| Nico versuchte aus
der Frage schlau zu werden. » Wie meinst du das denn?
«
Manuel hängte sich sein Hemd um die Schulter und starrte
ihn an.
» So wie ich es fragte. «
» Äh, und dann? «
Manuel starrte weiter. » Was und dann? «
» Ja, wenn da welche drunter wären, mein ich?
«
» Das wär nicht gut. Ich kann solche Typen nicht
leiden. «
In Nico brach etwas zusammen, was er gar nicht richtig deuten
konnte.
» Aha. Und warum nicht? « Er wusste, dass diese
Frage Probleme aufwerfen würde, aber er merkte es erst
nachdem er sie gestellt hatte.
» Mann, gehörst du auch zu der Sorte? Die sind
das Letzte. «
Nico begab sich aufs Glatteis. Abhauen – das konnte
er immer noch. Und außerdem würde er all die Jungs
hier nie wieder sehen. Er gestand sich ein, Gefallen an Manuel
gefunden zu haben und nun würde es eben nichts mit einer
Freundschaft.
» Und warum sind sie das? « fragte er deswegen
provokant.
Manuel sagte nichts mehr. Er winkte abweisend und ließ
Nico stehen.
Gerade als Nico die Leiter hochsteigen wollte, kamen ihm
zwei Füße entgegen, jemand war im absteigen begriffen.
Es war einer der Boys, die ihm auch positiv aufgefallen waren
und in den engen Shorts zeichnete sich ein schöner Hintern
ab. Notgedrungen machte er dem Jungen Platz.
» Wo geht’s denn hier zur Waschmöglichkeit?
« fragte dieser, nachdem er neben ihm stand.
Nico suchte nach Worten. » Äh, da, hinter dem
Haus. Aber ich kann’s dir auch zeigen. «
» Ja, dann mach mal, die machen Stress wenn wir nicht
um zehn in der Falle liegen. «
Nico ging voraus, der Junge mit seinem großen Badetuch
um die Schultern hinterher.
» Da ist es. Aber paß auf, das Wasser ist schweinekalt.
«
Der Junge grinste. » Macht nichts, ich komm vom Land,
da ist man sowas schon mal gewöhnt. «
Er hatte eine schöne Stimme und auch sonst passte da
alles zusammen. Nico ertappte sich dabei, ihm zuzusehen wie
er sein Hemd auszog.
Und dann harrte der Junge in seinem Tun. » Sag mal,
ist was? «
Nico wurde unsicher. Er hatte das ja nicht gewollt, es war
wie ein Zwang. » Äh, nö, im Gegenteil. «
Der Junge begann sich zu waschen. » Dann ist ja gut.
«
Nico drehte sich um und zog es vor zu verschwinden. Er hatte
keine Lust, sich noch einmal als Schwuler schimpfen zu lassen.
Er würde sich ab jetzt noch mehr zurückhalten als
sonst.
*
Es war zu heiß auf dem Dachboden um in den Schlafsack
zu schlüpfen und nun lag Nico, bekleidet mit einer kurzen
Schlafanzughose, auf diesem.
Vor Manuel hatte er nun irgendwie Respekt, obwohl er kein
Angsthase war. Aber wer lag eigentlich links von ihm? Er konnte
es nicht sehen, nur ein zusammengeknüllter Schlafsack,
in dem jemand stecken musste.
Irgendwer schnarchte wohl schon, einige Jungs unterhielten
sich leise – bis plötzlich eine Stimme den Raum
erfüllte.
» Meine Herren, Nachtruhe. «
Mehr sagte Falk Stein nicht. Nico rätselte, wie der
Mann so lautlos die Leiter heraufsteigen konnte.
Stein blickte in die Runde und dann ging das Licht aus und
nur eine kleine, schwache Lampe brannte noch am Ausgang wo
die Leiter stand, und Falk Stein verschwand auf dieser nach
unten.
Nachdem sich Nicos Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten
setzte er sich auf. Wie zu erwarten war, begann kurz darauf
leises Gewisper, rascheln der Schlafsäcke und weiter
hinten leuchtete erst ein Feuerzeug, dann das Glimmen einer
Zigarette auf.
» Spinnst du? Willst du uns hier oben abfackeln? «
» Quatsch, ich paß schon auf. Ich brauch die
gegen den Stress hier. «
Nico konnte nicht erkennen wer den leisen Disput führte,
aber er überlegte, ob er sich dem Raucher nicht anschließen
sollte.
» Ich könnt jetzt auch eine brauchen « hörte
er seinen linken Nachbarn plötzlich flüstern.
» Na komm, dann lass es uns tun. Wenn sie uns erwischen
schmeißen sie uns raus und schon sind wir weg aus dieser
Scheiße hier « flüsterte er zurück.
Der ihm noch Unbekannte setzte sich ebenfalls auf und reichte
Nico die Hand.
» Erkan Yüslüm. «
Nico stutze. Das war der Türke, der ihm nur am Rande
aufgefallen war. » Nico Hartmann. Na dann komm, lass
uns sündigen. «
Er kramte in seiner Tasche nach der Schachtel. » Aber
ich denke wir sollten trotzdem aufpassen. Vielleicht schicken
sie uns dann gar nicht heim und wir müssen Strafarbeit
leisten. «
Als sein Feuerzeug aufleuchtete konnte er zum ersten Mal
das Gesicht seines Nachbarn richtig erkennen. Ihm stockte
fast der Atem. Es war der einzige Ausländer in dem Camp,
aber sein Gesicht war unbeschreiblich hübsch. Halblange,
rabenschwarze Haare, ein feuriges Funkeln in den Augen im
Lichtschein des Feuerzeugs und ein ebenmäßiges
Gesicht, untermalt von blendend weißen Zähnen.
Nico begann zu zittern als er Erkan das Feuer gab.
» Muss das sein? « maulte ein Junge zwei Plätze
weiter.
» Yep, es muss, sonst würden wir es ja nicht tun
« gab Nico genervt zurück.
Grummelnd drehte sich der Junge auf die Seite.
» Komm, wir legen den Schlafsack drüber, dann
stört es niemand « flüsterte Erkan.
Nico rückte ein Stück weiter zu ihm und sie schlugen
seinen Schlafsack über sich. Jetzt war er dem Jungen
ganz nah und diese Nähe beflügelte ihn. Er hatte
eh nie etwas gegen Ausländer gehabt und Erkan war ja
zudem überaus hübsch.
Sie bliesen den Rauch am Kopfende aus dem Schlafsack.
» Wie kommst du hierher? « wollte Nico wissen.
» Ach, ich bin selber Schuld. Mein Vater bekam einen
Brief und da war von diesem Camp die Rede. Er fragte mich,
ob das nichts für mich wäre und ich hab spontan
ja gesagt. Naja, nun bin ich hier. «
» Du sprichst gut Deutsch. Wohl hier geboren? «
Erkan grinste. » Ja, seit meinen 18 Jahren. «
Nico war nicht der Typ, der gleich mit jedem gut Freund sein
konnte. Er brauchte lange, bis er Vertrauen gewann, aber diesmal
nicht. Er spürte sofort dass Erkan ein Mensch war, mit
dem er auskommen würde.
» Und du, wie alt bist du? « fragte Erkan.
» Ich bin 16. Nicht mehr lange zwar, aber ich bin’s
noch. «
» Und wo kommst du her? «
» Aus Frankfurt. «
» Nee, ehrlich? Ich komm aus Wiesbaden. «
» Na bitte, Nachbarn « lächelte Nico.
Nachdem sie ihre Kippen sorgfältig auf einer blanken
Stelle des Bodens ausgedrückt hatten rückte Nico
wieder auf seinen Platz.
Sein rechter Nachbar meldete sich verschlafen. » Sag
mal, könnt ihr Tucken Nachts nicht gescheit schlafen?
Es geht mir echt auf den Wecker mit der Unruhe hier. «
Nico regte sich nicht auf. Irgendwie verständlich dass
sich Manuel beschwerte. Nur das Wort Tucken störte ihn,
aber er wehrte sich nicht.
Er lag auf seinem Schlafsack und schielte immer wieder zu
Erkan hinüber. Auch der lag jetzt nicht mehr zugedeckt
auf dem Rücken und hatte seinen Kopf auf die verschränkten
Arme gelegt. Schemenhaft war seine Boxershort zu erkennen,
die sich durch ihre helle Farbe deutlich von der dunkelbraunen
Haut abhob.
Nico richtete sich auf, auch wenn Gefahr bestand von Manuel
wieder angemotzt zu werden.
» Kannst auch nicht schlafen, wie? «
» Wie auch? Ich muss dauernd an zu Hause denken. Meine
Mutter, meinen Vater, meine Geschwister. «
Nico rückte noch näher.
» Magst sie wohl sehr. Wieviele hast du denn? «
» Zwei Brüder und zwei Schwestern. Und du? «
» Ich bin Einzelkind. « Nico sagte das etwas
traurig, denn er konnte sich schon immer vorstellen auch Geschwister
zu haben.
» IST-JETZT-VIELLEICHT- BALD-RUHE-HIER-OBEN? «
Von wem das kam war nicht zu überhören. Allerdings
war Manuels ziemlich laute Frage nicht nur an seine unmittelbaren
Nachbarn gerichtet, auf dem ganzen Dachboden herrschte immer
mehr Unterhaltung und Gelächter.
» Komm, wir kriechen unter meinen Schafsack, da können
wir uns noch ein bisschen unterhalten. «
Als Nico erneut zu Erkan krabbelte, fühlte er es wieder.
Hingezogen zu dem hübschen Nachbarn war seine Müdigkeit
wie weggeflogen und gerne folgte er dem Angebot. Wieder war
er diesem Körper mehr als nah.
» Was glaubst du, wie alt dieser Stein ist? «
fragte Erkan.
» Schwer zu sagen, aber ich schätze ihn Anfang
Dreißig. «
» Ja, kann hinkommen. Aber er hat ne gute Figur. «
Sie redeten und redeten. Nico hörte seinem Nachbarn
gerne zu, aber der ihm ebenso.
Schule, Eltern, Freunde. Nico erfuhr, dass Erkans Freundin
in der Türkei lebte und er irgendwann wolle er sie zu
sich holen. Nach der Lehre oder so. Er hatte sie schon zwei
Jahre nicht gesehen weil sein Vater arbeitslos war und es
deswegen kein Geld für eine Reise gab.
Nico rückte unwillkürlich ein Stück von Erkan
ab, als er das hörte. Natürlich war es Blödsinn
zu glauben, dass Erkan etwas von ihm wollen könnte. Aber
er wollte trotzdem wissen, welche Ansichten er hatte.
» Der neben mir, der Manuel, glaubt, dass hier ein
paar Schwule dabei sein könnten. Glaubst du das auch?
«
Erkan sah ihn an. » Warum sollten keine dabei sein?
«
» Und das würde dich nicht stören? «
Erkan lächelte. » Nö. Hab ein paar Schulfreunde,
die sind auch schwul und wir kommen prima klar miteinander.
«
Nico atmete auf. Wie auch immer, in Erkan hatte er einen
Begleiter gefunden, der ihn – vielleicht – verstehen
würde.
Irgendwann wurden sie dann doch müde.
» Ich glaub, wir sollten jetzt schlafen, sonst können
wir uns das ganz sparen « flüsterte Erkan irgendwann
in dieser Nacht.
» Ja, denk ich auch. «
Nico wollte gerade auf seinen Platz, als ihn Erkan am Arm
aufhielt. » Nico? «
» Ja? «
» Ich mag dich. «
Nico grinste. » Hm, ich dich auch. «
Ehe er sich versah, drückte ihm Erkan einen leichten
Kuss auf die Stirn.
Das war eine neue Erfahrung für ihn. So neu, dass ihm
beinahe das Blut in den Adern stockte. Verwirrt sah er Erkan
an.
» Gut Nacht « flüsterte Nico mit einem leichten
Zittern in der Stimme. Es fiel ihm schwer sich jetzt von ihm
zu trennen.
» Nacht. «
Er kroch unter dem Schlafsack hervor und legte sich so leise
wie es möglich war auf seinen. Manuel atmete leicht und
gleichmäßig, er schlief.
Nico brachte kein Auge zu. Ein Junge hatte ihm einen Kuss
gegeben. Den ersten, den er überhaupt je bekommen hatte.
Und das, obwohl Erkan doch eine Freundin hatte und er Moslem
war – und soviel er wusste durften die gar nicht schwul
sein. Seine Gefühle kam in Wallung, die Gedanken stürzten
wild durcheinander. Dass ihn Jungs in letzter Zeit mehr beschäftigten
als Mädchen, das war ihm ja selbst aufgefallen. Und nun
hatte er die erste Berührung mit diesem Gefühl.
Es war überwältigend. Und schön. Und Erkan?
Kein Zweifel, dieser Junge hatte es ihm in kürzester
Zeit angetan. Dann fiel ihm ein, dass sich die Männer
im Süden Europas oft umarmten und auch ein Küsschen
unter ihnen hat er schon oft beobachtet. Ein Freundschaftskuss
war das also, oder zumindest etwas ähnliches.
„...aber er hat ne gute Figur“. Würde ein
Junge so etwas eigentlich sagen, wenn er nicht schwul war?
Unruhig schlief er ein.
Obwohl er nur wenige Stunden Schlaf zur Verfügung hatte,
wachte er um halb Sechs auf. Ein paar der Jungs schnarchte,
sonst war es still auf dem Dachboden.
Leise stand Nico auf und schlich in dem ersten Licht, das
durch die Dachluke fiel, zur Toilette.
Wider Erwarten war sie geräumig und sehr sauber. Ein
winziges Waschbecken an der Wand und drei Kabinen. Er nahm
die erste und setzte sich auf den Klo; die Nacht zog noch
einmal an ihm vorüber. Und nun regten sich seine Gefühle.
Seit drei Tagen hatte er keinen Orgasmus gehabt, zu viel Aufregung.
Jetzt sah er die Gelegenheit gekommen. Er hatte genügend
Zeit und langsam massierte er seinen Schwanz.
Die Tür ging leise auf und Nico hielt sofort inne, er
lauschte den Dingen vor seiner Kabine.
» Komm hier rein « hörte er eine ganz leise
Stimme. Sie war ihm unbekannt. Dann schloss sich die Tür
neben ihm und sofort begann ein leichtes Stöhnen, anscheinend
hatten die beiden nicht bemerkt dass da schon jemand war.
Er hörte leise, flüsternde Worte, die sich aber
ganz offensichtlich auf ein spezielles Thema bezogen –
die beiden trieben es. Nicos Gefühle wurden dadurch wieder
angestachelt und er setzte seine Massage fort.
Ein gurgelnder Laut und lautes Atmen sagten ihm, dass einer
der beiden wohl grade einen Orgasmus hatte.
Er spürte schon den Druck im Unterleib, doch bevor er
ihn loswerden konnte ging die Tür erneut auf –
und er hörte Stimmen von draußen. Er hatte nicht
bemerkt wie schnell die Zeit vergangen war, es war Sechs Uhr.
Man hatte die Meute anscheinend geweckt.
Schnell verflog seine Lust und er drückte den Spüler.
Nebenan war genauso plötzlich Ruhe, während immer
mehr Jungs in die Toilette kamen.
Jemand klopfte an seine Kabinentür. » He, ich
steh hier schon fünf Minuten, bist du bald fertig? «

Nicos Herz klopfte. Nicht wegen ihm, sondern
wegen den beiden in der Kabine nebenan. Was passieren würde
wenn man die beiden da drin fand war auszudenken.
» Gleich, ich hab Durchfall « rief Nico.
» Das nenn ich schöne Scheiße « kam
es von draußen.
Jetzt hatten 15 Jungs nur eine Kabine zur Verfügung
und das würde sogleich ziemlich viel Ärger bedeuten.
Trotzdem harrte er aus. Wie konnte er den beiden helfen?
Langsam braute sich ein Tumult zusammen. » He, macht
dass ihr rauskommt, andere müssen auch mal! «
Nico stellte fest, dass er den beiden nicht helfen konnte
und schloss die Tür auf.
» Na endlich, wird langsam Zeit « sagte der Typ
an der Tür und stürzte an Nico vorbei hinein.
Er konnte sich vorstellen, dass die beiden in der Kabine
nebenan einem Herzinfarkt nahe waren.
Nico hatte kaum einen Blick für die vielen Bodys um
ihn herum, die meisten hatten Shorts und Trägerhemden,
einige T-Shirts an. Und eine Handvoll trug gar kein Hemd und
nur einen ziemlich knappen Slip.
» Geht doch in den Wald wenn es so dringend ist «
sagte Nico plötzlich. Nachgedacht hatte er darüber
nicht, es war ihm einfach entwischt.
» Prima Idee « hörte Nico jemand sagen und
plötzlich war der Raum leer.
Er klopfte an die Kabinentür. » Ihr könnt
rauskommen, es ist niemand mehr da. «
Das Schloss ging vorsichtig auf und ein Kopf lugte durch
die Tür.
» Wirklich? «
» Wenn ich es doch sage. «
Verschämt kamen die beiden aus der Kabine. » Wir
müssen uns bei dir bedanken « sagte der eine. Blond,
groß, etwas hager und blass, aber ein durchaus sehenswertes
Geschöpf. Der andere war etwas kleiner, braune verwuschelte
Haare und nicht minder im Aussehen.
» Gerd « sagte der Große und hielt Nico
die Hand hin.
» Jochen « der andere.
» Ich bin Nico. «
» Du hast mitgekriegt... ? «
Nico grinste. » Klar, hab ich. Ihr habt ja nicht bemerkt
dass ich nebenan war. «
Die beiden liefen rot an.
» Äh, das ist, das war.. « stotterte Gerd.
» Macht doch nichts. Im Grunde war ich... bin ich..
naja, ein bisschen neidisch. « Jetzt wurde auch er rot.
» Ehrlich? «
Nico zuckte nur mit den Schultern.
Sie gingen zurück in den Schlafsaal. Ein paar der Jungs
hockten auf ihren Schlafsäcken und starrten vor sich
hin, drei saßen zusammen und unterhielten sich. Der
Rest war offensichtlich unten bei der Körperpflege.
» Kommt, wir gehen uns waschen « meinte Jochen.
Sie nahmen ihre Waschbeutel und Handtücher und stiegen
die Leiter nach unten. Schon am Haus hörten sie das Grölen
der Truppe.
Etwas unsicher gingen sie zu dem Brunnen, um den einiges
los war.
Zuerst fing Nico Manuels Blick auf. Sie sahen sich an und
Nico fürchtete sich vor einer Attacke, auch wenn sie
nur verbal sein würde. Aber Manuel sagte nichts, nahm
sein Handtuch und ging wortlos an ihm vorbei.
Sie gingen zu dem Brunnen und Nicos Körper überzog
sich mit einer Gänsehaut als er mit dem Wasser in Berührung
kam. Zum Glück war es Hochsommer und auch hier im Wald
schon angenehm warm.
Erkan stand plötzlich neben ihm.
» Und, wie hast du geschlafen? « wollte er wissen.
Nico sah sich den Jungen an. Ein durchtrainierter Körper,
stellte er fest. Gleichmäßig braun und schmale
Hüften. Viel hatte er von ihm ja nicht sehen können
letzte Nacht.
» Es ging. «
» Also nicht gut? «
Sie standen dicht beieinander und man konnte ihr Gespräch
nicht hören.
» Dein Kuss heute Nacht... «
Erkan lächelte. » Der hat dich nervös gemacht,
wie? «
» Ja klar. Bin’s halt nicht gewohnt. «
» Das ist bei uns aber so Sitte. «
» Ja, ich weiß. Aber... «
» Ich tu’s nie wieder, okay? «
» Nein Erkan, das ist es nicht. «
» Was dann? «
Nico strauchelte, aber sein Gedanke an Flucht war noch nicht
verblasst. Es würde egal sein.
» Erkan, ich mag dich. Nicht nur so... «
Er erntete erst einen ungläubigen Blick, dann ein Lächeln.
» Du bist schwul, oder? «
Nico wurde unsicher. » Ich hoffe das stört dich
nicht.. « sagte er verlegen.
Erkan legte eine Hand auf seine Schulter. » Hab ich
dir heute Nacht doch schon erklärt. Es stört mich
wirklich nicht. Komm, lass und raufgehen. «
Nachdenklich lief Nico hinter Erkan her, wobei er dessen
stolzen Gang beobachten konnte. Und auch den Hintern in den
engen Shorts. Schade dass Erkan nicht auf Jungs steht, dachte
er.
Kaum waren alle wieder oben versammelt, erschien Rainer Bode
an der Leiter.
» So, runterkommen zum Frühstück «
rief er.
» Möchte wissen was das für ein Frühstück
sein wird. Das kann doch gar nichts werden. Mann, wär
ich bloß zu Hause geblieben « murmelte Erkan.
Vor der Hütte standen Reihen von Bänken und Tischen,
die gestern Abend hier noch nicht waren und beim Anblick dessen
was da aufgetischt war, entwischte so manchem der Jungs ein
Pfiff.
Es schien auf den ersten Blick nichts zu fehlen. Kaffee, Tee,
Kakao, Orangensaft, Brötchen, Brot, Eier, Marmelade,
Käse, Wurst und Corn Flakes nebst Müsli und Milch.
Vor diesem Panorama hatte sich Falk Stein aufgebaut.
» Guten Morgen Jungs « rief er.
Ein ziemlich müdes und unkoordiniertes » Guten
Morgen « ließ den Mann lächeln.
» Das war ja nun wohl nix. Also, noch mal: GUTEN-MORGEN-JUNGS!
«
» GUTEN MORGEN HERR STEIN! « kam es dann fast
gleichzeitig und schallte durch den Wald.
» Na seht ihr, geht doch. Ok, dann wünschen wir
euch guten Appetit und ihr habt eine knappe Stunde Zeit dafür.
«
Er trat beiseite und deutete mit der Hand dass sich die Jungs
setzen sollten, was auch sofort geschah.
» Das ist jetzt aber ne Überraschung « sagte
Erkan, der sich neben Nico gesetzt hatte.
Gespräche fanden kaum statt, jeder stopfte in sich hinein
was er greifen konnte.
»Und, immer noch Fluchgedanken? « sagte Manuel,
der Nico überflüssigerweise gegenübersaß.
»Im Moment hab ich die zurückgestellt «
antwortete er, zwang sich dabei nicht freundlich zu klingen.
Denn Manuel war nun mal sehr hübsch aber sein Verhalten
passte einfach nicht zu ihm.
Satt knüllte Nico seine Serviette auf den Teller. Sein
Blick ging nach oben in die hohen Baumkronen der Buchen, durch
die der dunkelblaue Himmel zu sehen war, Vögel zwitscherten
und nichts erinnerte im Moment daran, wo sie waren. Es war
der erste Moment, wo es ihm hier gefiel. Und sein Blick fiel
auch auf Erkan. Verstohlen sah er zwischen seine Beine.
» Du, ich... «
Manuels Blick ließ ihn stocken. Warum war dieser Junge
nur so negativ eingestellt?
Zigarettenrauch stieg auf.
Stein, Bode und dieser Leo saßen an einem Extratisch
und sahen immer mal wieder herüber – und da, Leo
qualmte auch.
Sofort nestelte Nico seine Schachtel aus der Tasche und hielt
sie Erkan hin. » Komm schon, die rauchen auch. «
Erkan fischte sich eine Zigarette aus der Schachtel und Nico
gab ihm Feuer. Ansonsten schwiegen sie.
Nico konnte den Kuss nicht vergessen und jetzt, wo er neben
Erkan saß, wurde alles nur noch schlimmer. Immer wieder
sahen er und Manuel sich an, aber der schwieg einfach nur.
Nico hatte Mühe sich von diesem Blick abzuwenden. Diese
blauen Augen und dieses schöne Gesicht.
Er konnte es nicht lassen. » Sag mal, du bist doch
ganz anständig, aber warum so verbittert? Es geht mich
wirklich nichts an, aber all das passt nicht zu dir. «
Manuel starrte ihn an. Nico erwartete jetzt die übliche
Standpauke, in der es um nichts als „in Ruhe lassen“
gehen würde, aber Manuels Blick wurde plötzlich
nachdenklich.
» Ich möchte nicht darüber reden,
okay? « sagte der stattdessen nur. Aber seine Stimme
verriet ihn. Da war mehr als nur eine Abneigung, da waren
Gefühle mit im Spiel, das spürte Nico ganz deutlich.
Hinter dieser harten Schale lag ein weicher Kern. Und er hatte
das von Anfang an gespürt.
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