte sich einer der Jungen nach vorne und
hielt sich den Bauch. Ohne dass die beiden anderen hätten
eingreifen können, sackte er in die Knie und schließlich
fiel sein Körper auf das Kopfsteinpflaster.
Angefasst hatten die beiden den Jungen nicht, sein Sturz musste
einen anderen Grund gehabt haben. Sofort hechtete Nico los.
Er kniete sich neben den am Boden liegenden Jungen, dessen
Augen halb geöffnet waren und der von Krämpfen geschüttelt
wurde.
»Was ist mit ihm?«, fragte Nico und sah zu den
beiden hoch.
»Keine Ahnung, wir haben ihn erst mal suchen müssen.
Gleich nachdem der Zug gehalten hat, war er plötzlich
verschwunden«, antwortete einer der Jungen.
»Ihr seid zusammen gefahren?«
Die beiden nickten.
»Hat er getrunken?« Nico zog diesen Umstand zwar
in die engere Auswahl, wobei ihn die Krämpfe in seiner
Vermutung aber eher unsicher machten.
Inzwischen waren weitere Passanten dazugekommen und betrachteten
schweigend die Szene.
»Ich brauche einen Arzt«, rief Nico in die Menge.
»Doktor Gebhard. Die Praxis ist gleich da drüben«,
antwortete eine ältere Frau und zeigte zu dem Gebäude
am anderen Ende des Platzes.
Nico traute sich nicht, den Jungen zu transportieren, auch
nicht, ihn alleine zu lassen. »Kann jemand versuchen,
ihn zu holen? Es eilt. Bitte.«
Ohne Antwort lief ein junger Mann los, begann schließlich
zu rennen. Trotzdem entschied sich Nico, die Rettung zu rufen.
Vielleicht zählte jede Minute und man konnte nicht wissen,
wie lange dieser Doktor brauchte. Nico nahm sein Handy, wählte
den Notruf und gab die wichtigen Informationen durch. Dann
beugte er sich wieder zu dem Jungen hinunter und fuhr ihm
durch die Haare. »Hallo? Verstehst du mich?«
Viel Erfahrung mit Drogen hatte Nico nicht, alles reine Theorie.
Aber dieses Augenrollen, der kalte Schweiß auf der Stirn,
den er jetzt fühlen konnte; alles Anzeichen, die darauf
schließen ließen. Schlussendlich konnte es auch
die Hitze gewesen sein, jedenfalls reagierte der Junge auf
seine Frage nicht.
Er war schmächtig von der Figur her. Seine dunkelbraune
Haare klebten auf dem Kopf, auffällig die Augenringe,
wie man sie gelegentlich von durchgemachten Nächten bekam.
Sehr blass war seine Haut und das hellblaue T-Shirt völlig
durchschwitzt.
»Wie heißt er, weiß das einer?«,
richtete Nico seine Frage an die beiden anderen Jungen.
»Joachim,« antwortete der eine, der andere nickte.
»Mehr wissen wir nicht.«
Es dauerte nur wenige Minuten, dann eilte der Arzt mit einer
Tasche über den Platz.
»Geht doch aus dem Weg«, schrie Nico, da sich
inzwischen eine Menge Leute um die Gruppe angesammelt hatten
und neugierig glotzten. Nico hasste Sensationslust und es
fiel ihm nicht leicht, die Ruhe zu bewahren. Es war ihm nur
völlig schleierhaft, woher die Gaffer plötzlich
kamen.
Trotz seiner Bitte musste sich der Arzt einen Weg durch die
Menge bahnen. Wenig später kniete er neben dem Jungen,
im selben Augenblick war die Sirene des Rettungswagens zu
hören.
Der Arzt begann mit seiner Untersuchung und Nico rastete nun
doch beinahe aus. »Mensch Leute, geht weiter, hier gibt’s
nichts zu sehen.« Mag es an seiner Erziehung gelegen
haben, dass er keine niederträchtigen Flüche aussprach,
obgleich ihm sehr danach war. Dann wandte er sich wieder an
den Arzt. »Er heißt Joachim. Seine Kumpels hatten
ihn nach der Ankunft ihres Zuges vermisst.« Nico hütete
sich, dem Arzt seine Vermutung zu äußern. Allzu
schnell geriet man durch solche Mutmaßungen in Schwierigkeiten.
»Wie lange liegt er schon hier?«, wollte der
Arzt wissen.
»Zehn Minuten, ungefähr.«
Nachdenklich nahm er das Stethoskop von der Brust des Jungen.
»Gut, dass der Rettungswagen hier ist.«
Eine Diagnose gab er hier nicht ab, aber wozu auch? Sie würden
über kurz oder lang eh erfahren, was passiert war.
Nun waren doch deutliche Stimmen zu hören, die Sanitäter
kannten sich aus mit Gaffern und machten ihrem Unmut auch
sehr deutlich Luft.
Der Notarzt des Rettungsteams unterhielt sich kurz mit dem
Doktor und Nico konnte die Sorge des Mannes aus dem Gesicht
lesen. Zwar fielen einige Worte, die Nico verstand, aber das
meiste waren wohl medizinische Fachbegriffe und da musste
er passen.
Die Sanis trugen Joachim, den sie rasch auf eine Trage geschnallt
hatten, zum Wagen. Kurz darauf brauste er mit Blaulicht und
Martinshorn die Straße hinunter.
Nur langsam löste sich die Menge auf und Nico hielt dem
Arzt die Hand hin. »Mein Name ist Nico Hartmann, ich
mache ein Praktikum als Betreuer, oben, im Camp.«
Das ernste Gesicht des Mannes hellte sich etwas auf und er
reichte Nico ebenfalls die Hand. »Oh, vom Camp.. War..
ist das einer eurer Jungs?«, fragte er und sah dem davonfahrenden
Rettungswagen nach.
Mit letzter Sicherheit konnte das Nico gar nicht beantworten
und wandte sich deshalb an die beiden Jungen, die etwas Abseits
standen. »Ihr wollt doch sicher ins Camp, oder?«,
fragte er sie.
Die beiden nickten. »Ja. Es hieß.. man würde
hier angeholt.«
»Durch den Zwischenfall haben sie die Transporter versäumt«,
ergänzte Nico die Antwort.
Der Arzt nahm Nico am Arm und zog ihn außer Hörweite
der beiden. »Also, dem Augenschein nach.. hat der Junge
Drogen konsumiert. Da es eine ganze Palette davon gibt, kann
ich nicht sagen, welche. Möglicherweise kommt auch noch
Alkohol dazu, dann die Hitze. Sein Kreislauf ist ziemlich
instabil, hoffen wir dass das gut ausgeht.«
»Wo bringt man ihn hin?«
»Marienkrankenhaus. Ich bin ja seit einiger Zeit betreuender
Arzt im Camp, ich werde Sie informieren.«
Das war neu. Dabei fiel Nico ein, dass sie eigentlich nie
einen Arzt im Camp gebraucht hatten. Kleinere Blessuren, das
war ein Fall für Rainer Bode oder Leo Meier gewesen.
Wichtig war im Augenblick, wie es mit den beiden Jungs weiterging.
Kurzentschlossen zog Nico sein Handy aus der Tasche, Falk
Stein hatte ihm seine Nummer für den Fall der Fälle
gegeben.
»Hallo Herr Stein, hier ist Nico.«
»Oh, freut mich. Ist.. etwas passiert?« Stein
hörte wohl schon aus Nicos Stimme heraus, dass etwas
nicht stimmte. Der erklärte ihm den momentanen Sachstand.
»Okay. Leo ist schon wieder losgefahren, er wird jeden
Augenblick am Bahnhof sein. Gibst du mir kurz Doktor Gebhard?«
»Herr Stein möchte Sie sprechen«, sagte
Nico und reichte dem Arzt das Telefon. Er wandte sich etwas
ab, so dass Nico das Gespräch nicht mitbekam. Aber wie
auch immer, sein Part war damit erledigt.
Noch während der Arzt mit Stein sprach, wandte sich Nico
den beiden Jungen zu. Unter diesen Umständen war es quatsch,
den Geheimnisvollen zu spielen. »Mein Name ist Nico
Hartmann. Ich bin ab heute für drei Wochen im Camp. Allerdings..
ich studiere Soziologie und mache dort mein Praktikum.«
Mit diesen Worten hielt er seine Hand hin.
Die beiden Jungen zucken etwas zusammen, aber Nico kannte
das. Bei den ersten Begegnungen mit den Betreuern war es ihm
und den anderen auch nicht anders ergangen. Was die beiden
jedoch eher verblüfft haben konnte, war Nicos Aussehen.
Zwar ging er schon auf die Dreiundzwanzig zu, aber das sah
man ihm nicht an. Manch einer vermutete ihn sogar noch unter
Zwanzig und nun passte das natürlich nicht ganz zusammen.
Der erste gab ihm die Hand. Er war etwas größer
als Nico, ziemlich kräftig. Kurze, blonde Haare und ein
Ohrring. Wache Augen, denen nichts entging und irgendwie vermittelte
er auch den Eindruck, die Konfrontation zu suchen. Geschätztes
Alter: Um die Zwanzig. Typisch Quertreiber, kam es Nico in
den Sinn. Er wusste, dass das nur sein rein subjektiver Eindruck
war, aber er spielte in letzter Zeit gerne mit solchen Mutmaßungen.
Es war einfach ein Test, ob er mit seinen Vermutungen recht
behielt. »Ich heiße Held. Patrick Held..«
»Marco Serrolas «, folgte der andere. Es folgte
fester, fast schon schmerzhafter Händedruck. Marco war
so groß wie Nico, normale Figur. Er trug seine dunkle
Haare länger, ein Pony fiel in seine Stirn und vermittelte
so irgendwie den Typ Lausejunge. Schmale Lippen und blaue
Augen. Er dürfte um die Achtzehn gewesen sein, aber bei
Typen wie ihm konnte man sich auch schon mal gehörig
verschätzen. Keinerlei Körperschmuck, zumindest
nicht sichtbar.
Nico spürte etwas, das von diesem Jungen ausging und
vor genau diesem Gefühl hatte er Angst gehabt. Es war
nicht greifbar und dennoch vorhanden. Es gibt eben Menschen
auf dem Weg durchs Leben, die nimmt man wahr, mehr nicht.
Und es gibt welche unter ihnen, die das Interesse wecken;
von denen man einfach mehr wissen möchte, weil sie einem
auf Anhieb sympathisch sind. Zu dieser Sorte zählte Marco
Serrolas. Nico war sich schon sehr früh bewusst, auf
was er sich hier einlassen würde. Dass alle Jungs im
Camp nur grobschlächtige Haudegen sein könnten,
das hatte er früh abgehakt; dafür sprachen einfach
seine frühere Erfahrungen im Camp. Damals, als er sich
für dieses Praktikum entschloss, da war er gar nicht
sicher ob man ihm das überhaupt genehmigen würde.
Immerhin bestand die Gefahr, dass ihm sein Schwulsein in die
Quere kommen könnte. Letztlich war seine Neigung ja nicht
unbekannt geblieben und Betreuer, die etwas mit den Jungs
anfangen, die würden wohl einen Tag später weg sein
vom Fenster. „Zu dir hab ich vollstes Vertrauen“,
hatte Stein unter anderem in ihrem Telefongespräch gesagt.
Womöglich war das eine Anspielung darauf, Steins Worte
konnte man sehr oft so oder so auslegen.
Trotzdem musste Nico an der Stelle darüber nachdenken.
Insgeheim hatte er gehofft, dass es durchschnittliche Teilnehmer
sein würden. Keiner dabei, der ihm auch nur annähernd
gefährlich werden könnte. Doch bereits zu dieser
frühen Stunde geriet Nico aus seinem vermeintlichen Gleichgewicht
und Eines war ihm sofort sicher: Vor diesem Jungen musste
er sich vorsehen und den bestmöglichen Abstand halten.
Leo Meiers Transporter holte ihn aus seinen Gedanken. Zügig
kam der alte, klapprige VW-Bus auf die kleine Gruppe zu.
»So, erst Mal vielen Dank«, sagte Doktor Gebhard
und reichte Nico das Handy. »Wir sehen uns ja wahrscheinlich
noch. Ich muss wieder rüber in die Praxis.« Er
gab Nico die Hand. »Und, dann mal viel Erfolg da oben.«
Ein kurzer Wink zu Leo Meier hin, dann ging der Arzt über
den Platz zurück.
Nico überzog ein breites Grinsen, als er Leo Meier auf
sich zukommen sah. War es gestern? Vorhin? Merkwürdig,
die Zeit zwischen ihrem letzten Wort und jetzt schien gar
nicht sattgefunden zu haben. Und Meier grinste noch breiter.
Nico überlief ein leichter Schauer, er konnte die Freude
des Betreuers förmlich spüren. Ja, er war willkommen
hier, diesen Eindruck hatte er ja schon von Stein bekommen.
Leo Meier breitete seine Arme aus und fiel Nico fast stürmisch
um den Hals. Leo hatte sich kaum verändert. Das Camp
war sein Leben, gab ihm alles was er brauchte. Nico dachte,
wenn dieses Projekt eines Tages sterben würde, warum
auch immer, dann würde Leo Meier das auch.
»Mensch Nico, was freu ich mich. Tach auch. Hattest
ne gute Fahrt? Ja, komm, lass dich anschaun.« Meier
überschlug sich beinahe mit seinen Worten, zu denen Nico
gar nicht erst kam. »Gut siehst du aus. Und damit nehm
ich mal an: Dir geht’s auch gut?«
Nico lachte. »Ich weiß ja auch nicht, aber je
näher ich dem Camp komme, desto besser geht es mir.«
Da standen sie einige Augenblicke und sahen sich an. »Wir
haben uns wohl ne Menge zu erzählen«, beendete
Leo die Schweigeminute. »Aber jetzt komm, fahr los.
Es gibt bald Mittagsessen und du wirst sicher Hunger haben.«
Nico schüttelte fast unmerklich den Kopf. Wer betreute
denn wohl wen in den kommenden drei Wochen? Leo Meier würde
wohl eine Weile brauchen, bis er sich darüber im klaren
war, dass Nico nicht mehr zu den Teilnehmern gehörte.
Er war jetzt im Team; seit heute, seit eben.
»Okay, ich fahr dir hinterher. Dann brauch ich nicht
lange suchen.«
Meier grinste wieder. »Nico, wenn keiner den Weg da
hoch findet.. du findest es doch blind.« Dabei zwinkerte
er.
Nico winkte noch kurz, dann lief er zu seinem Wagen. Leo
hupte als er an ihm vorbei in Richtung Camp davonfuhr.
Das war also dein Einstand, dachte Nico und fuhr los. Ein
Lächeln umspielte seine Lippen: Noch keinen Fuß
ins Camp gesetzt und schon war etwas los..
Leo Meier war schon weit vorausgefahren. Nico hatte extra
so lange gewartet um selbst zu sehen, ob ihn allein sein Gefühl
zum Camp führen würde.
Die Richtung von hier aus wusste er noch genau; vorbei an
der alten Brauerei, dann an der Kreuzung geradeaus. Etwa ein
halber Kilometer später musste der Waldweg rechts reinführen
und dann den Berg hoch. Aufpassen musste er nur, weil es da
einen weiteren Waldweg gab. Der führte nach einigen Minuten
an eine Schranke und war somit falsch.
Nico zündete sich eine Zigarette an und drehte die Musik
lauter. George Michaels „Outside“ verlangte nach
Lautstärke. Wie oft hatten er und Stefan dieses Lied
zusammen gehört? Unzählbar eigentlich. Und es war
die Zeit, in der sie eben sehr glücklich gewesen waren.
Lange dauerte sie nicht, aber jede Minute hatte sich in Nicos
Hirn gebrannt. Wehmut, ein bisschen Traurigkeit mischte sich
in seine Gefühlswelt. Immerhin hatten sie sich ewige
Liebe geschworen, bis zu ihrem letzen Tag. Wie vergänglich
Schwüre und Eide doch waren. Wie das Wasser des Bachs,
der wohl noch am Camp entlang fließen würde.
Warm war der Wind, der Nicos Haare durch das offene Seitenfenster
umspielte, nicht mehr heiß. Aber dennoch, hier und da
waren dem Wald und den Wiesen die Dürre anzusehen. Besser
als Matsch, sinnierte Nico und drehte den Player noch einen
Tick weiter auf.
Dann kam die leichte Biegung der Kreisstraße, gleich
dahinter der Abzweig. Ja, da war er, der Waldweg. Nico bremste
und setzte den Blinker. Als die Reifen knirschend den trockenen
Waldboden berührten, war es Nico, als würde er durch
ein Tor hindurchfahren. Ein Tor, von einer Welt in die andere.
Hinter ihm lag seine Wohnung, die Zeit mit Stefan, der Campus.
Mit jedem Meter, den er nun den holprigen Weg entlang fuhr,
entfernte er sich von jener Welt. Er war nicht alleine hier
und dennoch kam es ihm so vor. Es war eben eine besondere
Form des Alleinseins. Er glaubte nicht an minutiöse Einteilung
seiner Zeit, an Stress ohne Ende. An Streitereien und Machtgerangel
unter den Jungs. Es würde möglich sein, sicher,
aber er würde es nicht näher an sich heranlassen
als das nötig war. Eine Art Zufriedenheit schien ihn
zu umgarnen, wie die Blätter der Laubbäume über
ihm. So fühlt sich ein Mensch, wenn er zu Hause ankommt,
dachte er. Ich bin zu Hause. Gleich.
Die ärgsten Schlaglöcher waren mit Ziegelbruch aufgefüllt
worden, weshalb Nico etwas schneller als Schritttempo fahren
konnte. Dann kam die dichte Baumreihe, die er sofort wiedererkannte.
Sein Herz begann nun doch schneller zu schlagen. Neugier vor
allem trieb es dazu an. Es gab einfach zuviel, was ihn erwarten
könnte.
Nico hielt an und stellte den Motor sowie den Player ab. Alles
war ihm durch den Kopf gegangen, jedem dieser Meter hier war
er bereits in seinem Geiste gefolgt, aber so hatte er es sich
doch nicht vorgestellt. Die Gefühle, die er jetzt spürte,
konnte man nicht durchspielen. Tief holte er Luft, schnupperte
die Mischung aus welkem Laub und Harz. Hatte er es vermisst?
Die ganze, lange Zeit schon? Ja, es gab keinen Zweifel.
Stimmen. Von weiter vorne trug der leichte Wind Stimmen zu
ihm hin. Er konnte kein Wort verstehen, allerdings hatte er
nicht gedacht, schon so nah an der Hütte zu sein. Jene
Hütte, von der aus es dann zu dem Camp ging. Oder besser
zu den beiden Camps. Stein hatte ihm berichtet, dass sich
im an all dem im Prinzip nichts geändert hätte.
Nico erinnerte sich an das erste Mal, als er mit dem kleinen
Oliver dort drüben vorfuhr. Die Jungs saßen schon
da auf diesen Bänken; und beim zweiten Mal der Schreck,
als er Stefan und Mirko erkennen musste.
Immer wieder tauchte da auch Erkan in seinen Gedanken auf.
Schade, der wäre hier auch sehr gut aufgehoben. Und zu
zweit.. nein, lieber nicht. Das würde kaum gut gehen,
denn ob sich Erkan an alle Regeln als Betreuer halten könnte,
das war schon etwas Zweifelhaft.
Nun trennten ihn nur noch wenige Meter von diesen drei Wochen,
von denen er sich soviel versprach. Und zum ersten Mal tauchte
er als Betreuer auf, nicht als Teilnehmer. Rasch kontrollierte
er seine Kleidung, denn der erste Eindruck war und ist der
wichtigste.
Er ließ den Motor an und fuhr ganz langsam auf dem
Weg weiter. Nun kamen die Bänke in Sicht.. die Hütte,
die Autos.
Die Jungs saßen tatsächlich auf den Bänken.
Schnell verschaffte sich Nico einen groben Überblick.
Da hinten erkannte er Stein, auch Meier wuselte auf der Veranda
der Hütte herum. Und Rainer Bode. Der hatte Nicos Auto
bereits bemerkt und sah zu ihm herüber. Natürlich
wussten alle dass er kam, einen Überraschungseffekt gab
es deshalb nicht.
Rainer Bode ließ seinen Blick nicht von Nico und kam
ihm mit großen Schritten entgegen. Stein hatte Nico
nun ebenfalls bemerkt, auch er setzte sich in Bewegung. Traf
er hier eigentlich Kollegen, oder waren das in gewissem Umfang
nicht schon Freunde? Eine Mischung aus beidem, beschloss Nico
dann für sich, obwohl es doch schon eher in Richtung
Freundschaft tendierte. Man würde eben sehen, wo genau
die Grenze lag.
Sein Herzklopfen galt nicht nur dem Wiedersehen mit den Betreuern,
vielmehr auch den Jungs, die nun alle zu ihm hinstarrten.
So wie es aussah hatten sie bereits ihr Equipment empfangen,
somit dürfte auch die Vorstellungsrunde der Betreuer
schon gelaufen sein. Demnach würde man Nico separat vorstellen,
so wie Charles Rademann seinerzeit. Der war auch zu spät
gekommen.. Aber Nico war nicht zu spät. Es war kurz vor
Zwölf, genau die abgemachte Zeit.
Er fuhr bis fast zu der Hütte und hielt an, als er bei
Bode und Stein angelangt war. Freudige Gesichter.. keine Zweifel.
Dennoch, Nico schielte an den beiden vorbei. Hin zu den Bänken.
Dort saßen ja die Hauptdarsteller in diesem Film, ohne
sie wäre keiner der Betreuer hier. Alle starrten zu ihm
hin und das Gefühl, das ihn in diesen Momenten vereinnahmte,
war schwer zu beschreiben. Im Augenblick zumindest stand er
im Mittelpunkt.
Nico bleib sitzen, als Stein an die Fahrertür kam. Wie
immer, dachte Nico. Schlank und rank, ein bisschen brauner
noch als damals. Aber sonst.. unverändert.
Er reichte Nico die Hand. »Willkommen im Club.«
Sekunden später drängte Rainer Bodes Hand zu ihm
vor. »Ja, herzlich willkommen. Schön dass du gekommen
bist.«
»Ich.. freu mich auch.« Jetzt war sich Nico sicher,
dass er wirklich zu Hause war. Egal was kommen sollte, er
würde sein Leben geben für diese Gemeinschaft.
»Komm, ich stelle dich den Jungs vor. Und.. keine Angst,
hier beißt keiner. Keep cool.« Stein zwinkerte
und öffnete Nico die Autotür. Er wusste schon, wie
Stein das gemeint hatte. Nico konnte seine Aufregung nur schwer
verbergen und die beiden spürten das eh schon auf hundert
Meter.
Langsam stieg er aus dem Wagen, wonach ihm Stein freundschaftlich
seinen Arm um die Schulter legte. Welcher Art diese Geste
auch gewesen sein mochte, Nico empfand sie weder als peinlich
noch übertrieben. Sollten die Jungs dort rechtzeitig
wissen, mit wem sie es hier zu tun hatten.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, sprang etwas an Nico hoch,
so dass er beinahe gestürzt wäre.
»Rick“«, rief Nico entzückt und kniete
sich nieder. Er drückte den Husky an seine Brust. Ja,
auch an ihn hatte er gedacht, sehr oft sogar.
Ein Seitenblick zu den Jungs ließ ihn neidische Blicke
erkennen. Ob das gut oder schlecht war, spielte in diesem
Moment keine Rolle. Rick konnte sich kaum beruhigen, immer
wieder sprang er an Nico hoch.
»Macht er das nur weil Sie jetzt dabei sind oder..?«
»Nein, Nico. Wenn ein Husky einen Menschen erst einmal
anerkannt hat, dann wird er den nie wieder vergessen. Aber
nun komm, es wird Zeit.«
Stein führte Nico zu der Veranda und er spürte,
wie seine Beine weich wurden. Seltsam, auch das hatte er bereits
in seine Überlegungen mit einbezogen und doch war es
plötzlich völlig anders. »Wieso gibt es eigentlich
immer noch diese Hütte hier? Camp eins und zwei haben
doch große Gebäude.«
»Gut Frage, Nico. Tatsächlich war im Gespräch,
die Hütte hier aufzugeben. Aber zum einen will sie niemand
haben, sie ist zu groß, zum anderen fungiert sie gelegentlich
als relativ einfache Unterkunft. Wir haben in letzter Zeit
öfter Leute hier, die sich für das Camp –
Projekt interessieren und die dann oben unterzubringen, das
wollte ich nicht. Es stört den Ablauf. Und zudem liegt
sie zentral.«
„Die Treppen zum Schafott“, schoss es Nico kurzzeitig
durch den Kopf. Er musste leicht grinsen über diesen
Vergleich. Immerhin, es war der erste Kontakt mit den Jungen
und er hatte sich dafür auch schon die richtigen Worte
zurechtgelegt. Dennoch, im selben Moment ahnte er, dass ihm
von diesen Worten kein einziges mehr einfallen würde.
Aber es gab keine Möglichkeit das Rückzugs. Lange
genug hast du dich darauf vorbereitet, sagte er sich und versuchte,
seine Unsicherheit zu verbergen. Wenn die da unten so etwas
spürten, könnte er gleich wieder abfahren. Wichtig
war ihm, Präsenz zu zeigen. Sich nicht hinter Stein oder
Bode oder sonst wem unter den Betreuern zu verstecken. Sein
Professor an der Uni hatte ihn mehr als einmal über seine
Fähigkeit gelobt, die richtigen Worte an der richtigen
Stelle zu finden und seine Überzeugung zum Ausdruck zu
bringen. Er musste jetzt nur nichts anderes tun als das, was
er schon etliche Male geprobt hatte. Standhaftigkeit war oberstes
Gesetz und Selbstsicherheit spüren zu lassen von größter
Wichtigkeit.
Nun standen sie oben auf der Veranda und Stein senkte leicht
den Kopf. Er sagte nichts, kein Wort, aber Nico verstand auch
so. Die Sekunde war gekommen.
Nico drehte sich, dann wanderte der Platz vor ihm in sein
Blickfeld. Alle Augen waren auf ihn gerichtet.
»Also Leute, hört mal zu«, begann Stein
dann doch und Nico atmete auf. Es blieben ihm wohl noch ein
paar Augenblicke um sich zu sammeln. Einzelheiten nahm er
nicht wahr, nur das Gesamtbild, das sich ihm bot. Rasch versuchte
er zu zählen, was ihm bei zwölf Personen nicht schwer
fiel. Einmal hatte er ein Referat im Hörsaal gehalten,
da waren es zehnmal so viele. Diese Erkenntnis nahm ihm dann
auch ein Großteil seines Lampenfiebers.
»Ich möchte euch Nico Hartmann vorstellen. Er studiert
Sozialwissenschaften an der Uni Göttingen und wird hier
ein dreiwöchiges Praktikum abhalten. Herr Hartmann kennt
sich im Camp übrigens sehr gut aus und hat automatisch
alle Befugnisse wie die anderen Betreuer hier auch. Ihr könnt
euch mit Problemen genauso an ihn wenden wie an uns. Ich denke,
das war's erst Mal von meiner Seite. Nico, du hast das Wort.«
Nico räusperte sich. »Guten Tag zusammen. Im Grunde
hat Herr Stein schon alles gesagt. Was ich mir wünsche
ist, in diesen drei Wochen viel über euch zu erfahren
und auch, dass wir gut miteinander auskommen. Alles weitere
wird sich ja dann ergeben. Vielen Dank erst mal.. und auf
gute Zusammenarbeit.«
Klopfen auf Holz, der eine oder andere Pfiff. Aber Nico empfand
es nicht als auspfeifen.
Leo Meier kam nun hinzu. »So, ich denk es ist genug
geredet. Komm erst mal, wird Zeit zum essen. Es gibt nen leckeren
Eintopf.«
Damit ging Nico im Geleit mit Stein, Bode und Meier in die
Hütte. Er wusste ja, dass es personelle Änderungen
gegeben hatte und so wunderte er sich nicht über zwei
weitere Männer, die die ganze Zeit etwas Abseits auf
der Veranda gestanden hatten. Die beiden kamen ihnen jetzt
entgegen.
Stein stellte sie vor. »Das ist Michael Korn. Er ist
seit einem Jahr im Kader und kam für Charles Rademann.
Er ist übrigens auch unser Ergotherapeut.«
Nico gab dem etwas kleineren, aber kräftigen Mann die
Hand. Er schätze ihn um die Dreißig, hatte schon
beträchtliche Geheimratsecken und trug eine Brille mit
Silbergestell. Aber unübersehbar die wachen Augen, denen
bestimmt keine Fliege an der Wand entging und der kräftige
Händedruck. Auf den ersten Blick nicht unbedingt der
Kumpel – Typ, aber das hatte Nico eh nicht erwartet.
»Freut mich«, sagte er, »dann ist aus dem
alten Schuppen doch noch eine Werkstatt geworden.«
Korn nickte. »Ja, hab schon gehört dass du... ich
darf doch du sagen?«
Wovor Nico am meisten Bammel hatte war, dass ihn zumindest
die neuen Betreuer hier siezen würde. Am liebsten hätte
er gleich kundgetan, dass sie ihn bitte mit Du anreden mögen,
aber anscheinend erledigte sich das nun von alleine. Bei Leo
und Rainer gab's eh keine Fragen, einzig sein Verhältnis
zu Stein, das würde auf der Ebene Vorgesetzter im weiteren
Sinn bestehen bleiben. Müssen.
»Nein, nein, ich hab nichts dagegen, im Gegenteil«,
machte er damit deutlich.
Korn nickte und rückte seine Brille zurecht, was Nico
als eine Art Unsicherheit betrachtete. Allerdings, man konnte
sich gerade bei diesen Männern auch sehr täuschen.
»Ja, also hab gehört dass du schon zweimal hier
warst. Find ich gut, dann weißt du ja was hier so läuft.
Die Werkstatt ist seit fast zwei Jahren in Betrieb. Wir haben
sogar schon Projekte für Spenden..«
»Lass mal gut sein, Mike. Ihr habt jede Menge Zeit,
euch drüber zu unterhalten.«
Korn schien durch Steins Unterbrechung in keinster Weise
beleidigt oder sonst irgendwie betroffen. Aber so wie er darüber
redete, schien er ziemlich Stolz auf diese Einrichtung zu
sein.
»Hier haben wir noch Felix Gröbner«, stellte
Stein den anderen Mann vor. »Er ist in erster Linie
Koch hier. Na ja, und für Sachen, die eben noch so anfallen.«
Felix Gröbner war schon vom Aussehen her keinem anderen
Job hier zuzuordnen. Einen guten Kopf kleiner als Nico, dafür
der doppelte Umfang. Sein Haarwuchs konnte man als spärlich
bezeichnen und dominant an dem ganzen Mann war die dicke Hornbrille.
Entfernt dachte Nico an einen zu klein geratenen Heinz Erhard.
Gröbner dürfte schon in den Vierziger sein, schätzte
er. Aber auch er ein freundliches Gesicht, ein fast spitzbübisches
Lächeln. Auf den ersten Blick ein Mann zum Pferde stehlen.
»Zwei Mann fehlen jetzt noch, aber die sind drüben
im Camp zwei. Irwin Probst ist unser Dolmetscher, da sind
wir einfach nicht mehr drum herum gekommen. Zusammen ist er
mit Leo und Gerd Hagen, der auch neu ist, für das andere
Camp verantwortlich. Gerd und Irwin Probst sind schon hochgefahren
ins Camp zwei, da sind noch ein paar Arbeiten zu erledigen
bis die Jungs kommen. Du wirst sie später kennenlernen.«
»Und was ist aus Alexander geworden?«, musste
Nico an dieser Stelle unbedingt wissen.
»Kommt erst mal rein, zum essen«, unterbrach
sie der Koch und zusammen betraten sie den kleinen Raum, in
dem sie gerade eben Platz hatten. Aber Nico wusste ja, dass
diese Hütte nur Übergang war. Zentraler Stützpunkt,
Lager und Kleiderkammer.
Sie setzten sich willkürlich an den kleinen, runden Tisch
und es roch bereits verführerisch nach Essen. Erst jetzt
spürte Nico richtig Hunger aufkommen.
»Ja, der Alex«, antwortete Stein, während
Gröbner Gläser und Wasserflaschen auf den Tisch
stellte. »Er ist vor einem Jahr weg von hier. Ach..
Moment..« Stein stand auf und ging an die kleine Ablage,
auf der eine Aktentasche lag. Er suchte in der Tasche herum,
fischte etwas heraus und gab es Nico. »Hier, die Karte
ist letzten Monat gekommen.«
Nico betrachtete das Foto der Ansichtskarte, dann drehte
er sie um und las den Text.
„Hallo zusammen. Sind grade in Miami an Land, fahren
dann weiter nach Kuba. Liebe Grüße, Alexander.“
»Was.. macht der denn in.. Amerika?«, fragte er
erstaunt.
»Alex ist jetzt Schiffskoch auf einem Luxusliner.«
»Was? Dieser.. Klasse. Das freut mich für ihn.
Wie kam er denn dazu?«
»Ein Bekannter von mir hat das eingefädelt. Ja,
also ich find's auch toll.«
»Und Charles Rademann?«, knüpfte Nico direkt
an.
Stein räusperte sich. »Nun ja, Chip hat es wohl
aus privaten Gründen in den Osten verschlagen. Aber weg
aus der Materie ist er nicht. In der Nähe von Klingenthal
ist ein Camp geplant und wenn alles glatt geht, tja, dann
wird er dort wohl sein Wissen und Können demnächst
an den Mann bringen.«
Schöne Aussichten, fand Nico. Chip würde auch so
einer sein, der sich wie Stein und am Ende wie er sich vielleicht
selbst gar kein Leben ohne Camp mehr vorstellen konnte.
Der Koch stellte die Schüssel mit dem Eintopf auf den
Tisch, dann noch einen Korb mit Brot. »So, Leute, jetzt
wird gegessen und nicht gefaselt«, sagte er in einem
gespielt herrischen Ton.
»Dann guten Appetit«, rief Stein in die Runde.
»Leo, denkst du dran dich bei Uwe nach dem Jungen zu
erkundigen? Ich muss schnellstens seine Eltern benachrichtigen,
aber das kann ich erst wenn ich genaueres weiß.«
Leo Meier nickte. »Klar, Falk.«
Nico wusste sofort um was es ging. Langsam aber sicher schlich
sich der Job zu ihm hin, wahrscheinlich blieb ihm gar nicht
so viel Zeit, hier anzukommen.
»Du warst ja von Anfang an dabei. Was hast du denn
mitbekommen?«, wollte Stein von ihm wissen.
»Hm, nicht viel. Nur dass er zusammengebrochen ist.
Ich hab ja gleich den Arzt rufen lassen.«
»Und mal ehrlich, was meinst du was da passiert ist?«
Stein wollte es wissen und Nico kannte ihn; er würde
sich nicht mit irgendwelchen Vermutungen zufrieden geben.
»Ich hatte den Eindruck, der war mit Drogen vollgepumpt«,
gab er dann auch als Antwort. Kein „ich glaube“
oder „ich denke“. Es war seine Sichtweise und
im Moment war es unrelevant was andere darüber dachten.
»So was ähnliches hab ich mir gedacht. Glaubst
du nicht, dass er nur betrunken war?«
Nico schüttelte den Kopf. »Schüttelfrost
nach Alkohol.. wohl eher nicht.«
Stein nickte und Nico lief eine Gänsehaut über den
Rücken. Genau das hatte er hören wollen, und sonst
nichts. »Was passiert jetzt mit ihm?«
»Na ja, für ihn ist das hier gelaufen.«
»Kann man solche Lücken nicht füllen, also
jemand anderen für ihn einspringen lassen?«
»Nein, in der Regel sind die Termine fix. Es ist auch
schwer möglich, praktisch jemandem von Jetzt auf Nachher
zu sagen, er soll drei Wochen hierher. Wir haben es mal mit
Quereinsteigern versucht, also Jungs ins laufende Programm
aufzunehmen. Aber das klappt nicht, meist gibt es keine richtige
Integration mehr.«
»Und wie viel Teilnehmer sind nun da?«
»Nun sind es zwölf, nachdem Joachim Schnell ausgefallen
ist und wenn du richtig rechnest, wäre es einer mehr
als üblich. Aber den einen Jungen mussten wir zusätzlich
aufnehmen, Befehl von oben, sozusagen. Frag mich nicht, aber
das wird seine Gründe haben. Damit sind in Camp eins
sechs, im anderen sieben Personen.«
Es stand für Nico außer Zweifel, dass Stein wusste,
warum er diesen einen Jungen aufnehmen musste und genauso
wenig zweifelte er daran, dass er selbst diesen Grund irgendwann
erfahren würde.
Felix Gröbner hatte inzwischen die Jungs draußen
verköstigt, die waren nun zur Abfahrt ins Camp bereit.
»Nico, du kannst in deinem Auto nachfahren. Besser,
es steht da oben«, sagte Stein, als sie auf die Veranda
traten.
»Ich bin wohl.. in Camp eins, oder?«
Stein nickte. »Klar. Ich denke, wir beide werden uns
heute Nachmittag in meinem Büro einschließen denn
ich habe dir viel zu sagen. Komm, es wird Zeit.«
Nico interessierte zunächst nicht, wer von den Jungs
in welches Camp gebracht wurde. Er dürfte so oder so
früh genug erfahren, mit wem er es in den drei Wochen
zu tun haben würde.
»Ich fahr mit Nico!«, rief Stein den Kollegen
plötzlich zu und winkte.
Diese Entscheidung hatte er scheinbar in der selben Sekunde
getroffen.
»Oh, Sie wollen meine Fahrkünste testen?«,
lachte Nico und stieg in sein Auto. Stein öffnete die
Beifahrertür und mit einem Satz sprang Rick auf die Rückbank.
»Hast ja nichts gegen einen zweiten Beifahrer«,
schmunzelte Stein und Nico schüttelte heftig den Kopf.
»Nein, natürlich nicht.« Er drehte sich
nach hinten. »Darfst natürlich nicht fehlen.«
Kurz nachdem er losgefahren war, reichte ihm Stein die Hand.
»Ich denke, wir kennen uns nun wirklich schon lange
genug. Leider nicht mehr lange, aber für diese Zeit..
Falk.«
Nico schluckte. Es hatte ihm von Anfang an nicht gefallen,
dass Falk Stein nur eine Woche nach seiner Ankunft das Camp
verlassen würde. Diese Geste war einerseits die Krönung,
andererseits machte ihm das den Abschied nicht leichter. Ȁhm..
ja«. Er musste lachen. »Nico. Danke.«
Er drückte Falks Hand fest, fester als das üblich
war. Vielleicht strömte so etwas von der Energie zu ihm
herüber, dachte er. Dieses Du hatte weit mehr Gewicht
für ihn, als Stein vielleicht dachte.
»Darf ich Musik machen?«, fragte er, nachdem sie
eine Weile auf der Kreisstraße gefahren waren.
»Klar. Sag mal, wie ist das denn mit Stefan und dir?
Seid ihr noch zusammen?«
Stein durfte alles wissen. Er musste es sogar. Längst
hatte er bei Nico den Status eines Freundes inne, nach diesem
Du erst recht. Nico musste jede verbleibende Minute mit ihm
ausnutzen, wobei dieser Tag nach Falks Angaben eh dafür
reserviert war. Aber das würde eher geschäftlicher
Natur sein und so erzählte er alles, was ihn und Stefan
betraf, Stück für Stück, Teil für Teil.
»Dann ist ja noch nicht alles endgültig?«,
fragte Stein anschließend.
»Nein, nicht wirklich. Wir haben uns einfach Zeit gegeben.
Wenn es so sein soll, dann wagen wir einen Neuanfang.«
»Und du weißt nicht wo er jetzt ist?«
»Nein, keine Ahnung. Anlaufstellen sind nach wie vor
unsere Eltern, die immer wissen wo wir sind. Wenn es ihm oder
mir danach ist, stehen wir nach höchstens einem Tag in
Kontakt. So sind wir verblieben. Allerdings, es ist nun schon
eine ganze Weile her. Ich habe ihm gestern Abend noch eine
Mail geschickt und mitgeteilt wo ich bin. Sicher wird er darüber
alles andere als begeistert sein, aber na ja.«
»Und zu den anderen Jungs, hast du da noch Kontakt?«
Nico grinste. »Ja, zu Erkan ab und zu. Der weiß
übrigens auch dass ich hier bin und.. autsch.. hab ich
ganz vergessen: Er lässt euch alle ganz herzlich grüßen.«
»Erkan.. schon ein toller Bursche, irgendwie. Übrigens,
im letzten Jahr hatten wir noch einen Jungen hier aus dem
ersten Camp.«
Das erste Camp.. Nico wurde nachdenklich. Er hatte nicht
mehr viel Erinnerung daran, der Zahn der Zeit hatte auch daran
genagt. »Und wer war es?«
»Lucas. Lucas Finzer. Er war wohl auch mehr oder weniger
in übles Fahrwasser geraten.«
Rasch erinnerte sich Nico an den langen, dünnen
Lucas. Und er sah ihn in diesen Sekunden längelang hinschlagen,
oben im Stroh.. Er musste grinsen, sagte aber darauf nichts.
Er hatte noch so viele Fragen, aber die mussten warten.
Rainer Bodes Transporter stand schon am Hauptgebäude,
als sie aus dem Wald auf das Gelände zufuhren.
Es lag wieder in gleißendem Sonnenlicht, von außen
praktisch völlig unverändert. Nur das Werkstattgebäude,
das sie damals anfingen herzurichten, lugte in neuem Glanz
hinter dem Gebäude hervor. Sonst stellte Nico keine Veränderung
fest. Nun kam es ihm erst recht so vor, als wäre er erst
Gestern hier gewesen. Sein Blick ging über den freien
Platz hinüber zur Sammelstelle, wo sie gegrillt hatten
und von der aus der Pfad durch den Wald ins Camp führt.
»Ist der Zeltplatz noch dort wo er war?«
»Ja, da hat sich nichts verändert. Du kannst,
wenn wir nachher fertig sind, ja mal einen Rundgang machen.«
Das ließ sich Nico nicht zweimal sagen. Nun jedoch
parkte er den Wagen vor dem Gebäude und sie stiegen aus.
Rick rannte sofort ins Gebäude.
»Der hat Durst, wie ich. Wie sieht es mit dir aus?«,
fragte Stein.
»Keine schlechte Idee.« Dabei beobachtete Nico
die Jungen, die jetzt aus dem Gebäude kamen, mit Leo
und Michael Korn im Geleit. Sie zündeten sich Zigaretten
an und erzählten. Die erste Nacht fand ja im Gebäude
statt und Nico musste kurz grinsen, denn das kleine Schäferstündchen
mit Erkan im Waschraum fiel ihm ein. Die Webcam, Stefans geklaute
Unterwäsche.
»Komm, lass uns ins Büro gehen. Es gibt vieles,
was du wissen musst.«
Nico seufzte. Im Augenblick war er sich nicht sicher wo er
jetzt lieber wäre. An dieser Stelle oder in der kleinen
Gruppe, auf die sie nun zuliefen. Wieder sahen alle zu ihnen
hin, dabei meinte Nico zu erkennen, dass sie hauptsächlich
ihn musterten. Aber da war er ja vorgewarnt worden: Auf ihn
würden sie ein besonderes Augenmerk haben.
Er folgte Stein und sie gingen dicht an ihnen vorbei. Ein
kurzer Blick.. das waren sie also, die sechs Jungs, mit denen
er es zu tun haben würde.
Im Büro war es angenehm kühl, fast schon zu kalt.
Allerdings dürfte das nur ein eher subjektives Empfinden
gewesen sein, in Anbetracht der Hitze die draußen herrschte.
Die Klimaanlage am Fenster war auch das einzig Neue in dem
Raum, sonst hatte er sich nicht verändert. Die Pokale,
die Medaillen, alles an seinem Platz. Ringsum schien die Zeit
stehen geblieben zu sein.
Stein bot ihm einen Platz. »Warte, ich hol uns was
zu trinken und dann reden wir.« Kurz darauf kam er zurück
und stellte zwei Wasserflaschen auf den Schreibtisch. »So,
mein Lieber. Dann wollen wir mal.. Vielleicht kommt dir das
jetzt alles ein bisschen schnell vor, aber wie du weißt
haben wir nicht ewig Zeit.«
»Schon klar.« Nico schraubte eine Flasche auf
und füllte die Gläser.
»Also, Unterkunft für dich ist Alexanders Zimmer.
Felix und Rainer wohnen unten im Ort, die sind sozusagen Heimschläfer.
Unter anderem gibt’s eine Anordnung, die ist seit letztem
Jahr bindend. Das Camp darf nicht mehr unbeaufsichtigt bleiben,
vor allem Nachts nicht.«
»Oh, gab's einen Grund?« Nico trank sein Glas
auf einen Zug leer.
»Nun, im Grunde schon. Einer der Jungs bekam nachts
Probleme. Wir wussten nicht dass er einen kalten Alkoholentzug
hinter sich hatte und prompt bekam er einen epileptischen
Anfall. Du weißt vielleicht dass das Lebensbedrohlich
sein kann.«
Nico hatte viel über Drogen gehört und gelesen.
Alkohol gehörte dazu und so wusste er auch, dass man
mit kaltem Entzug jenen Vorgang meint, in dem sich ein Alkoholiker
selbst dem Stoff entzieht; ohne ärztliche Betreuung und
Medikamente. »Ja, ich weiß.«
»Bis der Arzt dann kam war es knapp. Seitdem steht
er uns rund um die Uhr zur Verfügung und es muss immer
ein Betreuer in der Nähe des Camps sein. Zumindest innerhalb
fünf Minuten erreichbar - wenn’s mal nötig
sollte. Die Jungs bekommen die Nummer des Diensthandys, außerdem
ist es angebracht, wenn wir die Nummern ihrer Privathandys
haben. So kann man im Notfall in beide Richtungen Alarm schlagen
und dafür gibt's jetzt den Bereitschaftsdienst. Wir haben
nebenan ein Zimmer eingerichtet, das dient als Aufenthaltsraum.
Im Grunde nur ein Bett, Tisch und Stuhl. Spartanisch halt
noch, aber vielleicht kann man es ja mal wohnlicher einzurichten.«
Da hörte Nico das erste Mal „man“ im Zusammenhang
mit dem Camp. Nicht „wir“, wie es Stein sonst
formulierte. »Ich finde es gut. Ist das der selbe Arzt,
den ich im Ort kennen gelernt habe.. dieser Doktor..«,
lenkte Nico ab. Er fürchtete, Falk Stein könnte
sich jetzt in die Zukunft verirren. Die Zukunft, die hier
ohne ihn stattfinden würde.
»..Uwe Gebhard, genau«, ergänzte Stein.
»Und ist es vorgesehen, dass ich auch Bereitschaft
mache?«
»Es gibt eigentlich keinen Grund, warum du das nicht
machen kannst. Ich habe auch schon mit den anderen darüber
gesprochen und die hätten nichts dagegen. Aber es ist
deine Entscheidung, denn - in diesem Zusammenhang: Du wirst
hier zu nichts gezwungen. Übrigens haben wir es uns zur
Gewohnheit gemacht, nachts ab und zu nach dem Camp zu sehen.
Einmal hatten die doch tatsächlich eine Party da drüben
veranstaltet.« Stein musste trotzdem grinsen und Nico
war sicher, dass es kein Riesendonnerwetter gegeben hatte.
»Und wie sieht so mein Tagesablauf aus, in etwa?«
Nun ging es in die Einzelheiten und Nico wartete gespannt
auf Falks Instruktionen.
»Hier.« Stein stand auf und ging an die Tür,
auf der sich ein großer Wandkalender befand.
Nico ging zu ihm, um einen kurzen Blick darauf zu werfen.
Jeder Tag der kommenden drei Wochen war mit Informationen
beschrieben.
»Das ist der Dienstplan. Wir halten es noch immer so,
dass die Jungs erst am Morgen nach dem Frühstück
erfahren, was am Tag anfällt. Sie haben hier nichts zu
versäumen und brauchen keine Planung. Sollte es etwas
geben, was sie am anderen Tag benötigen, schriftliche
Ausarbeitungen oder so, dann wird ihnen das am Tag davor mitgeteilt.
Ansonsten ist dieser Plan Top Secret, sozusagen. Eigentlich
halten wir das ja schon lange so, es hat sich eben bewährt.
Es ist ziemlich sicher, dass der Krankenstand enorm ansteigt
wenn die vorher wissen was auf sie zukommt.«
Nico schmunzelte. »Das erscheint logisch.«
Stein ging zurück zu seinem Schreibtisch und öffnete
eine Schublade, aus der er ein braunes Buch herausnahm. Er
blätterte kurz darin und reichte es Nico. »Hier.
Da sind alle Aktivitäten eingetragen, analog zu dem Plan.
Auf der rechten Buchseite hast du Platz für deine Eintragungen.
Zwar nehm ich jetzt an, dass du ein Notebook dabei hast, aber
da draußen ist es nicht ganz so praktisch.«
Freudig nahm Nico das Buch. »Vielen Dank. Ja klar,
mein Lappi ist dabei, aber in der Tat – mitnehmen kann
ich’s wohl kaum.« Rasch blätterte er in dem
in braunem Leder gebunden Kalender. Alle Dienste waren auf
der linken Seite eingetragen, mit der Aktivität, dem
Ort und der Uhrzeit. Nico freute sich darüber, denn er
hatte sich schon Gedanken gemacht, wie er die nötigen
Aufzeichnungen festhalten konnte.
»Hinten, im Einband, ist noch etwas«, sagte Stein
und Nico fand in einer Lasche eine Diskette. »Da ist
alles noch mal in Tabellenform. Nicht besonders schön,
aber Zweckmäßig.«
Nico setzte sich wieder auf seinen Platz.
»Also, ganz wichtig – der Umgang mit den Jungs.
Wir Betreuer wissen, dass du schwul bist, es war im Vorfeld
wichtig, dass sie sich auch die Neuen auf dich einstellen
können.«
Nico schluckte. Darauf war es so nicht gefasst gewesen, aber
richtig überlegt war es okay. Keine Fragen, keine Andeutungen,
keine Mutmaßungen. Falk, Rainer und Leo wussten es eh,
die anderen waren ihm nicht so wichtig.
»Es gab übrigens überhaupt keine Diskussion
deshalb. Also kannst ganz beruhigt sein.«
»Aber du hast das jetzt abgeleitet.. wegen den Jungs?«
»Ja. Ich denke du weißt, dass es die da draußen
nicht erfahren dürfen. Es wäre ziemlich schlecht,
für uns alle. Das ist ein Umstand, der leider nicht besser
zu lösen ist und du bist ja intelligent genug, das nicht
auf deine Person zu beziehen. Die Jungen suchen sich automatisch
Schwachstellen unter uns und du kannst es glauben, sie nutzen
alles was ihnen zum Vorteil gereicht. Du musst dir eine Regel
einhämmern: Die beobachten dich. Dauernd, ständig,
immer; auch wenn du es nicht vermutest. Und sie versuchen,
uns untereinander auszuspielen. Das ist völlig normal
und eine rein altersbedingte Eigenschaft. Allerdings gibt
es eben dazu die positive Seite: Wenn sie merken, dass eine
Sache gut ist, versuchen sie das nachzuahmen. Der Lerneffekt
eben. Die meisten sind aus der Pubertät, aber erwachsen
– das sind sie im Sinne des Wortes deswegen noch lange
nicht. Vergiss auch nie, dass die meisten aus zerrütteten
Familien stammen. Gemeinschaftssinn, Treue, Vertrauen und
auch Gehorsam - vielen ist das einfach fremd. Es ist nicht
unsere Aufgabe, Erziehungsfehler aus dem Elternhaus glatt
zubügeln, das können wir schlicht nicht leisten
und kommt für die meisten eh zu spät. Aber wir hätten
nicht den Erfolg, wenn sie am Ende nicht doch etwas von dem,
was wir ihnen bieten, annehmen würden.«
Nico spitzte bei jedem Wort die Ohren. Das war keine Moralpredigt,
sondern genau das, worauf es in den nächsten drei Wochen
ankam. Dadurch, dass Falk auf sein Schwulsein gekommen war,
wurde ihm die Botschaft auch ohne direkte Worte klar: Die
hieß nämlich Abstand.
»Im Gegenzug muss ich sie aber doch genauso beobachten.«
»Ja, Nico. Dabei bist du naturgemäß klar
im Nachteil: Alle Augen sind auf dich gerichtet, gleichzeitig,
aber du kannst immer nur einen beobachten. Mit anderen Worten,
du musst sechsmal schneller sein als sie. Mag jetzt pathetisch
klingen, ist aber so.« Damit kam Stein auf den Punkt.
Wachsamkeit war sicher das oberste Gebot. Nico waren die
Grundzüge bereits bekannt, aber jetzt, fernab der grauen
Theorie, bekamen die Dinge ein anderes Gewicht.
Stein rückte einen Stapel Papiere vom Schreibtischrand
in die Mitte und legte eine Hand drauf. »Das sind die
Akten der Jungs, natürlich nur von denen, die hier im
Camp eins sind. Es wird dir nicht viel anderes übrig
bleiben, als sie wenigstens einmal kurz zu überfliegen.
Es ist einfach wichtig, dass man schon vorher etwas über
sie weiß. Dass du unter der Schweigepflicht stehst,
erwähne ich jetzt bloß der Form halber.«
Das ehrte Nico, jede Minute mehr spürte er mehr von
der Verantwortung, die auf ihn zukam. Man brachte ihm Vertrauen
entgegen und er durfte an keiner Stelle enttäuschen.
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