| Nico stieg auf den
Stuhl und steckte vorsichtig seinen Zeigefinger in die Spalte.
Als hätte er in glühende Kohlen gefasst zog er ihn
sofort wieder heraus. Er blies die Luft aus. Beide Jungen
waren technisch versiert genug, um sofort zu wissen was da
Sache war. »Ich glaub´s nicht. Das ist.... ´ne
Linse.... Wozu....? Und wie bist du drauf gekommen? Ich mein,
man sieht nichts, die ist ja tief genug da drin.«
»Ich weiß es nicht warum mir das aufgefallen
ist. Vielleicht das Gefühl, beobachtet zu werden, keine
Ahnung. Ist ja auch egal. Und wozu das sein soll, fragst du?
Wozu verdammt, braucht man denn in einem Waschraum, in dem
sich zweimal am Tag Jungs fast oder ganz nackt zeigen, eine
Webcam?«
»Du willst doch damit nicht sagen.... Oh Scheiße.«
»Doch, will ich. Das ist eine Sauerei und ich werde
auf der Stelle Stein herholen.«
Nico war zu sprachlos um ihn daran zu hindern. Vielleicht
gab es eine ganz andere Erklärung dafür, obwohl
ihm keine einfiel. Erkan hatte Recht, Stein musste das sehen,
und zwar sofort. Ihm wurde plötzlich glühend heiß.
Wer konnte sich jetzt an der heißen Nummer jener Nacht
zwischen ihm und Erkan aufgeilen? Er betete, dass die Kamera
zu der Zeit nicht lief und Schweiß rann ihm an den Schläfen
herunter. Ihr Spielchen war kein Verbrechen und nicht strafbar,
aber schon kamen ihm Dinge wie Erpressung in den Sinn. Wut
stieg in ihm auf und er würde schonungslos zu allem stehen
– wenn Stein das hier aufdecken würde.
Und noch eines stand für ihn fest: Wer immer das auch
war, auf keinen Fall einer aus der Gruppe.
Wenige Minuten später stand Stein auf dem Stuhl, fummelte
und fingerte in der Ecke herum. »Tja, das hier ist der
Hammer, ohne Zweifel.« Ohne lange zu fackeln langte
er mit zwei Fingern in den Spalt und zerrte an dem Paneel.
Ein kräftiger Ruck, dann folgte ein knacken, Staub rieselte
herab und die Paneele hing halb von der Decke. Die Linse der
Webcam schien sie anzugrinsen, fast wie zum Hohn.
Sprachlos starrten die drei auf den Spion.
»Okay Jungs, die Vorstellung ist beendet, überlasst
alles andere mir. Und redet darüber bitte nicht, mit
niemandem, ich möchte das in Ruhe klären. Wenn das
an die große Glocke kommt.... nicht auszudenken.«
Erkan rieb sich am Kinn. »Es muss aber an die große
Glocke. Ich werde jedenfalls nicht dulden das dass unter den
Teppich gekehrt wird.«
»Nein, du kannst beruhigt sein. Ich krieg raus wer
das war und dann kann sich derjenige sehr warm anziehen.«
»Haben Sie einen Verdacht?«, fragte Nico, dessen
Aufregung sich nicht legen wollte.
»Nein, nicht den geringsten. Möglicherweise hängt
das Ding da schon lange und zwischenzeitlich gab es ja viele
andere hier. Ich unterstelle nichts, aber keine Sorge, das
krieg ich hin. Jetzt geht bitte zum Frühstück. Die
Gymnastik fällt heute aus.«
Selbst der Geruch nach frischen, warmen Brötchen und
Kaffee regte den Appetit der beiden wenig später am Tisch
nicht an.
»Was ist, Jungs, schlecht geschlafen?«, fragte
Alexander dann auch, als er das lustlose Verhalten bemerkte.
»Nein, eigentlich nicht«, versuchte Erkan eine
Erklärung und achtete darauf, sich seine miese Laune
nicht anmerken zu lassen.
Alexander zog die Schultern hoch und verschwand in der Küche.
Immer wieder blickte Nico zum Tisch mit den beiden Betreuern.
War einer von denen am Ende....? Unmöglich. Stein sowieso
nicht. Und Charles Rademann? Sie wussten nicht viel von ihm,
aber ihm das zuzutrauen.... Es half nichts, man musste abwarten
wie Stein an die Sache heranging.
Der kam dann zu ihnen an den Tisch. »So Jungs. Nico
und Stefan, ihr könnt mal schon rüber zu euren Zelten
und euch die Uniform anziehen. Ihr anderen drei kommt bitte
kurz mit mir.«
Die Sache mit der Unterwäsche.... War es ein Schachzug
von Stein, ausgerechnet sie beide loszuschicken? Klar, es
war logisch. Stefan musste bei der Befragung nicht dabei sein
und er auch nicht. Trotzdem suchte er sofort nach einer Lösung,
wie er ihm aus dem Weg gehen konnte. Er hatte an dem Morgen
nicht die geringste Lust zu reden, nicht nach dem Vorfall
und der kreiste sowieso ständig in seinem Kopf und ließ
für etwas anderes kaum Spielraum. Wer zum Teufel war
dieser unbekannte Spanner? Dummerweise drohte Nico eine Erektion,
denn er stellte sich gerade vor wie derjenige vor dem Monitor
saß, ihn und Erkan bei ihren Sexspielchen beobachtete
und sich dabei einen runterholte. Das war das Stichwort.
Ohne Kommentar stand er auf und lief Richtung Toiletten, während
die anderen Stein ins Büro folgten. Stefan blieb sitzen,
wie Nico aus dem Augenwinkel feststellte. Hoffentlich würde
er alleine loslaufen.
Nico schloss sich in die Klokabine ein und setzte sich auf
die Klobrille. Er war rattig, trotz allem was da vorgefallen
war, allerdings waren seine Gedanken im Augenblick völlig
durcheinander. Vielleicht ergab sich ja was mit Erkan kommende
Nacht. Zwar fragte er sich ob es richtig war den Jungen regelrecht
auszunutzen, aber warum sollte er deswegen ein schlechtes
Gewissen haben?
Während er auf eine Reaktion seiner Gelüste wartete,
ließ er fast schon automatisch seine Blicke schweifen.
Wer wusste schon wo dieser Spanner noch überall seine
Augen hatte? Sein leiser Fluch zwischen die Beine galt schließlich
seinem Schwanz, der trotz zärtlichen Fingerspiels nicht
aus der Ruhe zu bringen war. »Dann halt eben nicht«,
grummelte Nico, zog die Hosen hoch und begab sich dann nach
draußen vor das Gebäude.
Stefan war zum Glück nirgends zu sehen, er würde
wie erhofft alleine losgelaufen sein. Nico zündete sich
eine Zigarette an und blinzelte in die Sonne, die allmählich
Lücken in den Nebel riss. Noch eine Stunde höchstens,
und der Himmel würde wieder blitzblau sein. Auf der Bank
neben dem Eingang entdeckte er die hiesige Tageszeitung, wahrscheinlich
hatte sie Alexander aus dem Ort mitgebracht. Er nahm sie und
studierte die Schlagzeilen.
Wie immer fast aus dem Nichts stand Rick plötzlich bei
ihm und sah ihn an. Nico kraulte seinen Kopf.
„.... Im Entführungsfall Tobias Möller bittet
die Polizei weiter um Mithilfe aus der Bevölkerung....“
Rasch las Nico den Artikel. Es stand nun tatsächlich
fest dass der Junge entführt worden war. Wütend
knallte Nico die Zeitung auf die Bank. »Drecksau«,
fluchte er und ging in die Hocke. »Hallo Rick.«
Der Hund lenkte ihn von den Gedanken ab, die in dem Moment
bei diesem fremden Jungen waren.
»Wo ist Stefan?«, fragte Stein, als er Augenblicke
später mit den anderen drei aus dem Gebäude kam.
Ihnen stand der Schreck ebenso in die Gesichter geschrieben
wie ihm zuvor auch. Es war keiner von denen, dachte er.
Nico wurde verlegen, jetzt war es offensichtlich dass er nicht
mit ihm reden wollte. »Er muss vorgegangen sein, ich
war noch auf der Toilette.«
Stein nickte, in seinem Blick jedoch waren Fragezeichen zu
erkennen. Nico wandte sich ab und joggte auf den Wald zu,
bald gefolgt von den anderen. Erkan schloss zu ihm auf.
»Ist ja ein Hammer mit Stefan. Weißt du was ich
glaube? Dieser Fetischist und der Spanner mit der Kamera,
das ist garantiert ein und dieselbe Person.«
»Meinst du?«, fragte Nico zurück, ohne sich
jedoch weitere Gedanken darüber zu machen. Sein Kopf
konnte einfach nicht mehr aufnehmen.
»Scheint dich ja nicht sonderlich zu interessieren.«
»Sei mir nicht böse, Erkan, ich hab andere Sachen
im Kopf.«
Stefan stand bereits umgezogen an seinem Zelt als der Rest
der Gruppe ankam. Der Dienstpan dieses Tages sah vor, dass
sie am Vormittag einen Orientierungsmarsch absolvieren sollten.
Dazu musste ein Gruppenführer bestimmt werden und Rademann
wollte ihnen die notwendigen Instruktionen erklären.
Der war jedoch noch nicht da.
Nico kroch hinter Erkan in ihr Zelt und zog den Trainingsanzug
aus.
»Nico, ich möchte dir was sagen.«
Er spürte dass das, was Erkan zu sagen hatte, nichts
besonders gutes sein konnte. »Ja, ich höre?«
»Du... du und ich werden ja jetzt ne Weile hier verbringen...
Also ich mein, das da drüben in dem Waschraum... das
war echt geil, ehrlich. Aber ich....«
»Erkan, komm bitte auf den Punkt«, drängelte
Nico, denn er ahnte bereits was kommen würde.
»Nico, das ist nichts Persönliches. Aber ich fühl
mich echt Scheiße wenn ich mit dir hier herumvögle
und ein paar Meter weiter.... Ich weiß todsicher dass
du Stefan noch nicht aufgegeben hast. Ich bin so vermessen
zu behaupten, dass du ihn noch immer liebst. Und er dich auch.
Kommt endlich zu Potte, Mensch.«
»Du glaubst also, dass ich dich ausnutze. Ist es das
was dich stört?« Nico war ohnehin gereizt und dieses
Gerede ging ihm an die Nerven. Dabei wusste er, dass Erkan
Recht hatte. Wieso dachte er dauernd an Stefan? Und jetzt,
nach diesem Debakel mit der Unterwäsche, brauchte er
Hilfe. Niemand anderer als er konnte ihm beistehen. Wenn nur
diese verdammte Wand nachgeben würde...
Erkan schnaufte. »Nein, ich lasse mich prinzipiell nicht
ausnutzen, auch von dir nicht. Aber man kann's echt nicht
mehr mit ansehen wie ihr euch quält.«
»Ach, der große Therapeut.... Erkan, ich hab
verstanden und nun lass mich damit bitte in Ruhe. Es ist eine
Sache zwischen Stefan und mir, okay?«
»Ist ja schon gut. Musst dich nicht gleich so aufregen.«
»Tu ich nicht.«
Wütend auf alles und jeden und vor allem auf sich selbst
zog sich Nico an und trat vor das Zelt. Die Sonne hatte inzwischen
die letzten Nebelfetzen weggebrannt und schickte ihre Strahlen
blinkend durch das Blätterdach.
Nachdem Rademann noch immer nicht aufgetaucht war setzte
sich Nico vor das Zelt und rauchte. Ihm war egal dass es verboten
war, so wie ihm langsam alles hier egal wurde. Zum ersten
Mal dachte er an zu Hause, aber es gelang ihm dabei nicht,
Stefan zu vergessen. Sie wären jetzt sicher irgendwo
unterwegs.... und hätten drei Wochen für sich gehabt.
Jede Nacht zusammen schmusen, kuscheln, Spaß haben,
wohltuendes Schweigen die Zigaretten danach, morgens den Kaffee,...
Nico spürte plötzlich Druck in den Augen. Verdammt,
ich lieb dich doch.... Aber wer führte da jetzt gerade
die Regie? Das Engelchen oder das Teufelchen? Nico spürte,
dass diese Zwietracht nicht mehr lange auszuhalten war. Heute,
irgendwann im Lauf des Tages, würde er mit Stefan reden.
Es musste sein. Wenn er ihn nicht mehr wollte, dann sollte
das gesagt werden. Nico drückte die Kippe tief in den
weichen Waldboden und stand auf.
Nein, Stefan musste den Anfang machen.
»Bist du jetzt sauer?«
Nico sah ein, dass es keinen Sinn machte den Trotzigen zu
spielen. Vielleicht war er sauer, ja. Immerhin hatte er sich
erst die kommende Nacht mit Erkan in lebhafter Form vorgestellt.
Aber es war schließlich nicht Erkans Schuld dass er
sich jetzt so mies fühlte.
»Nein, Erkan, bestimmt nicht. Es ist nur.... lass mir
bitte Zeit, ja? Es ist alles nicht so einfach. Und dass du
nicht mit mir pennen willst – ich denk ich würde
das auch nicht wollen an deiner Stelle.«
Erkan nickte und ein Lächeln huschte über sein
Gesicht. Er stellte sich dicht vor Nico hin und reichte ihm
die Hand. »Freunde?«
Nico schlug ein und fiel ihm um den Hals, er konnte seine
Tränen nicht mehr kontrollieren. Fest schlossen sich
Erkans Hände um seine Taille und Minutenlang blieben
sie so stehen ohne ein Wort zu sagen.
Dass Rademann plötzlich neben ihnen stand und sie so
sah, war ihnen egal. Nico fand es nur gerade praktisch, dass
Stefans Zelt nicht in Sichtweite war.
»Kommt ihr dann bitte raus zum Platz? Ich möchte
euch die Infos zu eurem Marsch geben«, sagte Rademann
nur kurz. Bildete sich Nico ein blitzen in seinen Augen nur
ein? Möglicherweise war es ja auch nur Verlegenheit dass
er sie so sah.
Wenig später saßen Raffael, Lutz, Stefan, Erkan
und Nico auf dem Sammelplatz um Charles Rademann herum. Es
war richtig warm geworden inzwischen, je nachdem würden
sie ordentlich ins Schwitzen kommen. Aber zumindest Nico freute
sich auf den Marsch, der lenkte garantiert ab. Und vielleicht
ergab sich dabei doch die eine oder andere Gelegenheit, die
Stefan für ein Gespräch nutzen konnte. Ja, Nico
drehte den Spieß einfach um. Er wollte ihm eine Chance
dazu geben, wie auch immer.
»Als erstes brauchen wir einen Gruppenführer.
Es macht nicht viel Sinn wenn alle das gleiche machen wollen
und jeder am Ende alleine herumfuhrwerkt. Dabei entscheidet
sich die Wahl nicht nach Alter oder Kompetenz.«
»Aha. Sondern?«, fragte Lutz nach Rademanns Rede.
»Tja, es ist in diesem Falle so, dass derjenige Gruppenführer
wird, der als erster etwas dazu sagt«, und reichte Lutz
prompt Fernglas, Kompass, Handy, eine Taschenlampe und ´ne
Karte.
Die Jungs sahen sich an und prusteten, während Lutz
große Augen bekam.
»Aber ich....«
»Keine Bange, natürlich werden dich die anderen
Unterstützen. Es ist erstens kein Kriegsspiel, zweitens
kommt es nur bedingt auf Zeit an und drittens Schwierigkeitsgrad
eins. Also im Grunde völlig harmlos.«
»Und welche Rolle spielen Sie dabei?«, fragte
Raffael.
»Ich halte mich raus. Jedenfalls seid ihr auf euch
selbst angewiesen, was ja auch Absicht ist. Im Übrigen,
eure Vorgänger haben das bravourös gemeistert und
ich denke das verlange ich auch von euch. So, komm Lutz, ich
zeig dir den Weg.«
Rademann breitete die Karte auf dem Boden aus und nahm einen
Rotstift. Er malte einen kleinen Kreis in die Karte. »Hier
sind wir. Und ihr sollt so laufen...« Nun fuhr er mit
dem Stift einen Weg entlang, beschrieb langsam einen größeren
Bogen. »Hier an der Stelle kommt ihr zu den alten Bahngleisen.
Die Strecke ist stillgelegt und ihr könnt auf dem Versorgungsweg
der Bahn direkt an den Gleisen entlang.« Dann erneut
einen Kreis. »Da steht eine alte Verladestation, direkt
an dem ehemaligen Steinbruch. Die Gebäude dort sind baufällig,
deshalb versucht nicht irgendwie da rein zu kommen. Andere
vor euch haben es auch schon versucht, aber da ist alles dicht
verschlossen.« Mitten in die eingezeichneten Bauten
malte er einen Punkt. »An der Stelle macht ihr Mittagspause,
denn wenn nichts dazwischenkommt, seid ihr in zwei Stunden
da.« Er sah auf seine Uhr. »Es ist jetzt kurz
vor zehn, also das ist machbar.«
»Und Alexander wartet dort mit einem saftigen Steak....«,
grinste Erkan.
Rademann lachte. »Nein, leider nicht. Ihr bekommt euer
Essen mit.« Er griff hinter sich und zog einen Rucksack
zwischen seine Beine. »Hier....«, sagte er und
schüttete den Inhalt vor sich auf den Boden.
Lutz verzog das Gesicht. »Das erinnert mich ans Militärfutter
eines Freundes...«
»Ja, genau das ist es, nichts anderes. Epas, also Einmannpackungen.
Corned Beef, Nudeln mit Rindfleisch.... na ja, seht selbst
und sucht euch was aus. Der Nachteil daran ist nur, dass es
kalt überhaupt nicht schmeckt. Damit die Sache ein bisschen
spannend wird, müsst ihr eure Espritkocher dazu erst
abholen. Und zwar hier....« Er zeigte auf eine Stelle
in der Nähe der Verladestation. »Da steht ein altes
Signal. Direkt an dem Mast ist ein Schaltkasten – und
da findet ihr eure Kocher.«
Die Jungs schüttelten den Kopf. Begeisterung war keine
zu spüren.
»Gut. Danach geht es so weiter«, und Rademann
zog den Stift wieder in einem Bogen zurück zum Startpunkt.
»Ihr seht, es geht nicht Querfeldein, immer schön
den Wegen und Straßen nach. Gegen fünfzehn Uhr
solltet ihr wieder hier sein.«
»Und was ist mit dem Handy?«
»Ja, richtig. Bitte gebt eure Handys jetzt ab.«
Ein Grummeln ging durch die Gruppe.
»Es ist Vorschrift, nicht von mir. Auf dem Diensthandy
sind die Nummern aller Betreuer gespeichert, die von Polizei
und Feuerwehr kennt ihr. Wobei noch nie jemand hat anrufen
müssen. Also, eure jetzt bitte.«
Lautstark waren die Proteste nicht, aber es half auch nichts.
»Und was macht das ganze nun für einen Sinn, da
in der Pampa herumzutraben?«, wollte Lutz wissen.
»Ihr werdet sehen. Vergesst jetzt nicht eure Feldflaschen
mit Wasser zu füllen, unterwegs gibt es davon nicht viel.
In zehn Minuten mit Gepäck wieder hier.«
Die Jungs nickten und gingen zurück zu ihren Zelten.
»Das wird was werden, vor allem möchte ich wissen
was „ihr werdet sehen“ zu bedeuten hat. Die haben
da doch was vor mit uns«, meckerte Erkan während
sie ihre Sachen packten.
»Ich denke, die haben nichts mit uns vor. Das wird
sich alleine ergeben.«
»Aha. Und wie soll das vonstatten gehen?«
Zwar stand diese Aktion im Dienstplan, aber an Kleingedrucktes
an der Stelle konnte sich Nico nicht erinnern. Also war auch
für ihn unklar was da kommen könnte. »Hab
echt keine Ahnung, Erkan. Lassen wir uns überraschen.«
Nico hatte auf der topografischen Karte sofort gesehen, dass
sie steile Wege gehen mussten, der Steinbruch lag fast ganz
oben an dem Berg. Fünf Stunden würden sie unterwegs
sein, eine Menge Zeit für die relativ kurze Strecke.
Allein das machte ihn stutzig. Aber er behielt diese Tatsache
für sich.
Bereits nach einer Stunde, die sie weitgehend auf schmalen
Wegen in dichten Tannen- und Buchenwäldern marschierten,
hatten sie das Bahngleis erreicht. Offenbar wurde hier früher
der Schiefer abtransportiert bis sich der Abbau nicht mehr
lohnte. Bemerkenswert war die Höhe in der die Gleise
gebaut wurden und etliche Höhenmeter mussten damals überwunden
werden. Interessant war deshalb auch die Bauweise. Die Gleise
gingen im weiten Bogen um den Berg herum nach oben. Aber all
das schien angesichts des Zustands der Gleise und des Bahndamms
schon Ewigkeiten zurückzuliegen.
»Zigipause«, rief Lutz, als sie einige Minuten
an den Schienen entlanggelaufen waren. Solche kurze Pausen
hatte Rademann nicht erwähnt, demnach auch nicht verboten.
Sie setzten sich auf die Schienen und rauchten. Leise wisperte
der Wind in den Baumkronen ringsum, am lautesten war das Konzert
der unzähligen Grillen, die sich hier in der Nähe
der heißen Schottersteine wohl fühlten.
»Na ja, es hätte auch schlimmer kommen können«,
unterbrach Raffael das Schweigen der Gruppe. »Meine
Welt ist zwar nicht grad heil, aber wenigstens im Moment ist
sie in Ordnung.«
»Oh Gott, wir haben einen Philosophen in unseren Reihen«,
stöhnte Lutz gekünstelt.
»Besser als grundlos rumzujammern«, warf Nico
in das Gespräch und lehnte sich an die Böschung
des Bahndamms. Sein Blick ging zu Stefan.... wenn er ihn nicht
sehen würde könnte man glauben, er wäre gar
nicht dabei. Zwar lief er in der Gruppe mit, aber er sagte
keinen Ton und näherte sich Nico nie weiter als zwei
Meter. Fast so, als hätte er Angst vor ihm. Angst....
Nicos Herz klopfte los. Stefan hat Angst vor dir. Er fürchtet
deine Rache.... Mein Gott, das ist es. Er traut sich nicht....
alles Gefasel. Nie wird er auf dich zukommen, nie im Leben.
DU musst es tun.... Heute, irgendwann.
»Meine Güte ist das ne verlassene Gegend hier.
Lutz, zeig mal die Karte, möchte gern wissen wo wir überhaupt
sind«.
Lutz kam mit der Karte zu Erkan, breitete sie mitten auf
dem Gleisbett aus und beschwerte die Ecken mit Schottersteinen.
Zuerst nahm er einen tiefen Schluck aus seiner Feldflasche.
»Aaaaalso«, begann er betont fachmännisch.
»Hier sind wir losgelaufen, da sitzen wir jetzt grade.
Und dort ist die Verladestation oder was immer das sein soll.«
Erkan rieb sich am Kinn. »Hm, das nächste Dorf...
lass mal sehen.... Posteholz.... nie gehört....«
In diesem Moment schreckte Nico hoch. »Wie heißt
das Kaff?«
»Posteholz.... dürfte so drei Kilometer weg sein.«
Nico sprang auf und kam zu den beiden hin. »Zeig mal....«
Ihm wurde glühend heiß als er am unteren Rand der
Karte „Lindenbruch“ las. Jetzt fiel es ihm wieder
ein.... der kleine Tobias. So nah waren sie da. Mit zitterndem
Finger zeigte er auf Posteholz. »Da in der Nähe
haben sie den Kleinen entführt....«
»Was entführt? Kleinen?«
Nico fiel ein, dass die Sache mit dem Jungen nicht mitbekommen
hatten und schilderte ihnen den Vorfall, jedenfalls das was
er selbst davon wusste.
»So eine Sauerei....«
»Sack ab.«
»Der sollte mal jetzt hier sein....«
Nico merkte sich nicht wer was sagte, es spielte auch keine
Rolle. Er stand auf und drehte sich langsam um dreihundertsechzig
Grad, so, als suche er etwas.
Erkan trat neben ihn. »Glaubst du, dass der Entführer
noch hier ist, sich irgendwo versteckt hält mit dem Jungen?«
»Ich weiß es nicht, Erkan, aber ich wollte es
gerne wissen. Sie haben sicher schon die ganze Gegend abgesucht,
aber scheinbar noch nicht mal Spuren von ihm gefunden. Man
wird annehmen dass er längst das Weite gesucht hat.«
»Es wäre besser für ihn....«, setzte
Erkan hinterher.
»Kommt, Leute, wir müssen weiter. Ich krieg langsam
Hunger und bis zur Station ist's noch ne gute Stunde.«
Lutz packte seine Feldflasche ein und zog das Handy heraus.
»Ja, ganz klasse. Seht mal«, rief er und hielt
das Telefon in die Luft.
Nico ging zu ihm und nahm das Handy. »Jep. Alle Neune.
Die haben vergessen es anzuschalten.«
»Gib mal her«, mischte sich Erkan ein und grübelte.
»Ohne PIN geht nichts, das kann ja alles Mögliche
sein. Aber wie sagte der gute Charles? Es ist noch nie gebraucht
worden. Also beten wir gemeinsam dass es auch diesmal so ist.«
Sie erhoben sich, wobei ein leises Stöhnen zu vernehmen
war, und gingen weiter an dem verwilderten Bahndamm entlang.
Lange redeten sie nicht miteinander und Nico legte es jetzt
darauf an, Stefan näher zu kommen als die zwei Meter.
Langsam ließ er sich von der Spitze zurückfallen,
Stefan lief wie schon die ganze Zeit am Schluss. Irgendwann
musste er auf gleicher Höhe sein, ob er wollte oder nicht.
Die Sonne knallte auf das baumlose Gelände entlang des
Bahndamms und trieb den Jungen den Schweiß auf die Stirn,
immerhin waren sie dergleichen Anstrengungen alle nicht gewohnt.
Zeitweise lichtete sich der Wald um sie herum und nun lief
die Gruppe schon eine Weile an einer Wiese entlang.
»Leute, kurze Pause. Da drüben ist ein bisschen
Schatten. Lasst uns fünf Minuten ausruhen.«
Logischerweise hatte keiner etwas gegen diese Unterbrechung
einzuwenden und so steuerten sie auf die Trauerweiden zu,
die in einer Gruppe auf der Wiese standen. Die Jungen blickten
dort angekommen überrascht auf einen kleinen, glasklaren
Bach. Ohne Zögern warfen sie ihr Gepäck ab, zogen
Schuhe und Strümpfe aus und stellten sich in das kühle,
flache Wasser.
»Mann, das ist ein Geschenk von oben«, jauchzte
Lutz und begann die anderen nass zu spritzen, woraus sich
sofort eine gediegene Wasserschlacht entwickelte. Dann war
es eben nicht drei Uhr wenn sie zurückkamen, niemand
der ausgelassenen Jungs dachte mehr an die Zeit oder an das
Essen. Das lief nicht davon und das Camp erst recht nicht.
Was Nico am meisten freute – Stefan machte mit, auch
wenn sie sich nicht gegenseitig nass spritzten.
Nachdem Nicos Kleider patschnass geworden waren, zog er sein
Hemd und die Hose aus, zuerst nur gefolgt von den ungläubigen
Blicken der anderen. Dann jedoch taten sie es ihm nach, schließlich
standen alle nur noch in ihren Shorts im Wasser, das lustige
Treiben war weit zu hören.
Nico beobachtete Stefan dabei genau. Wie herrlich dieses Muskelspiel,
das Glitzern der Wassertropfen auf seinen Wimpern und je nasser
seine Shorts wurden, desto deutlicher bildete sich sein Penis
ab. So detailliert, dass sich Nico zu einem kurzen Seufzer
hinreißen ließ. Stefan trug auch eine neue Halskette,
so eine aus Stahl. Passte sehr gut zu ihm. Wie ihm sowieso
alles stand was er trug. Ob Kleidung oder Schmuck, der Junge
hatte Geschmack und verstand es hervorragend, sein Äußeres
zur Geltung zu bringen. Darum liebe ich dich so, dachte Nico.
Wenn diese lustige Schlacht gleich vorüber ist, rede
ich mit dir. Du musst keine Angst haben, nicht vor mir....
Völlig außer Atem setzten sie sich nach einer
Weile an das Ufer und ließen sich von der Sonne trocknen.
Nico versuchte sich die ersten Worte, mit denen er endlich
das Panzerglas zwischen ihm und Stefan sprengen wollte, zurechtzulegen.
Vielleicht war es gar nicht so schwierig. Ein einfaches Hallo,
das würde für eine Einleitung bestimmt reichen.
»Seht mal, Rehe«, rief Lutz den anderen zu und
sie sahen in die Richtung. Zwei dunkle Punkte waren am anderen
Ende der Wiese zu sehen, zu weit weg um sie genau zu erkennen.
Lutz nahm das Fernglas um die Tiere beobachten zu können,
allerdings kannte er sich da sehr gut aus und auf den zweiten
Blick wurde er skeptisch. »Hm, irgendwie komische Rehe.
Viel zu dunkel und sie kommen auf uns zu. Dabei, müssten
die bei unserem Krach eigentlich das Weite gesucht haben.«
»Lass mal sehen«, sagte Erkan, nahm Lutz das
Glas aus den Händen und blickte in die Richtung. »Nee,
das sind keine Rehe. Zu klein dafür und.... wie die rennen.
Hast Recht, genau auf uns zu..«
Nico nahm nun das Glas an sich und stand auf. Langsam wurden
die Punkte größer und mit jedem Meter den sie sich
näherten wurde es deutlicher. »Ich glaub, das sind
Hunde, schwarze Hunde....« Nicos Hände begannen
leicht zu zittern.
»Hunde? Zeig noch mal.« Erkans Hände waren
ruhig, als er das Glas erneut an die Augen hielt. »Ja,
Hunde. Und wenn mich nicht alles täuscht.... die sehen
aus wie Dobermänner. Riesenkerle. Und die kommen immer
näher....« Augenblicklich spürte er Gefahr
aufkommen. Wenn die Tiere dieses Tempo einhielten, waren sie
in wenigen Minuten hier. Und es gab keinen Grund, warum sie
umkehren oder stoppen sollten.
»Leute, weg hier, und das ganz schnell. Gegen die können
wir nichts ausrichten.«
Schlagartig standen die anderen auf.
»Aber vielleicht sind die ja ganz harmlos. Außerdem,
wo sollen wir denn hin?« rief Raffael.
»Harmlos? Vielleicht, aber wenn nicht? Los, rauf auf
die Bäume. Und zwar sofort«, befahl Lutz und wunderte
sich einen Moment lang selbst über die Ruhe, die er trotz
allem dabei behielt. Vielleicht war es so etwas wie Verantwortungsgefühl,
aber darüber nachzudenken blieb ihm keine Zeit. Die ersten
Äste der Trauerweiden waren tief genug, um sie ohne Hilfsmittel
zu erklimmen. Dennoch.... »Helft euch gegenseitig rauf,
das geht schneller«, schrie er jetzt, da die Konturen
der Hunde deutlich wurden und sich Erkans Befürchtung,
es könnten Dobermänner sein, bestätigte. Und
die rannten wie von Furien gehetzt auf die Gruppe zu. Angesichts
dessen war es sicher reiner Selbstmord zu glauben, die Hunde
wären harmlos.
Erkan war als erster auf einem der unteren Äste, mehr
gesprungen als geklettert, und sofort hielt er seine Hand
hinunter um Raffaels Handgelenk zu umklammern. Der junge Türke
hatte Kraft, scheinbar mühelos zog er den Jungen zu sich
hinauf und schob ihn zusätzlich einen Ast höher.
»So hoch du kannst«, schrie er ihm zu und beugte
sich erneut nach unten um Nicos Hand zu packen, die er ihm
entgegenstreckte. Während Erkan ihn hochzog blickte er
zurück und erschrak, weil Stefan wie unter Schock keine
Regung zeigte. Er stand da unten und blickte den Hunden entgegen.
Ungebremst in ihrem rasenden Sprint setzen sie jetzt laut
kläffend zum Endspurt an. Es schien, als würden
ihre Beine den Boden gar nicht berühren. Sie rannten
nicht, sie flogen förmlich.
Lutz war es inzwischen gelungen, einen Ast auf dem Nachbarbaum
zu erklimmen, rasch kletterte er in eine sichere Höhe.
Hilfe holen konnte er nicht, das Handy lag in seinem Gepäck
und war eh nicht zu gebrauchen.
»STEFAN!«, schrie Nico verzweifelt. »KOMM
HOCH!« Als Nico merkte dass Stefan ihn scheinbar gar
nicht hörte, rief er zu Erkan über ihm: »Lass
mich los.«
»Spinnst du? Kommt nicht in Frage.«
»Erkan, loslassen, bitte. Sieh doch Stefan.... ich
muss ihm helfen!«
Es konnte nur noch Sekunden dauern bis die Hunde ihn erreicht
hatten. Immer weiter wurden ihre Sätze, sie würden
Stefan in Fetzen reißen noch bevor er wusste was los
war.
Nico spürte Erkans Schweißtropfen auf seinen Körper
fallen, aber er ließ nicht los. »Komm rauf, Mensch,
du kannst ihm nicht helfen....«
»LOSLASSEN!«
Erkans Griff um Nicos Handgelenk war fest wie ein Schraubstock.
Da hielt er den besten Freund, den er je hatte, fest in seiner
Hand. Aber da war noch ein Junge, der geliebt wurde wie kaum
ein anderer. Der stand da unten wie gelähmt und war in
Lebensgefahr. War es richtig, Nico nicht zu ihm zu lassen?
Vielleicht hatten sie zu zweit irgendeine Chance, Liebe hatte
Kraft und sie war mächtig. Auch wenn es sich keiner von
beiden eingestand, sie gehörten zusammen, dieses Band
war jetzt überdeutlich zu spüren. Niemand durfte
sie trennen, auch in solch einer Situation nicht. Erkans Schweiß
mischte sich mit Tränen. Er wusste was es bedeutete wenn
er Nico jetzt losließ.
»ERKAN, VERDAMMT! LASS MICH ENDLICH LOS! ICH MUSS STEFAN
HELFEN!«
Langsam öffnete Erkan seine Umklammerung, spürte
wie ihm Nicos Hand entglitt und schloss die Augen, deren Tränen
in Nicos Haare getropft waren.
Dann hielt sich Erkan laut heulend die Ohren zu. Er wollte
nicht sehen und nicht hören was da unten gleich passieren
würde.
Nico knickte ein als er auf dem Boden ankam, rappelte sich
aber sofort auf und stürzte sich in dem Augenblick auf
Stefan, als der erste Dobermann zum Sprung ansetzte. Im hohen
Bogen verfehlte er deshalb sein Ziel und landete unsanft auf
dem Boden. Kaum waren die beiden Jungen auf die Wiese gestürzt,
raste etwas an ihnen vorbei. Sie waren fast ohnmächtig
vor Angst, registrierten nicht, wie Rick schnell in die Hüfte
des gestrauchelten Dobermanns biss und der daraufhin so jämmerlich
aufheulte, das der andere Hund abgelenkt wurde und sofort
stoppte.
Für Sekundenbruchteile verharrte der Husky in geringer
Entfernung bis er sicher war, dass er nun auch durch sein
lautes Bellen die Aufmerksamkeit der Dobermänner auf
sich gelenkt hatte. Dann raste er Richtung Bahndamm davon,
und die beiden tobsüchtigen Bestien folgten ihm.
Erkan öffnete langsam Augen und Ohren, egal was passiert
war, es musste vorbei sein. Verschwommen sah er unten die
beiden Jungen leblos im Gras liegen, sonst war nichts zu hören
und zu sehen. Er wischte sich über die Augen und zog
die Nase hoch.
»Nico? Stefan?«
Keine Antwort, keine Regung. Erkan sah sich um, die Bestien
waren offenbar verschwunden. Sofort hangelte er sich vom Baum
herab und ging zu den beiden hin. Auf den ersten Blick hatten
sie nichts abbekommen, irgendwie waren sie diesen Teufeln
entkommen. Dann aber blieb er stehen. Vielleicht war ausgerechnet
jetzt der Zeitpunkt für die zwei gekommen, und so kümmerte
er sich um Lutz und Raffael, die noch immer wie gelähmt
in den Bäumen ausharrten.
»Stefan, alles okay mit dir?«, fragte Nico leise.
Das er mit seinem ganzen Körper auf ihm lag und wahnsinnig
zitterte störte ihn nicht. Er spürte die heiße,
schweißnasse Haut an seiner, den schnellen Herzschlag
und das heftige Atmen dieses Körpers.
»Ja, alles klar, mir fehlt nichts....«
Dieses leise Reden, diese wunderbare Stimme. »Bestimmt?«,
hakte Nico nach.
»Alles okay. Aber was ist überhaupt passiert?«
»Später, Stefan, später.« Nico fuhr
ihm sanft durch die Haare, immer wieder. Wozu eigentlich große
Worte?
»Nico.... Ich.... ich war....«
»Sag nichts. Es ist vorbei. Was hinter uns liegt hat
es nie gegeben. Hier und jetzt möchte ich neu anfangen.
Mit dir.«
»Aber....«
Nico legte ihm den Zeigefinger auf den Mund. »Pscht.
Nichts aber. Ich liebe dich, nichts und niemand kann das jemals
ändern.« Millimeterweise näherte sich sein
Mund diesen Lippen, von denen er nie genug bekommen konnte.
Erkan setzte sich an den Stamm der Trauerweide und blickte
von den beiden Jungen weg hoch in die Blätter über
ihm. »Danke Baum. Danke Gott.« Lutz und Raffael
hatten ihm erzählt was ihm entgangen war. Woher Rick
so plötzlich kam und wohin ihm die beiden Hunde gefolgt
waren, wussten sie nicht.
Während sich die Lippen der beiden Freunde umschlossen,
hallten aus dem Wald hinter dem Bahndamm kurz nacheinander
zwei Schüsse auf.
Erkan rieb sich zufrieden die Hände. »Da gehen
sie hin, diese räudigen Köter.«
»Bist du sicher?«, fragte Lutz besorgt, der sich
mit Raffael zusammen neben Erkan gesetzt hatte.
»Ziemlich. Ich denk mal, das ist vorbei.«
»Hm.... jetzt sieh sich das einer an. Weiß ein
Mensch, warum die sich küssen? Das sind.... Ach so ist
das....« Raffael stand spontan auf. »Jetzt wird
einem alles klar. Diese beiden Schwuchteln.... Der Hartmann
hat dem Regbach die Unterwäsche gekratzt weil er scharf
auf ihn ist.... Und unsereiner wird verdächtigt. Na warte....«
So schnell wie ihm Erkan im Weg stand konnte er nicht blinzeln.
»Was „Na warte“?«, fragte er und neigte
den Kopf.
»Ist doch ganz einfach. Ich werd jetzt dem Hartmann
da drüben die Fresse polieren. Ist ja auch in eurem Interesse.
Stein hat jeden verdächtigt. Wenn ich dem das sage....
Geil.... Aber gut, bevor er sowieso rausfliegt zeig ich ihm
mal eben was ich so vom Schwulenpack halte.«
Erkan hielt ihn am Oberarm fest. »So einfach wird das
jetzt aber auch wieder nicht.«
»Lass mich los, du Türke und geh mir aus dem Weg.
Sonst kann es passieren, das....«
Erkan drückte nur fester zu, mehr musste er nicht machen.
Sofort sprang ihm blanker Hass entgegen.
»Yüslüm, übertreib’s nicht. Ich
brech dir sämtliche Knochen. Lass deine Stinkefinger
von mir und ich sag's nur einmal.«
»Was sagst du nur einmal? Ich hör grad ziemlich
schlecht, weißt du.« Er tippte Raffael an den
Kopf. »Von da kommt nämlich im Moment übler
Mist rüber und verstopft meine Ohren.«
Im ersten Augenblick fehlten Raffael die Worte, dann holte
er aus und ließ seine Faust in Richtung Erkans Gesicht
sausen. Mit einem klatschenden Geräusch landete sie jedoch
direkt in Erkans offener Hand, die sich sofort wie eine Venusfliegenfalle
schloss und mit der Gewalt einer hydraulischen Presse zudrückte.
Mit einem undefinierbaren Ton und schmerzverzerrtem Gesicht
ging Raffael augenblicklich in die Knie.
Erkan kniete sich vor ihm hin und verfolgte die Tränen,
die Raffael die Wangen herunterliefen. »So, Freundchen.
Das war nur eine leise, sachte Warnung. Es ist jetzt ziemlich
fragwürdig wie du eine Woche hier mit nur einer Hand
verbringen willst, aber ich brech dir die Finger gänzlich,
falls du es auch nur andeutungsweise darauf ankommen lässt.
Nico und Stefan sind für dich erledigt, klar?«
Raffael starrte ihn an, böse, wütend. Blicke, die
töten würden, wenn sie es könnten.
Erkan klappte seine Ohrmuschel nach vorne. »Ich hör
schon wieder nichts?«
Der Gepeinigte schwieg, worauf ihn Erkan zornig an den kurzen
Haaren zu fassen bekam und den Kopf nach hinten zog. »Nun?«
Jetzt nickte Raffael, worauf Erkan seine Hand öffnete
und ihn langsam aus der Umklammerung entließ. »Na
also. Übrigens verfahre ich da immer nach dem gleichen
Muster, ohne Ausnahme.« Bewusst sah er dabei zu Lutz
hinüber, der sich aber anscheinend im falschen Film wähnte.
Starr blickte er auf den wimmernden Jungen am Boden und war
unfähig zu handeln.
Nico stand auf und half Stefan auf die Beine zu kommen, sie
hatten nichts von alldem mitbekommen.
»Na ihr beiden, alles okay?«
»Ja, Erkan. Und... vielen Dank.«
»Na ja, ich denke darüber müssen wir noch
mal reden.«
Kurz darauf polterte ein Geländewagen in die Wiese und
hielt direkt an der Baumgruppe an. Hastig stiegen Stein und
Rademann aus dem Fahrzeug, auch Rick sprang heraus und rannte
zu den Jungen.
»Was zum Teufel war hier bloß los«, sagte
Stein fast zu sich selbst, obwohl er sich die Frage hätte
sparen können.
Sein Blick blieb sekundenlang auf Nico und Stefan gerichtet,
dann folgte ein kaum sichtbares Nicken in Richtung der beiden.
Da scheinbar keiner der Jungen etwas zum Hergang sagen wollte,
begann er selbst. »Die örtliche Polizei hat kurz
nachdem ihr losgelaufen seid angerufen und von dem Ausbruch
zweier Hunde aus einem Zwinger im Dorf berichtet. Die beiden
haben auf ihrer Flucht zwei kleine Hunde totgebissen und eine
ältere Frau verletzt, bevor sie in den Wald gerannt sind.
Zum Glück wurden sie von Wanderern gesehen und die gaben
ihren Standort per Handy durch. Wir fürchteten, wohin
sie ungefähr könnten – nämlich in Richtung
eurer Marschroute. Deswegen sind Chip.... äh Charles
und ich gleich losgefahren. Warum euer Handy nicht ging....«
»....Es war nicht eingeschaltet, von Anfang an nicht«,
erklärte Lutz den Umstand und hielt, um das Ganze zu
unterstreichen, Stein das Handy hin.

Der nahm es, nickte kurz und verhalten und gab
dann die PIN ein. »Jedenfalls sahen wir euch nirgends,
darum hab ich Rick laufen lassen. Eure Spur zu verfolgen war
ja für ihn ein Leichtes, nur haben wir ihn leider aus
den Augen verloren. Glücklicherweise war der Förster
auf der Strecke, er wusste ebenfalls von den Hunden. Aus der
Richtung hier hörten wir dann irgendwelche Rufe oder
Schreie oder wie auch immer, wir vermuteten fast, dass ihr
das gewesen seid. Na ja, Rick hat die beiden Dobermänner
dann dem Förster regelrecht vor die Flinte geliefert.
Und uns jetzt auch hierher geführt.«
Erkan lächelte. »Ich wusste gar nicht dass Rick
reden kann. Oder wie hat er Ihnen im Auto gesagt wohin Sie
fahren sollen?«
»Rick?«, rief Stein.
Sofort spitzte der Husky die Ohren.
»Das bleibt unser Geheimnis, oder? Die Jungs müssen
nicht alles wissen. Aber was ist mit Raffael?« Stein
lief auf ihn zu, noch immer kniete der Junge im Gras und hielt
sich die Hand.
»Herr Stein, das muss ich Ihnen erklären. Die
Hunde waren es nicht....«, erklärte Erkan kurz.
»Okay. Raffael, du fährst besser mit uns«,
sagte Stein nachdem er sich die ramponierte Hand betrachtet
hatte. »Die anderen sind fit?«
Allgemeine Zustimmung.
»Gut. Dann würde ich mich jetzt mal anziehen,
ihr wisst dass es noch ein Stückchen Weg ist bis zum
Essen. Und zu spät kommt ihr auch.« Das fast hämische
Grinsen in seinem Gesicht ließ hoffen. Man konnte spüren
dass er, egal was auch immer sich hier abgespielt hatte, stolz
auf die Gruppe war. Bevor er in den Wagen stieg blieb er noch
einmal kurz bei Nico und Stefan stehen und legte seine Hand
auf Stefans Schulter. »Nun zieht euch an bevor ihr ne
Erkältung kriegt.«
Wenig später standen die Vier wieder alleine da und
es schien, als wäre hier überhaupt nichts passiert.
Erkan und Lutz gingen zum Ufer des Baches, knieten sich hin,
füllten ihre Hände mit Wasser und schütteten
es sich ins Gesicht.
»Du, Erkan?«
»Was gibt’s?«
»Das mit vorhin, ich mein das mit Raffael....«
»Ja?« Erkan hörte an Lutz’ Stimme,
dass kein Vorwurf daraus werden sollte und blieb ruhig.
»Also, ich kenn ihn ja nun ein bisschen.... ich hab
mir nicht träumen lassen dass er so.... reagieren könnte.«
»Ich auch nicht. Aber wie du siehst, man kann sich
in den Menschen unheimlich täuschen.«
»Was werden sie jetzt mit ihm machen? Ich mein, so
ohne weiteres werden die das nicht durchgehen lassen.«
»Keine Ahnung. Von mir aus können sie auch mich
rausschmeißen. Ich steh zu dem was ich getan und gesagt
hab.« Sein Blick ging zu den beiden hinüber, die
sich wieder in den Armen hatten. »Ich kann es nicht
haben wenn sich jemand nicht in der Gewalt hat. Raffael ist
zu allem fähig, das hat man ja jetzt gesehen. Übrigens....
was ist deine Meinung?«
»Zu den beiden? Da hab ich gar keine Meinung. Ich kenn
aus der Sprayerszene auch zwei Schwule und die sind völlig
okay. Nein, von mir wirst du da nichts hören.«
»Gut. Eigentlich hab dich ja auch so in etwa eingeschätzt.
Schon deswegen, weil du dich vorhin nicht eingemischt hast.«
»Komm, wir müssen uns anziehen«, flüsterte
Nico Stefan ins Ohr und nahm die Hände vom Rücken
seines Freundes. »Scheiße....«, rief er
plötzlich und starrte auf seine Hände. »Du....
du blutest ja. Komm, lass mal sehen.« Nico drehte Stefan
um und betrachtete sich seinen Rücken, der durch kleine
Äste und Steine einige Schrammen abbekommen hatte.
Erkan und Lutz, die das mitbekommen hatten, waren sofort
bei ihnen.
»Ach, ein paar Kratzer.... Sicher als ihr gestürzt
seid«, beruhigte Lutz. »Moment, ich hol was. In
meinem Gepäck ist Pflaster.«
Stefan jammerte nicht, als Lutz eine rosafarbene Tinktur
auf die blutenden Stellen träufeln ließ. »Immer
muss mir so etwas passieren«, sagte er nur, während
ihm Lutz anschließend Pflaster auf die tieferen Schürfwunden
klebte.
»So, das wär's. Hält todsicher bis wir zu
Hause sind. Und nun los, ich sterbe jetzt wirklich vor Hunger.«
»Tut's weh?«, erkundigte sich Nico, als sie ihren
Marsch entlang des Bahndamms fortsetzten.
»Nee, quatsch. Spannt ein bisschen....«
Nico dachte darüber nach, dass die Panzerscheibe zwischen
ihnen in dem Moment zu Bruch ging, als sie zusammen in die
Wiese stürzten. Nun galt es, die Trümmer zu beseitigen
und er war weit davon abgerückt, das alleine Stefan zu
überlassen. Es war so unbeschreiblich, ihn von einer
auf die andere Sekunde wiederzuhaben, ihn anzufassen, zu küssen
und zu streicheln. Sicher hatte er das vermisst, schmerzhaft
vermisst. Vielleicht war es Teil ihres Schicksals, dass diese
beiden Hunde ausgebrochen waren.
Erkan und Lutz gingen einige Meter voraus, so konnten sich
Nico und Stefan ungestört unterhalten.
»Ich weiß nicht wie oft ich mich verflucht habe,
Nico. Ich weiß es wirklich nicht. Jeden Tag musste ich
an uns denken und als du weg warst, so quasi von einer Minute
auf die andere, da ist in mir eine Welt zusammengebrochen.
Ich hab mich gehasst, weil ich so ein Feigling war. Meinem
Vater zu sagen dass du gar nichts damit zu tun hattest, zuzugeben
dass ich allein der Schuldige war, vor allem dass ich es nicht
fertig gebracht hab das mit dir unter vier Augen zu klären....
Das konnte ich nicht und ich hab bis heute nicht begriffen,
warum. Du hast vorhin gesagt, dass es alles, was hinter uns
liegt, nie gegeben hätte. Ich glaub nicht, dass ich es
vergessen kann. Es war niederträchtig und gemein von
mir und ich weiß nicht ob ich deine Freundschaft überhaupt
verdient habe.«
Nico blieb stehen und hielt ihn am Arm fest. »Ich kann
dich verstehen, ich denke ich hätte auch so gehandelt.
Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber ich meine, das ist
unwichtig. Du bist mein Freund und du hast mich verdient.
Weißt du, nachdem was vorhin passiert ist, scheint uns
jemand eine Chance geben zu wollen. Wir müssen sie nutzen,
beide. Wir haben soviel Zeit darüber zu reden...«
BREAK BREAK BREAK BREAK BREAK BREAK BREAK BREAK BREAK BREAK
BREAK
Nach einer guten Stunde erreichten sie den Steinbruch und
damit die Verladestation. Hier war der Wald einst der Zivilisation
gewichen, aber an vielen Stellen eroberte er sich das Gelände
zurück. Es bestand im Wesentlichen aus einem größeren
Flachbau, von dessen Rampe aus früher die Waggons be-
und entladen wurden und mehreren Holzhütten, die einst
einmal Bürogebäude und Wohnungen im einfachsten
Stil beherbergt hatten. Nun war ihre Farbe abgeblättert,
die Fenster mit Brettern zugenagelt, die Türen mit Stahlschienen
und Schlössern vor Fremdzugriff verriegelt. Das Hauptgleis
teilte sich in mehrere Schienenstränge, die knapp hinter
dem Gelände an verwitterten Rammböcken endeten und
alte, rostige Weichensignale zeugten wie auch ein völlig
ramponierter Tiefladewaggon vom einstigen Umtrieb hier oben.
Alles in allem ein trostloses Bild, das durchaus einem alten
Westernfilm entstammen konnte und das vertrocknete Gestrüpp
auf dem Gelände vervollständigte dieses Bild. Einzig
das Konzert unzähliger Heuschrecken und Grillen hauchte
dem Ganzen so etwas wie Leben ein. Der Steinbruch wirkte in
seiner dunkelgrauen Farbe fast bedrohlich und ragte nackt
und kalt hinter dem Gelände vor ihnen auf.
»Meine Güte, das ist ja das ödeste was ich
je gesehen hab«, meinte Lutz dann auch und blickte den
Steinbruch hinauf, dessen obere Grenze in dreißig Metern
Höhe auch gleichzeitig den Berggipfel mit wettergebeugten
Tannen bildete.
Die Vier gingen Richtung der Rampe und kletterten an ihr
hoch.
»Man muss sich mal vorstellen, hier haben Leute gelebt.
Irgendwie halt.« Lutz versuchte der Wildnis geistig
Leben einzuhauchen. Der Lärm, der viele Staub. Verschwitze
Leiber im Sommer, im Winter kalt und Schnee ohne Ende. Kein
schönes Leben. »Okay, da hinten ist das Signal.
Da müssen wir hin«, beendete er seine Traumreise.
»Haltet mal«, rief Nico und fummelte an einem
der Vorhängeschlösser zu der Halle. »Das sieht
aber aus als wäre hier erst vor kurzem jemand gewesen....
Da ist kein Staub oder so.«
Die anderen kamen zu ihm hin und nickten. »Ja, da war
wer.«
Nico wurde unheimlich, einen Moment dachte er an Tobias.
Ein ideales Versteck. Aber das Schloss war nicht aufgebrochen
und einen Schlüssel würde der Entführer ja
kaum haben. Deshalb gab es nur eine logische Erklärung:
Hier hatte man nach Tobias gesucht und sicher sahen die anderen
Schlösser genauso aus. Er atmete auf. »Los, kommt,
die Kocher holen.«
Auf dem kurzen Weg blieb Nico einen Moment stehen und sah
in den Himmel. »Dieser Flieger über uns.... der
Tornado, erinnert ihr euch?.... Ich glaube ich weiß
jetzt was der hier gemacht hat.«
»Was?«, wollte Lutz wissen und sah ebenfalls
nach oben, als würde er nach dem Kampfflugzeug sehen.
»Die haben den Jungen gesucht.«
»Quatsch, bei der Geschwindigkeit...«
»Das ist egal. Wärmebildkameras.«
Die Jungen sahen sich an und gingen dann nachdenklich weiter.
Von Hitze und Kälte verbogen, knarrte die Klappe fürchterlich,
die sich an dem von Rademann beschriebenen Schaltkasten unter
dem Signal befand, als Lutz sie öffnete. Wie versprochen
befanden sich fünf kleine Klappkocher aus Aluminium darin
und Lutz verteilte sie, samt den dazugelegten Espritwürfeln.
Die Jungen suchten sich eine Stelle auf der Rampe, die von
der Sonne beschienen wurde und begannen ihr Mittagessen zuzubereiten.
Nach einiger Zeit zogen Gerüche nach Nudeln, Fleisch
und Soße über das Gelände.
»Hmm.... seht mal, Besuch....«, sagte Erkan mit
vollem Mund und deutete mit der Gabel hinüber zum Waldrand.
»Ob der Hunger hat?«
Nico verschluckte sich beinahe. »Rick. Was macht der
denn hier? Der ist doch mit Stein zurückgefahren.«
Erkan wandte sich wieder seinem Essen zu. »Scheinbar
nicht. Ich vermute fast, er soll auf uns aufpassen.«
»Na ja, kann uns eigentlich bloß recht sein.
Nur, wovor soll er uns beschützen?«, fragte Lutz.
»Immerhin hast ja gesehen was so alles passieren kann.
Ah, er ist aufgestanden. Warum spitzt er so die Ohren? Kommt
einem vor als.... als würde er uns was zeigen wollen.«
Nico blies das kleine Feuer in dem Kocher aus, und legte die
leeren Packungen beiseite. »Ich geh mal nachsehen.«
Langsam ging er auf den Husky zu, der sich tatsächlich
so aufführte als wolle er auf etwas aufmerksam machen.
Wenige Meter bevor Nico bei ihm war drehte er um und lief
in den Wald, immer wieder zurückblickend um sicher zu
sein, dass der Junge ihm folgte.
Das Gestrüpp wurde immer dichter, Nico musste sich oft
bücken um den Zweigen zu entgehen. Einen Weg gab es hier
nicht, auch sonst keine Anzeichen dass hier etwas besonderes
sein könnte. Rick erklomm eine kleine Anhöhe im
Wald und blieb darauf stehen. Was immer es auch war, hier
musste es sein. Als Nico zu ihm hochgehen wollte, fiel ihm
etwas im Laub auf dem Waldboden auf. Im ersten Augenblick
war es nicht zu bemerken, aber dann war deutlich eine merkwürdige
Verteilung der trockenen Blätter zu erkennen. Hier war
jemand gewesen, hatte irgendwie das Laub verteilt. Vorsichtig
näherte sich Nico der Stelle, dann erkannte er Holzbretter.
Zunächst nur an einer handflächengroßen, laubfreien
Fläche. Mit klopfendem Herzen ging Nico in die Knie und
schob das Laub beiseite. Es sah aus, als läge hier eine
alte Brettertür und angesichts der Umgebung wäre
das nicht einmal unsinnig gewesen. Man hatte früher bestimmt
allerhand unnutzes im Wald verschwinden lassen. Aber warum
saß jetzt Rick da oben und sah interessiert herunter?
Sicher nicht wegen ein paar alten Holzbrettern. Nico schob
immer mehr Laub zur Seite, schließlich hatte er das
Brett freigelegt. Es war etwa einen Meter fünfzig im
Quadrat und schien schon Jahre hier zu liegen. Dann sah Nico
die Metallöse, groß genug um vier Finger hindurchzuschieben.
Eine Klappe, schoss es Nico durch den Kopf. Er stand auf und
merkte, wie seine Knie zitterten. Schweiß stand auf
seiner Stirn und sein Herz raste. Es musste etwas auf sich
haben, umsonst hatte ihn der Hund nicht hier hergeführt.
Nach einigen Sekunden der Überlegung kehrte er zurück
zu den anderen, alleine wollte er der Sache nicht auf den
Grund gehen.
Völlig außer Atem eilte er aus dem Wald auf die
Gruppe zu, die gerade mit rauchen beschäftigt war und
blieb schwer atmend auf den Knien abgestützt vor ihnen
stehen.
»Kommt ihr mal mit? Da drin im Wald ist was.... Rick
hat mich hingeführt und es muss einen Grund dafür
geben.«
»Na dann lass und das mal ansehen«, sagte Erkan
und stand zusammen mit Lutz auf. Stefan sah etwas unschlüssig
aus.
»Bleib du bei den Sachen, Stefan, wir sind sicher gleich
wieder hier«, entschied Lutz dann auch. Nico wusste
nicht ob ihm das recht sein sollte, lieber hätte er seinen
Freund um sich gehabt, wie auch immer. Dennoch ließen
die drei ihn zurück und liefen auf den Wald zu.
»Was ist denn da so besonderes?«, wollte Erkan
auf dem Weg durch das Unterholz wissen.
»Keine Ahnung, es ist wie eine Art Falltür mitten
im Wald. Ich wäre da ja nicht hin wenn Rick mich nicht
gelotst hätte. Und nur, weil da son Brett auf dem Boden
liegt – das allein kann ja der Grund nicht sein.«
Wenig später hatten sie die Stelle im Wald erreicht.
Rick saß noch immer auf dem kleinen Hügel und beobachtete
die Jungen, als sie sich der geheimnisvollen Stelle näherten.
Erkan ging in die Knie und betrachtete den Bügelgriff.
»Hm, was immer das auch zu bedeuten hat, es ist vielleicht
besser wenn wir das Ding da nicht mit bloßen Händen
anfassen. Oder hast du schon, Nico....?«
»Nein, ich hab nur die Blätter beiseite gewischt.
Sonst hab ich nichts angefasst.«
Ohne zu wissen was das alles auf sich hatte waren die Jungs
sehr vorsichtig. Es machte sie nur misstrauisch dass Rick
so ein Aufheben um diese Sache machte.
Mit einem um die Finger gewickelten Taschentuch langte Erkan
durch die Metallöse und begann vorsichtig, das Brett
anzuheben. Erstaunlich leicht hob er es um einige Zentimeter
an. Bereits jetzt war zu erkennen, dass sich ein Loch darunter
befinden musste. Langsam ließ Erkan das Brett wieder
absinken. »Ich weiß nicht, wir sollten vielleicht
Hilfe holen. Da drunter muss was sein....«
»Komm, lass uns nachsehen. Vielleicht ist ja alles
ganz harmlos.«
»Oh, oh, Lutz, das mit dem harmlos kennen wir ja schon....«
»Okay, ich sag's auch nicht mehr....«, grummelte
Lutz. »Ich sollte dann wohl besser zum Handy gehen....
Hätt´s auch gleich mitnehmen sollen.... Bin gleich
wieder da.«
Nicos Aufregung legte sich allmählich und er setzte
sich an dem Hügel im Schneidersitz auf den Boden, um
auf Lutz zu warten. Erkan tat es ihm nach.
»Und, habt ihr euch ausgesprochen, Stefan und du?«
»Na ja, ausgesprochen in dem Sinn.... Wir haben uns
versöhnt, das auf jeden Fall. Ich denke es wird noch
seine Zeit brauchen bis wir wieder.... soweit sind.«
»Find ich prima. Es wäre ja auch sonst die Hölle
geworden in den Wochen hier.«
»Erkan?«
»Ja?«
»Ich.... ich möchte mich entschuldigen für
das Theater... weil du mit mir nichts mehr anfangen wolltest....
wegen Stefan. Ich denke es war doch so eine Art Rache-Akt,
der Sex mit dir. Ich hätte es nicht tun sollen. Find
gut dass du es abgelehnt hast.«
»Ah, quatsch. Musst dich nicht entschuldigen. Letztlich
verstehe ich dich ja auch.«
»Du hast von Anfang an gewusst das ich noch immer an
ihm hänge, oder?«
»Nein, nicht gewusst. Das hat man doch gespürt.
Denk bloß mal über Steins Worte nach....«
Knackende Äste kündigten Lutz wieder
an. »Ich hab's fast überall versucht, hier am Steinbruch
gibt’s keinen Empfang. Vielleicht wenn man hochsteigt
auf den Gipfel. Hm, aber die haben an fast alles gedacht....«
Er hielt mit grinsendem Gesicht eine Stablampe hoch. »Aber
gut, das mit dem Handy macht jetzt nicht viel Sinn. Kommt,
lasst uns nachsehen was da drunter ist«, entschied er
spontan und fuhr auch gleich mit einem stärkeren Ast
durch die Metallöse. Erkan nahm das andere Ende und gemeinsam
hoben sie das Brett an. Nico stand davor und als Tageslicht
allmählich in das Loch fiel, erkannte er eine Treppe
die nach unten führte. Ihm wurde unheimlich zumute. Kühle,
muffige und nach Moder riechende Luft schlug ihnen entgegen.
In diesem Augenblick schien es totenstill im Wald und eine
sonderbare, unheimliche Atmosphäre lag plötzlich
über der Stelle. Behutsam ließen die beiden die
Falltür nach hinten auf dem Boden ab. Nico trat etwas
vor und spähte die bemooste, steinerne Treppe hinunter.
Er traute sich nicht weiter vor, so als könnte ihm gleich
etwas aus diesem Loch entgegen springen. Angespannt lauschten
die drei hinein in die Dunkelheit, aber es war nichts zu hören.
Schreiben
oder lesen Sie feedback zu dieser geschichte

Autoren möchten gerne Feedback haben! Und
schreiben Sie was Ihnen an der Geschichte (nicht) gefallen
hat.
|